Im tiefen Wald von Adam Nevill

Buchvorstellungund Rezension

Im tiefen Wald von Adam Nevill

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „The Ritual“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 480 Seiten.ISBN 3-453-52882-4.Übersetzung ins Deutsche von Ronald Gutberlet.

»Im tiefen Wald« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Eigentlich wollen Luke und seine Freunde bei einem Trekkingausflug durch die schwedische Wildnis nur den Problemen des Alltags entfliehen und an alte Zeiten anknüpfen. Doch als sie sich in den Wäldern verirren, entwickelt sich der harmlose Männerausflug zum Horrortrip: Ausgeweidete Tierkadaver und eine mysteriöse Ruine mitten im Wald jagen den vier Wanderern bereits erste Schauer über den Rücken, und schon bald bringt die nervliche Anspannung die dunkelsten Seiten in den Freunden hervor. Dabei hat der eigentliche Alptraum noch gar nicht begonnen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Urlaub im Wald der bösen Bestie“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Hutch, Phil, Dom und Luke, vier Engländer in den Dreißigern, wollen auf einer herbstlichen Waldwanderung in Schweden ihre Freundschaft aufleben lassen. Das Wiedersehen steht allerdings unter keinem guten Stern, denn Phil und Dom sind schlecht in Form, und Dom verletzt sich schon am ersten Tag das Knie. Streit bricht aus, der durch private Sorgen geschürt wird. Um die Rückkehr in die Zivilisation zu beschleunigen, beschließt man eine Abkürzung zu nehmen, die jedoch durch einen unzugänglichen Urwald führt. Prompt verlaufen sich die Gefährten.

Selbstverständlich gibt es in dieser Wildnis kein Handynetz. Niemand wird das Quartett vermissen, bis es zu spät ist, zumal sich herausstellt, dass man an einen unheimlichen Ort geraten ist: In einer baufälligen Hütte stoßen die Freunde auf gruselige Relikte. Sie gehen auf einen Kult zurück, der eine böse Waldkreatur verehrt und gefürchtet hat. In einer wenig später entdeckten ´Kirche´ liegen die Gebeine tierischer und menschlicher Opfer.

Während die Anhänger des Kultes inzwischen ausgestorben sind, treibt die Kreatur weiterhin ihr Unwesen. In einer Nacht schnappt sie sich den ersten Wanderer, dessen verstümmelte Leiche die Freunde hoch in einen Baum gezerrt finden: Das Wesen erklärt die Menschenjagd für eröffnet. Es spielt mit der Gruppe, die ohne Orientierung und voller Panik durch den Urwald irrt, und greift nach Belieben an.

Als der letzte Überlebende am Ende seiner Kräfte aus dem Wald taumelt, ist seine Odyssee längst nicht vorüber. Wie es aussieht, ist der seltsame Kult noch nicht gänzlich untergegangen. Weiterhin werden der Kreatur Opfer dargeboten, und dazu greift man gern auf den unerwarteten ´Gast´ zurück …

Ein Buch wie eine (Mörder-) Muschel

Inhaltlich klassisch aber formal ganz auf der Höhe einer wirtschaftlich schwierigen Gegenwart präsentiert Adam Nevill gleich zwei Horror-Romane zum Preis eines einzigen Buches! Was ein (vermutlich etwas flauer) Scherz ist, hebt die Besonderheit dieses Werkes jedoch hervor: „Im tiefen Wald“ zerfällt in zwei voneinander getrennte Handlungsabschnitte, die thematisch eher schlecht als recht zusammenhalten. Allerdings leidet der Unterhaltungswert nur kurz, als Strang 1 endet und mit Strang 2 der Spannung erst neu errichtet werden muss. Wieso Nevill diese Entscheidung traf, bleibt ungeklärt. Das Geschehen hätte die Zweiteilung keineswegs erfordert, eine Verschmelzung wäre möglich gewesen.

So erzählt Nevill zunächst die Geschichte eines Wanderausflugs mit katastrophalen Folgen. Vier Freunde werden nicht nur verfolgt, in Todesangst versetzt und zum Großteil umgebracht, sondern auch psychisch durch die Mangel gedreht. Die wilde Hetzjagd endet nur scheinbar halbwegs glücklich mit dem Entrinnen eines Überlebenden, der nunmehr in die Hände durchgedrehter Mörder, Satanisten und Odin-Anhänger fällt.

Wer meint, dass Nevill bereits alle Tiefen menschlichen Leidens ausgelotet hatte, wird mit diesem zweiten Teil der Geschichte eines Besseren (oder Schlechteren?) belehrt. Der böse Geist des Waldes bleibt erst einmal außen vor und überlässt das Feld denen, die sehr viel nachdrücklicher als jeder Spuk Schmerz und Angst verbreiten können: den Menschen.

Der Mensch und das Monster

„Im tiefen Wald“ erinnert durch die Zweiteilung der Handlung an eine Muschel, deren Schalen den eigentlichen Inhalt schützen. In der Tat macht die schier unendliche Kette von Qualen, die Nevill sich mit eindrucksvoller Intensität ausdachte, keineswegs die selbstzweckhafte Bedeutung dieser Geschichte aus. Der berüchtigte „Gore-Bauer“ – falls er denn liest bzw. des Lesens mächtig ist – mag sich an den drastischen Effekten delektieren. Sie sind dennoch nur Ausdruck und Folge eines Prozesses, der Nevill wesentlich stärker interessiert: Was geschieht mit dem Durchschnittsmenschen in einer Krisensituation, die keinerlei Flucht gestattet, sondern die Konfrontation mit der Gefahr erzwingt?

Unter dieser Prämisse verwandeln sich die beiden Teilgeschichten in Planspiele. Abschnitt 1 beschäftigt sich mit der Gruppe, die in Not gerät. Nevill konzentriert sich auf die Dynamik zwischen vier Freunden, die begreifen müssen, dass sie einander nie wirklich gekannt haben. Folgerichtig erweisen sich die freundschaftlichen Bande als brüchig. Sie werden geprüft und brechen, werden andererseits aber im Angesicht des Grauens neu geschmiedet und erreichen jene Festigkeit, die zuvor nur Behauptung war.

Der Mensch ist das Monster

Mit Abschnitt 2 wechselt die Perspektive. Nevill gibt dem Schrecken Gesichter und Namen. Mit Loki, Fenris und Surtr, die ihn mit einer uralten Schamanin dem Waldgott opfern wollen, kann der letzte Wanderer reden und diskutieren. Die Ironie liegt darin, dass er sie ebenso wenig erreicht wie das Ding im Wald: Kommunikation ist nicht der Schlüssel zur Verständigung.

Der ´Reifeprozess´ setzt sich fort. Stück für Stück muss der Überlebende elementare oder anerzogene Gefühle wie Rücksicht und Mitleid ablegen. Was in der Horror-Literatur und mehr noch im Film gern als blitzartige Mutation zur Kampfmaschine dargestellt und durchaus zelebriert wird, zeichnet Nevill als langsame und schmerzhafte Abfolge von Erkenntnissen, an dessen Ende der buchstäblich nackte, auf seine Gegner nicht mehr einredende, sondern tötende Urmensch steht.

Rückkehr zum bewährten Horror

Die psychologischen Aspekte der Handlung werden von Nevill klug und wirkungsvoll mit Elementen des klassischen Horrors unterfüttert. „Im tiefen Wald“ kann auf Wunsch als reine Gruselgeschichte gelesen werden. Der Verfasser kennt seinen Job, er ist beispielsweise ungemein erfindungsreich in der Gestaltung unheimlicher Landschaften und Orte. Fäulnis und Feuchtigkeit, Verfall und Degeneration fasst Nevill variantenreich in scheinbar einfache Worte, die jedoch das Kino im Kopf des Lesers zuverlässig in Gang setzen und Bilder verursachen, die dem Schrecken einen Rahmen geben. Die einsame, halb verfallene Hütte im Wald wirkt dabei bedrückender als die optisch zweifellos großartige Kulisse der alten, entweihten Kirche und der mit Opferknochen gefüllten Krypta: Die Andeutung ist dem Effekt-Overkill wieder einmal vorzuziehen.

Dies bestätigt der zweite Romanteil, der zwar hochgradig gestörte und erschreckende Menschenfiguren präsentiert, die jedoch ihr Wirken wortreich erklären und sich damit selbst entmystifizieren. Was allerdings in Nevills Absicht liegt, der Loki, Fenris und Surtr als verblendete Fanatiker und letztlich Kriminelle bloßstellt, die sich auf eine Sache eingelassen haben, der sie nicht gewachsen sind und die sie keineswegs kontrollieren. Wirklich einschüchternd gerät ihm dagegen die Figur der namenlosen Schamanin, die kaum ein Wort sagt, alt und schwach ist aber tatsächlich die Fäden in der Hand hält.

Notiz an das Leserhirn …

Was letztlich im Wald umgeht, lässt Nevill ungeklärt. Die Kreatur offenbart sich nur körperlich, weshalb sie ihre Rätselhaftigkeit behält. Keineswegs steht fest, dass sie ein lebendiges Relikt der nordischen Mythologie ist; diese Bedeutung wird von Loki & Co. auf sie projiziert. Faktisch ist es sowieso gleichgültig. Der Überlebende ist die Hauptfigur dieser Geschichte; er bestreitet sie lückenlos über die gesamte Buchstrecke. Sein Leidens- und Überlebensweg sorgt für die notwendige Erdung, er ist die Identifikationsfigur des Lesers. Als solche führt er durch einen konzeptionell nicht durchweg überzeugenden aber wahrlich höllisch spannenden Horror-Roman!

Mit „Im tiefen Wald“ hat Adam Nevill dem (deutschen) Horror-Buchmarkt, der unter dem Ansturm windelweicher Als-ob-Vampire u. a. Jammergestalten ächzt, eine bitter nötige Frischblut-Zufuhr verpasst. Brachialer Grusel mit psychologischem Subtext aber ohne jene blutrünstigen Übertreibungen, die den Splatter leicht in Spott umschlagen lassen: ´Literarisch´ ist das nicht, aber es funktioniert vorzüglich und sorgt dafür, dass der Verfassername nicht auf jene schwarze Liste gerät, die der erfahrene Leser für die Meyers, MacAlisters, Davidsons u. a. Nulpen & Zeitverschwender des Genres reserviert, sondern in dessen Hirn mit einem „Neues-Buch-ebenfalls-lesen“-Link markiert wird.

(Dr. Michael Drewniok, November 2011)

Ihre Meinung zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«

Kom_Ombo zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«29.11.2013
Die erste Hälfte des Buches war sehr gut - spannend und unheimlich -, so dass ich mir schwor, nie wieder einen Wald zu betreten!

Als ich dann aber die zweite Hälfte las, verflog die Spannung und auch das Unheimliche. Irgendwie hat das alles nicht zusammengepasst und es blieben zu viele Fragen offen! Warum zum Beispiel die Jungs nach der Nacht in der Hütte an unterschiedlichen Stellen wieder aufwachten und wie sie dahin kamen? Oder was genau das "Etwas" aus dem Wald ist?!

Immerhin werde ich doch wieder einen Wald betreten!
Marco zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«21.11.2012
Hier eine Rezension ohne Spoiler!

Ein äusserst spannender und gut gemachter Horror-Roman.

Die Handlung ist recht überschaubar: Vier ehemalige Studienfreunde verabreden sich zu einer viertägigen Wanderung im Norden Schwedens. Die Stimmung wird von Anfang an getrübt, weil sich die Kumpel von einst mit den Jahren auseinander entwickelt haben. Während Phil und Dom scheinbar erfolgreiche Geschäftsleute geworden sind, lebt der 36-jährige Luke noch wie ein Student, arbeitet als Aushilfsverkäufer in einem CD-Shop, wohnt in einer Art WG und scheut eine partnerschaftliche Bindung. Hutch, für die Planung der Tour verantwortlich, versucht offenen Streit zwischen den Freunden zu vermeiden. Dauerregen, mangelnde körperliche Fitness von Dom und Phil, sowie die zunehmenden Spannungen in der Gruppe veranlassen Hutch dazu die Route zu ändern und querfeldein eine Abkürzung durch ein naturbelassenes Waldstück zu wählen. Ein zerfledderter Tierkadaver in einem Baum läßt sie erschauern. Von Angst angetrieben geraten die vier immer tiefer in die Wildnis und verlieren zunehmend die Orientierung. Ein schmaler Pfad und ein verlassenes Haus zeugen von einer lang zurückliegenden menschlichen Besiedlung. Die Menschen dort standen offenbar im Bann einer seltsamen Kreatur, die anscheinend immer noch im Wald haust...
Nevill versteht es die Spannung immer neu zu steigern und verleiht dem Roman in der zweiten Hälfte mit einer überraschenden Wendung neuen Schwung!
Michael Drewniok zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«17.11.2011
Das Gleichgewicht zwischen Inhaltsbeschreibung und Nacherzählung zu halten ist manchmal ein komplizierter Balance-Akt. "Im tiefen Wald" war in dieser Hinsicht eine besonders harte Nuss. Auf die in dieser Konsequenz seltene Zweiteilung der Geschichte muss der Rezensent eingehen, kann dies aber nicht, ohne für Teil 2 bestimmte Handlungselemente aus Teil 1 aufzugreifen. Das mag sich im Detail abmildern lassen, lässt sich jedoch nicht völlig vermeiden und ist auch nicht zwangsläufig nötig.
Denn Nevills Geschichte ist simpel - simpel deshalb, weil es ihm nicht primär um den Horror geht, den ein Monster verbreitet, sondern um die Abgründe, die sich in der existenziellen Krise in der Seele öffnen. Die meisten Seiten beschreiben diesbezügliche Ereignisse und Gedankengänge; Mord & Monster sind entsprechende Katalysatoren und Beiwerk. Nevills Verdienst dabei ist es, Handlung und Anliegen in Einklang bringen zu können. TV-Serien wie "The Walking Dead" bieten keine einzige orginale oder originelle Idee. Sie sind trotzdem spannend, weil sie das Bekannte und das Klischee interessant verpacken. Das Wie ist interessanter als das Was. So funktioniert auch "Im tiefen Wald".
Diese Argumention ist Ansichtssache, das gebe ich zu. Sie berücksichtigt jedoch m. M. das eigentlich Besondere eines Romans, der ansonsten ein Horror-Schinken unter vielen wäre.
Allan zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«14.11.2011
In meinen Augen ist das keine Rezension sondern vielmehr eine viel zu ausführliche Inhaltsbeschreibung samt massiver Spoiler!!!

Obwohl ich die Prämisse des Buches nach lesen des Kurztextes recht vielversprechend gefunden hatte, habe ich nun nach lesen der "Rezension" nicht mehr das Bedürfnis das Buch zu lesen, da leider viel zu viel der Handlung verraten wurde.

Mag sein, dass der Eindruck täuscht und der Roman tatsächlich noch weitere Überraschungen bereit hält, aber zu wissen, dass von den vier Freunden nur einer überlebt, das Monster überlebt und ein Happy End grundsätzlich ausbleibt reichen aus um jede Spannung zu vereiteln.
Le_Tartar zu »Adam Nevill: Im tiefen Wald«11.11.2011
Michael Drewniok hat ja schon alles wichtige gesagt und ich kann seiner Rezension eigentlich nichts mehr hinzufügen. Wie Herr Drewniok bereits geschrieben ist IM TIEFEN WALD in zwei Teile gesplittet worden.
Der erste Teil gehört mit zum spannendsten, was ich in den letzten Monaten gelesen habe.
Ein Wald bzw. die Natur als Schauplatz schauriger Ereignisse ist nicht neu, aber Adam Nevill hat es geschafft, mit sehr einfachen und auch passenden Worten eine sehr düstere und auch unwirkliche Stimmung zu gestalten.
Den zweiten Teil der Geschichte hinterlässt bei mir aber ein zwiespältiges Gefühl. Die selbsternannten Satansjünger Loki, Fenris und Surtr wirken mit ihrem "Death Metal - Gehabe" fast lächerlich, wie eine Parodie.
Mit dem, wie ich finde sehr gelungenen Showdown hat Nevill aber wieder Pluspunkte bei mir gesammelt.
Im TIEFEN WALD ist ein durchweg spannender Horrorthriller mit einer düsteren Grundstimmung, die mich von der ersten Seite in seinen Bann geschlagen hat. Das Martyrium und der Überlebenskampf des Helden Luke wird sehr eindringlich geschildert.
Nur die Darstellung der Death-Metal-Satansjünger finde ich doch sehr klischeehaft und albern. - Besonders die Dialoge, mit denen sie ihre Taten und Handlungen rechtfertigen.
Von mir bekommt das Buch 85° und eine Empfehlung für alle, die gerne Horrorthriller lesen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Im tiefen Wald

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.