Inseln im All von Arthur C. Clarke

Buchvorstellungund Rezension

Inseln im All von Arthur C. Clarke

Originalausgabe erschienen 1952unter dem Titel „Islands in the Sky“,deutsche Ausgabe erstmals 1958, 154 Seiten.ISBN 3-442-23006-3.Übersetzung ins Deutsche von Lothar Heinecke.

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In Kürze:

In Kürze: Der 17jährige Roy Malcolm gewinnt bei einem Fernsehquiz eine reise zu einer Weltraumstation. In Form einer packenden Reportage werden Roys Erlebisse und Abenteuer auf diesem Raumflug geshildert: ein visionäres Bild, das nicht mehr weit von der Wirklichkeit des Heue entfernt scheint …

Das meint phantastik-couch.de: „Jugend auf dem Sprung ins All“80

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Die Welt gegen Ende des 21. Jahrhunderts: Wissenschaft und Technik (sowie ein tüchtiger Fußtritt für grüne Zauderer und andere Fortschritts-Bremser) haben der Menschheit endlich Frieden & Glück gebracht. Hunger und Umweltverschmutzung sind nicht mehr, seit die Weltmeere als unerschöpfliche Weidegründe entdeckt wurden, und auch das Unrecht ist verschwunden, nachdem die Erdlinge endlich begriffen hatten, dass nur die Vereinigten Staaten von Amerika den Schlüssel zum Heil besitzen. Seit alles nach deren Pfeife tanzt, läuft es ausgesprochen gut auf Erden – und auch darüber: Bemannte Station kreisen im Orbit. Unter ihnen ist die „Innere Station“ nicht gerade die größte und berühmteste, aber man kennt sie, weil sie am Nachthimmel zu einem vertrauten Anblick geworden ist.

Genau dorthin zieht es Roy Malcolm, gerade 17 Jahre alt geworden und Entdecker mit unheilbarem Weltraum-Fieber. In dieser schönen Welt ohne Internet oder sonstige sündhafte Ablenkungen ist es möglich, dass auch ein Landei aus Kansas nach den Sternen greift. Roy ist ein kluger Kopf, der im Schulunterricht gut aufgepasst hat. In einer futuristischen Variante der „Wer wird Millionär“-TV-Show, in der harte physikalische Fakten abgefragt werden (dafür gibt es in Clarke-Universum tatsächlich ein Publikum – das ist Science Fiction!), gewinnt er eine Reise zu eben dieser „Inneren Station“, die er stellvertretend für alle strebsamen jungen Erdmenschen offenen Auges, wachen Geistes & männlichen Geschlechtes antritt.

Das gehört sich auch so, denn nur die Tüchtigsten kommen ins All. Aber Roy findet seine Nische, nachdem er, der Neuling, etwaige Vorbehalte der „Jungens“ – raue Weltraum-Azubis, die in Rede und Handlung Rätsel darüber aufgeben, ob sie denn wirklich die menschliche Elite der Zukunft repräsentieren – angemessen sportlich, d. h. mit der Faust (aber nur Schläge oberhalb der Gürtellinie!), ausgeräumt hat. In den nächsten Wochen lernt Roy den Alltag unter den Sternen (und Stations-Kommandant Doyles recht bärbeißige Unterrichts-Methoden) kennen, beobachtet die Dreharbeiten zum ersten im All gedrehten Spielfilm, besucht ein Weltraum-Hospital, lässt sich vom ersten Flug zum Merkur erzählen, gerät in Raumnot, fliegt um den Mond, lernt echte Marsmenschen kennen und entwickelt sich allmählich zu einer wahren Hoffnung für die Menschheit von Morgen, in deren Auftrag er darauf brennt, noch mehr zu lernen, um später als Pilot jene Planeten des Sonnensystems anzufliegen, auf denen bisher noch keine Kolonien eingerichtet werden konnten.

Die neue Grenze außerhalb der Erde

„Islands in the Sky“ gehört zu den Frühwerken des SF-Dinosauriers Arthur Charles Clarke (geb. 1917). Von der Kritik wird es nicht so hoch bewertet wie ewige Klassiker à la "Childhood=s End„ (1950, dt. “Die letzte Generation„), “The Deep Range„ (1957, dt. “In den Tiefen des Meeres„) oder gar “2001 – A Space Odyssey„ (1968, dt. “2001 – Odyssee im Weltall„), aber ganze Generationen weniger kleinlicher Leser liebten es trotzdem heiß und innig. Nicht selten haben sie das Genre mit diesem Roman kennen gelernt. Selbst wer sich nicht mehr des Verfassers, des Titels oder der Handlung besinnt, hat ganz sicher nicht den beinlosen Raumbären Commander Doyle vergessen.

Wenn sich die Geschichte als solche nur schwach einprägt, dann sicherlich auch, weil es sie streng genommen gar nicht gibt: “Inseln im All„ ist eine lose Folge mehr oder weniger dramatischer Episoden, die keinem echten roten Faden folgen. So etwas ist offenbar nicht nötig, wenn man zwar auch unterhalten, vor allem aber belehren will. “Inseln ...„ ist ein SF-Abenteuer für die Jugend, die Mitte des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger unauffällig für Wissenschaft und Weltraumfahrt begeistert werden sollte. Anders als im roten Reich des Bösen – der UdSSR – musste in der westlichen Welt – kleiner Nachteil einer nicht-diktatorischen Regierungsform – dieser Umweg gewählt werden, um den Nachwuchs für die Verteidigung des freien Westens zu rekrutieren. Wenn gleichzeitig eine Generation nicht allzu freigeistiger, d. h. der Obrigkeit gehorsamer, systemkonformer und strebsamer junger Männer (die Damenwelt blieb in dieser Vergangenheit der Zukunft außen vor) dabei entstand – um so besser!

Wissen ist ihr einziges Lebensziel

Ganz so zynisch darf man aber über Arthur C. Clarke oder “Inseln im All" nicht urteilen. Hier müssten größere Sünder geziehen werden – allen voran der John Wayne der Science Fiction: Robert A. Heinlein (1907-1988), der gleich eine ganze Serie von SF-Romanen für die Jugend verfasste, von denen „Rocket Ship Galileo“ (1947, dt. „Reiseziel Mond“) den „Inseln“ thematisch immerhin so nahe kommt, dass direkte Vergleiche möglich werden. Sie fallen recht eindeutig zugunsten Clarkes aus. So ist Commander Doyle, die zentrale Respektsperson der „Inneren Station“, keiner dieser alten Heinlein-Bullen, die alles besser wissen und können, keinerlei Probleme damit haben, dies ihrer Umwelt ständig unter die Nase zu reiben & es auch noch mit allerlei verlogenen Spießer-Weisheiten garnieren. Auf der anderen Seite sind auch Clarkes Jugendliche für angehende Raumhelden recht unbedarfte Zeitgenossen, die aber immerhin ihr Hirn nicht nur gebrauchen dürfen, um mit Bleistift und Rechenschieber und notfalls im Kopfstand den Kurs zum Alpha Centauri zu berechnen.

Wer sich immer noch gern in dem Wahn wiegt, SF-Autoren wüssten mehr über die Zukunft als z. B. die Wetterfrösche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, kommt in „Inseln im All“ wenigstens einmal auf seine Kosten. Arthur C. Clarke hat sich tatsächlich als Erster durch den Kopf gehen lassen, wie man globusweit mit Hilfe von Satelliten im geostationären Orbit kommunizieren lassen könnte. Seine Studie erschien 1945, glücklicherweise nicht als SF-Roman, so dass sie auch von jenen, die das Sagen haben auf dieser Erde, ernst genommen wurde. (Inzwischen darf sich der Autor deshalb „Sir Arthur“ nennen, denn Clarke war und ist Brite.) Relais-Satelliten tauchen selbstverständlich in Clarkes Werken oft auf. Auch die „Inseln im All“ sind letztlich nichts als solche künstlichen Himmelskörper, wobei der Verfasser insofern irrte, als er die Kommunikation via All davon abhängig machte, dass besagte Satelliten bemannt sind: Viel kostengünstiger und effektiver sind vollautomatische, vergleichsweise winzige Maschinen, die problemlos von der Erde aus überwacht werden können.

Als der Himmel noch unendlich schien

Aber Clarke ging es stets auch darum, den Menschen ins All zu locken. Entdecken und Erobern gingen 1952 in einer historischen Atempause zwischen dem II. Weltkrieg und den Schrecken einer von Umweltverschmutzung, skrupelloser Globalisierung oder Welthunger geprägten Zukunft, die in jeder Hinsicht glanzloser ausfallen würde als von den Zeitgenossen erhofft, nahtlos ineinander über. Deshalb verschwendet er, der angebliche Fachmann für Weltraumfahrt, auch keinen Gedanken daran, dass der Mensch auf Dauer eigentlich nichts dort verloren hat, wo er keine Luft mehr zum Atmen findet. Natürlich mag Clarke auch nicht an die Kosten einer mit Weltraumstationen geradezu gepflasterten Straße zum Mond denken, der unabhängig von der Frage, warum der Mensch ausgerechnet dort präsent sein muss, selbstverständlich kolonisiert wurde.

Viel Romantik, aber veraltete Fachkenntnisse stellt Clarke unter Beweis, wenn er von Mars oder Merkur berichtet. Für seine Geschichte ist es wichtig, dass der Merkur der Sonne stets dieselbe Seite zuwendet. Dass auch dieser Planet sich dreht – für eine Umdrehung benötigt er unglaubliche 176 Tage, während das Merkur-Jahr, d. h. die Zeit, die eine Umkreisung der Sonne in Anspruch nimmt, nur 88 Tage dauert – konnte Clarke 1952 noch nicht wissen. Macht nichts, denn sonst hätte Kommandant Doyles spannende Flucht vor den lichtscheuen Merkur-Spinnen ausfallen müssen.

Lehnen wir uns ungeachtet diverser logischer Einwände zurück und überlassen uns einfach unseren Träumen. Dass „Inseln im All“ sie auch heute noch anfacht, macht den eigentlichen Klassiker-Status aus: Die scheinbar alltäglichen Erlebnisse des Roy Malcolm beschreiben eine Zukunft, um die wir, die aus Erfahrungen klüger, aber auch zynisch gewordenen Menschen des 21. Jahrhunderts uns betrogen fühlen. Im grellen Licht der Realität gibt es kaum noch Nischen für große Visionen. Das endlose, peinliche Gezeter und Gezerre um die erste echte Weltraum-Station im Erdorbit, die inzwischen niemand wirklich mehr haben will, weil sie nicht zu finanzieren ist, führt uns vor Augen, dass die „neue Grenze“ der Menschheit heute ganz sicher nicht mehr im All verläuft. Aber es gab einmal eine Zeit, als sie zum Greifen nahe und überhaupt alles möglich zu sein schien – und daran erinnern wir uns; zwar voller Wehmut, aber eben immer noch gern.

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