Ein neues Babylon von C. S. Friedman

Buchvorstellungund Rezension

Ein neues Babylon von C. S. Friedman

Originalausgabe erschienen 1998unter dem Titel „This Alien Shore“,deutsche Ausgabe erstmals 2000, 619 Seiten.ISBN 3-404-24270-X.Übersetzung ins Deutsche von Marcel Bieger.

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In Kürze:

Als ihr Leben bedroht ist, flieht Jamisia Capra, die Frau ohne Gedächtnis, von der Erde in die Außenbezirke des besiedelten Weltalls. Doch wohin sie auch kommt, erwarten sie schon ihre anonymen Verfolger. Stets in Lebensgefahr, kommt Jamisia allmählich einem wahrlich galaktischen Komplott auf die Spur … – Moderne Space Opera, die neben der breiten Schilderung zukünftiger Hightech eine abenteuerschwere Handlung bietet: auch aufgrund der Seitenstärke echtes Lesefutter.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Frau mit sieben (zusätzlichen) Leben auf galaktischer Flucht“75

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Ein goldenes Zeitalter schien anzubrechen, als der geniale Wissenschaftler Hausman einen Weg fand, die überlichtschnelle Raumfahrt zu verwirklichen. Das gesamte Universum stand der Menschheit plötzlich offen. Binnen kurzer Zeit entstand ein interstellares Kolonialreich, in dem die Entfernungen keine Rolle spielten. Erst dann entdeckte man den Haken: Jeder Mensch, der schneller als das Licht reiste, trug irreparable Schädigungen seines genetischen Materials davon. Schon in der nächsten Generation tauchten sie auf: die „Hausman-Kinder“ oder „Varianten“ – Mutanten von oft bizarrer Gestalt. Auf der Erde schlug die Begeisterung in Entsetzen und blanke Ablehnung um. Überstürzt wurden die Kolonien aufgegeben, Die im Stich gelassenen Siedler mussten sehen, wie sie überlebten. In dieser Zeit entstand eine tiefe Kluft zwischen „Terranern“ und „Varianten“.

Ganz wurde der Kontakt niemals aufgegeben, denn die Außenwelt-Zivilisationen bieten Güter an, die auf der Erde begehrt sind. Man hat sich arrangiert: In die nicht zu weit von der Erde entfernten Regionen reist man in riesigen „Metrolinern“, die jahrelang unterwegs sind. Angeflogen werden gigantische Stationen im kosmischen Niemandsland, auf denen sich Menschen und Mutanten treffen. Wer noch tiefer ins All vordringen möchte, vertraut sich der „Gilde“ an. Nur ihre Piloten sind in der Lage, die „Ainniqs“ zu queren – Risse im Raum-Zeit-Kontinuum, die sich als Abkürzung zwischen sonst unerreichbar weit voneinander entfernten Punkten nutzen lassen. Die Gilde schützt ihr einträgliches Monopol mit allen Mitteln; sie wird eher geduldet als geschätzt.

Jamisia Capra wächst in einem der künstlichen Habitate auf, die um die Erde kreisen. Kurz nach ihrem 16. Geburtstag stellt sie fest, dass vor ihrer Geburt medizinische Experimente an ihr vorgenommen wurden. Dahinter steckt einer jener Wirtschaftskonzerne, die auf der Erde das Sagen haben. Jamisias Erinnerungen wurden manipuliert, sodass die junge Frau völlig ahnungslos ist, als man ihr plötzlich nach dem Leben trachtet. Sie kann von der Erde fliehen und auf einem Metroliner verbergen, doch an ihrem Reiseziel warten schon die Verfolger, die ihr auch nach erneut erfolgreicher Flucht hartnäckig auf den Fersen bleiben, denn Jamisia ist ohne ihr Wissen in ein Komplott verwickelt, dessen Nutznießer die interstellare Raumfahrt kontrollieren könnten. Alle Parteien fahnden galaxisweit nach ihr, denn in ihrem Gehirn schlummert das Geheimnis einer entweder ersehnten oder gefürchteten Zukunft …

Dickes Buch mit schmalem Plot

Ein Buch, so groß und schwer wie ein Ziegelstein:, Dadurch sollte man sich nicht abschrecken lassen: Inhaltlich ist dieser Roman nämlich ziemlich leichte Kost – das Pendant zu einem B-Movie, das man am besten mit einem Getränk in der Hand und Knabberzeug in Reichweite genießt.

Dies ist nicht abwertend gemeint. Es ist gar nicht so leicht, einfach ‚nur’ gute Unterhaltung zu kreieren. Das gilt erst recht, wenn man über 600 Seiten füllen möchte! Deshalb gilt es, eine simpel gestrickte Geschichte zu erfinden, deren Plot stabil genug sein muss, im weitgespannten Handlungsbogen nicht unterzugehen. Autorin Friedman hält sich wacker, obwohl „Ein neues Babylon“ vor allem eine endlose Verfolgungsjagd. d. h. Helden und Bösewichte einander unbekümmert durch ganze Galaxien jagen. Deshalb darf man nicht pingelig sein, wenn sowohl die Gesetze der Natur als auch der Logik mehr als strapaziert werden; wer glaubt freilich heute noch, dass Science Fiction eine mögliche Zukunft beschreibt?

Was die Handlung angeht, greift Friedman auf Versatzstücke zurück, die noch immer ihr Publikum gefunden haben. Mutanten, semigeheime Bünde, skrupellose Konzerne und Schmuggler feiern fröhliche Wiederauferstehung; es fehlen höchstens Weltraum-Piraten. Angesichts des turbulenten Durcheinanders fällt nur beiläufig auf, dass die beiden Plots – die „Luzifer“-Verschwörung und die Jagd auf Jamisia – niemals wirklich zueinanderfinden, sondern bis ins Finale mehr oder weniger nebeneinanderherlaufen.

Diese Zukunft ist fast schon Vergangenheit

Die Zeichnung der Figuren ist ziemlich flach. Jamisia gewinnt niemals ein eigenes Profil, was ungünstig ist, weil sie im Zentrum der Ereignisse steht. Dabei beherbergt sie in ihrem Hirn sieben alternative Persönlichkeiten, die für einschlägige Verhaltens- und Stimmungsschwankungen sorgen sowie über Fähigkeiten verfügen, mit denen ihre ‚Gastgeberin’ den Verfolgern neuerlich ein Schnippchen schlagen kann. Irgendwann tritt (natürlich) ein junger Mann auf, aber Phoenix ist der junge, anarchistische Hacker, wie er seit dem Zeitalter des Cyberpunks unverändert durch Romane, Filme und Comics geistert. Ersatz-Kenobi Dr. Masada gibt den weltfremden, aber genialen Wissenschaftler.

Friedmans Erzähltalent kommt am besten zum Tragen, wenn sie ihre Idee vom ‚Super-Internet’ präsentiert. Jedem Menschen, aber auch jedem „Varianten“ wird schon bei der Geburt ein Prozessor ins Gehirn implantiert, der es ermöglicht, direkt online ins „Inner-„ oder „Outernet“ zu gehen, einem quasi schrankenlosen Nachfahren des Internets, das die Erde und alle von Menschen und Mutanten bevölkerten Planeten, Habitate, Stationen oder Raumschiffe verbindet.

Auch im All gibt es keine (Daten-) Freiheit

Echte Fachleute kommen wahrscheinlich aus dem Lachen nicht heraus, wenn sie Masadas Vision einer galaxisweiten Daten-Autobahn kennenlernen, wobei sich außerdem zeigt, dass hightechlastige SF-Geschichten besonders rasch und dann nicht vorteilhaft altern. Dazwischen finden sich allerdings allgemeingültig bleibende Aussagen. So erläutert Dr. Masadas stellvertretend für Friedman auf S. 489, worum es in diesem Roman wirklich geht: „Alle Daten hinterlassen Spuren. Jede Suche nach Daten hinterlässt Spuren. Jedes Löschen von Daten hinterlässt Spuren. Und das Fehlen von Daten kann unter den richtigen Umständen die deutlichste Spur von allen hinterlassen.“ Die Darstellung eines gläsernen Universums, in dem Kriege nicht mehr von Raumschiff-Flotten, sondern im digitalen Äther geführt werden, weiß Friedman plausibel und spannend in Szene zu setzen.

Unterm Strich bleibt eine flott geschriebene Mischung aus Space Opera und Wissenschaftsthriller, die zwar mit keinen neuen Ideen aufwartet, aber einige altbekannte Elemente gut aufpoliert und die Geschichte über die Runden bringt bis zu ihrem offenen Ende, das die heutzutage übliche Fortsetzung zwar androht, ohne dass es bisher dazu gekommen ist.

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