Gezeitensturm von Charles Sheffield

Buchvorstellungund Rezension

Gezeitensturm von Charles Sheffield

Originalausgabe erschienen 1990unter dem Titel „Summertide“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 530 Seiten.ISBN 3-404-24355-2.Übersetzung ins Deutsche von Ulf Ritgen.

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In Kürze:

Die Sommertide rückt näher: die Zeit, wenn die Zwillingsplaneten Opal und Quake ihrer Sonne am nächsten kommen. Unglaubliche Gezeitenkräfte wirken auf die beiden Welten ein. Diesmal soll es besonders schlimm werden, denn die Große Konjunktion der Sterne und Planeten steht bevor. Über Quake wurde ein absolutes Einreiseverbot verhängt. Doch einige Leichtsinnige lassen sich davon nicht abschrecken. Manche von ihnen sind einer untergegangenen Zivilisation auf der Spur. Andere sind auf Verbrecherjagd. Die Planetenverwalter Hans Rebka und May Perry haben keine Wahl: Sie müssen selbst nach Quake reisen, um die Besucher von der Welt zu schaffen. Sie begeben sich auf eine lebensgefährliche Mission, die ungeahnte Geheimnisse bereithält …

Das meint phantastik-couch.de: „;Die Faszination der Naturgewalten“;76

Science-Fiction-Rezension von S.B. Tenz

Isaac Asimovs Aufbruch und Vorstoß ins All inspirierte viele Autoren. So auch Charles Sheffield, der mit „;Gezeitensturm“;, dem ersten Band einer vierteiligen Serie, dieses unerschöpfliche und imposante Thema einmal mehr aufgreift. Nach viertausend Jahren der Expansion fühlen sich die Menschen noch immer unwohl, wenn sie mit der offenen, weiten Endlosigkeit des Alls konfrontiert werden. Ein uralter Instinkt. Demgegenüber steht der ungebrochene Pioniergeist der Menschen, immer neuen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, diese zu enträtseln und somit die Weiterentwicklung der menschlichen Rasse unaufhaltsam voranzutreiben.

6291: Das Dobelle-System. Die Zwillingsplaneten Opal und Erdstoß befinden sich in einer gebundenen Rotation. Ein Transportsystem, genannt „;Nabelschnur“;, verbindet beide Planeten über eine Länge von zwölftausend Kilometern miteinander. „;Nabelschnur“; ist eines der vielen mysteriösen Artefakte, die von den „;Baumeistern“;, einer längst verschollenen Rasse, errichtet worden sind. Wenn die Sommerflut, gemeinhin als „;Gezeitensturm“; bezeichnet, ihren Höhepunkt erreicht, werden die Bedingungen an der Oberfläche von Erdstoß unberechenbar. Keine vernunftbegabte Spezies würde sich zu diesem Zeitpunkt freiwillig dort aufhalten. Doch diesmal scheint alles anders zu sein. Unerwartetes, reges Interesse an Erdstoß lässt den Planetenadministrator Max Perry misstrauisch werden. Eine Gruppe von Menschen (und Nichtmenschen) aus verschiedenen Systemen der Galaxie möchte plötzlich dem Planeten Erdstoß während des „;Gezeitensturms“; einen Besuch abstatten. Max Perry, verantwortlich für alle Vorgänge auf den Zwillingsplaneten, vermutet hinter dem plötzlichen Interesse fadenscheinige Gründe. Als wäre das noch nicht genug, wird ihm auch noch der ranghöhere Hans Rebka vor die Nase gesetzt. Aus wirtschaftlichen Gründen unterstützt dieser zunächst das Anliegen der Besucher und ignoriert die Warnungen Max Perrys. Ein schwerwiegender und tödlicher Fehler, wie sich bald herausstellen soll.

Gezeitensturm oder nur ein laues Lüftchen?

Eine Space-Opera mit dem Charme eines Klassikers, aber leider auch mit den bekannten Schwächen des Autors. Als genialer Ideengeber seiner Zeit oft voraus, droht er wieder einmal an einer schwachen Umsetzung zu scheitern. Kaum ein anderer Autor schafft es, dass die Meinungen der Leserschaft so weit auseinander gehen, wenn man über die Qualität seiner Werke diskutiert. „;Gezeitensturm“; bietet eine merkwürdige und paradoxe Mischung aus intelligenter Science Fiction und erschreckend naiven Passagen innerhalb einer durchaus spannenden Handlung. Farblose Protagonisten und schwache Dialoge verhindern immer wieder, dass am Ende der Bemühungen ein wirklich großer Roman steht. Skepsis kommt auch gleich zu Beginn auf, da die Geschichte nur sehr schleppend in Fahrt kommt. Das liegt zum Teil daran, dass Sheffield viel Zeit darauf verwendet, seine Hauptfiguren vorzustellen. Reine Zeitverschwendung, denn der Leser tut sich auch anschließend schwer, sich mit den Charakteren einigermaßen zu identifizieren. Daraus resultiert ein langatmiger und wenig motivierender Einstieg. Die Schauplätze sorgen zu dieser Zeit auch (noch) nicht für Abwechslung. Wie sehen die politischen Verhältnisse aus? Wie stehen die unterschiedlichen Zivilisationen auf den zahlreichen Planeten zueinander? Das Dobelle-System mit seinen Zwillingsplaneten scheint nur von den beiden Planetenadministratoren Rebka und Perry bewohnt zu sein. Öde Dialoge in einer öden Umgebung zwischen zwei von Selbstmitleid und Frustration angefressenen „;Einsamen Wölfen“;. Ob Sheffield mit seinen „;Nichtmenschlichen Figuren“; ein wenig über das Ziel hinausschießt, darüber kann man auch geteilter Meinung sein. Ein großer Käfer mit Spinnenbeinen und eine pelzartige, hopsende Kugel auf Beinen mit einem ausfahrbaren Stachel, die füreinander freundschaftliche Gefühle entwickeln, sorgen nicht unbedingt für hohen Anspruch. Zugegeben, irgendwann entwickelt man sogar Sympathie für die beiden Individuen, jedoch liegt immer die Vermutung nahe, sie wären der Muppet-Show entsprungen. Sind dann endlich alle Protagonisten miteinander vereint, hat man schon über die Hälfte des Romans hinter sich gebracht. Passiert ist in dieser Zeit aber nichts Nennenswertes. Ein einziges Wort sollte genügen: Langeweile!

Von Null auf Hundert

An die Grenzen seiner Leidensfähigkeit gebracht, erwartet den Leser im dritten Teil  des Romans eine angenehme Überraschung. Die Ereignisse überschlagen sich und die Handlung nimmt Fahrt auf. Sheffield beschleunigt völlig überraschend von Null auf Hundert. Jetzt kommen die Stärken des Autors zum Tragen, rechtfertigen die Behauptung, dass seine Romane lesenswert sind. Ehe man sich versieht, befindet man sich schlagartig inmitten unglaublicher Naturgewalten, deren erschreckend realistische Beschreibungen dem  Roman-Titel mehr als gerecht werden. Die kritische Phase des „;Gezeitensturms“; auf Erdstoß hat begonnen und die Protagonisten befinden sich mittendrin. Wenn das Heulen des Windes immer wieder durch dröhnende Explosionen in der Ferne unterbrochen wird, seismische Energien das Erdreich erbeben lassen und die Luft vor Hitze flimmert, dann spürt man fast schon den schwefeligen Regen, der auf eine verschworene Gemeinschaft niederprasselt, um auf deren Haut zu verdampfen. Ein dramatischer Überlebenskampf, untermalt von zuckenden und heftigen Blitzen. Der zeitliche Druck, der auf ihnen lastet, steigert sich fast bis zur Unerträglichkeit. Dies lässt den Puls in die Höhe schnellen und sorgt für ein exzellentes Lesevergnügen. Die Entschädigung für stundenlange Enttäuschung. Warum nicht gleich so? Nun gewinnen auch die Figuren des Romans etwas mehr an Format. Helden, in Form von unerschrockenen Einzelkämpfern, die jederzeit eine Lösung parat haben, gibt es allerdings nicht.  Bei Sheffield ist das Team der Held. Aus anfänglicher Skepsis und Misstrauen entsteht in einer Situation, in der es nur um das nackte Überleben geht, eine zuverlässige Gemeinschaft mit Stärken und Schwächen. War die Handlung zuvor eher unglaubwürdig, so gewinnt der Plot nun an Tiefe. Spannung pur. Diese Spannung kann der Autor glücklicherweise fast bis zum Finale aufrechterhalten.

Fazit

Die Dramaturgie der Ereignisse zu schildern, bleibt die große Stärke des Charles Sheffield. Auch wenn vorliegender Roman die üblichen Schwächen des Autors aufweist, ist „;Gezeitensturm“; ein Abenteuer, auf das der Leser sich einlassen sollte. Wer auf der Suche nach spannender, dramatischer Unterhaltung ist und eine längere Durststrecke überstehen kann, der wird an diesem Roman sicher seine Freude haben. Nicht zuletzt sind es die faszinierenden Schauplätze, die – im dritten Teil des Romans – einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Grund genug, gespannt die Fortsetzung zu erwarten. Es wird sich zeigen, ob Charles Sheffield eine Space Opera von bleibendem Wert oder nur ein triviales Lesevergnügen hinterlassen hat.

Ihre Meinung zu »Charles Sheffield: Gezeitensturm«

Walter zu »Charles Sheffield: Gezeitensturm«16.12.2007
Der Roman ist der Einstieg in eine Reihe. Er ist ebenso wie "Die Reliktjäger" und "Der kalte Tod" spannend, mit unaufdringlichem Humor und voller selbst für SF-Romane bemerkenswerter Fantasie geschrieben. Obgleich der schwächste der drei genannten durchaus zu empfehlen, und als Einstieg eh ein Muss.
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