The New Dead. Eine Zombie-Anthologie von Christopher Golden

Buchvorstellungund Rezension

The New Dead. Eine Zombie-Anthologie von Christopher Golden

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The New Dead: A Zombie Anthology“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 476 Seiten.ISBN 3833222530.Übersetzung ins Deutsche von Firouzeh Akhavan-Zandjani.

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In Kürze:

Die Toten sind zurückgekehrt und sie sind hungrig! Sie wanken über die Straßen, sie verstecken sich in Hinterhöfen, Garagen und Einkaufszentren und sie verspeisen Nachbarn, Haustiere und Polizisten. Sie sind gekommen um zu bleiben. Die Frage ist jetzt, was kann man dagegen tun? Wie soll man überleben?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Untoten als Spiegelbilder der Lebenden“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

19 Autoren schrieben eigens für diese Sammlung neue Geschichten über böse oder gute, dumme oder schlaue, langsame oder schnelle aber immer tote Zombies:

 – John Connolly: Lazarus (Lazarus), S. 9-18: Die kurze, so bisher unbekannte und tragische Geschichte des berühmtesten Zombies der biblischen Geschichte.

 – David Liss: Maisie (What Maisie Knew), S. 19-58: Der perfekte Mord wird noch komplizierter, wenn das Opfer wieder zum Leben erweckt werden kann.

 – Stephen R. Bissette: Copper (Copper), S. 59-98: Ihr Land hat sie vergessen, aber für tote US-Soldaten gibt es in ihrem kriminell verrottenden Heimatland viel zu tun.

 – Tim Lebbon: Im Staub (In the Dust), S. 99-130: Als Überlebende einer Zombie-Seuche wurden sie in ihrer Stadt festgehalten, die sich nun vom Gefängnis zur Zuflucht wandelt.

 – Kelley Armstrong: Zum Leben verurteilt (Life Sentence), S. 131-150: Wer reich und skrupellos genug ist, kann dem Tod durch Krankheit womöglich als Luxus-Zombie ein Schnippchen schlagen.

 – Holly Newstein: Delice (Delice), S. 151-162: Wenn kriminelle Lebende zu mächtig sind, um für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden, können Untote diesen Job übernehmen.

 – Brian Keene: Der Wind ruft Mary (The Wind Cries Mary), S. 163-168: Er ist tot, sie ist tot, und dennoch können sie nicht zueinanderkommen.

 – Jonathan Maberry: Familienbetrieb (Family Business), S. 169-234: Zombies kann man ausrotten – oder sie im Auftrag der Hinterbliebenen von ihrem Elend erlösen.

 – M. B. Homler: Der Zombie, der vom Himmel fiel (The Zombie Who Fell from the Sky), S. 235-262: Die Attacke der Untoten wird durch Experimente allzu fahrlässiger Militär-´Experten´ ausgelöst.

 – Derek Nikitas: Dolly (My Dolly), S. 263-282: Wer wissen will, ob es ein Leben nach dem Tode gibt, muss einen Zombie fragen.

 – Mike Carey: Dritter Frühling (Second Wind), S. 283-308: Der Untod erweist sich als Idealzustand für einen arbeitswütigen Börsenmakler.

 – Max Brooks: Abschluss mit beschränkter Haftung (Closure, LTD), S. 309-316: Sie wollen ein untotes Familienmitglied oder ihre/n Geliebte/n erlösen? Das kann arrangiert werden.

 – Aimee Bender: Unter uns (Among Us), S. 317-322: Wie definiert man „Zombie“ – und sind die Untoten nicht längst unter uns?

 – Rick Hautala: Geisterreuse (Ghost Trap), S. 323-344: Tief unter dem Meer wartet ein untoter Fischersmann geduldig auf Beute.

 – Tad Williams: Die Sturmtür (The Storm Door), S. 345-366: In einer fremden Dimension warten gierige Kreaturen auf durch Tod freigewordene Menschenhirne.

 – James A. Moore: Kinder und ihre Spielsachen (Kids and Their Toys), S. 367-386: Viel interessanteren Zeitvertreib als normales Fundgut kann ein fast vollständig erhaltener Zombie bieten.

 – Joe R. Lansdale: Rack’n'Break (Shooting Pool), S. 387-402: Der Trickspieler will ein Landei ausnehmen und gerät an einen gänzlich toleranzlosen Zeitgenossen.

 – David Wellington: Die Geheimwaffe (Weaponized), S. 403-434: Der globale Krieg gegen den Terror könnte von Untoten geführt werden, was freilich auch dem Gegner bekannt ist.

 – Joe Hill: Twittern aus dem Zirkus der Toten (Twittering from the Circus of the Dead), S. 435-470: Der verhasste Urlaub mit den Eltern nimmt für das pubertierende Mädchen ein gänzlich unerwartetes Ende.

 – Die Autoren, S. 471-476

Sie kommen einfach immer wieder

Die klassischen Monster der Unterhaltungsgeschichten sind zwar unsterblich aber keineswegs stetig präsent. Sie scheinen ihr Unwesen in Zyklen zu treiben. Mal sind sie weit außer Sichtweite, dann kehren sie mit Wucht zurück und sind quasi allgegenwärtig. Derzeit teilen sich Vampire – aktuell in ihrer genitalfreien Schmuse-Version – und Zombies die Bühne. Zumindest Letztere sind sich treu geblieben, d. h. hässlich, stinkend und menschenfressend.

Ein wenig seltsam ist es schon, dass sie sich dennoch – oder gerade deswegen? – solcher Beliebtheit erfreuen. Zumindest in Film und Fernsehen beschränkt sich die inhaltliche Variation des Zombie-Horrors in der Regel auf die Frage, ob die Untoten schlurfen, wie es George A. Romero 1968 in „Night of the Living Dead“ festgelegt hat, oder flinkfüßig ihren Opfern nachsetzen, wie dies seit dem „Dawn-of-the-Dead“-Remake von 2004 offiziell sanktioniert ist.

Auch in der Literatur sind die Zombies nicht gerade wandlungsfähige Unholde. Zumindest gilt dies, wenn sie in Romanlänge durch die Welt wanken. In ihrer Eigenschaft als Untote, die eigentlich unter die Erde gehören, nachdem man sich trauernd von ihnen verabschiedet hat, erzeugen sie Primär-Schrecken durch ihr Wiedererscheinen als grässliche Karikatur des geliebten Verstorbenen. Zweitens bildet der Zombie in der Horde eine handfeste äußere Bedrohung, der sich die Lebenden stellen müssen. Das Spannungselement resultiert hier aus dem Durchspielen der diversen Möglichkeiten.

Zombie-Dienst nach Vorschrift

Solche Zombies treffen wir selbstverständlich auch in den hier gesammelten Kurzgeschichten. Tatsächlich sind dies die Storys, die den geringsten Eindruck hinterlassen, weil sie nur einmal mehr aufwärmen, was wir längst kennen. Tim Lebbon und besonders M. B. Homler liefern reine Horror-Routine ab, auch wenn sich Homler (erfolglos) bemüht, seine Geschichte vom hart geprüften Hähnchen-Brater mit schwarzem Humor erträglicher zu gestalten.

Noch am besten schlägt sich unter den Vertretern der altbekannten Zombie-Eskapaden Rick Hautala. Er erreicht dies, indem er die Handlung unter den Meeresspiegel und dem Horror dadurch in eine fremdartige Umgebung verlegt. Das Geschehen bleibt ohne Überraschungen und das Ende schwach, aber die Atmosphäre gleicht es aus. Einen marginal anderen Weg schlägt David Wellington ein, der nie ein Freund des subtilen Grauens war. Er geht vom staatlich getragenen Missbrauch des Zombies als ferngelenkten Soldaten aus, findet aber starke Bilder für seine Story, die durch die betonte Sachlichkeit der Darstellung zusätzlich gewinnt.

Weder spannend noch stimmig zieht sich Tad Williams aus der Affäre. Er versucht, die Zombie-Thematik mit dem „Cthulhu“-Mythos des H. P. Lovecraft zu verbinden und scheitert dabei an beiden Ufern. Immerhin schlägt er eine Brücke, denn ihn beschäftigt wie viele andere Verfasser immer wieder eine Frage: Wie hirntot sind Zombies wirklich?

Sie können auch anders

Die Antwort hebt die Zombie-Thematik auf eine völlig neue Ebene. Tot aber denkfähig: Diese Kombination ist erschreckend – für jene, die sich mit klugen Menschenfressern herumschlagen müssen, aber auch für jene, die sich selbst in einem toten Körper wiederfinden. Die klassische Reaktion ist weniger das blanke Entsetzen, sondern das nagende Gefühl, betrogen worden zu sein. John Connolly thematisiert es eindrucksvoll am Beispiel von Lazarus, der von Jesus Christus in ein Leben zurückgerufen wird, das er im Tod längst hinter sich gelassen hat und in das er sich nicht mehr einfinden kann.

Durch den Kriegseinsatz psychisch geschädigte Soldaten werden nicht nur in den USA gern außer Sichtweite jener gehalten, die einer Fortsetzung des Kampfes zustimmen oder selbst einrücken müssen. Dieses Verdrängen funktioniert so perfekt, dass sich bei Stephen R. Bissette eine untote Truppe formieren kann, die sich selbst einen Auftrag gibt. Bissette ist zwar sentimental, glänzt aber auch durch Sarkasmus: So definieren sich die Untergrund-Zombies weiterhin US-patriotisch durch den Kampf gegen die Kriminalität, vor der die Lebenden längst die Waffen gestreckt haben. Eine ähnliche Laufbahn lässt Holly Newstein ihre über dem Gesetz stehenden und dadurch als Richter & Henker einsetzbaren Untoten einschlagen.

Am extremen Ende der Zombie-Evolution stehen jene Zeitgenossen, die im Un-Tod die Überwindung von Beschränkungen sehen, denen sie im Leben ausgesetzt sind. Mike Carey schildert einen besessenen Börsenspekulanten, den nicht einmal der Tod durch Überanstrengung von seinem Tun abhält. Er wird bewusst zum Zombie – und muss feststellen, dass auch dieses ´Leben´ gewissen Regeln folgt. Während Carey schlüssig nachzeichnet, wie unser Zombie-Spekulant erkennt, worauf er sich eingelassen hat, legt Kelley Armstrong eine thematisch ähnlich angelegte, stark startende Story vor, der in einem herbei gezwungenen, moralisierenden Ende die Luft abrupt ausgeht.

Die Faszination des greifbaren Todes

Wie geht man mit seinen Toten um, wenn diese zurückkehren? Mit dieser Frage beschäftigen sich ebenfalls mehrere Autoren. Gemeint ist wiederum nicht der Schrecken als Reaktion, sondern die Schwierigkeit, zwischen dem geliebten Toten und dem Zombie zu differenzieren. „Trauer“ und „Abschied“ müssen neu definiert werden, wenn der Abschied nicht ewig, sondern zeitlich begrenzt ist. Max Brooks lässt finanziell gut gepolsterte Hinterbliebene nach ihren Untoten fahnden, um sie vom demütigenden Zombie-Dasein zu erlösen. Auf eine ähnliche Mission – dieses Mal in einer post-apokalyptisch herabgesunkenen Welt – begibt sich Jonathan Maberrys Zombie-Jäger, der eher ein Sterbehelfer ist.

Wo die Zombies in Schach gehalten werden können, geraten sie in Gefahr, der alltäglichen menschlichen Grausamkeit zum Opfer zu fallen. James A. Moore lässt eine Horde neugieriger Kinder auf einen hilflosen Untoten los, die über dem ´Spiel´ mit der Kreatur die Grenzen der Menschlichkeit überwinden. David Liss entwirft eine Gesellschaft, die ihre perversen Gelüste an Untoten auslässt, für deren Misshandlung und Missbrauch niemand zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Leben und Tod

Scheinbar am Thema vorbei gelingt Aimee Bender eine dennoch faszinierende Geschichte. Sie sammelt willkürliche, den Nachrichten entnommene Ereignisse, die zu der Frage führen, ob sich der zivilisierte Mensch nicht längst dem geistigen Untod ergeben hat. Gefangen und berieselt von den Massenmedien ist es womöglich gar nicht notwendig zu sterben, um sich in einen Zombie zu verwandeln.

Radikal mit dem Thema dieser Sammlung bricht Joe Lansdale. Er ignoriert den unterhaltsamen Horror der Untoten, indem er ihn mit der realen Gewalt konfrontiert. Dabei kommt er eindrucksvoll überzeugend zu dem Schluss, dass „tot“ einfach „tot“ bedeutet: das wahre Ende alldessen, was einen Menschen ausmacht, ist Tragödie genug und sorgt für einen Schrecken, der die nur mögliche Existenz von Zombies tief in den Schatten stellt.

Die Bandbreite des Zombie-Horrors ist breiter als gedacht, wie „The New Dead“ unter Beweis stellt. Nicht alle Autoren sind gleichermaßen erfolgreich in ihrem Bemühen – Brian Keene erleidet kurz und schmerzhaft Schiffbruch mit seinem Einfall, dem Untoten das klassische Gespenst gegenüberzustellen -, und gänzlich Neues beschränkt sich wie bei Joe Hill auf den Versuch, eine Gruselgeschichte unter Berücksichtigung der technischen Einschränkungen zu erzählen, die das Twittern mit sich bringt; übrigens kann sich das Ergebnis tatsächlich lesen lassen. In Routinen und Klischees mischen sich oft Sentimentalitäten, was ans Herz oder wenigstens an die Nieren gehen soll, aber eher auf den Magen schlägt oder gar Hirnsausen und Ärger verursacht.

Dennoch ist die Mehrzahl der Storys lesenswert, und einige sind richtig gut in dem Sinn, dass sie nicht ´nur´ Unterhaltung bieten, sondern zum Nachdenken anregen. Stehen beide Anliegen in einem ausgewogenen Verhältnis, können sogar Gammelfleisch-Zombies für Lektüre-Genuss sorgen!

(Dr. Michael Drewniok, August 2012)

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