Totes Meer von Brian Keene

Buchvorstellungund Rezension

Totes Meer von Brian Keene

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Dead Sea“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 383 Seiten.ISBN 3-453-52705-4.Übersetzung ins Deutsche von Charlotte Langstrass.

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In Kürze:

Nervenzerreißend und ohne Atempause
Dies ist der Untergang der Welt, und er beginnt in der New Yorker Kanalisation: Ein Killervirus breitet sich rasend schnell aus und rafft Tiere wie Menschen dahin – nur um sie anschließend als bösartige Zombies wiederauferstehen zu lassen. Lamar Reed, einer der wenigen Lebenden, kann sich mit einem Boot aufs Meer retten, in Sicherheit, wie er glaubt. Ein tödlicher Irrtum …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Kein Entrinnen vor hungrigen Zombies“70

Horror-Rezension von Michael Drewniok

In der US-Großstadt Baltimore fristete Lamar Reed das kümmerliche Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters. Dass es für ihn noch schlimmer kommen könnte, wäre ihm nie eingefallen, bis eines Nachts virusinfizierte Ratten aus der Kanalisation kletterten und über seine Mitbürger herfielen, die sich daraufhin in untote, kannibalische Zombies verwandelten. Unaufhaltsam breitete die Seuche sich erst über die USA und dann über die ganze Welt aus. Die Lebenden flüchten oder verbarrikadieren sich, doch ihre Zahl nimmt ständig ab, zumal nicht nur Menschen, sondern auch die meisten Tierarten von der Seuche befallen werden.

Lamar versteckt sich zunächst in seiner Wohnung, doch ein Großbrand macht ihn obdach- und schutzlos. Er rettet die Kinder Tasha und Malik und schließt Freundschaft mit dem Waffennarren Mitch Bollinger Verzweifelt sucht die Gruppe einen neuen, endlich sicheren Unterschlupf. Da Baltimore einer der größten Seehäfen des Landes ist, liegt der Gedanke nahe, sich auf ein Schiff zu retten und das offene Meer anzusteuern, denn durch das Wasser werden die Zombies hoffentlich nicht folgen.

Andere Überlebende denken ähnlich. Unter dem Kommando eines ehemaligen Seemanns wird die „Spratling“, ein altes, längst ausgemustertes Schiff der US-Küstenwache, notdürftig wieder flott gemacht. Schlecht ausgerüstet und fast ausschließlich mit Laien bemannt, macht man sich auf den Weg zu einer Ölbohr-Insel vor der Küste von Florida, die leicht gegen die Attacken von Zombies zu verteidigen ist. Interne Querelen gefährden das Unternehmen; auch in der Krise bleiben Eigenschaften wie Machtgier, Egoismus und Streitsucht mindestens ebenso präsent wie die Untoten. Dabei wäre Einigkeit gerade jetzt bitter nötig, als sich herausstellt, dass der Ozean unterhalb des Wasserspiegels zwar tot aber keineswegs unbevölkert oder gar ungefährlich ist …

Grusel mit der groben Kelle

Sollte es im Reich des Todes so etwas wie eine gesellschaftliche Rangfolge geben, so dürften die Vampire (gemeint sind die richtigen Blutsauger, nicht die entsafteten Traumprinzen pubertierender Mädchen) ganz oben stehen, während die Zombies tief im Keller (sogar noch unter den Werwölfen) stecken. Sie sind in jeder Hinsicht die Schmuddel-Kinder ihrer übernatürlichen Zunft. Zombies stellen keine durch den Tod geschärften, dem menschlichen Alltag und seiner Gesetzen & Regeln reizvoll enthobenen Wiedergänger dar. Sie sind dumm und hässlich. Ihr einziger Antrieb resultiert aus dem Hunger auf Menschenfleisch, ihre Weltherrschaft basiert nicht auf raffinierter Planung, sondern ausschließlich auf zahlenmäßige Überlegenheit. Zombies haben keine ´Gesichter´, sie sind keine Individuen, sondern nur Masse. Mit ihnen kann und will man sich nicht identifizieren.

Faktisch ist auch ihr Unterhaltungswert begrenzt. Unfreiwillig belegt es auch Brian Keene, der sich vergeblich bemüht, den einzigen Schock-Effekt zu variieren, für den Zombies zuverlässig sorgen. Wieder und immer wieder schildert er die Unfall- und Fäulnisschäden derer, die den Helden hinterher schlurfen, bis selbst der abgestumpfte Gore-Bauer sich das Gähnen nicht mehr verkneifen kann. Grundsätzlich ist ein Zombie wie der andere. Falls es Unterschiede geben sollte, ist Keene jedenfalls nicht der Autor, der dies herausarbeiten könnte.

Ohnehin erzählt „Totes Meer“ in erster Linie eine inhaltlich und formal schlichte Hit-and-Run-Story. In ihrem Verlauf können wir sie quasi mitsingen, selbst wenn wir nur die drei klassischen Zombie-Filme des späten 20. Jahrhunderts gesehen haben. George A. Romero hat mit „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) und „Day of the Dead“ (1985) gesagt und gezeigt, was das Thema hergab. Den Epigonen blieben nur Anmerkungen und Variationen.

Ja, wo laufen sie denn hin ...?

Der Gedanke, dass auch der Ozean dem untoten Treiben kein Hindernis sein könnte, entsprang nicht Keenes Hirn. Stephen King hat ihn beispielsweise 1990 in seiner Novelle „House Delivery“ (dt. „Hausentbindung“) effektvoll durchgespielt, ohne dabei ständig in den plakativen Ekeleien zu schwelgen, die Keene bevorzugt. Immerhin kennt und berücksichtigt Keene die beiden anderen Wendungen, die eine Zombie-Geschichte überhaupt nehmen kann:

Wenn die Untoten strömen, bleibt nur die Flucht. Im Zombie-Genre ist der Weg das Ziel, denn einen sicheren Hafen gibt es nicht. Immer in Bewegung bleiben, heißt die Devise, denn der Feind steht und schläft nicht. Unerbittlich folgt er deiner Spur, und wohin du auch kommst, der hungrige Untod ist schon dort. Keene schildert den standardisierten Ablauf dieses Geschehens leider mit spürbarer Routine. „Totes Meer“ enthält keine einzige Idee, die der Verfasser nicht bereits in seiner monumentalen Zombie-Saga „The Rising“ (2003) und „City of the Dead“ (2005) – in Deutschland als Sammelband unter dem Titel „Das Reich der Siqqusim “ erschienen – verwertet hätte. Mehr als einmal wärmt Keene Bewährtes aber Bekanntes wieder auf. Dies betrifft vor allem den Einfall, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere in Zombies zu verwandeln.

Der Mensch heizt seine Hölle selbst ein

Der dritte Sub-Plot der typischen Zombie-Story verlässt die Untoten. Die Handlung fokussiert sich auf die Lebenden. Was zunächst paradox klingt, leuchtet auf den zweiten Blick ein: Der eigentliche Schrecken geht nur bedingt von den Zombies aus, die wie schon beschrieben untot sind aber ohne intelligente Bosheit vorgehen. Ihre Opfer müssen die emotionalen Rollen übernehmen: Erst durch die Reaktionen lebendiger Menschen kann der Leser Zugang zum Geschehen finden.

Damit betritt der Autor bekanntes und gut beackertes Terrain. Unzählige Romane, Geschichten oder Filme basieren auf dieser einfachen Ausgangssituation: Stecke eine Reihe von Menschen in einen Topf. Die Stimmung wird überkochen, wobei sich das Feuer unter dem Topf aus denjenigen Stoffen speist, aus denen die bekannten zwischenmenschlichen Konflikte bestehen. Bei Keene wird die „Spratling“ zum Mikrokosmos. Selbstsucht, Führerwahn, Vorurteile: Im Dampfkessel des Schiffes, von dem niemand flüchten kann, kommen die üblichen Verhaltensfehler umso deutlicher zum Vorschein.

Wobei „üblich“ hier vor allem die US-amerikanische Sichtweise beschreibt. Keene stützt sich auf Hollywood-Klischees, die ihm das Spinnen seiner Horror-Routine erleichtert. Eine Gruppe, die sich zusammenrauft und an einem Strang zieht, überfordert offensichtlich seine Vorstellungskraft. Wirklich ärgerlich ist jedoch Keenes Kopplung der Zombie-Plage mit der biblischen Apokalypse. Der Verfasser hat bereits mit „Take the Long Way Home“ (2006; dt. „Der lange Weg nach Hause“) seine Affinität zum christlichen US-Fundamentalismus deutlich gemacht. Auch die Zombies, so deutet er nicht nur an, könnten eine Heimsuchung im buchstäblichen Sinn sein: Gott prüft ´seine´ sündige Menschheit. Die Schwachen gehen unter, die Starken werden im Feuer gehärtet. Dass Hauptfigur Lamar schwul ist, ändert daran nichts; Keene ist ein Fundamentalist, der Minderheiten nicht automatisch für Sünder hält, woraus er das Recht ableitet, sie in sein metaphysisches Weltbild zu integrieren. Dies verleitet ihn außerdem dazu, die Handlung im Mittelteil auszusetzen, um eine im langen Gespräch zwischen zwei Figuren entwickelte Interpretation des Geschehens zu präsentieren, die nicht nur haarsträubend Glaube und Wissenschaft mischt, sondern auch noch schrecklich langweilig ist.

Das Staffelholz soll weitergereicht werden

Doch solche Überlegungen führen auf Abwege. Brian Keene schreibt keine phantastische Literatur, sondern will gut unterhalten und gut verdienen. Wirft man einen Blick auf sein umfangreiches Gesamtwerk, gedenkt er definitiv nicht, sich den Kopf stärker zu zerbrechen als erforderlich. Sein Publikum verlangt dies ohnehin nicht. Keene-Horror ist pures Feierabend-Futter; sein Nährwert entspricht dem von Kartoffelchips, aber es sättigt auch jene, die beim Lesen die Lippen bewegen und sich ansonsten nicht intellektuell betätigen möchten (oder können).

Wogegen man viel einwenden könnte aber keineswegs muss. Gelesen und vor allem gekauft wird solcher Holzhammer-Horror nachweislich gern. So kam Brian Keene zum Heyne-Verlag. Nach Deutschland hat er es schon Jahre früher geschafft. Ein rühriger und risikofreudiger Kleinverlag hatte diverse Titel veröffentlicht, als die großen Häuser abwinkten und sich lieber auf kalkulierbar zu vermarktende Bestseller-Fabrikanten à la King, Koontz oder Rice konzentrierten.

Ausgerechnet Richard Laymon drängelte sich 2006 mit seinem weniger geschriebenen als in die Welt gekotzten Sex-&-Horror-Schmuddel zwischen diese alten Kämpen. Laymons Werke fanden ihr Publikum, das in schneller Folge und so lange mit Reißern beliefert bzw. bombardiert wurde, dass es inzwischen offenbar die Nase voll hat. Ein neuer Autor soll rechtzeitig in die Bresche springen. Brian Keene ist für diese Rolle vorgesehen. Damit dies von den potenziellen Käufern auch begriffen wird, wurde auf die deutsche Ausgabe von „Totes Meer“ ein Sticker geklebt, auf dem zu lesen steht: „Brian Keene ist der neue Richard Laymon!“

DAS haben beide Autoren nicht verdient – Keene ist kein wirklich guter Autor, schreibt aber deutlich besser als Laymon, der es wiederum mit Keene nicht annähernd aufnehmen kann. Dies hält Laymon nicht ab, auf der hinteren Buchdeckelseite wie folgt zu jubilieren: „Meisterhaft! Brian Keene packt den Leser an der Gurgel – und lässt ihn nicht mehr los.“ Diese Empfehlung klingt nur für den glaubhaft, der nicht weiß, dass 1.) „Totes Meer“ 2007 veröffentlicht wurde, während 2.) Richard Laymon bereits 2001 starb. Wie soll man sich als Kunde & Käufer anständig für dumm verkauft fühlen, wenn es so plump geschieht ...?

Ihre Meinung zu »Brian Keene: Totes Meer«

Buboter zu »Brian Keene: Totes Meer«12.06.2010
Na, das nenn ich mal einen rasanten Roman. An zwei Abenden gelesen, bleibt mir nichts anderes zu sagen, außer: Diese Buch bringt Spaß!

Brian Keene spielt mit den Ängsten der Leser und erzeugt eine Welt der Hoffnungslosigkeit in der nur der Kampf ums nackte Überleben zählt. Der Überlebenswille zwingt ganz harmlose Menschen unmenschliches zu tun um sich selbst und die, die ihnen wichtig sind zu schützen. Die Gefahr ist greifbar und lauert hinter jeder Ecke und schlägt zur rechten Zeit auch gnadenlos zu. Außerdem stellt sich immer wieder die Frage: Warum möchte ich überhaupt überleben?

Gespickt mit witzigen Bemerkungen und reich an blutigen Details hat es der Autor mit „Totes Meer“ geschafft mir einige vergnügliche Stunden zu bereiten. Mir sind die beschriebenen Personen teilweise wirklich ans Herz gewachsen und es gab da auch mal ein, zwei Stellen, die mich schlucken ließen.

Auch wenn an der Story nichts wirklich neu und der Verlauf durchaus vorhersehbar war, ist mir dieses Buch 90 ° wert
4 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Alexi1000 zu »Brian Keene: Totes Meer«16.05.2010
Kann man das Rad bei den "Zombies" wirklich neu erfinden???
Sicher nicht.
In seiner STADT DER TOTEN - Reihe hat Keene es versucht, indem er Sie zu geschwätzigen, von Übernatürlichen Wesen "gelenkten" Wirtskörpern machte...
hier kehrt er zu den Wurzeln Romero' s (gepaart mit der Drastik eines Fulci) zurück.

Die ersten ca. 250 Seiten sind pure Dynamik, Keene wirft den geneigten Leser mitten in die Apocalypse. Wie die Protagonisten kommt man kaum zum Luftholen!
Wenn ab Mitte auch mal die ruhigen Momente einkehren, beweist Keene, das er auch sehr gut mit Charakteren umgehen kann und es kommen ein paar sehr ungewöhnliche Dialoge zustande (siehe Couch - Rezi).
Das letzte Drittel ist dann wieder Vollgas pur und mündet in ein Ende, wie es düsterer und kompromissloser kaum sein kann!

Einer der besten Untoten - Romane, die ich bis jetzt gelesen habe (und das beste bisher von Keene).
Natürlich kommt keine Gänsehaut beim x-ten Aufzählen von irgendwelchen Zombiefizierten auf, aber hier soll auch mehr Spannung als Grusel erzeugt werden....

und wer die alten Romero' s und Fulci' s mochte, bekommt hier die "Vollbedienung"...95°.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mase zu »Brian Keene: Totes Meer«04.05.2010
Der Zombiezweig im Horrorgenre gibt den Autoren ja eigentlich nicht viel Spielraum. Diesen Roman habe ich gekauft, weil es mich interessiert hat, was Keene daraus macht, wenn sich seine Überlebenden aufs offene Meer retten können.

Naja, ich habe mir von dieser „Menschen-auf-Schiff-in-Extremsituation mehr vorgestellt, vor allem in Richtung gegenseitige Gewalt. Horrormässig hat mich Keene überhaupt nicht beeindruckt – bis auf die kleine Episode auf der Insel mit dem Priester.

Die mühselige endlose Beschreibung der Zombies – welcher Arm wurde abgerissen oder welches Auge baumelt nur noch an Nervensträngen - ist überflüssig und nervig. Damit kann man heute nun wirklich niemanden mehr bei Wiederholung XY schocken.

Die Idee, dass das Virus auch auf Tiere überspringen kann, ist schon sehr komisch. Ungewollt oder nicht. Das Bild der Zombieziege, die panische Menschen vor sich hertreibt, werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Schenkelklopfer.

Positiv fielen mir dagegen die ruhigen, nicht unbedingt üblichen Elemente auf, wie z.B. die mythologischen Gespräche über Heldentum, die sehr gute Ausarbeitung des Protagonisten, sowie das runde Ende des Buches.

Man muss schon ein Genrefreak sein, um wirklich gefallen am „Toten Meer“ zu finden.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
ultraviolett zu »Brian Keene: Totes Meer«29.04.2010
Keene hat mit "Totes Meer" das Rad der Zombieliteratur mit Sicherheit nicht neu erfunden!
Alles ist irgendwie schonmal dagewesen und leider auch vorhersehbar!
Selbst [Achtung Spoiler!!!!] der Zombie-Wal hat mich nicht wirklich überrascht und war vorherzusehen...
Die Rollenverteilungen der Schiffsbesatzung sind ebenfalls altbekannt... Eine wirkliche Gruselstimmung kommt leider nicht auf und auch Keenes' Versuche, den Charakteren eine gewisse emotionale Tiefe zu verleihen kommt nicht wirklich an!
Was Keene jedoch gut beherrscht ist die Darstellung des Splätters, des Ekels und der omnipräsenten Verwesung und Fäulnis...
Der Plot liest sich flüssig wie das typische Drehbuch eines Horror-Actionfilms "Made in USA" und sorgt durchaus für kurzweilige Horror-Unterhaltung... unerwartete Wendungen, ein hoher Gruselfaktor oder besonders intensives Mitfiebern mit den Protagonisten sollte jedoch nicht erwartet werden!

70°
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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