Die drei Sonnen von Cixin Liu

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „Sanbuqu Santi“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 592 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Martina Hasse.

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In Kürze:

China, Ende der 1960er-Jahre: Während im ganzen Land die Kulturrevolution tobt, beginnt eine kleine Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit – auf eine so erschreckende, umwälzende und globale Weise, dass dieser Kontakt das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Hard Science Fiction aus dem Reich der Mitte“89

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Achtung Spoiler!

Wie soll man als Rezensent die Handlung eines Romans zusammenfassen, dessen wesentlichste Erkenntnis erst weit in der zweiten Hälfte des Textes bekannt wird? Auch der Verlag tat sich hier schwer und hat im Klappentext den Inhalt vorweggenommen. Zum Selbigen; Es ist die Zeit der Kulturrevolution. In China wird eine ganze Generation von Wissenschaftlern in Umerziehungslager gesteckt, das Proletariat erhebt sich über seine Unterdrücker. Wer verdächtig ist, der wir vor Volkstribunale gestellt und abgeurteilt.

So ergeht es 1967 auch Ye Wenjies Vater, der als Dozent für Physik an der örtlichen Universität lehrt. Hilflos muss sie mit ansehen, wie ihr Vater von Altersgenossinnen mit deren Gürtelschnallen zu Tode geprügelt wird. Sie selbst kommt in ein mongolisches Umerziehungslager aus dem sie später zwangsrekrutiert wird. Die nächste Jahrzehnte verbringt sie, im Auftrag der Partei in einer streng abgeschotteten astronomischen Forschungsstationen tief in der Tundra. Ihre Aufgabe ist denkbar einfach und gleichzeitig kompliziert – sie soll Verbindung zu Außerirdischen herstellen.

Als der Erstkontakt gelingt erweisen sich die Aliens als nicht sonderlich entgegenkommend. Die Antwort auf ihre Signale besteht aus einer Warnung, dass sie keinen weiteren Kontakt suchen soll, ansonsten würde eine Invasion in Gang gesetzt. Ye Wenjie antwortet trotzdem und bittet um eine Invasion, da sie selbst von der Menschheit und ihrem Umgang untereinander und mit dem Planeten zutiefst enttäuscht ist. Gesagt, getan, die außerirdische Zivilisation entsendet eine Invasionsflotte, die allerdings aufgrund der großen Entfernung erst in gut 400 Jahren die Erde erreichen wird.

In der Jetztzeit begegnen wir dem Wissenschaftler Wang Miao, dessen Forschungen auf dem Gebiet der Nano-Technologie bahnbrechend sind. Seit Kurzem setzen immer mehr arrivierte Forscher ihrem Leben selbst ein Ende. Als der leidenschaftliche Hobbyfotograph auf seinen schwarz-weiß Bildern einen Countdown entdeckt muss er schmerzhaft erfahren, was hinter den Suiziden steckt. Sofern er selbst sein eigenes Forschungsprojekt nicht stoppt und zum Scheitern bringt, so die Drohung, wird ihm und seiner Familie Schlimmes widerfahren.

Die Gesetze der Physik scheinen plötzlich außer Kraft zu sein, selbst die drei Teilchenbeschleuniger in der Schweiz, den USA und China bringen bei identischer Versuchsanordnung unterschiedliche Ergebnisse. Über die gealterten Ye Wenjie, deren hochbegabte Tochter sich auch umgebracht hat kommt Wang Miao unter Mithilfe des kettenrauchenden Polizisten Da Shi einer Verschwörung auf die Spur, bei der das virtual Reality Game um die drei Sonnen eine wichtige Rolle zu spielen scheint …

Erfrischend anders, Innovativ und zugleich eine Nabelschau auf China

Ja, was ist das für ein Roman, der als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo und dem Galaxy Award ausgezeichnet wurde? Hard Science, so nannte man früher entsprechende Romane, in denen nicht wild im All umhergeflogen und geballert wurde, was der Lauf der Waffe hergab. Stattdessen geht es um die interessante Frage, wie sich die Menschheit, in dem Bewusstsein, dass in 400 Jahren eine fremde Rasse auf der Suche nach einer neuen Heimat die Erde ansteuern wird, verhalten wird.

Dass es, vom Wesen der Menschen enttäuschte Unterstützer der Invasion gibt, die der Überzeugung sind, dass die Spezies Mensch ihre Chance vertan und als Relikt auf den Friedhof der Evolution gehört gibt ist ebenso nachvollziehbar, wie deren Gegner, die auf eine wie auch immer geartete Kooperation hoffen. Auch der Versuch der Regierungen gemeinsam eine Abwehrstrategie zu finden wird überzeugend in den Plot eingearbeitet.

Im Grund genommen geht es dem Autor aber weniger um eine Alien-Invasion, sondern darum, den Zustand seiner Gesellschaft in China, aber auch der Welt zu porträtieren. Mit wachem Auge auch für Details ermöglicht er uns einen Blick tief hinein in die chinesische Seele. Die Kulturrevolution hat ihre Kinder gefressen, hat dafür Sorge getragen, dass eine ganze Generation an Wissenschaftlern ausgelöscht wurde. Nur mühsam erholt sich das Reich der Mitte von diesem Aderlass, hat die Gewaltherrschaft unverheilte Wunden geschlagen.

In diese Nabelschau hat der Autor dann seine Figuren platziert. Intellektuelle Extremisten gesellen sich zu Forschern und Polizisten die allesamt durch ihre jeweils ganz andere, eigene Verbindung zur Kulturrevolution geprägt sind. So geht es in einem über ganze Passagen hinweg eher an einen Kriminalroman erinnernde Handlung darum herauszufinden, was hinter den Suiziden steckt, für was das Computerspiel entwickelt wurde und wie die Rätsel zusammenpassen.

Mit hineingepackt werden philosophische Fragen um unsere Kultur, die die Ausrottung der Ressourcen, die Jagd nach Macht und Reichtum und die Zerstörung der Umwelt auf ihre Fahnen gemalt zu haben scheint.

Und es geht natürlich um Wissenschaft. Wir erfahren viel, aber nicht zu viel um wissenschaftliche Forschung, um Erkenntnisse und Denkweisen. Hier wandelt der Autor ein wenig auf den Spuren eines Arthur C. Clarke. Doch anders als bei Clarke beschränkt sich Liu nicht auf die Extrapolation. Ihn interessieren die gesellschaftlichen Entwicklungen, wie diese seine Figuren berühren, sich in deren Handlungen widerspiegeln und diese erst motivieren.

Neben der überaus spannenden Jagd nach Erkenntnissen, dem Drang die Rätsel aufzulösen besticht der Auftaktroman der Trilogie durch wunderbar beschriebene Charaktere. Zwar gestaltet sich die Lektüre zu Beginn nicht einfach, ständig wechselt die Perspektive, es geht zurück in der Zeit, dann wieder in die Gegenwart, doch die Gestalten bleiben in sich glaubwürdig, ihre Handlungen nachvollziehbar und ihre Motivation interessant. Auch die Übersetzung liest sich angenehm, stilistisch ansprechend, so dass sich die Lektüre angenehm gestaltet.

Das wurde zurecht ausgezeichnet und macht neugierig auf die beiden Fortsetzungen!

Ihre Meinung zu »Cixin Liu: Die drei Sonnen«

geronimox zu »Cixin Liu: Die drei Sonnen«28.04.2017
Ich habe diesen Geschichtenbrei nur mit Mühe bis zum Ende gelesen.

»SciFi eines chinesischen Autors! Zwei Awards gewonnen! Wertige Aufmachung mit tollem SciFi Titelbild! Der chinesische Clarke!«

Meine Erwartung war hoch. Um so tiefer bin ich gefallen.

Denn anstatt einen unterhaltsamen utopischen Roman zu lesen, mischt Autor Liu in nur mühsam nachvollziehbaren Zeit- und Perspektivsprüngen kapitelweise Geschichten über »Säuberungen« während der chinesischen Kulturrevolution der 60er Jahre, wikipediaähnliches Faktenwissen über Physik und Himmelsmechanik, Spielesessions innerhalb eines Virtual-Reality-Spiels und ganz, ganz, am Schluß dieses Auftaktromans endlich! eine Invasionsagenda der Aliens zusammen, die gerne unseren blauen Planeten für sich erobern möchten.

Und auch diese »Trisolaris-Alien« Anteile des Romans werte ich leider als unglaubwürdigste Fantasy-Stecken. Da werden von der Alienrasse z.B. Protonen (Bausteine! eines Atoms) mehrdimensional zu Supercomputern mit künstlicher Intelligenz ausgestattet und über Lichtjahre zur Zerstörung terranischer Computer ausgesendet. Was für eine Fantasie! Holy Shit! Einen Bestandteil eines einzelnen Atoms zu einem Computer umzubauen überzeugt mich aber nicht.

Mein Fazit: Eine für unterhaltungssuchende uninteressante, in die Länge gezogene Geschichtslektion über die chinesische Kulturrevolution vs. ein unglaubwürdiges Centauri-Alienvolk, das ständig wechselnde Eiszeiten und stellare Höllenfeuer auf ihrem Ursprungsplaneten ohne jegliche Intelligenzeinbußen überlebt, sich jetzt aber nach einem Sommerfrische-Planeten ohne Klimakatastrophen namens »Erde« umsieht.

Die beiden Folgeromane werde ich wohl erst nach hunderten begeisterten Lesermeinungen anfassen.

Nur 5/10


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manni zu »Cixin Liu: Die drei Sonnen«13.02.2017
Sehr interessanter, auch spannender SIFI Roman, dessen Plot noch in der Zukunft liegt. Damit ist nichts handlungswichtiges verraten, es folgt wohl eine Fortsetzung. Ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen, mich hat vor allem die Kombination aus chinesischer Politgeschichte, berührenden persönlichen Schicksalen der Hauptpersonen, aber auch der wissentschaftliche Aspekt bewegt. Es lohnt den Anhang zu studieren, sehr hilfreich. 80°
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