Der Tanz in den Tod von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Der Tanz in den Tod von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1982, 220 Seiten.ISBN 3518392921.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

„;Mein wesentliches Interesse gilt wohl Anzeichen und Beweisen für andere Kräfte, die uns allen verborgen sind; anders ausgedrückt, der Erweiterung der Fähigkeiten des Menschen. Daher befassen sich viele meiner Erzählungen mit Bewußtseinserweiterung, mit der spekulativen und phantasievollen Darstellung von Möglichkeiten, die die Grenzen unseres normalen Bewußtseins übersteigen.“;

Blackwood wendet sich Zonen zu, an denen die Grenzen von Welt und Psyche durchlässig werden und den Menschen mit fremden Mächten konfrontieren. Mit Macht behauptet sich das Übernatürliche gegen das gewöhnliche Leben und erlangt eine eigene Wertigkeit, der man sich als Leserin und Leser kaum entziehen kann.

Das meint phantastik-couch.de: „Der Mensch trifft – mit unterschiedlichem Ergebnis – aufs Jenseits“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Der Tanz in den Tod („The Dance of Death“, 1907), S. 7-18: Browne, ein unglücklicher Büroknecht mit ausgeprägter Herzschwäche, tanzt für sein Leben gern. Die schöne Issidy, das mysteriöse Mädchen in Grün, wird seine letzte Partnerin …

  • Der Mann, den die Bäume liebten („The Man Whom the Trees Loved“, 1912), S. 19-97: Sein Leben lang hat der alte Bittacy Bäume geliebt; manchmal schienen sie ihm sogar lebendig. Dass sie außerdem mit eigener Intelligenz begabt, aber recht Besitz ergreifend sind, merken er und seine Gattin, als sie ein einsam gelegenes Landhaus am Rande eines großen Waldes beziehen …

  • Durch die Wand („The Case of Eavesdropping“, 1906), S. 98-113: Der in Geldnöten steckende Jim Shorthouse stellt keine Fragen, als er sich in ein altes, düsteres Haus einmieten kann; schon bald erfährt er, wieso sein Zimmer so außerordentlich günstig ist …

  • 'Rennender Wolf' („Running Wolf“, 1921), S. 114-134: Den passionierten Angler Malcolm Hyde zieht es in die kanadische Wildnis. Ein Freund hat ihm einen tollen Fanggrund verraten, ihm aber gleichzeitig eingeschärft, einen bestimmten Uferstrich unbedingt zu meiden. Doch Hyde gefällt es dort angekommen so gut, dass er die Warnung in den Wind schlägt …

  • Der Mann, der Milligan war („The Man Who Was Milligan“, 1924), S. 135-146: Milligan ist fest davon überzeugt, nicht in der Realität, sondern in einem Bild zu leben. Er beauftragt einen Freund, es zu suchen, aber er hat nicht darüber nachgedacht, was geschehen wird, sollte sein Verdacht zutreffen …

  • Der leere Ärmel („The Empty Sleeve“, 1921), S. 147-163: Zwei reiche Brüder sammeln alte Geigen, auf denen ein armer Musiker ihnen aufspielen muss. Dieser beherrscht aber auch die Schwarze Magie, was ihm zupass kommt, denn er hat ein begehrliches Auge auf die musikalischen Kostbarkeiten geworfen …

  • 'Verbotener Weg' („Ancient Lights“, 1914), S. 164-170: Ein Angestellter des Landvermessungsamtes soll im ländlichen Sussex ein Grundstück besichtigen. Der Weg dorthin ist weit; als sich ihm eine Abkürzung zu bieten scheint, ignoriert er ein Verbotsschild – und gerät in ein Wäldchen, in dem noch die alten Götter & Geister das Sagen haben …

  • Aussprache („Confession“, 1921), S 171-190: Im dichten Londoner Nebel gerät ein Frontsoldat auf Heimaturlaub in ein Eifersuchtsdrama, das auch der Tod nicht beenden konnte …

  • Verfrühtes Ereignis („Accessory Before the Fact“, 1914), S. 191-198: Auf einer Wandertour erlebt ein Mann eine Vision, die eine zukünftige Bluttat vorweg nimmt …

  • Ein Opfer der Vierten Dimension („A Victim of Higher Space“, 1914), S. 199-221: Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“, bekommt es in diesem neuen Fall mit einem genialen, aber recht verschrobenen Privatwissenschaftler zu tun, dem es gelungen ist, in eine der Realität übergelagerte Existenzebene vorzustoßen, die eine fatale Anziehungskraft ausübt …

Geniale Varianten bekannter Ideen

Einmal mehr gewinnt Algernon Blackwood (1869-1951) 'seinen’ Themen neue, spannende Seiten ab: das verwunschene Haus als Speicher für die unbewältigten Emotionen seiner Bewohner, der weniger böse als blindwütige oder orientierungslose Geist, die beseelte Natur und ihre spukhaften Inkarnationen.

Inhaltlich kann „Der Tanz in den Tod“ also nicht mit Neuem aufwarten. Freilich erreicht Blackwood trotzdem ein Niveau, von dem die meisten seiner Schriftsteller-Kollegen nur träumen dürfen. Das trifft besonders auf die kurzen Geschichten zu; „Der Mann, der die Bäume liebte“ beeindruckt zwar durch die Wortgewalt, mit der hier die gottgleiche Allgegenwart der Natur beschworen wird, leidet aber unter unter Blackwoods Zwang zur allzu detaillierten Erklärung und der gar zu didaktischen Abrechnung mit der etablierten Religion der Christenkirche, die Blackwood Zeit seines Lebens ein Dorn im Auge war.

Wesentlich besser ist dem Verfasser die Vermittlung einer Glaubenswelt, die nicht auf Furcht, Verboten und Strafen basiert, in „Der Tanz in den Tod“ gelungen. Brownes Sterben ist kein Ende mit Schrecken, sondern ein Übergangs-Spektakel in Technicolor: Die Reise ins Jenseits ist bei Blackwood nicht zwangsläufig von Furcht und Schrecken begleitet; er betrachtet sie stets auch als (zugegebenermaßen etwas radikales) Angebot der Bewusstseinserweiterung, die mit ganz neuen, aufregenden Erkenntnissen belohnt wird.

Quicklebendige Bäume sowie Kobolde lernen wir auch in „Verbotener Weg“ kennen. Der Vergnügen an dieser Geschichte ist aber ein rundum ungetrübtes, weil Blackwood sein Fabuliertalent in den Dienst einer milden, sehr gelungenen Geisterkomödie stellt. Sehr skurril, wenn nicht sogar surrealistisch gibt sich Blackwood mit „Der Mann, der Milligan war“. Freilich wird deutlich, dass diese Story allein an der ungewöhnlichen Ausgangsidee hängt – als die Katze aus dem Sack ist, bleibt der Verfasser mit leeren Händen zurück und lässt einen recht gelangweilten deus ex machina das Drama beenden. „Aussprache“ prunkt dagegen mit einem Finale, dass sich Hitchcock nicht besser hätte ausdenken können.

„Ein Opfer der Vierten Dimension“ belegt, dass Blackwood sowohl die Werke von Sigmund Freud als auch die seines Schriftsteller-Kollegen H. G. Wells kannte. Hier verschmilzt er beider Anregungen zu einer 'psychologischen’ Science Fiction-Geschichte sehr frühen Datums, die witzigerweise belegt, dass der Technobabbel nicht erst zu „Star Trek“-Zeiten erfunden wurde. Ansonsten gebärdet sich Dr. Silence, den Blackwood in einer ganzen Reihe von Kurzgeschichten und Novellen auftreten ließ, wieder einmal als arger Besserwisser. Er gehört eindeutig zu den weniger gelungenen Blackwood-Schöpfungen; für seine Konsultationen scheint er kein Honorar zu verlangen, aber er zwingt seine Klienten (und die Leserschaft) dazu, seinen endlosen pseudo-wissenschaftlichen Monologen zu lauschen.

Psychologisch kommt uns Blackwood auch in „Verfrühtes Ereignis“. In der proto-esoterischen 'Lehre', die in den Jahren nach 1900 zu blühen begann, nahm die angeblich recht handfeste Vorahnung kommender Ereignisse breiten Raum ein, wobei natürlich Katastrophen aller Art besonders hoch im Kurs standen; praktisch jedes tragische Ereignis der Weltgeschichte ist nachträglich prophezeit worden, aber Blackwood nutzt den ganzen faulen Zauber immerhin für diese ganz kurze, aber gelungene Geschichte.

Alte und manchmal nicht angenehme Bekannte

Den famosen Shorthouse aus „Durch die Wand“ haben wir schon in anderen okkulten Eskapaden erleben dürfen (vgl. „Gestohlenes Leben“ und „Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“ in „Besuch von Drüben“, Suhrkamp TB Nr. 2701/331 oder „Das leere Haus“ in der gleichnamigen Suhrkamp-Sammlung, TB Nr. 1664/339). Man darf ihn wohl als Alter Ego des Verfassers verstehen, der Ende des 19. Jahrhunderts einige (magere) Jahre in den USA zubrachte und sich dort in vielen Jobs und tatsächlich auch als Reporter versucht hat. Viel Glück war ihm dabei allerdings nicht beschieden, sodass Blackwood schließlich nach England zurückkehrte.

Zuvor war er aber wie der unternehmungslustige Mr. Hyde aus „Rennender Wolf“ gern in den kanadischen Wäldern unterwegs gewesen, in denen folgerichtig einige seiner (früheren) Gruselgeschichten spielen. Mit geisterhaften Indianern hatte es dort schon früher ein englischer Reisender zu tun bekommen (vgl. „Die Geisterinsel“ in „Besuch von Drüben“), und siehe da: Es war eben dieser Morton, der aufgrund seiner Erfahrungen dem armen Hyde gegenüber vielleicht ein wenig deutlicher hätte werden sollen.

„Der leere Ärmel“ zeigt eine weniger angenehme Seite Blackwoods. Nicht zum ersten Mal (vgl. „Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“ in „Besuch von Drüben“) drängt er einen Juden in die Rolle des Bösewichts, wobei er plump die gängigen Vorurteile gegen die Angehörigen dieser Religion bedient. Auch sonst ist Blackwood über rassistischen Dünkel nicht erhaben. Die weniger glücklichen, d. h. nichtbritischen Bürger dieser Welt können nicht auf seine Unvoreingenommenheit hoffen. Hier präsentiert sich Blackwood ganz als der hochwohlgeborene Herzogssohn, der er tatsächlich war und in mancher Beziehung sein ganzes langes Leben blieb. Aber wo steht geschrieben, dass ein guter Unterhaltungskünstler zwangsläufig ein kluger oder wenigstens netter Mensch ist ...?

Ihre Meinung zu »Algernon Blackwood: Der Tanz in den Tod«

Stefan83 zu »Algernon Blackwood: Der Tanz in den Tod«30.10.2009
Von allen drei bei Suhrkamp erschienenen Kurzgeschichtensammlungen ist "Der Tanz in den Tod" die meiner Meinung nach unspektakulärste, auch wenn Algernon Blackwood seinen favorisierten Themen (Natur, Geist & Angst) einmal mehr ein paar neue, spannende Seiten abgewinnen kann.

Der Grusel-Altmeister konzentriert sich allerdings diesmal weniger auf Geistererscheinungen und verspukte Häuser, sondern geht mehr auf unerklärliche und andersweltliche Ereignisse ein. Als Folge daraus driften die Geschichten leider allzu sehr in die Science-Fiction-Ecke ab, was nicht ganz zum Autor passen will und sich auch streckenweise extrem ermüdend liest. Bestes Beispiel dafür ist die Kurzgeschichte "Ein Opfer der vierten Dimension", in der wir unserem alten Bekannten Dr. John Silence wieder begegnen, dessen diesmaliger Patient unter dem Verlust jeglicher Substanz leidet und zum ewigen Wechsel zwischen den Dimensionen verdammt ist. Blackwoods Faible für das pseudowissenschaftliche, parapsychologische Phrasieren tritt auch hier wieder deutlich zutage, wenngleich auch diese Erzählung nicht stellvertretend für den gesamten Band stehen soll, der folgende weitere Geschichten enthält:

Der Tanz in den Tod
Der Mann, den die Bäume liebten
Durch die Wand
Rennender Wolf
Der Mann, der Milligan war
Der leere Ärmel
Verbotener Weg
Aussprache
Verfrühtes Ereignis
Ein Opfer der vierten Dimension

Seine Stärken spielt Blackwood, wie auch schon in den anderen Sammelbänden, unter freiem Himmel aus. In "Rennender Wolf" verfolgen wir die Erlebnisse des unternehmungslustigen Mr. Hyde, der tief in den kanadischen Wäldern am Ufer eines Sees die Bekanntschaft mit einer Kreatur macht und sich der Einsamkeit und den damit verbundenen Ängsten stellen muss. Der Autor, selber lange Zeit in Kanada unterwegs, fängt, wie schon in der Kurzgeschichte "Die Geisterinsel", die Abgeschiedenheit dieses augenscheinlichen Idylls nicht nur gekonnt ein, sondern malt vor den Augen des Lesers Bilder, die uns sogleich gedanklich in selbige Gefilde versetzen. Detailliert und doch nicht ausschweifend baut er eine aufgeladene Atmosphäre auf, die zur Widergabe am Lagerfeuer bestens geeignet scheint und für mich zu Blackwoods besten Leistungen zählt.

Die anderen Kurzgeschichten können da nicht ganz mithalten, was auch unter anderem daran liegt, dass viele (z.B. "Durch die Wand") in ihrem Aufbau anderen Stories sehr ähneln und daher auch wenig zu überraschen vermögen. Die einzige längere Erzählung, "Der Mann, den die Bäume liebten", beeindruckt durch eine Wortgewalt, mit der besonders die Allgegenwart der Natur beschrieben wird, krankt letztendlich aber unter Blackwoods Zwang zur allzu detaillierten Erklärung. Das er zudem mehr als augenscheinlich die Gunst der Stunde nutzt, um mit der von ihm verhassten Religion der Christenkirche abzurechnen, nimmt dem Ganzen nicht nur die Faszination, sondern sorgt schließlich auch dafür, dass die anfangs so fesselnde Stimmung auf halbem Weg in theologischen Diskursen verloren geht.

Insgesamt ist "Der Tanz in den Tod" eine lesenswerte Kurzgeschichtensammlung, die aufgrund einiger bizarrer Ideen und der für damalige Zeit interessanten Gedankengänge Freunden klassischer Geschichten zu empfehlen ist, jedoch weniger zum Schaudern und Gruseln taugt als "Das leere Haus" und "Besuch von Drüben".
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Gloin zu »Algernon Blackwood: Der Tanz in den Tod«19.07.2007
Blackwood schreibt über Menschen, die in andere Bewusstseinszustände gelangen. Meist sind die Protagonisten schon zu Beginn der Geschichte sehr sensitive Personen, manchmal aber entwickeln sie sich auch erst während der Geschichete dazu, rutschen gleichsam in eine andere Welt ab. Oder besser: Erkennen die dunklen, geheimen Zwischenebenen bzw. Dimensionen dieser Welt. Thema ist die Natur (Wald, Schnee etc.), die zu einer für den Menschen bedrohlichen Sphäre wird. Dabei gehen - das ist besonders - seine Geschichten meist "gut" aus. Ich empfinde den Schreibstil von Blackwood sehr schwebend und leicht - während bei Lovecraft immer die erdige, physische Anwesenheit des Unbeschreiblichen durchschimmert geht es bei Blackwood eher um in der Schwebe gehaltene Bewusstseinszustände.
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