Buchmesse 2011- Eine Couch-Potato in Leipzig

In diesem Jahr durfte ich die zweitgrößte und definitiv schönste aller deutschen Buchmessen nicht nur als Privatperson, sondern in hochoffizieller Funktion als Phantastik-Couch-Berichterstatter heimsuchen. Das hatte zum einen den Vorteil, den Presseparkplatz direkt hinter dem Gebäude benutzen zu dürfen, zum anderen, durch den exklusiven Eingang neben der VIP-Limousine ins Pressezentrum zu kommen. Zum Dritten, eine Plastikhülle am ARD-blauen Messeband verliehen zu bekommen, die genau zu meinem vorher unter Mühen erlangten Presseausweis passte. Denn mein Rezensions-Arbeitgeber Phantastik-Couch (bzw. die Literatur-Couch GmbH, so viel Zeit muss sein) hatte es mir ermöglicht, mich auch in Leipzig als offizieller Vertreter der P-Couch zu akkreditieren.

Der Stolz darüber hält sich freilich ein wenig in Grenzen, wenn den selben Eingang zeitgleich ein paar eindeutig (und noch lange) Minderjährige in voller Cosplayer-Montur benutzen. Aber vermutlich hatten die wenigstens keinen Presseparkplatz.

Von Hasenkostümen und alten Messehasen

Überhaupt, Cosplayer. Damit sind wir schon beim Phantastischen angekommen. Denn die Leipziger Buchmesse zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass auf dieer ehrwürdigen Veranstaltung seit einigen Jahren zeitgleich zwei Cosplay-Conventions stattfinden. Deren Besucherschar, die Gerüchten zufolge kostenvergünstigt (oder sogar kostenfrei, sofern angemessen kostümiert) aufs Gelände kommt, mischt sich fröhlich unter die Scharen der E-Literatur-Besucher. Sie verstopft die Gänge rund um die „Blaue Couch“ der ARD, winkt fröhlich in die Kameras von Arte und rempelt auch schon mal in heiterer Unwissenheit Vertreter der hohen internationalen Literatur aus dem Weg. Sätze wie „Das hier ist eine Cosplay-Con, also verhalt’ dich auch so“, geben dieser Buchmesse eine ganz eigene Würze, die vermutlich nicht jedem schmeckte.

Der Presse, die so eine Menge interessantes wie skurriles Fotomaterial geboten bekam freilich schon. Und den Besuchern, die im phantastischen Genre zumindest so weit bewandert sind, dass sie ein gelegentliches, übergewichtiges Picachu von einem unterernährten One-Pice unterscheiden können, sowieso. Immerhin war gelegentlich auch ein ansehnlicher Stormtrooper, eine unvermeidliche Prinzessin-Leia-Verwandte im Bleckbikini und eine Handvoll sehr stilecht aussehender Hobbits dabei, die in der Messehalle 2 den Missing Link zwischen Anime und der restlichen Phantastik bildeten. Lediglich die Kostümierung des Blackfoot-Indianers am Stand des xxxxx-Verlages lies ein wenig an Phantasie zu wünschen übrig. Dafür war er echt und tanzte recht schön.

Das wiederum erinnerte einige der Anwesenden und historisch bewanderten Phantastik-Journalisten an frühere Messen Europas. Auf denen war es ja einige Zeit en vogue, Ureinwohner der Kolonien von Australien über Schwarzafrika bis Amerika vor dem staunenden Messepublikum vorzuführen. Es wirkte auch hier ein wenig traurig – aber so kann man Leipzig wohl nicht vorwerfen, alten Traditionen keinen Raum zu lassen. Und wie um diese Theorie zu bestätigen, trommelten einige Stände weiter einige im Wortsinne Schwarz-Afrikaner die Hintergrundbegleitung zu einer Kinderbuchlesung. Lediglich die angeblich anwesenden japanischen Trommler haben wir in der Halle der phantastischen Belletristik doch nicht zu Gesicht bekommen.

VIP-Lounge, aka. „Phantastik-Autoren-Steichelzoo“

Dafür jedoch eine ganze Menge der deutschen Autorenprominenz. Das gestaltete sich übrigens noch einfacher als in den letzten Jahren. Der Merchandising-Produzent und -Händler WerkZeugs, der inzwischen für eine ganze Reihe Autoren und Verlage alles (vom Lesezeichen bis zum T-Shirt) anbietet, was das Fan-Herz begehrt, hatte sich nämlich in diesem Jahr direkt neben der großzügigen Fantasy-Leseinsel im Herzen der Halle eine außerordentlich große Standfläche organisiert. Hier präsentierten sie eine Art Gemeinschaftsprojekt der Fantasy-Verlage: Eine Fantasy-Buchhandlung, die die Werke von weit mehr als einem Dutzend der kleinen und großen Verlage des Genres anbot.

Besonderes Schmankerl Nummer 1: Eine große Wand, an der dicht an dicht signierte Romane standen, die ohne jeglichen Aufpreis zu erstehen waren. Ein Fest für jeden Fan. Vermutlich gab es schon den einen oder die andere, die in Versuchung waren, sich sämtliche Zwerge-Romane original-signiert zuzulegen.

Schmankerl Nummer 2: Die Autoren-Lounge. Entstanden aus der Not heraus (nachdem die Autoren im letzten Jahr die Wege VOR dem Messestand verstopften und die Leute am kaufen hinderten) hatte WerkZeugs diesmal seinen Auftritt um eine zentrale „VIP-Lounge“ konstruiert, in der die Autoren Pause machen, Kuchen essen, sich mit Kaffee vollaufen lassen und wichtige Autorengespräche unter sich halten konnten. Vom normalsterblichen Publikum nur durch eine Verkaufstheke voller Merchandising-T-Shirts und eine wichtige Kette getrennt, jedoch schön auf dem Präsentierteller für Fotos. Und gelegentlich ließ sich dann doch einer (meist Bernhard Hennen oder Markus Heitz) erweichen und gab weitere Autogramme und kurze Interviews an junge Fans mit leuchtenden Augen.

Überhaupt waren sie beinahe alle dort zu finden. Markus Heitz, Christoph Hardebusch und Lena Falkenhagen, die ihre Justifiers-Romane vorstellten (Thomas Finn fehlte allerdings. Sein Justifier-Beitrag wird erst im Juni erscheinen und eine Lesung auf der Messe hatte er in diesem Jahr nicht). Christoph präsentierte außerdem sein interaktives Romanprojekt „Smart Magic“ um Tom Rabe, bei dem die Leser (u.a. per Twitter) einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung der Geschichte leisten können. Ganz stilecht vom iPad aus, was die Geek-Ehre gegenüber der „ernsten Literatur“ souverän verteidigte. Während andere Sparten sich noch selbst bemitleiden und über das Kommen der E-Books jammern, war eben hier zu sehen, wie man mit den Medien der Zukunft locker umgehen kann. Buch und Multimediale Gesellschaft sind eben kein Widerspruch, sondern ergänzen sich hervorragend.

Weitere Autorengäste: Bernd Perplies und Gesa Schwarz, die jede/r ihren zweiten Roman aus ihren jeweiligen Trilogien (Magierdämmerung respektive Grim) vorstellten. Beide sind übrigens vom Verlag Lyx vertreten, der ansonsten eher durch glattrasierte, muskulöse Männertorsi auf den Covern glänzt, die im Zusammenhang mit Werwölfen, Werdrachen, Werleoparden, Weroderwasweißich und Schlagworten wie Verlangen und Versprechen stehen.

Daneben tummelten ich hier weitere junge und etablierte Autoren wie Oliver Plaschka, Kay Meyer, Christian von Aster oder Oliver Dierssen, Aileen P. Roberts, Olga Krouk und viele andere* zwischen (noch) unbekannteren und taufrischen Newcomern, die zum Teil hier auf der Messe ihr erstes Autogramm geben durften, während direkt daneben die „alten Hasen“ über schmerzende Autogramm-Handgelenke klagten. Gesa hat nebenbei trotz unglaublicher Signier-Warteschlangen nicht geklagt, auch wenn man an ihrem Autogramm deutlich sehen kann, dass sie von ihrer ersten Signierstunde vor genau einem Jahr bis heute einen weiten Weg und viele Unterschriften hinter sich hat.

Es sollen hier sogar Leute an Literaturagenten-Verträge gekommen sein oder offiziell Verträge über ihren ersten Roman besiegelt haben.

Ernsthafte Interviews und voll besuchte Lesungen

Dem „Vater der deutschen Fantasy“ (nicht Michael Ende. Dem anderen Vater) Wolfgang Hohlbein war es allerdings dann doch vergönnt, Journalisten auch in der Königsklasse, auf der „Blauen Couch“ der ARD Rede und Antwort zu stehen. Herr Hohlbein stellte auf der Messe immerhin das Buch vor, das er selbst als „das zentrale Werk seines Schaffens“ bezeichnet haben soll: Infinity. In dem er nicht von sich selbst abschreibt – nein, wer seine ganz alten Werke kennt, der wird mit etwas Nachdenken darauf kommen, warum einem das eine oder andere bekannt vorkommt. Die Antwort ist ebenso logisch wie verblüffend – wurde der ARD allerdings vorenthalten. Gerüchten zufolge wurde das Interview sogar ausgestrahlt.

All das hier. Für Fans gab es also mehr als genug zu sehen. Das spiegelte sich übrigens auch in den Besuchermassen auf der Fantasy-Leseinsel direkt neben an wieder. Während in anderen Hallen ein oder Dutzend ernster Gestalten den Gedanken eines Literaten lauschten, rissen hier reihenweise Phantastikautoren Zuhörermassen mit, die regelmäßig gegen die Hundert strebten und auch noch den letzten Stehplatz bis hinaus in die ohnehin verstopften Gänge besetzten. Auch wenn der eine oder andere Autor gelegentlich etwas panisch wirkte, wenn er seinen für eher erwachsenes Publikum gedachten Roman vor ganzen Schulklassen von 12jährigen vorstellte. Da wurde auch schon mal spontan eine andere Stelle als eigentlich geplant vorgelesen.

Den schon genannten Verlag Lyx aber muss man auch von daher lobend erwähnen, als dass sie einer der wenigen großen Verlage waren, die sich mit einem eigenen Stand in der Phantastik-Halle präsentierten. Wer andere, wie Piper oder die Randomhouse-Verlage wie Heyne, Blanvalet oder Goldmann sehen wollte, musste die Halle wechseln. Egal, welche Halle, nett waren die Verlagsleute allerdings überall. Auch wenn sie teilweise etwas gehetzt wirkten. Ein Umstand, der in vielen Fällen darauf zurück zu führen war, das viele Messeteams kurzfristig krankheitsbedingte Ausfälle zu kompensieren hatten. Leipzig ist ja für seinen „Messevirus“ bekannt, der nach der Messe regelmäßig Autoren, Aussteller und Besucher dahinrafft. diesmal hatte er aber offensichtlich schon vorher zugeschlagen. So war dann auch die Zeit für die Presse zum Teil etwas knapp bemessen. Machte uns nichts – die Autoren waren ja da, hatten Zeit und waren immer für ein Gespräch zu haben.

Tipps, Trends und Trash

Und wer an den Verlagsständen doch noch die Zeit fand, gab uns Pressevertretern trotzdem bereitwillig Ein- und Ausblicke in die nähere Zukunft der Verlagssortimente. Der renommierte Kleinverlag Feder&Schwert hat zum Beispiel neben einem Schwung neuer Harry-Dresden-Romane ein paar echte Steampunk-Schmankerl auf dem Programm. Mein persönlicher Messe-Rezensionswunsch stammt aus ihrem Haus: „Die Götter von White Chapel“ klingt so richtig schräg.

Gerüchten zufolge ist der Steampunk übrigens nach wie vor ein Tipp für die nächsten Jahre. Die Lizenzen der richtig großen Romane aus Übersee (wie z.B. „Boneshaker“) sind wohl alle schon an die großen deutschen Labels verteilt. Vermutlich wird nur noch darauf gewartet, dass Sherlock Holmes 2 in die Kinos kommt. was dagegen wirklich langsam abebbt, sind die Vampire. Man sagt, dass die Verlage nur noch verkaufen, was jetzt schon „auf Halde“ liegt und fertig ist, aber kaum noch nachgekauft wird. Romanzen mit Zombies hingegen waren auch diesmal wieder einige zu sehen – und Titel wie „My life as a white trailer trash zombie“ lassen vermuten, dass da doch noch etwas nachkommt. In diesem Fall gilt wohl vollumfänglich die alte Weisheit „Totgesagte leben länger“.

Romanzen mit phantastischem Halbgetier (auch „Paranormal romance“) ist jedenfalls ungebrochen „in“ – neben Lyx steigen jetzt einige andere der „Großen“ auf diesen Zug auf. Romantische Irrungen und Wirrungen zwischen starken, höchst ansehnlichen Protagonistinnen und geheimnisvollen Leopardenmännern werden uns also auch in Zukunft beglücken.

Grausig was auf die Ohren

Im Bereich phantastisches Hörbuch lässt sich dagegen derzeit ein kleines Horror-Revival feststellen. Horror-Produktionen und Thriller bzw. paranormale Thriller sind bei Hörspiel und Hörbuch auf dem Vormarsch. Aber auch hier überlegen die Labels, wie man sich am Besten auf die neuen Medien einstellt. Nur mit sauberen Produktionen ist in der Zeit von mp4 und Kopiermentalität kein Blumentopf mehr zu gewinnen – der Trend geht zu Mehrwertpaketen mit Exklusiv- und Vorab-Gimmiks für Käufer und Fans, für eine Vernetzung aus Hör-Produktion, E-Book, Musikproduktion, gedruckten Buch und Merchandising. Erfreulich: Die letztjährig bejammerte Wirtschaftskrise wurde in diesem Jahr nicht ein einziges Mal mehr angesprochen. Stattdessen trauen sich sogar neue Labels mit hochwertigen (und eben gar nicht so billigen) Produktionen auf den Markt.

Phantastische Aussichten

Natürlich ist es in den Pressemeldungen immer so formuliert – aber zumindest in unserem Segment stimmt es:
Die Messe im Phantastik-Sektor von insgesamt einer sehr positiven Auf- und Umbruchsstimmung geprägt. Im Gegensatz zu anderen Buchbranchen sind die Genre-Fiktion-Vertreter durchaus offen, was die neuen Medien und die viel beschworene Konkurrenz angeht. In nicht wenigen Fällen wird das sogar als Bereicherung und Ergänzung denn als Konkurrenz angesehen. So sehen hier einige schon ganz neue Möglichkeiten für die bislang im deutschsprachigen Raum eher schwergängigen Kurzgeschichtensammlungen.

Und auch wenn es heißt, dass der Markt nach dem Fantasy-Boom der letzten Jahre derzeit eher gesättigt erscheint, so hat die Messe doch gezeigt, dass dieses Jahr auf jeden Fall noch eine ganze Menge wirklich phantastischer Neuheiten auf uns zu kommt. Um deshalb eine der am meisten verwendeten Floskeln der Messe zu zitieren: „Schön war’s wieder mal. Wir sehen uns. Auf jeden Fall. Spätestens in Frankfurt!“

Tom Orgel