Dieser Volkszähler von

Buchvorstellungund Rezension

Dieser Volkszähler von

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „This census-taker“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 176 Seiten.ISBN 3954380714.Übersetzung ins Deutsche von Peter Torberg.

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In Kürze:

Auf einem Berg oberhalb des Brückendorfes, in einem abgelegenen Haus, lebt ein Junge mit seinen Eltern. Der Vater ist Schlüsselmacher und wird weithin für seine Kunst gerühmt. Oft steigen die Leute den Berg hinauf und tragen ihr Anliegen vor. Von den Schlüsseln erzählt man sich, dass sie magische Kräfte haben, und niemals sieht der Junge die Kunden seines Vaters ein zweites Mal. Doch dann wird er Zeuge einer grausamen Tat und muss hinunter ins Dorf fliehen. Die Leute dort erwarten ihn bereits und wollen wissen, was geschehen ist. Außer Atem, mit blutigen Händen und zitternd vor Angst erzählt der Junge, seine Mutter habe seinen Vater erstochen. Sicher ist er sich aber nicht. Vielleicht war es auch der Vater, der die Mutter getötet hat ...
Einmal mehr lotet China Miéville die Grenzen der fantastischen Literatur aus. »Dieser Volkszähler« ist ein virtuos erzähltes, atmosphärisch dichtes Buch, das unsere Wahrnehmung der gegenwärtigen Welt verzerrt, um das zu enthüllen, was uns in ihr verborgen bleibt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Phantastik outside the box“85

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

Eines Tages rennt ein kleiner Junge vom Berg oberhalb des Dorfes hinab. Er weint, schreit und berichtet etwas davon, dass sein Vater seine Mutter erstochen hätte – oder war es doch die Mutter, die den Vater ..?

Im Brückendorf, das, wie der Name sagt zwischen zwei bebauten Hügeln liegt und durch die nämliche Brücke miteinander verbunden ist, ist man zunächst ratlos. Eine Abordnung zieht auf den Berg, doch der Vater des Jungen leugnet die Tat, behauptet, dass seine Frau ihn und ihren Sohn verlassen hat. Zum Beweis legt er einen Brief der Mutter vor. Da niemand das Gegenteil beweisen kann, glaubt man dem Schlüsselmacher und gibt sich mit der Auskunft zufrieden. Natürlich kann man einem kleinen Jungen nicht glauben, zumal der Vater als Schlüsselmacher einer angesehenen Profession nachgeht. Oft steigen Ratsuchende und Verzweifelte den Berg hinauf, schildern ihre Not und bekommen dann den Schlüssel, der magische Kräfte zu haben scheint, angefertigt. Nie beschwert sich ein Kunde über die Ware, die wirtschaftliche Existenz ist gesichert.

Dass der Vater in unregelmäßigen Abständen Lebewesen tot schlägt und ihre Leichen in einer Spalte weit ober auf dem Berg entsorgt ahnt keiner der Dorfbewohner, letztlich wäre es ihnen vermutlich auch egal. So ist der Junge gefangen bei einem Vater, dem er misstraut, den er fürchtet und einem Dorf, das ihm im Stich gelassen hat. Eines Tages aber scheint Hilfe in Anmarsch – der Volkszähler klopft an die Tür, ein Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Mysterien auf den Grund zu gehen …

An China Miéville scheiden sich die Geister. Viele halten den Briten für einen der herausragendsten Autoren im Bereich des phantastischen Romans, Andere können mit seinen Romanen wenig anfangen.
Bislang erschienen seine Werke bei Bastei-Lübbe, im vorletzten Jahr wechselte er zu Heyne. Nun aber meldet sich ein kleiner, ambitionierter Verlag und legt eine Novelle Miévilles in einem hochwertigen Hardcover auf.

Die Verlagsbuchhandlung Liebeskind präsentiert uns hier ein Stück Prosa, das nicht stromlinienförmig daherkommt, das den Leser berührt. Fast märchenhaft, ein wenig kafkaesk begegnet uns ein Junge, der nicht mehr weiß, was er glauben, wem er vertrauen soll. Er ist allein mit einem Vater, der einer mysteriösen Tätigkeit nachgeht, ist geschockt angesichts einer unbegreiflichen Tat, der er Zeuge wird. Der Schock, die Verdrängung dessen, was ihm widerfahren ist prägt den Jungen, erst nach und nach kommen Erinnerungsstücke zum Vorschein.

Das ist in seiner Ausführung fast schon minimalistisch, nimmt aber dann immer deutlichere Züge an, verstört und interessiert den Leser, lässt ihn mit dem Jungen bibbern und zweifeln. Dass dabei eigentlich alles seltsam erscheint, dass das Grauenhafte, das Merkwürdige nur hervorblinzelt, mehr der Interpretation des Lesers überlassen bleibt, mach die Novelle so interessant und ergreifend.

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