Perdido Street Station von

Buchvorstellungund Rezension

Perdido Street Station von

Originalausgabe erschienen 2000unter dem Titel „Perdido Street Station“,deutsche Ausgabe erstmals 2006, 800 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Eva Bauche-Eppers.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „;Der Schmutz, die Seelen und die Stadt“;92

Fantasy-Rezension von Frank A. Dudley

Die Diskussion um die Definition der Phantastik-Subgenres Science Fiction, Fantasy und Horror wird seit Jahrzehnten geführt – mehr oder weniger erfolgreich. Zahlreiche Nebenströmungen und Seitenarme spekulativer Literatur haben ihrerseits dazu beigetragen, die Kritik stets vor neue diskursive Herausforderungen zu stellen. China Miéville gehört zu den jüngeren Fantasy-Autoren, die bewusst die Grenzen überschreiben, um der Tolkien’schen Zentrifugalkraft zu entkommen.

Schauplatz von „;Perdido Street Station“; ist New Crobuzon, ein Stadtstaat auf einem Planeten, der die Erde der Zukunft sein kann oder auch nicht. Der schmutzige Moloch breitet sich unkontrolliert wachsend aus, Menschen bewohnen ihn gemeinsam mit nicht- und teilhumanen Spezies, die biologische Kreuzungen aus terrestrischer Flora und Fauna sind. New Crobuzon ist ein Alptraum von Ansiedlung mit zwei brutalen Regierungen, einer im Rathaus und einer in den Schatten der Unterwelt. Auf den ersten Seiten seines Romanes entfaltet Miéville dicht und eindrucksvoll mit dunklen Worten das Triptychon seiner gewalttätigen und korrupten Welt, deren Smog artige Atmosphäre aus Tod, Wahnsinn und Folter den Leser einsaugt. Nichts Gutes kündigt sich an, wenn Miéville das trostlose Bild eines von grimmiger Industrialisierung zerfressenen Lebensraumes zeichnet:

„;Längs der Ränder totgeborener Straßen schwärten über Nacht Baracken aus Betonbruch und rostigem Eisen. Besiedlung breitete sich aus wie Schimmel. Keine Gaslaterne gegen das Dunkel der Nacht, keine Ärzte, keine Jobs, dennoch war innerhalb eines Jahres das ganze Gebiet übersät von armseligen Behausungen. (…) Der ganze stinkende Slum schien wie Scheiße vom Himmel gekleckert zu sein.“;

Krisis und Gier

Das Stampfen, Pfeifen, Zischen und Grollen dampfgetriebener Räderwerke und Maschinen stellt den nahezu greifbaren akustischen Hintergrund des Romans, klebrige Emissionen aus Kohlenschornsteinen verpesten die Luft, die die entfremdeten und eigensüchtigen Bewohner New Crobuzons atmen. Miévilles Protagonisten leben am Rande einer von Spionen und Schnüfflern durchsetzten Gesellschaft, entweder aus freien Stücken, aus sozialem Druck oder aus beiden Gründen. Diese nahezu unerträgliche soziale Spannung, unter der New Crobuzon steht, kulminiert in der Hauptfigur Isaac Dan dar Grimnebulin. Seine Forschungen nach einer obskuren Maschine, die „;Krisis“;-Energie einfängt und nutzt, haben ihn zum wissenschaftlichen Außenseiter gemacht. In seiner sozialen Stellung ist er außerdem angreifbar durch die skandalöse Liebesbeziehung zu Lin, die der menschlich-insektoiden Rasse der Khepri angehört. Auch Lin steht am Rande der Gesellschaften: Von den Menschen höchstens toleriert, hat sie sich von ihren ghettoisierten Genossen losgesagt, um als freischaffende Künstlerin zu leben.

Eines Abends bekommt Grimnebulin unerwarteten und seltsamen Besuch. Yagharak, der zu den geflügelten Garuda aus den südlichen Wüsten gehört, bittet den Wissenschaftler um Hilfe: Er soll ihm helfen, seine Flugfähigkeit wiederzuerlangen. Yaghareks Flügel wurden ihm von seinem Volk ausgerissen, weil er ein Verbrechen namens „;Wahlberaubung 2. Grades“; begangen hat. Grimnebulin nimmt den Auftrag, einerseits aus wissenschaftlicher Neugier, andererseits wegen des prallgefüllten Goldsäckchens, das Yagharek im anbietet. Bei Experimenten mit den unglaublichsten Flugwesen, die New Crobuzon und die „;Bas-Lag“; genannte Außenwelt durchstreifen, setzt der Forscher ein Monster frei, dass eine noch nie da gewesene und ultimative Bedrohung für alle beseelten Geschöpfe darstellt: Einen Gierfalter, der anderen Lebewesen den Verstand aus den Schädeln saugt. Ihn und seine hinzu stoßenden Artgenossen müssen Grimnebulin und seine Gefährten vernichten, ein Unterfangen, das nahezu aussichtslos erscheint.

Hieronymus Bosch meets H.P. Lovercraft

„;Perdido Street Station“; verfügt über eine von thematischen Gegensätzen geprägte Struktur, über einen Dualismus zwischen Ober- und Unterwelt, sozialen Schichten und Charakteren. New Crobuzons Bevölkerung teilt sich in die verschiedensten und gegensätzlichsten Ethnien und Religionen, sogar eine revolutionäre Zelle hat der überzeugte Marxist Miéville untergebracht. Der diktatorische Bürgermeister wird vom Boss der Unterwelt gespiegelt.

Auch Übergänge und Transformation spielen eine wesentliche Rolle: Beide Potentaten verfügen über eine Armee von „;Remade“;, transhumane Wesen, die für Kampfzwecke maschinell aufgerüstet wurden. Aus Grimnebulins Versuchskaninchen wird ein lebensbedrohlicher Gierfalter, er selbst entwickelt sich vom zaghaften Schwächling zum handlungsstarken Kämpfer, der ständig die Grenzen zwischen Ober- und Unterwelt übertritt. Ebenso häufig allerdings verschwimmt auch die Linie, die Bewusstes und Unbewusstes trennt, wenn die psychischen Exkremente der Falter bei der Bevölkerung New Crobuzons für Alpträume sorgen. Es gibt auch bizarre Spezies, die in verschiedenen Welten oder Dimensionen existieren und zwischen ihnen wechseln können. Magie und Maschinendampf sind gleichberechtigt, rudimentäre Lochkarten-Computer fungieren als Alltagshelfer.

„;Perdido Street Station“; erzählt ein pralles und intensives Abenteuer, das in seiner farbigen Bildhaftigkeit an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnert: halb-, un- oder ganz menschliche Monster und Dämonen, die das Böse und Verderbte in der Welt symbolisieren. Dickens’ überbordende Erzählweise und Sozialkritik schwingen mit, der Horror des Unterbewusstseins aus Lovecrafts Feder durchzieht die Handlungsstränge. Mit der Jagd auf die unüberwindlichen Seelenvampire wird sogar „;Alien“; zitiert. Große Vorbilder, Miéville schafft es jedoch, sie zu würdigen, indem er die Plot-Schraube immer dann ein wenig weiter zu drehen, wenn man gerade glaubt, der Lösung auf der Spur zu sein.

Die Geschichte von Grimnebulin und seinem Kampf gegen die Gierfalter ist eine flüssig erzählte, permanente Grenzüberschreitung. Sie will in keine vorgefertigte Genre-Schublade so ganz hineinpassen: Viel Steampunk, eine Menge Horror, reichlich Fantasy und eine Prise SF machen den Roman sperrig und gleichzeitig faszinierend.

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