Die Informanten von Bret Easton Ellis

Buchvorstellungund Rezension

Die Informanten von Bret Easton Ellis

Originalausgabe erschienen 1994unter dem Titel „The Informers“,deutsche Ausgabe erstmals 1995, 257 Seiten.ISBN 3-462-03053-1.Übersetzung ins Deutsche von Clara Drechsler.

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In Kürze:

Auch im Nachfolgebuch zu seinem international erfolgreichen und umstrittenen Roman »American Psycho« bestätigt Ellis einmal mehr seine herausragende Stellung als literarischer Chronist der Gegenwart. In zwölf miteinander verwobenen Geschichten zeichnet der Autor das Bild einer sanften Apokalypse im Los Angeles der 80er Jahre: Braungebrannte Teenagerstudenten kreuzen mit ihren Porsches durch die Straßen zwischen Bel Air und Malibu Beach, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, der ihrem kreditkartengesicherten Leben etwas Authentizität verleiht. Ob Drogendealer oder höhere Tochter, alle sind sie Konsumexperten – MTV, In- Restaurants, Drogen und Armani – man trifft sich zum Essen, zur Koksline, zum Sex, und man hat sich doch nichts zu sagen. Ihre Eltern stehen ihnen dabei in nichts nach, frustrierte Ehefrauen aus dem Filmbusiness halten sich Liebhaber im Alter ihrer Söhne, ein Vater nötigt seinen Sohn zum Wochenendtrip nach Hawaii, der sich als Fahrt ins blanke Nichts entpuppt. Ein Rockstar auf Welttournee schändet im Drogenrausch Zimmermädchen und Groupies, um dann von seinem Manager zu verlangen, was der Wunsch all dieser saturierten Upper-Class- Figuren zu sein scheint: »Bring mir meine Träume in Ordnung.«

Das meint Phantastik-Couch.de: „Schöne kaputte Welt“87

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Bret Easton Ellis hat mit Patrick Bateman in „American Psycho“ den Archetypen eines modernen Monsters geschaffen, das sich stilsicher im Armanianzug und mit dem Understatement der gelangweilten Aufstrebenden, Reichen und Schönen durch die Seiten meuchelt.

Im Nachfolgewerk „Die Informanten“ thematisiert Ellis erneut die Entfremdung, den Irrsinn und die totale Abgestumpftheit der amerikanischen Upperclass. Allerdings verzichtet er auf ein Aushängeschild à la Bateman und zeigt uns stattdessen seine namenlosen und nur auf den ersten Blick harmloseren Klone. Keine Psychopathen, deren Innensicht detailgetreu dargelegt wird, sondern austauschbare Halbprominente der oberen Gesellschaftsschicht. Fast alle von ihnen haben dank dem Vorzug eines übervollen Bankkontos keine existenziellen Sorgen. Die Kulisse ist das sonnendurchflutete Kalifornien: L.A., Beverly Hills, Hollywood, die Gravitationszentren der Film- und Musikindustrie. Die Stories spielen in den 1980er-Jahren, in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs. Schon fast unwirklich mutet diese Vergangenheit aus heutiger Sicht an, wo das Geld nur so auf der Straße lag. Und dennoch scheint gerade Hollywood, das vielleicht am gleißendsten den ´amerikanischen Traum´ verkörpert, eine Brutstätte für allerlei menschliche Abnormitäten zu sein. Es geht einmal mehr um den Niedergang des Menschlichen in einem vorrangig auf Konsum ausgerichteten Wertesystem. Die Protagonisten sind Sorgenfreie und dennoch Unbefriedigte, die den letzten Kick bei Sex, Drogen oder Gewalt suchen. Sie sind austauschbar, individuelle Züge gibt ihnen der Autor nicht: blond, jung, gutaussehend und sonnenverbrannt und immer mit Vollgas in teuren Autos unterwegs. Schönheit, die buchstäblich weh tut. Im Innern tragen sie aber eine Leere und zelebrieren ihre ´Nichtkommunikation´ mit dem Rest der Menschheit auf hohem Niveau. Ob aus Unvermögen oder aus einer Lebenshaltung heraus, die irgendwie cool wirken soll, bleibt der Interpretation der Leser überlassen.

Es geschieht nicht viel in diesen Geschichten: Die Jungs und Mädels fahren Porsche und Ferrari oder sie essen in überteuerten Restaurants, arbeiten sogar (in Filmstudios oder bei Plattenfirmen) und sie haben Sex. Es sind einige darunter, die Familien gegründet haben. Andere schlagen sich bereits mit ihren Scheidungen herum. Aber eines haben alle Figuren gemeinsam: den Wunsch nach Inhalten. Ihr komfortables alltägliches Nichts versuchen sie verzweifelt zu füllen, indem sie sich das Koks am Laufmeter durch die Nase ziehen oder ihr Schicksal sonst irgendwie herausfordern. Und bald tun sich hinter den mondänen Fitnesszentren, den Nachtclubs und sonnenbeheizten Boulevards, selbst in den Schlafzimmern der Figuren, Abgründe auf …

Geschichten über Kontrollverlust

In „Auf den Inseln“ nötigt Les seinen Sohn Tim (der bei Les´ getrennter Frau lebt) zu ein paar Ferientagen auf Hawaii. Zeit, um so einiges unter Männern zu bereden. Schon am ersten Abend an der Hotelbar schmeisst sich der brunftige Vater an zwei Mädels heran und beschert seinem Sohn eine peinliche Szene. Als der neunzehnjährige Tim dann eine Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen macht, das ihm gefällt, scheint die Welt für kurze Zeit wieder in Ordnung. Doch nicht für lange, denn als der aufdringliche Les mit der Ferienbekanntschaft seines Sohnes anbändelt, gerät der schüchterne Tim zunehmend in Verwirrung. Wieso verhält sich sein Vater so? Er will ihm doch nicht wirklich die Ferien vermiesen? Oder ist es Les´ eigene Angst vor dem Altern, die diesen so handeln lässt? Ein Kokettieren und Abtasten welchen ´Marktwert´ er noch besitzt? Die Story thematisiert die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, und in Les´ Fall geht diese durchaus mit quälerischen Zügen einher, die sein eigener Sohn zu spüren bekommt.

Weniger subtil, dafür umso satirischer geht es in „Japan entdecken“ zu und her. Bryan Metro, ein dank Drogenexzessen, Sex und Erfolg authentisch gealterter Rockmusiker, fliegt für ein Konzert nach Japan. Er zertrümmert sein Hotelzimmer, vergeht sich sexuell an Minderjährigen, balgt mit Groupies herum und trifft sich im Vorfeld des Konzerts mit irgendwelchen ´wichtigen´ Leuten, von denen er noch nie gehört hat. Pillen und Pülverchen gehören ebenfalls munter dazu. Und als ob der Raubbau am eigenen Leib & Geist noch nicht genug hergäbe, spart Bryans Manager und ´Kindermädchen´ Roger nicht mit zynischen Kommentaren zur verbockten Existenz seines Chefs. Das Konzert in Tokyo wird ein Fiasko und Bryan macht sich als Künstler definitiv lächerlich. Die Geschichte zeigt auf vordergründig witzige Art, wie es manchem Künstler der drogenintensiven Achtziger ergangen sein könnte. Gleichzeitig deutet sie an, dass ein ´Kontrollverlust´ über das eigene Leben nicht nur von äußeren Umständen abhängen muss, sondern dass uns da vielleicht auch manchmal ein Dämon im Nacken sitzt, der uns stetig den Wahnsinn in die Augen träufelt.

Der Mensch ist ein unsicheres Tier

„Die Informanten“ ist nicht unbedingt ein Roman. Die einzelnen Geschichten besitzen übergeordnet keinen roten Faden, der sie miteinander verbindet. Trotzdem bestehen zwischen den Erzählungen thematische Gemeinsamkeiten und einzelne Namen der Handelnden tauchen mehrmals auf, allerdings ohne dass sich beim Lesen ein Gefühl der Orientierung einstellt. Was am Anfang des Buches noch wie ein realistisches Porträt wirkt, liest sich gegen Ende als Satire mit zunehmend irrealen Elementen. Da wundert es einen zuletzt gar nicht mehr, dass echte Vampire oder Außerirdische die Bühne betreten. Und es spielt auch gar keine Rolle, aus welchen Gründen einige Figuren als Leichen in Mülltonnen landen. Ob sie einer kriminellen Gang in die Hände fielen oder ob sie von Vampiren massakriert wurden, das Resultat ist in „Die Informanten“ gleichbedeutend. Ellis beschwört auf den Seiten seines Buches überhaupt keine ´Endzeit´ herbei, sondern die Welt geht bei ihm schon seit längerem unter.

Folgerichtig hat die letzte Erzählung „Mit Bruce im Zoo“ einen Besuch im Tiergarten zum Thema: Die Erzählerin erhofft sich von ihrem Begleiter und heimlichen Liebhaber Bruce, dass sich dieser endlich von seiner Frau trennt, um mit ihr zusammenzukommen. Doch Bruce macht keine Anstalten, sich irgendwie festzulegen. Stattdessen schauen sie sich schweigend die Tiere an, die durchs Band apathisch, verängstigt und verunsichert wirken. Auch der Mensch ist ein Tier, so lässt sich dieser Zoobesuch deuten, aber nicht unbedingt wegen seiner Grausamkeit, sondern eher seiner Unsicherheit und seiner Angst wegen, die ihn am Leben halten. Wie am Ende von „Mit Bruce im Zoo“ lässt uns Ellis dann allein mit seinen undurchsichtigen, puppenhaften Protagonisten. Und zurück bleibt selbst unter der prallen Sonne Kaliforniens das Grauen, gut gekühlt wie eine Dose Diet Pepsi in der Hand.

(Thomas Nussbaumer, Februar 2012)

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