Besuch von drüben von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Besuch von drüben von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1970, 245 Seiten.ISBN 3518392018.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Dieser Band variiert Blackwoods Lieblingsthema: das Gespensterhaus. Betritt ein sensibler Mensch ein solches Gebäude, dessen Atmosphäre vergiftet ist durch die haßerfüllten Gedanken und Taten früherer Bewohner, wird er leicht zum Angriffsobjekt des bösen Willens, der als unheilbringender 'Genius loci’ auf sein Opfer lauert. In der Erzählung 'Der Horcher’ bemächtigen sich die spinnennetzartig ausgebreiteten Gedanken des Horchers des neuen Bewohners. 'Griff nach der Seele’ schildert eindringlich die unheimlichen Erlebnisse in einem Haus, das früher Schauplatz der Untaten einer dämonischen Frau war. Unter dem Einfluß von Haschisch verfällt ein junger Dichter ihrer unheilvollen Macht. In zwei anderen Geschichten begegnet man dem mutigen Shorthouse in unheimlichen Behausungen, wo er im Kampf gegen böse Geister und Menschen zu unterliegen droht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Das Jenseits ist fremd aber ohne Erbarmen“;100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

 – Der Horcher„; (“;The Listener„;, 1907), S. 7-43: Glücklich schätzt sich der arme Schlucker, als er in einem alten Haus ungewöhnlich billig eine Wohnung beziehen kann. Allerdings muss er feststellen, dass der tragisch aus dem Leben geschiedene Vormieter sein Domizil noch nicht verlassen hat…

 – Die Spuk-Insel (“;A Haunted Island„;, 1899), S. 44-64: Ausgerechnet auf eine Insel in einem kanadischen See zieht sich ein Student zurück, um fern aller Ablenkung zu lernen. Dort ist’s tatsächlich ruhig, aber auch recht unheimlich, als ihm geisterhafte Indianer aufzulauern beginnen…

 – Besuch von Drüben (“;Keeping His Promise„;, 1906), S. 65-82: Marriott und Field waren als Knaben die besten Freunde, haben sich jedoch aus den Augen verloren. Jahre später trifft Marriott den alten Gefährten wieder. Von dessen elendem Aussehen abgelenkt, erinnert er sich erst spät des alten Schwurs, den er und Field sich einst leisteten: Wer zuerst stirbt, kommt den Überlebenden besuchen…

 – Gestohlenes Leben (“;With Intent to Steal„;, 1906), S. 83-110: Der Abenteurer Shorthouse erfährt von einer Scheune, in der es umgeht; das Phantom eines bösen Magiers zwingt jene, die ihm dort zu trotzen wagen, sich zu erhängen. Für den neugierigen Geisterjäger und seinen Gefährten beginnt eine Nacht, an die sie noch lange denken werden – falls sie denn überleben…

 – Kein Zimmer mehr frei (“;The Occupant of the Room„;, 1909), S. 111-121: Minturn ist froh, in dem überfüllten Schweizer Hotel noch ein Zimmer zu bekommen. Die Vormieterin ist vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung verloren gegangen, doch in der Nacht zeigt sich, dass sie dem müden Reisenden näher ist als diesem lieb sein kann…

 – Ein gewisser Smith (Smith: An Episode in a Lodginghouse, 1906), S. 122-141: Es kann aufregend sein, ein Haus zu bewohnen, in dem ein Hexenmeister seine magischen Künste betreibt; das gilt ganz besonders dann, wenn dieser mächtigere Geister heraufbeschwört als er unter Kontrolle zu halten vermag…

 – Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York (“;The Strange Adventures of a Private Secretary in New York„;, 1906), S. 142-181: Der wackere Shorthouse (s. o.) soll für seinen reichen, aber etwas zwielichtigen Brotherrn einen Erpresser austricksen. Dieser lebt in einem überaus einsam gelegenen Haus und lauert bereits darauf, seinem Gast den Aufenthalt unvergesslich zu gestalten…

 – Griff nach der Seele (“;A Psychical Invasion„;, 1908), S. 182-246: Ein übereifriger Schriftsteller versucht, seinen geistigen Horizont mit Hilfe von Drogen zu erweitern. Das gelingt ihm besser als erwartet; tatsächlich öffnet er die Pforte zu einer Dimension böser Geister, von denen ihm einer nun im Nacken sitzt. Dr. John Silence, der berühmte Psychologe und Fachmann für das Okkulte, nimmt sich des Falles an, doch obwohl er sehr von den eigenen Fähigkeiten überzeugt ist, weiß ihm sein Gegner Paroli zu bieten…

Realistischer Horror wurzelt im Hirn

Sammlung acht klassischer Gruselgeschichten, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat. Hier spukt es noch richtig, weil für den Verfasser nie der Wunsch, sich bei der Kritik – die handgreiflich auftretende Gespenster nicht sonderlich schätzt – lieb Kind zu machen, im Vordergrund steht. Stattdessen will Algernon Blackwood (1869-1951) sein Publikum unterhalten, ohne es gleichzeitig als Schar dummer Tröpfe abzuqualifizieren, denen es nur einen möglichst großen Schreck einzujagen gilt.

Blackwoods Erzählungen sind spannend und unterhaltsam, denn ihr Verfasser war kein versponnener, abgeschieden hausender, sondern ein neugieriger, weit gereister Mann, der fest mit beiden Beinen im Leben stand. In gewisser Weise spiegelt “;Besuch von Drüben„; Blackwoods Biografie wider. Unglücklichen Familienverhältnissen entfliehend reiste der junge Algernon nach Kanada (“;Die Spuk- Insel„;, seine erste und schon meisterhafte Geistergeschichte überhaupt!) und ging später in die Vereinigten Staaten (“;Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York„;), wo er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler versuchte. 1899 kehrte er nach England zurück, unternahm aber auch später ausgedehnte Europareisen (“;Kein Zimmer mehr frei„;). Die daraus resultierenden Erfahrungen flossen unmittelbar in sein Werk ein: Jedem Leser wird sogleich klar, dass Blackwoods kanadische Wildnis oder seine Alpendörfer keine Hirngespinste sind.

Okkultismus und Psychologie als Quellen der Inspiration

Diese Ortskenntnisse werden ergänzt durch ein immenses Wissen des Okkulten und Übersinnlichen, für das sich Blackwood schon seit seiner Kindheit brennend interessierte. Im Jahre 1900 trat er dem “;Hermetic Order of the Golden Dawn„; bei, was seine mystischen Kenntnisse enorm erweiterte; “;Ein gewisser Smith„; zeigt einen Magier bei der Arbeit, die dem Verfasser zumindest theoretisch vertraut war.

Hinzu tritt schließlich die Faszination über die neue, noch höchst umstrittene Wissenschaft der Psychologie. Blackwood glaubt an eine Welt des Okkulten, die bevölkert wird von bösen oder besser: der menschlichen Moral nicht unterworfenen, fremdartigen Geistwesen auf der einen und den klassischen Gespenstern auf der anderen Seite – den Manifestationen im Leben wie im Tode kraftvoller, von starken Emotionen getriebener Seelen oder auch nur den Gefühlen selbst, die sich durchaus selbstständig machen und blindwütige (“;Gestohlenes Leben„;) oder ziellose (“;Kein Zimmer mehr frei„;), aber nicht wirklich intelligente Phantome formen können. Alle diese Wesen leben normalerweise in ihrer eigenen Sphäre. Dort können sie zufällig gestört oder angelockt (“;Griff nach der Seele„;), aber auch gezielt gerufen werden (“;Besuch von Drüben„;, “;Ein gewisser Smith„;).

Das theoretische Fundament, wie es hier skizziert wurde, lässt Blackwood in “;Griff nach der Seele„; stellvertretend Dr. John Silence, den “;Physican Extraordinary„; – eine Mischung aus Sigmund Freud oder C. G. Jung und Sherlock Holmes – erläutern. Blackwoods Konzept ist auch deshalb zu interessant, weil es schon deutlich die Grenzen der klassischen viktorianischen Schauerliteratur sprengt, die das Gespenstsein primär als Strafe für diverse Verfehlungen wertete, derer sich der Geist im Leben strafbar gemacht hatte.

Der frühe Blackwood ist noch nicht gänzlich frei von dieser Haltung: Der unglückliche Blount in “;Der Horcher„; hat sich seinem schrecklichen, ohne jedes eigene Verschulden erlittenen Schicksal durch Selbstmord entzogen. Weil er so Gott, der aus unerfindlichen Gründen ein natürliches, aber qualvolles Ende für ihn vorgesehen hatte, ins Handwerk pfuschte, muss er seine nun doppelt elende Existenz im Tode fortsetzen: ein wahrlich alttestamentarische Weltsicht, die im Kontext freilich nicht zwangsläufig befürwortet, sondern von Blackwood, dem Okkultisten, der wahrlich kein Bilderbuch-Christ war, auch angeprangert wird.

Ein böser Missklang

Ein wenig aus dem Rahmen fällt die Story “;Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York„;. Hier lässt Blackwood das Grauen nicht schleichend auftreten, sondern entwirft – dem amerikanischen Schauplatz wohl angemessen – eine actionreiche, teilweise witzig überzogene Grusel-Groteske im Stile Edgar Allan Poes. Zur Abwechslung wird nichts erklärt, sondern einfach nur geschildert. Dem Leser bleibt es dieses Mal absolut selbst überlassen, sich einen Reim auf die Erlebnisse des unerschrockenen Jim Shorthouse zu machen.

Leider wird bei dieser Gelegenheit einer der weniger angenehmen Wesenszüge Blackwoods offenbar: Die Figur des Juden Marx trägt unverkennbar antisemitische Züge. Wahrscheinlich hat der Verfasser eher unabsichtlich der latenten, alltäglichen Judenfeindlichkeit der britischen Gesellschaft ein Denkmal gesetzt, so wie wenige Jahre später Hollywood Amerikas Indianer in aller vermeintlichen Unschuld als blutrünstige Wilde und Bilderbuch-Bösewichte zu missbrauchen begann. Unerfreulich bleiben die für die Geschichte völlig unnötigen und daher noch deutlicher ins Auge stechenden Unterstellungen aber allemal. Umso wichtiger ist es, dass wir auch diesen Blackwood kennen lernen können, d. h. uns keine “;bereinigte„; Fassung der “;Seltsamen Abenteuer„; zugemutet oder diese Geschichte gar gänzlich unterschlagen wird.

Nichtsdestotrotz verdient Algernon Blackwood seinen Status als Großmeister der unheimlichen Literatur; er hat ihn sich redlich erarbeitet. Als er hoch betagt (und viel betrauert) 1951 starb, hinterließ er etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane. In Deutschland ist davon nur ein Bruchteil erschienen, was die immerhin sechs Auswahlbände mit Gruselgeschichten und -novellen, die der Frankfurter Suhrkamp Verlag veröffentlicht hat, dem wahren Fan nur um so enger ans Herz wachsen lassen. “;Besuch von Drüben"; prunkt zudem mit der für das Haus Suhrkamp typischen sorgfältigen Übersetzung, deren liebenswerter und so durchaus gewollter altmodischer Stil den nostalgischen Zauber dieser Geschichten aus der guten alten, großen Zeit der englischen Gespenstergeschichte unterstreicht!

Ihre Meinung zu »Algernon Blackwood: Besuch von drüben«

Stefan83 zu »Algernon Blackwood: Besuch von drüben«14.09.2009
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eine lange Zeit Geister- und Gruselgeschichten nur müde belächelt habe. Das hat sich nun nach der Lektüre der bereits zweiten Kurzgeschichtensammlung von Algernon Blackwood radikal geändert.

Der mittlerweile völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Autor zeigt einmal mehr sein Können und belegt, dass das Schaudern nicht mit Kitsch verbunden sein muss, eine spannende, unheimliche Szenerie keine billigen Effekte benötigt. Meisterhaft beherrscht Blackwood das Spiel mit der Angst und setzt die Menschen in seinen Geschichten in stets fesselnder Atmosphäre dem Einfluss andersweltlicher Phänomene aus. Und auch der Leser fühlt sich, meist schon ob der bildreichen Beschreibungen, als Teil der Erzählung, wobei der Autor jedoch darauf achtet, nicht einfach nur zu erschrecken, sondern uns quasi nötigt, sich mehr mit dieser Materie zu beschäftigen. Das Grauen wird nicht auf ein durchsichtiges Gespenst reduziert, sondern ist vielmehr allgegenwärtig, nicht fassbar, und gerade deswegen so unheimlich. Es scheint, als ob Blackwood nicht unterhalten, sondern belehren wollte, was sich auch in der Wahl seiner Figuren verdeutlicht.

Als Beispiel sei da John Silence erwähnt, der vom Autor mehrfach benutzt wurde und in diesem Sammelband unter anderem seinen großen Auftritt in der Geschichte "Griff nach der Seele" hat. Der etwas oberlehrerhafte, parapsychologische Seelendoktor wirkt, wahrscheinlich nicht ganz ungewollt, wie eine Reminiszenz an Doyles Sherlock Holmes. Auch er ist in beratender Funktion tätig und bearbeitet nur Fälle die ihn interessieren. Das in dieser Geschichte auch noch der Drogengebrauch als Auslöser für die Verbindung zur Geisterwelt skizziert wird, ist eine weitere augenzwinkernde Parallele. "Griff nach der Seele" ist dann auch eines der Highlights dieses Sammelbands, der eigentlich keine schwache Geschichte aufweist und in der Zusammenstellung äußerst abwechslungsreich geraten ist. Obwohl tendenziell die meisten davon ein gutes Ende nehmen, sind sie allesamt von der Grundstimmung sehr düster, ist die irgendwo lauernde Gefahr stets allgegenwärtig.

Neben der titelgebenden Story "Besuch von Drüben" enthält der Sammelband noch folgende Kurzgeschichten:

Der Horcher
Die Spuk-Insel
Gestohlenes Leben
Kein Zimmer mehr frei
Ein gewisser Smith
Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York
Griff nach der Seele

Besonders in "Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York" tritt dies zutage, welche, für Blackwood eher ungewohnt, sehr actionreich daherkommt und mit einem Grusel-Ende im Stile Poes aufwartet. Ein Schauergenuss zum mithorchen und Zähne klappern, der beinahe prädestiniert für eine Erzählung am Lagerfeuer ist. Derart handlungsreich sind die meisten anderen Werke hier nicht. Blackwood lässt die Protagonisten oder Erzähler oft viel erklären, wobei es erstaunlich ist, inwieweit es der Autor vermag, Gefühle, Eindrücke und Wahrnehmungen schriftlich zu Papier zu bringen. Gutes Beispiel hierfür ist "Die Spuk-Insel", in der ein einsamer Bewohner einer kleinen Insel des Nachts Besuch von Indianern bekommt. Unwillkürlich hält man hier den Atem an, meint man selbst die Schweißperlen im Nacken fühlen zu können, derart detailliert und präzise wird die Angst des Protagonisten geschildert, der sich in der Dunkelheit der Blockhütte seinen Angreifern hilflos ausgesetzt sieht. Das Ende raubt dann den Atem und sorgt für wohltuende Gänsehaut. Jede für sich hier näher zu beschreiben, würde jedoch den Geschichten ihre Faszination nehmen, weshalb man sie lieber selbst lesen sollte.

Insgesamt erweist sich Algernon Blackwood auch in der von Suhrkamp zusammengestellten Sammlung "Besuch von Drüben" einmal mehr als Meister der Atmosphäre und der gruseligen Schauplätze. Ein absolutes Muss für alle Freunde von stimmungsvollen Gruselgeschichten aus dem guten, alten viktorianischen England und ein Titel der eine gleichsam schön gestaltete Neuauflage ohne Frage verdient hätte.
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