Maschinengeist von Chris Schlicht

Buchvorstellungund Rezension

Maschinengeist von Chris Schlicht

Originalausgabe erschienen 2012, 440 Seiten.ISBN 3867621209.

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In Kürze:

1899. Die Städte Frankfurt und Wiesbaden sind zu einem riesigen Komplex verschmolzen, in dem die Unterschicht wenig mehr als die Verfügungsmasse der Reichen ist. Riesige Fabrikschlote hüllen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in schwarzen Rauch und lassen die Probleme der versklavten Massen bedeutungslos erscheinen. Inmitten riesiger Fabrikkomplexe kann Privatermittler Peter Langendorf sich über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen. Nicht nur, dass er für Baron von Wallenfels die Machenschaften einer technikfeindlichen Sekte ausloten soll, die das neuste Spielzeug des Industriellen, ein gewaltiges Luftschiff, zerstören wollen. Zusätzlich soll er noch die Halbschwester des Künstlers de Cassard finden, die in die schlimmsten Kreise abgerutscht zu sein scheint. Als dazu noch Peters Bruder Paul auftaucht und ihm von üblen Machenschaften auf den Baustellen und dem Auftauchen entsetzlich mutierter Ratten berichtet, ist das Chaos komplett. Doch alle drei Fälle führen zu ein und derselben Person.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Dampfbetriebener Hessen-Krimi“73

Science-Fiction-Rezension von Eva Bergschneider

Steam-Punk muss keinesfalls im viktorianischen London spielen. Die Autorin Chris Schlicht wählt in ihrem Debüt-Roman einen fiktiven Industrie-Moloch am Main zum Schauplatz ihres Krimis, bestehend aus den verschmolzenen Städten Wiesbaden und Frankfurt. „Maschinegeist“ erzählt einerseits einen klassischen Krimi und beschreibt zugleich die deutsche Variante einer dampfbetriebenen Alternativhistorie.

Ungeheuer im Sumpf zwischen den Fabrikschloten

Peter Langendorf ist ein Grenzgänger zwischen den gesellschaftlichen Schichten der industriellen Revolution. Seine Auftraggeber können oder wollen sich nicht die Finger am Abfall der verwahrlosten Außenbezirke schmutzig machen. So sieht es zumindest zunächst aus, als der Baron von Wallenfels und ein französischer Künstler den Privatermittler um Hilfe bitten. De Cassard hat sich auf der Suche nach seiner Halbschwester jedoch bereits gefährlich weit in die gesellschaftlichen Niederungen vorgewagt und Peter folgt dieser Spur in den kriminellen Sumpf aus Drogen- und Menschenhandel.

Das Geld des Barons kann Peter auch gut gebrauchen. Doch das Ziel dieser Recherche ist eine Gruppe namens „Lichtbringer“, deren Name für die notleidende Bevölkerung Programm und Hoffnung ist. Denn die verteilt Hygieneartikel und Gift gegen die Krankheit und Tod bringenden unnatürlichen Biester. Doch wer finanziert diese selbstlose Hilfe? Und warum? Nicht nur in der Kanalisation, sondern auch in den Salons der besseren Gesellschaft stößt Peter auf skrupellose Machenschaften von Verbrechern, die Absichten jenseits jeglicher Moral verfolgen.

Die Gesellschaft im Schatten der Dampfmaschinen

Wie in allen Steampunk-Romanen dampft es auch in „Maschinengeist“ aus allen Ecken. Und doch steht hier nicht die Technik im Vordergrund, sondern die Entwicklung der Gesellschaft. Im ersten Viertel des Buchs führt uns Chris Schlicht in die Zeit ihrer fiktiven industriellen Revolution ein. Sie zeichnet in düsteren Farben eine Welt, die von einem immensen Gegensatz zwischen reicher Oberschicht und notleidender Bevölkerung am unteren Rand der Gesellschaft geprägt ist. Die Großstadtmetropole zwischen Wiesbaden und Frankfurt schluckt nahezu alle umliegenden kleineren Orte und erschafft dabei riesige Slums, die sorgsam von den besseren Stadtteilen abgeschottet werden. Infrastruktur, Schulen oder Krankenversorgung gibt es dort nicht, ebenso wenig wie eine noch so geringe Aussicht auf Errettung aus dem Elend. Marode von Pferden gezogene Straßenbahnen dienen hier als alleinige Transportmittel, während sich die Reichen mit ätherbetriebenen Automobilen durch ihre Gegenden kutschieren lassen. Sogar sprachlich grenzt die Autorin Ober- und Unterschicht voneinander ab, indem sie die Arbeiter mit hessischem Dialekt sprechen lässt. Ein kluger Einfall, der das soziale Gefälle noch deutlicher macht und der Story Lokalkolorit verleiht. Chris Schlichts Gesellschaft im Dampfmaschinenzeitalter hat sich der technischen Entwicklung untergeordnet und ist daran ökologisch und moralisch zerbrochen. Wir erleben ein innovativ und detailreich gezeichnetes apokalyptisches Setting, das beklemmend wirkt, weil es in vielerlei Hinsicht an die tatsächlichen politischen und sozialen Verhältnisse Europas im ausgehenden 19 Jahrhundert erinnert.

Beinahe zu gut wirken in dieser Stadt der Privatdetektiv Peter und sein schwuler Bruder Paul, die sich mit dem allmächtigen Baron und dem grausamen Unterweltboss anlegen. Auch wenn die „Maschinengeist“-Helden und -Bösen etwas zu schwarz-weiß gezeichnet sind, folgt man ihnen atemlos in ein komplexes Abenteuer, voller Action, Horrorelemente und gruseliger Albträume. Man begleitet Peter, Paul oder beide bei Recherchen und Verfolgungsjagden, die sie immer weiter in die Abgründe eines Systems der Korruption und Gier führen, wo ein Menschenleben nichts gilt. Über weite Strecken schreitet die Story flott voran und trotz der vielen Handlungsstränge verliert man nie den Überblick. Am Ende führt die Autorin diese auch sinnvoll zueinander. Dennoch wirkt das Finale, im Vergleich zum spannenden Mittelteil, etwas fad und zu glattgebügelt. Irgendwie scheinen sich die Missstände aufzulösen und die Bösewichter heimlich von der Bildfläche zu stehlen, was nicht so recht zur zuvor beschriebenen Übermacht des Feindes passen will. Auch die Liebesgeschichte, erst angenehm kitschfrei und bittersüß inszeniert, gerät am Ende pompös. Weniger wäre hier mehr gewesen. Chris Schlichts Sprachstil liest sich angenehm und rund, gelegentlich fallen ein paar Druck – und Wortfehler unangenehm auf. Insgesamt ist der Autorin ein eindrucksvolles Romandebüt gelungen, denn besonders im Mittelteil punktet „Maschinengeist“ durch atmosphärische Dichte, Tiefgang und Dramatik.

(Eva Bergschneider, August 2012)

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