Welt aus Stein von Chris Wooding

Buchvorstellungund Rezension

Welt aus Stein von Chris Wooding

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „In Kürze:“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 416 Seiten.ISBN 3-404-20599-5.Übersetzung ins Deutsche von Dietmar Schmidt.

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In Kürze:

Eine unterirdische Welt mit riesigen Höhlen, unterirdischen Meeren, Wäldern aus Kristall. Eine Zivilisation geboren aus der Dunkelheit, in Dunkelheit lebend, von den Schatten beschützt Eine Welt im Krieg. Tief im feindlichen Territorium schmachtet eine Gefangene in einem ausbruchsicheren Kerker. Sie ist eine fähige Assassine, eine Diebin und Spionin; hochintelligent, extrem gefährlich und auf unheilvolle Weise besessen. Und sie weiß etwas, das ihr Volk bis ins Mark erschüttern wird. Etwas, das vielleicht das Desaster verhindern könnte, welches auf die Welt zukommt …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Von Himmel und Höhle“60

Fantasy-Rezension von Tom Orgel

Ein ungewöhnliches Setting ist es, das uns Chris Wooding da präsentiert. Nicht unbedingt neu – aber immerhin originell genug, um ohne Dunkelelfen, Gnome, Zwerge, Kobolde, Goblins und andere unterirdisch lebende Rassen der Fantasy auszukommen. Die restlichen Zutaten sind dagegen die erwarteten: gigantische Höhlen, unterirdische Meere, Pilzplantagen und Kristallwälder. Tief in den Eingeweiden der Erde führen ganze Völker von Menschen einen anscheinend ewig andauernden Krieg gegeneinander.

Die Protagonistin Orla gehört zu den Elitesoldaten des Volkes der Eskaraner. Bei einem Routineeinsatz in diesem Krieg gerät sie mit ihrer Einheit in eine Falle des Feindes und erwacht schwer verletzt in einem Gefangenenlager der gegnerischen Gurta. Nur langsam heilen ihre körperlichen und noch schwerer ihre seelischen Wunden aus der Schlacht, in der sie ihren Mann verloren hat und nur der Gedanke an ihren Sohn lässt sie schließlich die Flucht aus dem scheinbar ausbruchsicheren Gefängnis wagen. Zusammen mit dem „Sonnenkind“ Feyn (einem angehörigen des Volkes der Oberirdischen) und dem kannibalischen Spion Nereith gelingt es ihr, sich bis in die Heimat durchzuschlagen – nur um dort zu erfahren, dass sie und ihr Mann Bauernopfer in einer Intrige sein sollten, die dem Krieg ein für alle Mal eine unerwartete Wendung geben könnte. An dieser Stelle muss sich die Meister-Mörderin klar werden, wo ihre Loyalität wirklich liegt – und wer sie tatsächlich verdient.

Wo nie das Licht aus geht

Prinzipiell kann man sagen, dass Chris Wooding hier eine solide, flüssige Geschichte gelungen ist, die es gelegentlich sogar schafft, mit überraschenden Wendungen aufzuwarten und über weite Strecken ein genügend exotisches Flair versprüht, um sich ein wenig von der üblichen Fantasy abzuheben. Allerdings muss sie sich natürlich den nahe liegenden Vergleich mit zum Beispiel den „Underdark“-Geschichten um die Dunkelelfen von R.A. Salvatore gefallen lassen – und natürlich mit einer ganzen Reihe von Romanen, die generell unter Tage spielen. Und ganz ehrlich – mehr als „okay“ kommt sie dabei nicht weg.

Ein Pluspunkt ist der schon erwähnte Verzicht auf die fantasytypischen Erd-Rassen wie Dunkelelfen und Zwerge. Ein weiterer ist sicherlich die akribische Ausarbeitung des Ökosystemes. Dennoch hat sie immenses Potential verschenkt, vor allem im wichtigsten Punkt: Es kommt kein „Höhlen-Gefühl“ auf. Ihre Geschichte könnte über den größten Teil ebenso in einem dichten Wald oder den Gassen einer Großstadt spielen. Allenthalben leuchten und phosphoreszieren Insekten, Pilze, Algen um die Wette und wo die nicht reichen, strahlen Lavaflüsse und magische Leuchtsteine und wo man sich als Leser auf klaustrophobische Dunkelheit, in der Luftströme, Temperaturen, Geräusche und Gerüche die Stelle von optischen Sinneseindrücken übernehmen, einstellt, herrscht das ewige Zwielicht einer großstädtischen Fußgängerzone kurz nach Ladenschluss. Kurz: Es ist so gut wie nie dunkel.

Es ist auch so gut wie nie eng und abgesehen vom gelegentlichen, mechanischen Lift und der einen oder anderen Kletterei an Hauswänden denkt auch kein Bewohner dieser unterirdischen Welt im Geringsten in drei Dimensionen. Zumindest nicht mehr, als für das Treppensteigen notwendig ist. Salvatores Drow machen vom Potential einer in allen drei Dimensionen begehbaren Welt in ewiger Finsternis deutlich mehr. Und Salvatore ist noch lange nicht das Maß aller Dinge, wenn es um klaustrophobische Erkundungstouren in engen Höhlenschächten geht. Damit verschenkt Wooding das mit Abstand Interessanteste an seinem kompletten Spielort.

Der Mond ist ein Käse – zumindest so löchrig

Gut, er beehrt uns dafür mit einer wirklich ausgeklügelten Himmelsmechanik. Interessanterweise machen sich nämlich die Bewohner ihrer Höhlenwelt wesentlich mehr Gedanken um die Astronomie als der klassische Fantasy-Oberweltbewohner. Sie wissen um die Zwillingssonnen, sie wissen, dass sie auf (oder besser: in) einem Mond leben, der um einen Gasriesen kreist, der um die Zwillingssonnen rotiert. Ihr ganzes Dasein in der ewigen Nacht wird bestimmt von den Jahreszeiten durch diesen komplizierten Sonnensystemaufbau.

Sie leben sogar in den gigantischen Wurzeln noch gigantischerer Pilze, deren Kappen an der lebensfeindlichen Oberfläche wachsen. Lediglich die „Sonnenkinder“, dunkelhäutige Nomaden, leben dort oben und können den Strahlen der Sonne für mehr als zwei Minuten widerstehen, ohne von der UV-Strahlung geröstet zu werden.

Das erklärt also, warum nahezu alle Völker und Lebewesen unterirdisch leben. Es erklärt auch ein fremdartiges Ökosystem, das gelegentlich ein wenig an die Welt in „Pitch Black“ erinnert (mit dem Unterschied natürlich, dass es hier nie so dunkel zu werden scheint). Das Dumme ist nur – es ist für die Geschichte nicht wirklich notwendig. Man bewundert Woodings ausgeklügeltes Planetensystem. Man wundert sich darüber, mit welch kalter, wissenschaftlicher Präzision seine seit Äonen unterirdisch lebenden Völker darüber Bescheid wissen, ohne es im Geringsten in irgendwelche Mythen, Legenden oder gar Religionen verkleidet zu haben. Man wundert sich, warum sie zwar so viel über ihr Sonnensystem und die Funktion von Planeten und Himmelsmechanik wissen, aber kaum etwas über ihre Oberwelt. und man fragt sich irgendwann ernsthaft, wofür man diesen ganzen Informationsballast eigentlich braucht.

Verschenktes Potential

Denn für den Kern, die eigentliche Geschichte, ist das Ganze überhaupt nicht notwendig. Es rückt nur die Bühne unnötig in den Vordergrund, wo es doch um die – durchaus erzählenswerte – Geschichte und die Charaktere geht, die auch ohne dieses geballte Wissen interessant genug wären. Noch dazu, wo sie die Eigenheiten der einzelnen, wohl zahlreichen Menschenvölker zwar gelegentlich anspricht und damit Interesse weckt – genau diese interessanten Aspekte jedoch erstaunlich skizzenhaft lässt, um abermals zu ihrer Himmelsmechanik zurück zu kehren.

Wenn sich der Autor ein wenig mehr Gedanken um das Leben unter Tage und seine Völker und Lebewesen und weniger um die Astronomie gemacht hätte (vielleicht wäre es gut gewesen, einmal eine Höhlenklettertour mit zu machen, denn man merkt deutlich, dass Wooding wohl noch nie unter Tage war), dann hätte diese Geschichte durchaus das Potential gehabt, mehr als nur guter Durchschnitt zu sein. Was sie so eben nur ist.

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