Aetherio. Eine Planetenfahrt von August Niemann

Buchvorstellungund Rezension

Aetherio. Eine Planetenfahrt von August Niemann

Originalausgabe erschienen 1909, 171 Seiten.ISBN 3940679666.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „Ironischer Geniestreich“85

Science-Fiction-Rezension von Horst Illmer

Der auf Nachdrucke und Neuausgaben seltener klassischer Science-Fiction-Werke spezialisierte Verlag von Dieter von Reeken hat mit der Edition von August Niemanns 1909 erstmals veröffentlichter Erzählung „Aetherio“ erneut ein glückliches Händchen bewiesen. Während viele Texte der damaligen Zeit heute nur noch schwer zugänglich sind (oder, weit schlimmer, einem unerquicklichen politischen Weltbild das Wort reden), bietet Niemanns Roman eine durchaus kurzweilige und gut lesbare Geschichte an.

Natürlich liegt er mit praktisch allen seinen „Vorhersagen“ weit daneben, allerdings: manchmal dann doch auch wieder nicht. Dies verdankt sich einem Umstand, der Niemanns Buch deutlich aus den Werken zeitgleicher Autoren heraushebt – seinem ironischen Gehalt.

„Die Dichter sind immer die Vorläufer der Erkenntnis gewesen,“ sagte die Prinzessin. „Sie sehen mit begeistertem Auge die Wahrheit, ehe der mühsam forschende Gelehrte sie findet.“

Dazu später mehr. Betrachten wir zuerst einmal die Geschichte selbst. Niemanns Buch spielt etwa hundert Jahre in der Zukunft (also zu Beginn des 21. Jahrhunderts!) und beginnt mit einem Abendessen zweier Gelehrter in einem China-Restaurant, Unter den Linden in Berlin. Von dort aus geht es mit dem Automobil zum Palast der Prinzessin Fantasia, die als freigeistige und widerspenstige Nichte des Königs einige ernste Probleme mit ihrem Oheim hat. Ihr Leibarzt Pratico und das Universalgenie Meditor stehen ihr als treue Freunde zur Seite und erregen so den Zorn des Herrschers. Gemeinsam fliehen die drei in einem von Meditor gebauten Luftfahrzeug nach Italien, wo sie noch den Mechaniker Peppino an Bord nehmen.

Bei dem Gefährt handelt es sich um ein Allzweck-Mobil aus fast unzerstörbarem kristallisiertem Wasserstoff (oder eigentlicher: aus dem universellen Stoff „Aether“), mit dem man nicht nur schwimmen und fliegen, sondern sogar ins Weltall reisen kann. Schnell einigt man sich darauf, mit dem „Aetherio“ einen Flug zum Mond zu unternehmen.

Dort angekommen, entdeckt die Reisegesellschaft, dass der Erdtrabant eine Scheibe ist, auf deren Rückseite man durch einen Riss in der Mitte gelangt:

Pratico entfaltete eine Karte der konvexen Mondfläche, wie sie auf der Erde gesehen und gezeichnet wird. „Sie haben recht, Meditor,“ sagte er, „die Vertiefungen, die wir sehen, während keine einzige Erhöhung vorhanden ist, entsprechen den Erhöhungen, die als Ringgebirge und einzelne Berge hier schraffiert sind. Die Schale ist von getriebener Arbeit, wie der Schild des Achilles. Was auf der einen Seite erhaben, das ist auf der Rückseite vertieft.“

Da die Bewohner der atmosphärelosen Rückseite ästhetisch wenig ansprechend sind und auch nur Krieg gegeneinander führen wollen, beschließt man auf Wunsch der Prinzessin, zum Mars zu fliegen. Diesem Reiseziel nähert man sich jedoch aufgrund der geringen und unzureichenden Manövrierfähigkeit des Aetherio nur langsam und auf diversen „Umwegen“: Zuerst erreicht man die Venus (wo die sehr menschenähnlichen Einheimischen auch wieder nur Krieg spielen wollen und wo man einen Wissenschaftlerkollegen an Bord nimmt), danach geht es zum Saturn (dessen Oberfläche von riesigen vogelähnlichen Geschöpfen bewohnt ist, mit denen man jedoch nicht in Kontakt kommt).

Erst ein vorbeilfliegender Komet bringt den Aetherio und seine nun fünfköpfige Besatzung schließlich auf den Mars. Dieser besteht aus Meerschaum und wird von überaus freundlichen, feengleichen Wesen bewohnt, die unsere Reisenden mit einer Überraschung empfangen:

Im Namen der Königin wurden die Fremden willkommen geheißen und zum Besuch des Palastes eingeladen. Das Erstaunen der Reisenden war grenzenlos. Sie verstanden jedes Wort: Der Zeremonienmeister sprach englisch, ein reines und feines, nur etwas fremdartiges Englisch. „Wunderbar! Unfaßlich!“ murmelte Pratico. „Sollte es wirklich auf den Planeten überall dahin kommen, wohin es schon auf der Erde gekommen ist? Ist die englische Sprache die Weltsprache?“

Als Pratico bei einem Schiffsunglück die Königin rettet, erklärt diese ihm ihre Liebe. Hin und her gerissen zwischen den eigenen (unerwiderten) Gefühlen für die Prinzessin und dem verlockenden Angebot der Herrscherin des Mars, entscheidet er sich …für die Pflicht und bleibt weiter bei seinen Freunden.

Erleichtert tritt man nun endlich die Rückreise zur Erde an, die allerdings zu einem tatsächlichen „Rücksturz“ wird. Im Bereich der Sandwich-Inseln (heute unter dem Namen Hawaii besser bekannt) dringt der Aetherio durch die Erdkruste, fällt in ein riesiges unterirdisches Meer und erreicht den Mittelpunkt des Planeten. Schließlich bohrt sich das Wundergefährt in Südafrika wieder an die Oberfläche. Während die Reisenden glücklich die frische Luft einatmen und sich die Füße vertreten, erreicht Lord Prestige den auf seinen Ländereien liegenden Platz. Trotz seiner britischen Steifheit begeistert sich der Lord sofort für das Raumschiff und als er es nicht kaufen kann, bittet er die Prinzessin um ihre Hand. Lächelnd lehnt diese ab. Trotzdem bleiben alle als Lord Prestiges Gäste auf der Farm und frönen hinfort glücklich und zufrieden ihren wissenschaftlichen Forschungen. Nur Lesnah, der Venus- Gelehrte, der ihre Reiseabenteuer als Sachbuch veröffentlicht, hat wenig Erfolg:

„Auf der Venus habe ich geglaubt, andere Planeten würden mir Anerkennung spenden, nun aber auf der Erde sehe ich ein, daß das Publikum überall dasselbe ist. Meine einzige Hoffnung ist noch die Zukunft. Wenn ich tot sein werde, dann dürften die Gelehrten den Wert meiner Schriften erkennen.“

Diese (womöglich selbstironisch gemeinten) Schlussworte zeigen noch einmal, warum der Leser bei der Lektüre von Niemanns Buch immer wieder kopfschüttelnd lächeln muss. Ungeachtet des sehr einfachen Erzählstils sprüht der Text vor purer Ironie: Auf der Venus herrschen Männer des Krieges, auf dem Mars dagegen führt eine freundliche Königin ein friedliches Volk. Die philosophischen Gedanken werden von der Prinzessin formuliert (die auch ihr Leben bedenkenlos für die Wissenschaft opfern würde), während ihr Leibarzt (trotz seiner Liebe zu ihr) eher zögerlich ist und an allem nur herumnörgelt. Viele der naturwissenschaftlichen Theorien die um 1900 als anerkannt galten, werden von Professor Meditor in ihr Gegenteil verkehrt und dann „bewiesen“: Die Erde ist hohl und nur etwa 20.000 Jahre alt, das ehemalige Atlantis wurde aus der Erdkruste gerissen und dann zum Erdenmond, dieser Mond ist eine dünne Scheibe, die Naturgesetze entsprechen den mittelalterlichen Annahmen usw.

Wie viel davon August Niemann absichtlich in seinen Roman einbaute, lässt sich heute natürlich nicht mehr erkennen. Allerdings zeigen seine ausführlichen „Widerlegungen“, dass er die zeitgenössischen Theorien kannte. Die Erwähnung von Jules Verne, Camille Flammarion und Voltaire als literarische Vorläufer deuten zudem darauf hin, dass Niemann auch mit der damaligen utopisch-phantastischen Literatur einigermaßen vertraut war. Die Aufnahme Gustav Fechners in diesen Kanon dürfte zudem ein kleiner Seitenhieb auf seinen schreibenden Zeitgenossen (und Fechner-Fachmann) Kurd Laßwitz sein, dessen Roman „Auf zwei Planeten“ (1897) bereits damals als bedeutender Grundstein für eine ganz neue literarische Gattung zu erkennen war.

Trotz einiger Schwächen in der Personencharakterisierung und den manchmal etwas zu ausführlichen Diskussionen über die Natur der Dinge, liest sich „Aetherio“ doch sehr angenehm. Obwohl noch vor dem 1. Weltkrieg entstanden, hat der Roman doch genügend Schwung und gute Ideen um keinen Gedanken an „Biedermeier“ aufkommen zu lassen. Franz Rottensteiner formuliert das in seinem Nachwort so: „ein kurioses Produkt, eine flotte Space Opera, die vor allem durch die Dreistigkeit besticht, mit der sich der Autor über alle physikalischen Gesetze und astronomischen Kenntnisse hinwegsetzt, die er durch skurrile Phantasterei ersetzt“.

Dem ist zuzustimmen.

(Horst Illmer, August 2012)

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