Leichenfresser von Brian Keene

Buchvorstellungund Rezension

Leichenfresser von Brian Keene

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Ghoul“,deutsche Ausgabe erstmals 2013ISBN 3865522076.Übersetzung ins Deutsche von Michael Krug.

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In Kürze:

Etwas lebt auf dem Friedhof und kriecht nachts aus der Erde. Etwas, das nach Leichen sucht und sie frisst …

Sommer 1984. Timmy und seine Freunde freuen sich auf die Schulferien. Aber statt Sonne und Comics erwartet sie der tödliche Kampf mit einer grauenhaften Kreatur.

Der Ghoul hat ihr Blut gerochen und ist auf der Jagd nach den Kindern. Und niemand hilft ihnen, weil niemand glauben kann, dass ein solches Wesen überhaupt existiert.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Von Monstern unter und über der Erde“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Spring Grove ist ein Städtchen im neuenglischen US-Staat Pennsylvania. Wir schreiben das Jahr 1984, gerade haben die dreimonatigen Schulferien begonnen. Vor Timmy Graco, Doug Keiser und Barry Smeltzer scheint sich ein endloser Sommer zu erstrecken. Alle sind sie zwölf Jahre jung, doch die Realität hat sie bereits gezeichnet: Barrys Vater ist ein gewalttätiger Säufer, Dougs alleinstehende Mutter zwingt ihren Sohn zum Sex, und Timmys geliebter Großvater erliegt einem Herzinfarkt.

Buchstäblich unter ihren Füßen bahnt sich ein wesentlich gefährlicheres Drama an: Clark Smeltzer, Barry Vater und Friedhofswächter von Spring Grove, hat mit seinem Bagger im Suff einen alten Grabstein zerbrochen. Darunter lag durch Magie gebannt ein Ghoul gefangen. Vor mehr als einem Jahrhundert war es gelungen, die bösartige Kreatur zu bannen. Nun ist der Ghoul wieder frei, hungrig und geil. Mit Clark schließt er einen Pakt. Er bringt ihm Wertsachen aus den Gräbern, und Clark ignoriert, dass der Ghoul Gräber schändet und die Leichen frisst. Außerdem führt er der Kreatur fruchtbare Menschenfrauen zu: Der Ghoul ist einsam und will eine Großfamilie gründen.

Pfarrerstochter Karen Moore wird die erste unfreiwillige Leichenfresser-Mutter, die der Ghoul in seine unterirdische Höhle zerrt. Katie Moore glaubt nicht, dass ihre ältere Schwester mit dem örtlichen Dorfrebellen durchgebrannt ist. Zeitgleich werden Timmy, Doug und Barry darauf aufmerksam, dass es auf dem Friedhof von Spring Grove nicht mit rechten Dingen zugeht. Immer wieder versinken dort Grabsteine in der Erde. An einen Ghoul denken die Freunde allerdings nicht; sie glauben an natürliche Höhlen unter dem Ort, die sie abenteuerlustig erkunden wollen.

Der Ghoul beginnt sich unter dem Friedhof häuslich einzurichten. Auch frisches Menschenfleisch schmeckt ihm inzwischen. Clark Smeltzer wird dagegen angst und bange: Es bleibt keineswegs unbemerkt, dass in und um Spring Grove immer mehr Menschen verschwinden. Die Polizei wird aktiv, und dann sind da Sohn Barry und seine beiden lästigen, neugierigen, aufmerksamen Freunde, die dank intensiven Comic-Konsums ahnen, was auf dem örtlichen Friedhof umgeht …

Tiefer sinken kann man nicht

Sie müssen einst etwas wirklich Übles angestellt haben, um so finster bestraft zu werden: Ghoule sind eigentlich Dämonen und als solche mit großer Macht ausgestattet, weshalb sie in der Regel gewaltigen Schaden anrichten. Doch schon als sie in der arabischen Folklore erstmals auftauchten, waren sie zu Leichenfressern degeneriert, die auf den Friedhöfen der Menschen die Rolle von Aasgeiern übernehmen mussten.

Von jeglichem 1001-Nacht-Zauber blieben Ghoule auch zukünftig weit entfernt. Sie hausen unter der Erde, wo sie es sich wie gigantische Maulwürfe in Gängen und Schlupflöchern gemütlich machen. Lebensweise und Ernährung bedingen eine optisch abstoßende Gestalt, zumal Körperhygiene nicht zu den elementaren Trieben eines Ghouls gehört. Sonnenlicht gilt es tunlichst zu meiden; das ´reine´ Licht beschert dem Knecht der Unterwelt ein hässliches Ende.

Faktisch steht der Ghoul noch unter dem Zombie: Der ist zwar ebenfalls ein grausig anzusehender Kannibale, doch er kann nichts für sein Schicksal, denn er hat den Verstand verloren. Der Ghoul ist bei vollem Bewusstsein ein Widerling. Sein Hirn funktioniert ausgezeichnet; unser Leichenfresser aus Spring Grove versteht sogar Fremdsprachen. Zwar ist er zu seinem Dasein verflucht, doch er hat sich im Laufe eines langen, offenbar endlosen Lebens nicht nur daran gewöhnt, sondern sogar Gefallen bzw. Geschmack daran gefunden.

Keine Geschichte für Feingeister

Nur die Einsamkeit macht unserem Ghoul zu schaffen. Doch die Natur bietet dafür eine zumindest für Horror-Autoren erfreuliche Lösung: Leichenfresser können sich mit Menschenfrauen paaren und Nachwuchs zeugen. Deshalb ist der Ghoul von Spring Grove bald vor allem damit beschäftigt, einen Harem zusammenzustellen – einer Herausforderung, der er gewachsen ist, denn zumindest Gott Priapus war ihm gnädig.

Somit steht die Richtung fest, in der sich unsere Geschichte bewegen wird. Die Mischung aus Sex, Monster und totem Fleisch bedeutet Horror der harten Art. Allerdings hält sich Keene mit schaurigen Beischlafszenen zurück; er belässt es bei Andeutungen. Der Leser darf sich zusammenreimen, was der Ghoul unter der Friedhofserde mit seinen weiblichen Opfern anstellt.

Wie sich der Leichenfresser den stets knurrenden Magen füllt, ist Keene dagegen viele detailfreudige Schilderungen wert. Wem die Zergliederung zerfallender Leichen nicht gorig genug ist, darf sich darüber hinaus über drastische Morde freuen. Der Ghoul arbeitet dabei ausschließlich mit Zähnen und Klauen, und er legt eine kindliche Freude über hoch aufspritzende Blutfontänen an den Tag.

Wer ist das Ungeheuer?

Nichtsdestotrotz ist Leichenfresser trotz der Ghoul-Thematik keiner jener angeblich „modernen“ Roman-Splatter, deren Verfasser Mordmetzeleien und Sex mischen bzw. gewaltpornografisch auf die Spitze zu treiben versuchen. Entweder wollen sie einfach ein entsprechend gepoltes Publikum bedienen, oder sie rennen im Kampf gegen echte oder eingebildete Tabus voller Eifer gegen Gummiwände an: Was sie zu entfesseln versuchen, lässt höchstens Tugendwächter aufheulen. Faktisch ist dieser Brachial-Horror langweilig, weil er vor allem Exzess an Exzess reiht und sich darin erschöpft.

Obwohl Keene wie gesagt in Ghoulitäten schwelgt, berücksichtigt er gleichzeitig die wichtigste Lehre des klassischen Grusels: Du sollst Figuren schaffen, die den Leser rühren. Das betrifft nicht nur diejenigen Pechvögel, die vom Übernatürlichen heimgesucht werden, sondern schließt ausdrücklich das „Monster“ ein.

Schon Mary W. Shelley hatte 1818 nicht nur dem „Schöpfer“ Frankenstein, sondern auch seinem Geschöpf echte Charakterzüge verliehen. Aus einer tumben Mordmaschine wurde so eine tragische Gestalt, die vor allem ein Gefangener ihres Körpers sowie menschlicher Vorurteile war. Mensch und Monster waren einander nicht fremd, sondern erschreckend nahe. Tatsächlich verkörperte dieses Monster das Böse im Menschen, und seine Gestalt spiegelte es wider. Wer ist eigentlich das Monster, fragt sich auch Timmy Graco mehrfach. Er fürchtet sich vor einem bissigen Hund und dem Ghoul, muss aber lernen, dass beide Kreaturen sind, wie sie sind, und buchstäblich nicht aus ihrer Haut können.

Der Mensch benötigt keine Monster

Das eigentliche Grauen geht stattdessen von Menschen aus. Der böse Hund wurde von seinem Herrn aufgehetzt, den Ghoul treibt sein Selbsterhaltungstrieb an. Clark Smeltzer und Doug Keisers Mutter sind schlimmer: Sie wissen, dass sie falsch handeln, und lassen dennoch nicht von ihren Kindern ab. Aus Eltern, die ihre Kinder schützen und erziehen sollten, sind heimtückische Bestien geworden. Sie sitzen ihren Opfern wesentlich fester im Nacken als der Ghoul, der an die Nacht und den Friedhof gebunden ist.

Leichenfresser ist somit auch eine „Coming-of-Age“-Geschichte, wie sie beispielsweise Stephen King seit Jahrzehnten erfolgreich schreibt. Das Grauen nistet nicht nur unter dem Bett, es ist allgegenwärtig – ein schmerzhafter Lernprozess, den Keene vor allem Timmy Graco zumutet. Er ist auf den ersten Blick ein glückliches Kind mit Eltern, die sich um ihn kümmern. Doch auch hier gibt es schmerzhafte Missverständnisse. So fühlt sich Vater Graco einmal „verpflichtet“, die Comic-Sammlung seines Sohnes zu zerstören, um Timmy von seinen fixen Ideen – ein Ghoul in Spring Grove! – zu „heilen“. Diese Tat wirkt dank Keene ebenso grausam wie Clark Smeltzers brutale Ausraster.

Als es den Ghoul erwischt, geschieht dies nicht im Verlauf eines heroischen Kampfes. Der Verlust seiner „Familie“ treibt die einsame Kreatur an die Oberfläche. Die wahren Monster überleben. In einem deprimierenden Epilog lässt Keene Timmy Graco viele Jahre nach dem Kampf mit dem Ghoul nach Spring Grove zurückkehren. Die „lebenslangen“ Freundschaften der Kindheit sind sämtlich zerbrochen, und Barry Smeltzer ist zum Ebenbild seines Vaters herabgesunken.

Keene trägt in seinen Kindheitserinnerungen manchmal sehr zu auf. Der Ghoul benimmt sich und spricht wie ein TV-Krimi-Drogendealer. Oft wird Keene didaktisch; wenn er uns etwas verdeutlichen möchte, schwebt der erhobene Zeigefinger über den Zeilen. Stephen King (oder Dan Simmons) bewegen sich auf diesem Terrain wesentlich eleganter. Dennoch gehört Leichenfresser zu den besseren Romanen des Vielschreibers Keene. Er weckt Gefühle, ohne sentimental zu werden: die ideale Mischung, um eine ansonsten spannende Gruselgeschichte mit Leben zu füllen, obwohl sie auf einem Friedhof spielt.

Michael Drewniok im Oktober 2013

Ihre Meinung zu »Brian Keene: Leichenfresser«

Ringo Hienstorfer zu »Brian Keene: Leichenfresser«27.09.2017
„Keenes Name sollte in einem Atemzug mit King, … genannt werden…“ schlägt uns The Horror Review vor, und das tue ich jetzt:
Brian Keene bemüht sich in diesem Roman so sehr wie Stephen King zu schreiben, dass er darüber manchmal vergisst einen eigenen Stil zu entwickeln.
Vor lauter nostalgisch verklärter Schwärmerei des Autors über Comics und die Ungerechtigkeiten des Kinderdaseins verkommt der Ghoul dann überdies sehr schnell zur Nebenfigur, so dass man manchmal fast glaubt ein 5-Freunde-Buch in den Händen zu halten.
Derlei Zeitkolorit ist nur dann wirksam, wenn es behutsam und spärlich dosiert eingesetzt wird. Es sollte keinesfalls aufdringlich und plakativ daherkommen, sonst zerstört es eine sich erst entwickelnde Atmosphäre und wird letztlich reiner Selbstzweck. Und genau dies passiert bei diesem Roman gleich von Anfang an. Ich korrigiere: nach einem überlangen Einführungskapitel.
Dies trübt den Lesegenuß des Buches dann auch ganz erheblich, und es ist sehr schade darum. Die Thematik und das Szenario - obwohl letztlich auch an King erinnernd - wären an sich ganz vielversprechend gewesen - aber leider hat es bei der Umsetzung ganz schön gehapert. Die Moral der Geschichte wirkt auch unglaubwürdig und aufgesetzt, weil an sich unnötig, ebenso wie die politisch korrekten Aussagen zu sehr gewollt und dadurch eher peinlich sind.
Ich habe das Buch letztlich eigentlich auch nur in Ermangelung etwas anderem im Krankenhaus zu Ende gelesen.
Fazit: Ich vergebe nur 2 von 5 Grabsteinen.
Alexi1000 zu »Brian Keene: Leichenfresser«23.05.2014
Gestern gerade habe ich nun "Leichenfresser" beendet.
Anhand der doch recht hohen Bewertung von Hr. Drewniok (mit dem ich oft konform gehe, und der nicht leichtfertig 85° "zückt") und einigen wenigen User - Bewertungen war ich voll hoher Erwartungen, auch weil mein letzter Keene eher verhalten war...

Tja, und nun bin ich doch leicht enttäuscht...Keene hat weit besseres geschrieben, und die "Comin - Of Age" Handlung schreit förmlich nach (bedauerlicherweise muss man das wieder hervorkramen) S. King!!

...nur kann der sowas (leider) nunmal um Welten besser...Mann denke nur an ES.

Leichenfresser ist sowas wie ES im "Westentaschenformat"...äusserst ärgerlich dabei, das Keene im Epilog kurzfristig so grandios aufläuft, und teils bittere Lebensweisheiten einfliessen lässt, das die ganze Chupse davor noch "ärgerlicher wird :-(.

ER kann also wenn er will.

Die Story ist schnell erzählt und austauschbar...größtes Manko für mich, der "Ghoul" ist nicht annährend furchteinflössend, im Showdown musste ich teils sogar lachen...

Tja, das eigentliche Monster ist wie so oft auch der Mensch....nur dann kann man das viel besser verpacken.

Der nächste Keene muss ein Knüller werden, sonst könnte es für mich nach kurzem "Strohfeuer" schnell aus sein mit einem "neuen" Lieblingshorrorautor...

ZWEI zugedrückte Augen: 68°.
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