Die Verschollenen von Brian Keene

Buchvorstellungund Rezension

Die Verschollenen von Brian Keene

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Castaways“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 381 Seiten.ISBN 3-453-52742-9.Übersetzung ins Deutsche von Charlotte Lungstrass.

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In Kürze:

Eine tropische Insel mitten im Ozean. Eine Gruppe Kandidaten für eine Reality-TV-Show. Ein Geheimnis, das den Trip ins Paradies schon bald in ein blutiges Gemetzel verwandelt. Wer schafft es heil von der Insel herunter? Und was zur Hölle treibt dort sein Unwesen? Das Spiel ist vorbei – der blutige Ernst des Überlebens hat begonnen…

Das meint Phantastik-Couch.de: „Insel der rollenden Hohlköpfe“50

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Zehn im realen Leben gescheiterte Pechvögel und Hohlköpfe verkaufen dem Teufel bzw. einem US-Fernsehsender ihre Seelen. Sie werden auf eine Tropeninsel im Südpazifik geschafft, wo sie im Rahmen der Realityshow „Castaways“ gegeneinander antreten. Dümmliche Spiele, inszenierter Streit und voyeuristische Fleischbeschau sollen für hohe Einschaltquoten sorgen, während ein eingebildeter ´Moderator´ die Peitsche schwingt.

Die Invasoren aus der Zivilisation haben selbstverständlich weder Interesse an noch Kenntnis von der Geschichte des vermeintlich einsamen Eilands. Sie wüssten sonst, wieso die Ureinwohner der Region sie meiden wie die Pest: Seltsame Kreaturen hausen in den tiefen Wäldern. Sie sind leidlich intelligent aber extrem ungesellig und leicht erregbar. Schon früher endeten Besucher ausnahmslos unter ihren Speeren. Die „Castaways“-Meute hat einen besonders ungünstigen Moment für ihren Auftritt gewählt. Den Wesen geht das Jagdwild aus, und die inselbedingte Isolation ließ sie degenerieren.

Ein aufziehender Tropensturm sorgt für die ersehnte Gelegenheit. Die skrupellosen Fernsehleute lassen ihre Dschungelcamper auf der Insel zurück. Ohne Störung beginnen die Geschöpfe, ihren Plan zu verwirklichen: Die Männer sollen im Kochtopf landen, die Frauen gesunde Monsterbabys zur Welt bringen.

Natürlich ergeben sich die entsetzten Opfer nicht in ihr Schicksal. Allerdings verhindern Feiglinge und Irre die Bildung einer kampfstarken Front, während der Gegner seinen Heimvorteil erbarmungslos ausnutzt. Zu einem gewissen Ausgleich kommt es erst, als die Überlebenden die Gesetze und Regeln der Zivilisation abstreifen und es den Wesen mit gleicher Münze heimzahlen …

Horror – und NUR Horror!

Wieso orientiert sich Brian Keene für seinen Roman „Die Verschollenen“ ausgerechnet an Richard Laymon, einem – vorsichtig ausgedrückt – fragwürdigen Vorbild? Die Antwort ist einerseits einfach und andererseits schwer verständlich: Keene möchte Laymon als König des literarischen Trash-Horrors huldigen. Dieser merkwürdige Monarch war weniger Schriftsteller als Lieferant eines rasanten, wie besessen produzierten Grobschnitt-Grusels, der im Rahmen simpler Plots und auch stilistisch denkbar einfach grässliche Metzeleien und pubertäre, gern durch Gewalt ´aufgepeppte´ Sex-Szenen aneinanderreihte.

In schneller Folge warf Laymon solche Reißer auf den Buchmarkt, denn es gab (und gibt) ein Publikum, das seinen Horror lieber eindimensional, d. h. ohne Subtext oder ähnliche Ecken und Kanten goutiert. (Böse Menschen – zu denen dieser Rezensent natürlich nicht gehört – würden in diesem Zusammenhang Mutmaßungen über Anspruch oder gar Intellekt der genannten Leserschaft anschließen; weiten wir stattdessen die Definition dessen aus, was „Unterhaltung“ darstellt, und gönnen wir dem Trashhound, was des Trashhounds ist.) Diesen lukrativen Kurs haben weitere Autoren eingeschlagen, zu denen auch Brian Keene gehört.

Mit „Die Verschollenen“ schließt er einen Kreis, den Laymon mit „The Cellar“ (dt. „Im Keller“) 1980 öffnete. Dieses Buch wurde Keene zur Vorlage, obwohl auch Laymon seinen Horror-Roman „Island“ (1995; dt. „Die Insel“) auf einer tropischen Insel spielen ließ. Wie der Verfasser in einem Nachwort berichtet, ehrten 2001 Laymon-Jünger den gerade verstorbenen Meister mit einem voluminösen Erinnerungsbuch. Keene trug die Story „Castaways“ bei, die lose an Laymons „Im Keller“ anknüpfte. Dort hausten Kreaturen, die ein allzu unternehmungslustiger Seefahrer einst von einer Pazifikinsel entführt hatte. Keene ließ seine Protagonisten 2001 genau dort stranden. Für „Die Verschollenen“ strich er 2009 diesen Kontext. Die „Keller“-Monster sind nun einfach Monster auf einer Insel.

„Locked Room Hystery“

Nicht nur der Rätselkrimi liebt den von der Außenwelt isolierten Tatort. Alle Verdächtigen sind versammelt, niemand kann flüchten, und von außen ist keine Einmischung zu befürchten: Man muss sich arrangieren sowie damit leben, dass der Mörder ein Mitglied der Gruppe ist.

Keene wählt eine besonders exponierte Kulisse: Er pfercht seine Figuren in einem sogar heutzutage schwer zugänglichen Winkel der Welt zusammen, der zu allem Überfluss auf allen Seiten von Wasser umgeben ist. Auf dieser Erde gibt es wenige Plätze, die es in Sachen Isolation mit einer Insel aufnehmen können. Flucht ist – mit freundlicher Unterstützung eines Wirbelsturms – unmöglich.

Das Böse kommt nicht bzw. nur bedingt aus den Reihen der TV-Insulaner. Es ist auf der Insel ansässig und tarnt sich dort zunächst, bis die Falle zuschnappt. Aus seiner Existenz macht Keene kein Geheimnis; Stimmung und subtiler Spannungsaufbau sind dem Trash-Horror fremde Elemente. Irgendwann und zu einem erstaunlich frühen Zeitpunkt tauchen die Kreaturen auf, von denen wir primär wissen müssen, dass sie böse, hungrig und geil sind.

Wenn sich Mensch und Monster treffen, bricht atemlose Hektik bzw. Hysterie aus. Kreuz und quer geht die wilde Jagd – dabei eine breite Spur aus Blut, Eingeweiden und Leichen hinterlassend – über Stock & Stein. Keene bemüht sich nach Kräften, die erwarteten Gräuel zu inszenieren, die indes auf dem Papier nur bedingt die gewünschte Mischung aus Ekel und Faszination entfalten können.

Parade der Pappkameraden

Woran die Figurenzeichnung ein hohes Maß an Mitschuld trägt. Etwa ein Dutzend mehr oder weniger repräsentativer Zeitgenossen hat sich dem Diktat des modernen Müll-Fernsehens unterworfen. Sie tragen Namen, die Keene zwar nennt; er macht sich sogar die Mühe, seinen Protagonisten (klischeetriefende) Vorgeschichten zu dichten, ohne zu bemerken, wie kontraproduktiv dies ist: Dass wir die Figuren kennenlernen, ändert nichts an ihrer Profillosigkeit. Keene könnte sie „Zicke“, „Schläger“, „Psycho“, „Sonderling“, „Mädchen von nebenan“ usw. nennen, was völlig ausreichend wäre. Wir interessieren uns nicht für sie, die ohnehin nur Kanonenfutter sind, das von den Inselmonstern filetiert wird.

Bis es soweit ist, füllt Keene viel zu viele Seiten mit ´perversen´ Sex-Szenen, die höchstens unter verklemmten US-Highschülern für emotionalen Aufruhr sorgen könnten. Hinzu kommen kindische Intrigen, mit denen Keene die Uneinigkeit seiner Robinsons betonen möchte. Sie folgen der Holzhammer-Regie echter Reality-Shows und produzieren folgerichtig nur heiße, übelriechende Luft bzw. Langeweile. Zu allem Überfluss entpuppt sich eine der Fernseh-Marionetten als irrer Fanatiker, der seine Weltverbesserungs-Visionen durch Mord & Todschlag zu verwirklichen versucht.

Keene gelingt die Hommage insgesamt viel zu gut, obwohl er sich besser ausdrücken kann als Laymon. „Die Verschollenen“ ist ein jederzeit eindimensionales Hit-&-Run-Spektakel, das durch Blut-und-Gekröse-Einlagen aufgeladen werden soll. Doch ohne jede Raffinesse serviert, funktioniert Splatter höchstens im Film. Wieso sollte man sich durch ein Buch quälen, das nur andeuten kann, was Spezialeffekte buchstäblich sichtbar machen? Dieses Manko könnte durch einen hintergründigen Plot ausgeglichen werden. Den gibt es nicht. „Die Verschollenen“ bietet viel Gebrüll, aber es fehlen die Zähne, mit denen sich die Geschichte im Hirn festbeißen könnte; sie erreicht höchstens den Hintern des Lesers.

Ihre Meinung zu »Brian Keene: Die Verschollenen«

Konrad Wolfram zu »Brian Keene: Die Verschollenen«17.07.2011
Die Huldigung an Richard Laymon dürfte hier Brian Keene voll gelungen sein. Der Roman ist temporeich, schnörkellos, mitreißend und kurzweilig.
Gut, der Härtegrad mag nicht jedermanns Sache sein, aber Keene schafft es bestens, das Wort in solide Bilder im Kopfkino des Lesers umzuwandeln, um mit den Charakteren mitzufiebern zu können.
Laymon wie auch Keene dürften die Leserschaft spalten, wie man an der obrigen Rezension ersehen kann. Für mich war Laymon einer der hervorragenden Autoren des Phantastischen und das sogar vor Stephen King, der eher leichtere Kost mit zu viel filigraner Ausarbeitung bietet, die oftmals erschreckend langweilen kann.
Und Keene zeigt hier das er nicht nur schreiben, sondern hier den Faden auch bestens wieder aufnehmen kann, den Laymon als sein Mentor einmal gelegt hatte.
Zu keiner Zeit wirkt DIE VERSCHOLLENEN "aufgeblasen", sondern reißt den Leser förmlich mit und läßt ihn gemeinsam mit den Charakteren des Romans kaum noch zum Luft holen kommen. Selbst Vergewaltigungen werden hier nicht verniedlichend umschrieben, sondern als das dargestellt was sie sind, Brutal und Verachtenswert. Es mag daher nicht in die heile Welt mancher Leser passen, doch man sollte sich schon klar sein darüber was man liest, wenn man einen Roman von Brian Keene (oder Richard Laymon) kauft.
Alles in allem ist der Roman DIE VERSCHOLLENEN der beste Roman in 2011, den ich bisher gelesen habe, und das will bei meinem Lesekonsum im Bereich des phantastischen schon einiges heißen. Wer also einen schnörkellosen und vor Tempo strotzenden Horror-Roman sucht, ist mit diesem Buch von Brian Keene mehr als bestens bedient. Von mir daher ohne Übertreibung 95°!
Alexi1000 zu »Brian Keene: Die Verschollenen«08.02.2011
Mensch gegen Natur/Bestie, gegen Mensch!

Die neueste Veröffentlichung von Brian Keene ist eine Huldigung vor Richard Laymon.
In einer Anthologie zum Andenken Laymon' s ursprünglich als Kurzgeschichte veröffentlicht, ist Keene auf Wunsch seiner Fans noch einigen Jahren nochmal auf die Insel zurückgekehrt, um einen Abendfüllenden thriller draus zu machen...

leider stellt sich dieses Gefühl auch beim Lesen ein, das man es mit etwas nachträglich aufgeblasenem zu tun hat.

Sicher ist die Grundidee spannend mit einigem Potenzial, aber Keene macht den "Schrecken" zu früh sichtbar, was dem herrlichen (unheimlichen) Setting auf der Insel, immens Spannung nimmt!

Von den Charakteren dürfen wir sicher nicht allzuviel erwarten, der übliche zusammengewürfelte Haufen aus allen schichten, von denen einige über sich hinauswachsen werden, andere sich als "schlimmer" als die eigentliche Bedrohung entpuppen.

Letztendlich verbleibt ein flaues gefühl im Magen, wenn Keene ab dem Mittelteil so gewaltig an der Blut und Ekelschraube dreht, das selbst Laymon' s Exzesse dagegen verblassen...soviel zur Hommage (im Nachwort erklärt Keene das aber auch interessant, und "versöhnt" dan teils noch ein wenig; als nichts anderes will er diese Geschichte auch stehen lassen!).

Verbleibt für mich ein gerade mal etwas über dem Durchschnitt rangierender Thriller, wo ich jetzt auch verstehe, warum der schon im Original eher maue Kritziken bekommen hat.

...umso verwunderlicher, das scheints die Fans Keene dazu "gedrängt" haben diese Kurzgeschichte zu "tunen"...

sei es drum, ich gebe Ihm (ein Auge zu) 65°.

Alle die mit Laymon was anfangen können, werden es "verschlingen", wie die Bedrohung unsere Pappkameraden von Protagonisten...
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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