Das Tor zur anderen Welt von Clifford D. Simak

Buchvorstellungund Rezension

Das Tor zur anderen Welt von Clifford D. Simak

Originalausgabe erschienen 1960unter dem Titel „The Worlds of Clifford Simak“,deutsche Ausgabe erstmals 1961, 184 Seiten.ISBN 3-442-23015-2.Übersetzung ins Deutsche von Tony Westermayr.

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In Kürze:

Fünf Novellen und Kurzgeschichten geben einen repräsentativen Eindruck vom ebenso klassischen wie ungewöhnlichen Werk des C. D. Simak, der die Themen der Science Fiction (und ihre Klischees) kannte, sich ihrer bediente und sie unterhaltsam „;simakisierte“;, indem er das Fremde nicht als Gefahrenquelle schilderte, sondern es mit handfest denkenden & handelnden Zeitgenossen konfrontierte, die sich ihm mit Grips und gesundem Menschenverstand näherten – wobei der Autor eindrucksvoll unter Beweis stellte, dass dieser Vorgang mindestens so spannend und unterhaltsam sein kann wie ein Krieg mit den Aliens.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Gemütliche Invasionen & ländliche Idylle“;100

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

  • „;Das Tor zur anderen Welt” (The Big Front Yard, 1958): Als Trödler zieht Hiram Taine durch das Land. Nebenbei betreibt er eine kleine Reparaturwerkstatt. In die sind gerade Heinzelmännchen eingezogen, nur dass sie nicht aus dem Märchenbuch, sondern aus dem Weltraum kommen. Gern nutzen sie Hirams Gastfreundschaft, helfen ihm des Nachts in der Werkstatt – und bauen schließlich in seinem Vorgarten ein Dimensionsportal, das sich in eine andere Welt öffnet…
  • “;Schachspiel der Welten” (Honorable Opponent, 1956): Sie waren der Galaktischen Föderation kein ehrenvoller, aber ein unüberwindlicher Gegner: die Fiver, seltsame Aliens, die den Krieg eher als Spiel zu betrachten schienen. Nun, da der Kampf für die Menschheit verloren ist, sollen auf einem einsamen Planeten die Gefangenen ausgetauscht werden, doch wieder verstehen die Fiver bloß Bahnhof…
  • „;Die Spiegelwelt” (Carbon Copy, 1957): Homer Jackson, Grundstücksmakler, ist einem guten Geschäft nie abgeneigt. Die Vermittlung einiger schön gelegener Seegrundstücke erweist sich sogar als geradezu unheimlich lukrativ, weil sie sich scheinbar unendlich oft vermieten lassen – bis Homer herausfindet, dass besagter Grund und Boden nicht nur mehr als die bekannten vier Dimensionen aufweist, sondern auch buchstäblich von einer anderen Welt ist…
  • “;Mein Freund Stinky” (Operation Stinky, 1957): Saufnase Asa Bayley, einsam und arm aber zufrieden und gutherzig, rettet vor einigen wilden Hunden ein Stinktier, das sich als schiffbrüchiger Außerirdischer entpuppt. „;Stinky”, wie man ihn später taufen wird, revanchiert sich, indem er per Telekinese Maschinen aller Art nicht nur repariert, sondern gleichzeitig wahrhaft revolutionär verbessert. Bald wird das Militär aufmerksam und zwingt Stinky allerlei futuristisches Kriegsgerät zu entwickeln. Doch Gier macht blind und dumm, und so kommt der Tag, an dem Stinky spektakulär unter Beweis stellt, dass er nicht so naiv und niedlich ist wie er aussieht…
  • “;Das romantische Raumschiff” (Lulu, 1957): Der Zentralrechner eines Raumschiffs erweist sich nicht nur als intelligent, sondern entwickelt sogar eine Persönlichkeit. Vom selbst ernannten Dichterfürsten der Drei-Mann-Crew mit schmalziger Poesie auf dumme Gedanken gebracht, erklärt „;Lulu” den verblüfften Passagieren ihre Liebe und brennt mit ihnen in die Tiefen des Weltalls durch…

Zum Krieg gibt es immer eine Alternative

Eine der zahlreichen Sammlungen mit Kurzgeschichten des Altmeisters der Science Fiction – und wie sonst auch eine Schatzkiste, gefüllt mit kleinen Kabinettstückchen der Erzählkunst (1). Dabei ist “;Schatz” durchaus wörtlich zu nehmen, gewann Simak mit „;The Big Front Yard” doch den begehrten “;Hugo Gernsback Award” für die beste längere Erzählung („;novelette”) des Jahres 1959 – für ihn nichts Besonderes, da er in seiner fast sechs Jahrzehnte umspannenden Schriftstellerkarriere alle wichtigen Preise (und die meisten weniger bedeutenden) der Science Fiction gleich mehrfach einheimste.

“;Das Tor zur anderen Welt” ist die Variation einer Idee, die Simak immer wieder aufgriff (und dank seines außerordentlichen Talentes stets mit neuem Leben erfüllte – mit „;Mein Freund Stinky” stellt er es auch gleich unter Beweis): In einem der ländlichen Winkel des US-Mittelwestens (meist im Staate Wisconsin; dort wurde Simak geboren, dort lebte und arbeitete er viele Jahre als Journalist) und stets so idyllisch gelegen, dass der Kitsch bedrohlich über der Szene hängt (ohne allerdings jemals herab zu stürzen), leben naturfreundliche, der Großstadt-Hetze abholde Durchschnittsamerikaner – meist Handwerker, Händler oder Farmer, d. h. Männer, die mit den Händen arbeiten – in friedlicher Abgeschiedenheit als Singles mit Hund. Eines Tages tritt das Phantastische in ihr ruhiges Leben; Außerirdische landen, Passagen in fremde Welten öffnen sich, seltsame Artefakten erscheinen und sorgen für Verwirrung. Diese Begegnungen verlaufen immer friedlich, etwaige Missverständnisse werden geklärt wobei Simaks Protagonisten – die menschlichen wie die außerirdischen – vielleicht etwas überfordert, aber aufgeschlossen und neugierig und nicht misstrauisch oder gar rasch mit der Waffe bei der Hand sind.

“;Schachspiel der Welten” und „;Das verliebte Raumschiff” kreisen um ganz klassische SF-Motive – die Außerirdischen kommen, ein Rechengehirn dreht durch -, die indes stark “;simakisiert” wurden und rein gar nichts mit den üblichen Blut, Schweiß & Laser-Spektakeln gemein haben, die man üblicherweise mit ihnen verbindet. Das Motiv des „;lebendigen” Raumschiffs, das eine ganz besondere Beziehung zu seinem Piloten aufbaut, wurde schon vor und noch nach Simak oft verwendet (oder strapaziert, wenn man sich – mit Schaudern – der grässlichen “;Schiff”-Romane der SF-Schwätzerin Anne McCaffery erinnert). „;Lulu” ist dennoch eine ziemliche Zumutung. Simaks Frauenbild war stets… nun, zeittypisch und gar nicht Science Fiction, um es vorsichtig auszudrücken.

Als SF noch kurz und prägnant war

Immerhin bleibt Lulus Auftritt kurz; ihr geistiger Vater schrieb noch vor dem Aufkommen der Zyklus-Pest, von der er sich auch in seinen späten Jahren (im Gegensatz zu Arthur C. Clarke oder Isaac Asimov, die aus mir unerfindlichen Gründen stets höher angesehen waren als Simak) niemals anstecken ließ: Clifford D. Simak dachte sich stets neue Geschichten aus (auch wenn sie sich im Rückblick natürlich beinahe alle irgendwie ähneln) – ein liebenswert altmodischer Zug, der es ermöglicht, seine Werke in beliebiger Reihenfolge zu lesen, weil man sich nicht durch die Bände I-XII einer endlosen Vorgeschichte quälen muss… (2)

“;Die Spiegelwelt” steht ein wenig zwischen beiden Polen. Thematisch erinnert diese Erzählung zwar an „;Das Tor zur anderen Welt”, doch es fehlt der “;pastorale” Unterton. Simak wird beinahe zynisch; sein überforderter Grundstücksmakler ist kein gutmütiger Huckleberry Finn, sondern ein auf seinen Vorteil bedachter, in die Jahre gekommener Tom Sawyer, den letztlich die verdiente Strafe ereilt. Auch die Aliens sind dieses Mal aus härterem Holz geschnitzt als sonst und buchstäblich unmenschlich, ohne dadurch allerdings automatisch menschenfeindlich zu werden.

„;Das Tor zur anderen Welt“; ist Simak pur: Er fähiger Autor erzählt spannende Geschichten. So hielt er es sein ganz, langes Schriftstellerleben. Peinliche Senilitäten wie „;Segeln im Sonnenwind” (Heinlein) oder monströse Hohlheiten wie den zwangsgeklitterten “;Robot/Foundation”-Zyklus (Asimov) wird man in seiner Bibliografie vergebens suchen – und statt dessen viele kleine, aber zeitlose Meisterwerke wie die fünf hier versammelten Beispiele finden!

Anmerkungen

(1) In Deutschland leider nur zur Hälfte, da der Goldmann-Verlag 1961 nur fünf der eigentlich zwölf Storys der ursprünglichen Kollektion übernahm, um die für Taschenbücher damals noch übliche Seitennorm von ca. 190 Seiten nicht zu überschreiten; die anderen Geschichten wurden stillschweigend unterschlagen – doppelte Arroganz eines Verlages, der sich auch noch anmaßte, „;nur die besten Romane und Erzählungen der Science-Fiction-Literatur” und “;keine haltlosen Phantastereien” zu veröffentlichen. Doch so wurde der deutsche SF-Leser noch bis in die späten 70er Jahre und nicht nur vom Hause Goldmann für dumm verkauft. Das macht dem Freund wirklich klassischer Science Fiction diesen Band allerdings nicht weniger wertvoll.
(2) Theoretisch jedenfalls, da Simak-SF vollständig vom deutschen Buchmarkt verschwunden ist und nur noch antiquarisch erworben werden kann – neben der galoppierenden Teuronitis der aktuellen Titel ein weiteres Armutszeugnis für die SF-Monokultur der hiesigen Verlage.

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