Die Narbe von

Buchvorstellungund Rezension

Die Narbe von

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „The Scar“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 525 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Eva Bauche-Eppers.

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In Kürze:

Dies ist die Geschichte einer Gefangenen und ihrer Reise an Bord eines Schiffes über die Weiten eines unglaublichen Ozeans. Es ist die Suche nach der Insel eines vergessenen Volkes, nach einem gigantischen Meereswesen und letztendlich nach einem mythischen Ort, einer massiven Wunde in der Welt, einer Quelle unvorstellbarer Macht und Gefahr: der Narbe…

Das meint phantastik-couch.de: „Possibel-Literatur“95

Fantasy-Rezension von Frank A. Dudley

China Miéville ist ein Phänomen: Gleichzeitig Kritikerliebling mit einer eindrucksvollen Liste von internationalen Phantastik-Auszeichnungen und überaus beliebt bei anspruchsvollen Genrefreunden. Wie schafft er es, beide Lesergruppen stets aufs Neue nicht nur zu befriedigen, sondern zu überraschen? Er macht es wie Uther Doul, eine Hauptfigur aus „Die Narbe/Leviathan“: Mitten in der Realität stehen und mit allen Möglichkeiten arbeiten, nur mit dem Unterschied, dass er schreibt, während Doul sein Possibel-Schwert schwingt.

In seinem dritten Buch schickt Miéville seine Leser erneut in die Welt von Bas-Lag, allerdings nicht nach New Crobuzon, dem korrupten, schmutzigen und gewalttätigen Moloch aus „Perdido Street Station (dtsch. Die Falter/Der Weber). Schauplatz der Handlung ist der Ozean, genauer die aus aneinander geketteten Schiffen bestehende Meeresstadt Armada. Das Personal dieses Romans ist nur lose mit den Protagonisten von “The Scar„ verbunden: Bellis Schneewein, aus deren Sicht erzählt wird, gehörte zum Freundeskreis des Krisis-Forschers Dan dar Grimnebulin. Bellis flieht aus New Crobuzon, weil sie sich deshalb von der Staatsmacht verfolgt fühlt. Auf dem Weg in die Kolonie Nova Esperium wird ihr Schiff jedoch von Armada-Piraten aufgebracht und alle Passagiere schanghait, um die Meeresmetropole weiter zu bevölkern.

Das Garn, das Miéville spinnt, nachdem die unfreiwilligen Neubürger Armadas die Planken ihrer zukünftigen Hochsee-Heimat betreten, sucht seinesgleichen. Die Geschichte quillt nur so über von exotischen und bedrohlichen, beinahe greifbaren Schauplätzen sowie wunderlichen Wesen.   Der Riesenwal Avanc, aus multidimensionalen Tiefen hervorgelockt und als Zugtier eingesetzt, die Insel der Moskitomänner mit ihren blutgierigen Frauen und natürlich die Schiffe-Stadt Armada mit ihren vielschichtigen Vierteln, eigenwilligen Bewohnern und unterschiedlichen Regeln fasziniert als maritime Entsprechung New Crobuzons. Sie wird regiert von den Liebenden, deren sado-masochistischen Sexualpraktiken für alle Bürger Armadas offensichtlich sind, und den Herrschern über die einzelnen Viertel, unter ihnen der Brucolac, ein Vampir.

Dieser liefert sich einen spektakulären Zweikampf mit Uther Doul, dem Bodyguard der Liebenden. Spektakulär deshalb, weil Doul eine der großartigsten Waffen der phantastischen Literatur einsetzt: Das Possibel-Schwert. Erschaffen vor Urzeiten durch nichtirdische Kräfte, kann der in einer Art Zen-Trance kämpfende Doul  damit alle in dieser Dimension möglichen Schläge und Paraden ausführen und so jeden Gegner überwinden. Sogar die friedliebende Bellis Schneewein kann sich dieser Faszination nicht entziehen, für sie hat die Art, wie Doul mit dem Possibel-Schwert ficht, beinahe ästhetischen Charakter.

Mit Herz und Verstand

Doch nicht die zahlreichen Kämpfe inklusive einer im Breitwandformat geschilderten Seeschlacht oder die Reise zur eigentlichen Narbe, dem Realitätsriss im Ozean, stehen im Mittelpunkt der spannungsreichen Handlung. Miéville schafft es, seine starke Charakterschaffung noch eine Stufe höher zu heben. So sieht der Leser durch Bellis Schneeweins nicht nur unglaubliche Dinge, er erlebt auch, wie sie sich bis zum Schluss gegen ihre Situation wehrt, sich weigert anzuerkennen, dass sie mit den Menschen Armadas leben muss. Dass sie betrogen wird, dass sie um Loyalität kämpfen muss. Miéville zeigt, wie eine Revolution – hier müsste man sie Meuterei nennen – funktioniert, er zeichnet Schicht um Schicht der Hauptfiguren und vermeidet Schwarz-Weiß-Malerei. Jede Figur ist komplex und nachvollziehbar, oft bis ins blutigste Detail.

So schreibt sich Miéville nicht nur die Herzen seiner Fans, sondern überzeugt auch den Verstand der Kritiker. Mit seinem dritten Roman grüßt er nicht nur Herman Melville’s “Moby Dick„, er verneigt sich auch vor dem Hochsee-Horror, den Edgar Allan Poe in “Die Abenteuer Gordon Pyms„ und “Ein Sturz in den Malstrom„ schuf. China Miéville formuliert bild- und wortgewaltig, ohne seine Figuren oder die Handlung dabei aufzublähen. Er schafft wilde Welten, er hat politischen und sozialen Anspruch, eine sensible Hand für menschliche Motive und Konflikte, innere wie äußere. Nach den Lorbeeren, die er für “Perdido Street Station„ geerntet hat, waren die Ansprüche an ihn hoch. Er ist ihnen mit “The Scar" mehr als gerecht geworden.

Ihre Meinung zu »China Miéville: Die Narbe«

rm2099 zu »China Miéville: Die Narbe«03.04.2009
Mit die Narbe ist China Mieville ein würdiger Nachfolger zu dem genialen Perdido Street Station gelungen. Tiefe, interessante Charaktere, eine faszinierende Welt, eine abgefahrene Handlung. Wie keinem zweiten gelingt es Mieville auch hier, den Charakter, das Wesen einer Stadt (diesmal einer schwimmenden) zum Leben zu erwecken, so dass sich der Leser mittendrin fühlt. Kleinere Plot-Schwächen oder allzu ausufernde Beschreibungen hat das Buch zwar auch, doch die werden durch die Kraft der Sprache und die rasante Imagination aufgewogen. An die Originalität und Klasse von Perdido Street Station reicht "die Narbe" zwar nicht ganz heran, aber es fehlt nicht viel. Leider ist das folgende Mieville-Buch "Der Eiserne Rat" schon viel, viel schlechter...
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