Die Rückkehr von Carsten Stroud

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „The Homecoming“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 608 Seiten.ISBN 3832196471.Übersetzung ins Deutsche von Robin Detje.

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In Kürze:

Ein kleiner Ort im Süden der USA wird zum Schauplatz einer Folge nie da gewesener, schockierender Ereignisse, und mit einem Mal ist alles anders als je zuvor.
Der Learjet einer Delegation dubioser chinesischer Unternehmer gerät kurz nach dem Abflug in einen Schwarm pechschwarzer Krähen, stürzt ab und explodiert. Ein Excop wird gefasst, in seinem Hummer-SUV liegen 100.000 Dollar eines kürzlich verübten Banküberfalls. Doch ihm gelingt die Flucht, weil der Gefangenentransport in einen bestialischen Unfall verwickelt wird, bei dem ein Hirsch eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Der Excop verschanzt sich in einem Laden für Survivalausrüstung und provoziert eine üble Schießerei. Gleichzeitig betritt ein Gentleman die Bühne, bis auf die Zähne bewaffnet und skrupellos, denn drei Machos im Knast haben einen Plan. Auf dem Highway rast ein tiefergelegter Sportwagen, verfolgt von einer Streife, mit über dreihundert Sachen in eine Reihe schaulustiger Trucker. Der kleine Rainey hört eine Stimme aus der Vergangenheit und mutiert von einem normalen Jungen in ein gnadenloses Monster. Und mittendrin der Ermittler Nick Kavanaugh und seine Frau Kate, die versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Aber über Niceville liegt ein Fluch, der nicht enden wil. 

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Böse schaltet einen Gang herauf“95

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Niceville ist scheinbar nur eine von vielen kleinen Städten in den US-Südstaaten. Eine Besonderheit ist höchstens eine ausgeprägte Abneigung der Bürger, sich mit der Ortsgeschichte zu befassen. Die weist deutlich mehr hässliche Vorkommnisse auf als viele andere Stadthistorien. In der Regel geht das Unheil von Tallulah’s Wall aus, einer schroffen Bergwand, die hoch über Niceville ragt. Ganz oben liegt Crater Sink, ein mit schwarzem Wasser gefüllter Teich, der bereits bei den Ureinwohnern einen denkbar üblen Ruf besaß.

Auch aktuell kommt es vermehrt zu unheimlichen Vorkommnissen. Weiterhin ungeklärt bleibt, wieso Rainey Teague, der Nachfahre einer der prominenten Familien von Niceville, aus dem fest verschlossenen Grab eines verrufenen Vorfahren gerettet werden musste. Der verstörte Junge wurde von Detective Nick Kavenaugh und seiner Ehefrau Kate, einer Anwältin, aufgenommen. Sah es zunächst aus, als würde Rainey genesen, beginnt er sich seit Neuestem seltsam und sogar bedrohlich zu verhalten.

Doch Kavenaugh ist abgelenkt, denn sämtliche Gesetzeshüter von Niceville fahnden nach einer Gangsterbande, die einen Bargeldtransport überfallen, mehr als 2 Mio. Dollar geraubt und vier Polizisten umgebracht haben. Bisher ahnt niemand, dass ausgerechnet die Elite-Beamten Coker und Danzinger vom Sheriff’s Department dieses Verbrechen begangen haben. Sie nutzen ihre Anonymität, um falsche Spuren zu legen; u. a. lenken sie erfolgreich den Verdacht auf Byron Deitz, der eine Sicherheitsfirma leitet und selbst ein Schwerverbrecher ist, der sich aus der Untersuchungshaft befreien kann und seine Rache plant.

Die Mafia schickt einen unternehmungslustigen Killer nach Niceville, weshalb erst recht untergeht, dass der alte Fluch der Teagues gewaltsam auflebt. Täter und Opfer erstehen auf und setzen ihren Krieg fort, der an Brisanz gewinnt, als es sich auch im Crater Sink zu rühren beginnt …

Das Böse lässt sich bedingt in die Karten schauen

Mit der „Niceville“-Trilogie erfindet Autor Carsten Stroud das phantastische Genre keineswegs neu. Er ist auch nicht der erste, der Grusel und Thriller mischt. Dennoch gelingt ihm etwas Seltenes: die harmonische Verschmelzung des Übernatürlichen mit der Realität unter Wahrung des Besten dieser beiden eigentlich widersprechenden Welten.

Nachdem Stroud im Auftaktband das Spielfeld und seine Figuren aufgebaut hatte, stand ihm eine Bewährungsprobe bevor: Würde es ihm gelingen, die zahlreichen Wendungen, die er der Handlung verliehen hatte, zu einem logischen Erzählstrang zu bündeln? Dies ist ein Problem, das den Verfassern dreiteiligen Geschichten oft zu schaffen macht: Wie verknüpfe ich Auftakt und Auflösung, ohne dass die Story im Zwischenteil durchhängt?

Stroud meistert die Herausforderung. Er wagt es sogar, direkt zu den Ereignissen zurückzuspringen. Ohne Einleitung knüpft er an das dramatische Zwischen-Finale des ersten Bandes an. Wer sich nicht mehr an die Vorgeschichte erinnert, muss nicht verzweifeln: Stroud lässt sie auf den ersten 100 Seiten in die voranschreitende Geschichte einfließen. Schnell ist man wieder auf dem aktuellen Stand und hat sich keineswegs gelangweilt, da es gleichzeitig zügig vorangeht.

Schnell statt subtil aber höllisch spannend

Was geht in Niceville vor? Im ersten Band dominierten das Geheimnis und die Andeutung. Mit immer neuen Rätseln konfrontierte Stroud seine Leser. Er stellt dies in der Fortsetzung keineswegs ein: Neue Mysterien bereiten bereits den dritten und finalen Band vor.

Dennoch verschiebt der Autor deutlich die Bedeutungsachse. Hielten sich im ersten Band Phantastik und Thriller noch die Waage, gewinnt nun das übernatürliche Element die Oberhand. Die schwerkriminellen Aktivitäten, die Stroud ungemein spannend zu schildern weiß, werden als Ausfluss jener bösen Macht offengelegt, die im Crater Sink lauert.

In Niceville tobt ein Krieg, dessen Fronten nicht an das Hier und Jetzt gebunden sind, sondern ins Jenseits überlappen. Viele offene Fragen werden geklärt, es kristallisiert sich ein Konflikt heraus, die einerseits in der Zeit des US-amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) begann und im frühen 20. Jahrhundert neu aufflackerte. Andererseits stellt sich heraus, dass auch diese vergangenen Ereignisse nur Episoden einer Heimsuchung darstellen, die wesentlich früher einsetzte. Der mit der Horror-Literatur vertraute Leser denkt bald an H. P. Lovecraft (1890-1937) und seinen „Cthulhu“-Zyklus: In einer noch menschen- und überlieferungsfreien Vorzeit bevölkern mächtige Entitäten das Universum. Sie bekämpfen einander, doch was sie antreibt, können die Menschen, denen sie absolut fremd bleiben, nie verstehen. Einige dieser ´Götter´ hat es im Verlauf ihres Krieges auf die Erde verschlagen, wo sie die Menschen zur Realisierung dunkelster Absichten missbrauchen. Eine ähnliche Kreatur mag es auch in den Crater Sink verschlagen haben.

Der Fluch der Rationalität

Dass es in Niceville umgeht, ist lange nur dem Leser offensichtlich. Die zahlreichen Figuren, mit denen Stroud seine Stadt bevölkert, haben es schwerer. Sie ringen mit einer Gegenwart, die übernatürliches Treiben rational ausgegrenzt hat. Diese Hürde muss zunächst überwunden werden, um eine erweiterte Weltsicht (wieder) zu gewinnen, in der auch Geister, wiederbelebte Leichen und andere Spukgestalten ihre Plätze einnehmen.

Mit großem Geschick sorgt Stroud für eine Ablenkung, die diesen Prozess verzögert und dem Bösen die Chance bietet, sich in Stellung zu bringen: Über Niceville lastet eine unsichtbare aber wirkungsstarke Kraft, die den niederen menschlichen Trieben zum Durchbruch verhilft. Die zu Räubern und Mördern gewordenen Polizisten Coker und Danzinger müssen sich letztlich eingestehen, ihre Taten ohne Motive begangen zu haben: Sie leiden nicht unter Geldmangel, und mordlustig sind sie auch nicht. Die böse Kraft von und in Niceville hat sie nach und nach korrumpiert. Zu spät brechen sie diesen Bann; ihr Verhängnis ist nicht mehr aufzuhalten, ihren Zweck haben sie erfüllt.

Von einigen Hauptfiguren müssen wir uns in diesem zweiten „Niceville“-Band trennen. Dies betrifft vor allem Byron Deitz, der jedoch vor seinem dramatisch-drastischen Ende noch einmal furchterregend aufdreht. Deitz hat sich der Macht leicht ergeben, da er schon immer ein bösartiger, brutaler Mann war. Dank seiner Intelligenz gelang ihm nicht nur die Flucht aus dem Gefängnis: Vor allem hielt er die Schar seiner Verfolger in Atem und verstärkte die weiter oben erwähnte Ablenkung.

Die Offenbarung des Bösen

Ein zweiter Handlungsstrang rankt sich um den jungen Rainey Teague, in den buchstäblich das Böse fährt. Rainey ist der Nachfahre einer mehrfach verfluchten Sippe, die sich mit dem Übel aus dem Crater Sink eingelassen hatte, daraus Macht und Einfluss sog aber schließlich daran unterging. Doch Blut ist dicker als Wasser, weshalb Rainey eine „Antenne“ für die Bedrohung aus dem Jenseits besitzt.

Diese Handlungsebene ist reiner und leider auch routinierter Horror: die Geschichte vom Kuckuckskind, das sich in eine Familie einschleicht, um diese als Deckung für düstere Umtriebe zu missbrauchen. Natürlich wird dies irgendwann entdeckt. Es entbrennt ein Kampf, der sich gegen das dem Kind innewohnende Böse richtet, das faktisch unschuldige Kind jedoch nicht – Dilemma, Dilemma! – in Gefahr bringen, sondern retten soll. Selbstverständlich wehrt sich der enttarnte Dämon aus Leibeskräften und nutzt dabei à la „Der Exorzist“ den kindlichen Status seines Gastkörpers.

An dieser „Niceville“-Front kämpft vor allem Kate Kavenaugh, der dabei ein lebenslustiger aber geistergläubiger Ureinwohner (vulgo „Indianer“) zur Seite steht – eine Konstellation, die längst zum Klischee geronnen ist. Immerhin überreizt Stroud es nicht: Raineys Dämon verlässt ihn, denn das Böse von Niceville lässt die Maske fallen. Es verlässt den Crater Sink und dringt in den Ort vor. Was es dort plant, wird Stroud erst in „Niceville 3: Der Aufbruch“ enthüllen. Dass der Leser mit großer Ungeduld auf die Auflösung wartet, ist ein letztes Zeichen dafür, dass Carsten Stroud sein Publikum fest am Haken hat. Auf dieses Finale ist es gespannt!

Michael Drewniok im September 2013

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