Der dünne Mann - und andere düstere Novellen von Alisha Bionda

Buchvorstellungund Rezension

Der dünne Mann - und andere düstere Novellen von Alisha Bionda

Originalausgabe erschienen 2006, 237 Seiten.ISBN 3898409287.

»Der dünne Mann - und andere düstere Novellen« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Inhalt:

11 Kurzgeschichten im Sinne Edgar Allan Poes:

  • Andreas Gruber: Wie ein Lichtschein unter der Tür
  • Barbara Büchner: Spinnwebschleier
  • Eddie M. Angerhuber: Nepenthe
  • Michael Siefener: Abendstimmung mit Burgruine
  • Dominik Irtenkauf: Sündflut
  • Micha Wischniewski: Die Firma
  • Christoph Marzi: Die Raben
  • Wolgang Hohlbein: Der dünne Mann
  • Christian von Aster: Stanchloams Erbe
  • Jörg Kleudgen & Boris Koch: Der Fluch von Mayfield
  • Mark Freier: Kleine Nachtgeschichte

Das meint Phantastik-Couch.de: „Heterogen in Thematik und Qualität“70

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Ihre Ankunft verlief, ohne dass sie viel Aufsehen erregt hätte, und betrachtet man den Umstand ihres Erscheinens genauer, ist unumwunden einzugestehen, dass es den Anschein hatte, als wollte man von den Ankömmlingen gar keine Notiz nehmen, sie gar mutwillig leugnen.“
(Micha Wischniewski – Die Firma)

Erotische Obsessionen, sonnendurchwirkte Halbträume, kafkaeske Alltage, uralte Familienflüche, die Grenzenlosigkeit der genetischen Wissenschaft und der Trickreichtum des Teufels. All das und noch mehr bilden die Rahmen der Geschichten in „Der dünne Mann“.

Mark entwickelt bereits als Jugendlicher eine sexuelle Obsession für ältere Frauen. Während seiner Sozialtätigkeit in einer Seniorenresidenz locken ihn die Bewohnerinnen „Wie ein Lichtschein unter der Tür“ und er erfährt höchste Wonnen.

Die sexuelle Anziehungskraft reifer Frauen ist wohl jedem Mann, der die Pubertät hinter sich hat, bekannt. Andreas Gruber geht noch einen Schritt weiter. Die Geschichte entwickelt sich gut und schnell und weist ein zwar bereits angedeutetetes aber doch überraschendes Ende auf. Für meinen Geschmack allerdings etwas zu plakativ.

Alcina führt auf dem verlassenen Friedhof eine geheime Anrufung durch. Sie wird dafür reichlich belohnt.
„Spinnwebschleier“ ist ein stimmungsvoller Quickie eindeutig sexueller Natur, der durch seine düster-erotische Stimmung lebt. Eine Geschichte wie ein warmer Guß.

Ein junges Paar bezieht eine verlassene italienische Villa. Im Weinkeller finden sie eine Nachricht, die von den vergangenen Ereignissen in dem Gebäude berichtet. Eddie Angerhuber schafft in „Nepenthe“ durch fast vollständigen Verzicht auf wörtliche Rede eine entrückte, betörende Stimmung. Die Story lebt von Andeutungen und dem Bezug auf Poe’sche Motive (die zugelaufene Katze, ein Familienfluch, die vermeintlichen Schritte der toten Geliebten).

Bei seinem Spaziergang zu der verfallenen Ruine der Oberburg trifft Georg Plath auf einen geheimnisvollen Fremden. Nach einem scheinbar harmlosen Gespräch, während dessen die Nacht heraufzieht, erkennt er seinen Fehler.

Michael Siefener liefert mit „Abendstimmung mit Burgruine“ eine leider sehr flache Geschichte. Die Szenerie ist ausgelutscht, die Beschreibungen sind beliebig. Der Dialog der Figuren ist klischeehaft und belanglos. Lediglich die endgültige Aufklärung liefert eine (kleine) Überraschung.

Ein menschenverachtender Lebemann, dessen größtes Vergnügen die körperliche Lust ist, tifft die Partnerin seiner Träume. Bis er zu weit geht und sie ihn verläßt. Eine sprachlich leider sehr konfus erzählte Geschichte. Die abschließende Leuterung des Sünders durch die „Sündflut“ geschieht zu willkürlich.

Nach seinem Arbeitsantritt in der Firma verändert sich der Protagonist. In scheinbar sinnlosen Zeichenfolgen erschließt sich ihm nun eine tiefere Wahrheit. Der kafkaeske Beginn von „Die Firma“ läßt Großes ahnen. Leider möchte Micha Wischniewski zu viel erzählen. Einige Dinge, wie die Lethargie der Stadtbewohner, das Aufbrechen des Bodens und das buchstäbliche Verschwinden der Freundin, werden ohne weitere Erwähnung im Raum stehen lassen. Auch das Ende der Story erscheint gezwungen und wirkt unbefriedigend. Schade um die sehr guten Ideen.

Um die Person von Alastair Carfax, letztes noch lebendes Mitglied der einst mächtigen Carfax-Familie, sind viele unschöne Gerüchte im Umlauf. Das Familienvermögen soll durch Sklavenhandel entstanden sein und auch der Unfalltod seiner Frau Leonore wird angezweifelt. Außerdem hat Alastair Carfax eine unerklärliche Angst vor den Raben, die sich auf seinem Grundstück und dem nahegelegenen Friedhof tummeln. Bis „Die Raben“ eines Abends in sein Haus kommen.

Erzählt aus Sicht des Hausverwalters versieht Christoph Marzi Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“ mit einer Hintergrundgeschichte. An sich ein interessantes Vorhaben, doch der Autor nimmt sich für meinen Geschmack zu viele Freiheiten. So wird z.B. der Handlungverlauf der „Schlüsselszene“ (als die Raben in das Haus kommen) verändert. Einiges hätte mehr Raum gebraucht, anderes ist unnötig, z.B. die Verweise auf andere Klassiker der Horrorlitertur (der Name Carfax läßt natürlich sofort an „Dracula“ denken und das unheilige Buch Al-Aaraaf wurde wohl von Lovecrafts Necronomicon (auch Al-Azif) inspiriert). Dies dient der Geschichte in keiner Weise und wird somit zu Blendwerk, dass Hr. Marzi eigentlich nicht nötig hätte. Der Stil ist angenehm und atmosphärisch, nur fehlt die Konzentration auf den Kern der Geschichte.

Im San Francisco von 1912 sucht ein Fremder den Tagelöhner Ian McGillicaddi auf. „Der dünne Mann“ ist auf der Suche nach fünf Gerechten, die San Francisco vor einem verheerenden Erdbeben retten können. Wolfgang Hohlbeins Titelbeitrag ist überraschend kurzweilig und originell, wenngleich kein erkennbarer Bezug zu Poe besteht. Die Story lebt vom Dialog des – noch mit den Folgen des vorherigen feuchtfröhlichen Abends kämpfenden – Iren und des dünnen Mannes, der sich natürlich als der Teufel herausstellt. In der Story wird das Erdbeben von San Francisco ins Jahr 1912 geschrieben. 1906 fand allerdings tatsächlich dort ein Beben statt. Hohlbein hat dieses Ereignis auch in seinem Roman „Anubis“ beschrieben.

Ein besessener Suchender auf den Spuren eines ebenso besessenen Wissenschaftlers, der an Gottes Allmacht gerührt hat. Fast unbewusst kopiert der ehemalige Student während seiner Spurensuche immer mehr die Lebensweise seines verblichenen Professors, nachdem dieser sich von der orthodoxen Wissenschaft immer mehr zurückgezogen hat, um seine eigenen Studien abseits der Universität zu verfolgen. Doch dringt der Student tiefer in Stanchloams Welt ein, als er es sich gewünscht hat.

Die Story bedient sich der schrittweisen Geheimnisentschlüsslung durch einen zunächst Unbeteiligten. Gemeinsam mit Stanchloams ehemaligen Studenten entdeckt der Leser nach und nach immer dunklere Facetten des Professors. Man fragt sich unweigerlich, was denn nun „Stanchloams Erbe“ ist. Erinnert die Geschichte zunächst an „Frankenstein“, geht sie schon bald eigene Wege, nämlich sobald der Student seine theoretische Verfolgung aufgibt, um den tatsächlichen Wegen Stanchloams in die Gosse zu folgen. Christian von Aster verzichtet hier auf seinen typischen Humor und liefert eine düstere, stimmige, sprachlich außerordentlich starke Story. Großes Kompliment.

Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt June Mayfield nach mehrjährigen Studien in Ägypten in den Stammsitz ihrer Familie zurück. Dort erwartet sie nicht nur ihr liebender Bruder sondern auch die Aufzeichnungen ihrer Mutter, die selbst den „Fluch von Mayfield“ nicht bekämpfen konnte.

Eindeutig inspiriert von Poes Haus Usher haben Jörg Kleudgen und Boris Koch die Famile Mayfield und deren Fluch ersonnen. Die Story wird vorangetrieben von den Nachforschungen June Mayfields, die sich nicht mit den ausweichenden Antworten auf ihre Fragen nach der Vergangenheit ihrer Famile zufrieden geben will. Auffällig ist, dass hier die klassischen Rollen solcher Familienfluch-Geschichten vertauscht sind und die weiblichen Familienmitglieder die drängenden Kräfte bilden. Die Geschichte hätte ein paar Seiten mehr vertragen können; die Ereignisse wirken etwas zu sehr „abgearbeitet“. Ansonsten ein sehr guter und passender Beitrag.

Um frei zu sein für die verführerische Magdalena tötet der Erzähler seine Ehefrau. Wütend aufgrund der anschließenden Zurückweisung bringt er diese jedoch auch um. Endgültig vereinsamt, erkennt er schließlich, welche Taten er noch begangen hat. Mark Freiers „Kleine Nachtgeschichte“ ist eine kurze stimmungsvolle Ballade ohne eigentliche Handlung. Im Vordergurnd steht das Gefühlsleben eines liebestrunkenen, zurückgewiesenen und rachsüchtigen Mannes, der den Bezug zur Realität verliert. Wirklich eindringlich ist die Geschichte nicht, da keine der Figuren dem Leser wirklich nahegeht. Als Stimmungs-schilderung gut gelungen.

Nicht immer ist der Bezug zu Poe erkennbar

Nach der inoffiziellen Startnummer von Edgar Allan Poes phantastischer Bibliothek „Jenseits des Hauses Usher“ (herausgegeben noch von Markus K. Korb) folgt nun mit „Der dünne Mann“ eine zweite Poe-inspirierte Storysammlung deutscher Autoren unter der Ägide von Alisha Bionda. Die Herausgeberin begnügt sich dabei nicht mit dem bloßen Aneinanderreihen einiger Geschichten, die einen teils starken, teils weniger starken Bezug zu Edgar Allan Poe haben, sondern versieht die Sammlung auch mit einem wortstarken Vorwort von Dr. Franz Rottensteiner (selbst Herausgeber einer Vielzahl Phantastik-Bände z.B. im Suhrkamp/Insel-Verlag). Dieser geht hier auf jede der Geschichten ein und zeigt die mehr oder minder vorhandenen Verweise auf Poe. Ich persönlich kann seinen Ausführungen nicht immer zustimmen, frage ich mich doch, was z.B. die Geschichten „Abendstimmung mit Burgruine“ und „Der dünne Mann“ in einer Poe-inspirierten Sammlung zu suchen haben. Ich konnte in den Geschichten keinen Bezug zum Namensgeber der Serie entdecken. Doch Alisha Bionda begnügt sich nicht nur mit dem lesenswerten Vorwort des Kollegen, sondern konnte auch noch Micha Wischniewski für einen informativen, nicht zu lange gehaltenen Abriss über Leben, Karriere und Werk Edgar Allan Poes, gewinnen, der die Sammlung beendet. Den endgültigen Abschluss bieten die Kurzporträts der beteiligten Autoren. Heutzutage sind solche Extras leider nicht selbstverständlich und heben die Veröffentlichung damit schon über den Durchschnitt.

Die Geschichten selbst sind in Thematik und Qualität eher heterogen und es fehlt leider die Klammer, die eine ganzheitliche Beurteilung erleichtert. So ist die Sammlung nicht mehr aber auch nicht weniger als die Summe ihrer Teile. Aufgrund dieses unrunden Gesamtbildes kann ich keine unbedingte Empfehlung für Gelegenheitsleser aussprechen. Fans der Reihe und der deutschsprachigen Phantastik kann „Der dünne Mann“ allerdings getrost nahegelegt werden.

Etwas befremdlich (aber leider bezeichnend) wirkt auf mich die prominente Platzierung von Wolfgang Hohlbeins Namen auf dem Cover, steuert dieser doch lediglich eine Geschichte unter vielen für die Sammlung bei. Zugegeben ist er wohl der prominenteste Autor, der in der Sammlung vertreten ist, doch ein Kleinverlag, der durch Inhalte überzeugt, sollte so etwas nicht nötig haben.

Auch das Covermotiv von Mark Freier bezieht sich auf die Hohlbein-Geschichte „Der dünne Mann“ und ist leider weniger abstrakt als die bisherigen Cover der Reihe. Die ebenfalls von Mark Freier gestalteten Innenillustraionen geben jeweils perfekt die Stimmungen der einzelnen Geschichten wieder.

Die Veröffentlichung „Der dünne Mann“ hat inzwischen den 1. Platz beim Deutschen Phantastik Preis 2007 als „Beste Original-Anthologie/KG-Sammlung“ geholt. Darüber hinaus belegte Andreas Grubers Beitrag „Wie ein Lichtschein unter der Tür“ Platz 4 in der Kategorie „Beste Kurzgeschichte“.

Ihre Meinung zu »Alisha Bionda: Der dünne Mann - und andere düstere Novellen«

Ihr Kommentar zu Der dünne Mann - und andere düstere Novellen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.