Licht von Connie Willis

Buchvorstellungund Rezension

Licht von Connie Willis

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „All Clear“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 850 Seiten.ISBN 3959811705.Übersetzung ins Deutsche von Claudia Kern.

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In Kürze:

Das Trio der Zeitreisewissenschaftler aus England ist im Jahr 1940 gefangen. Während ihrer Suche nach einer Rückkehrmöglichkeit können sie allmählich nicht mehr ignorieren, dass es kleine Abweichungen von den historischen Aufzeichnungen zu geben scheint. Kleine Abweichungen bedeuten, dass sie die Vergangenheit geändert haben – möglicherweise sogar das Ende des Krieges …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Hitlers Angriff auf England als Kulisse eines Zeitreiseromans – der zweite Teil eines unaufgeregten, aber herrlich intensiv erzählten Romans“86

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Die Prämisse ist klar – Zeitreisen sind möglich und werden, von Historikern zu Studienzwecken auch rege genutzt. Zwar sind gewisse Fixpunkte nicht anzusteuern, doch im Wesentlichen können die Geschichtswissenschaftler die Geschehnisse an Ort und Stelle und in der Zeit erforschen. Erstmals verfolgten wir in der Novelle Brandwache eine solche Expeditionen, denen die Autorin zwei weitere, umfangreiche Romane „The Doomsday Book“ (dt. Die Jahre des Schwarzen Todes, Heyne Verlag) und „To say nothing of the Dog – or how we found the Bishop’s Bird Stump at last“, (dt. Die Farben der Zeit (oder ganz zu schweigen von dem Hunde und wie wir des Bischofs Vogeltränke schließlich doch noch fanden), Heyne) nachfolgen ließ. In dem nun bei Cross Cult aufgelegten voluminösen Zweiteiler machen sich erneut drei Wissenschaftler unter der Leitung von Mr. Dunworthy vom Oxford der Mitte des 21. Jahrhunderts aus in die Vergangenheit auf die Reise. Diesmal geht es ins Jahr 1940, um vor Ort den 2. Weltkrieg und seine schrecklichen Auswirkungen in und auf England zu studieren.

So begleiten wir Merope Ward, die unter dem Namen Eileen O’Reilly auf einem Landsitz arbeitet, um das Schicksal der evakuierten Kinder zu studieren, Polly Churchill, die sich hier Polly Sebastian nennt, die das Verhalten der Kaufhausangestellten in London während der Luftschlacht um England 1940 und der anschließenden Bombardierungen studieren möchte und Michael Davies, der sich Mike Davis nennt und als US-Amerikaner ausgibt, um als Journalist die Heldentaten der Schiffer studieren, die bei der Evakuierung der Alliierten 1940 aus Dünkirchen halfen. Die Autorin räumt diesen drei Personen sehr viel Platz ein, beleuchtet auch ihrer jeweiligen Sicht das Leben im und um London jener Tage.

Als unsere drei Wissenschaftler entdecken müssen, dass die Rückreisemöglichkeit ins Jahr 2060 blockiert ist versuchen sie die Kollegen zu kontaktieren um vereint eine Möglichkeit der Rettung zu suchen. Dabei müssen sie feststellen, dass alle „Vorhänge“, menschenleere Orte an denen Zeitreiseportale aufflackern, entweder erloschen, oder durch die Kriegsanstrengungen nicht zugängig sind. Rettung könnten nur Kollegen bieten, die bereits vor ihnen hier geforscht haben. Allein, die Suche und Kontaktaufnahme erweist sich als unmöglich. Immer wieder spielt ihnen das Schicksal einen Streich, werden ihre Bemühungen in letzter Sekunde torpediert. Damit nicht genug, fällt Mike scheinbar einem Bomenangriff zum Opfer und auch der zur Rettung herbeigeeilte Mr. Dunworthy strandet.

Haben sie wirklich das Undenkbare getan – haben sie die Vergangenheit verändert und damit die Nazis zu Siegern gemacht?

Während sie noch zweifeln und bangen nähern sie sich einer weiteren Katastrophe. Polly und Mr. Dunworthy haben schon einmal an Expeditionen in die Ära teilgenommen. Da sie aber nicht zweimal zur selben Zeit existieren können, droht ihnen die Auslöschung, sobald sie sich der Zeit der damaligen Expedition nähern. Die Uhr tickt, und es sieht wahrlich nicht gut aus für unsere wackeren Forscher …

Wunderbare gezeichnete Figuren, minutiös recherchiert und toll übersetzt

Connie Willis ist keine Autorin, die sich kurz fasst. Auch ihre wenigen, bislang ins Deutsche übertragenen Romane weisen eher Ziegelsteinformat auf, so dass es wenig überraschend kommt, dass sie vorliegend erneut Platz braucht um ihre Geschichte zu erzählen. Allerdings sind fast 1600 auf, auch im englischen Original zwei Bücher verteilte Seiten ganz bestimmt rekordverdächtig. Kann ein Autor über eine derartige Länge überhaupt seinen Spannungsbogen halten, kann er, in unserem Fall sie ihre Leser bei der Stange halten? Nun, Connie Willis gelingt das Kunststück bravourös.

Herrlich unaufgeregt, mit dem Blick für sorgfältig recherchierte Details lässt sie uns in einer vergangene Zeit eintauchen, mit ihren Figuren zittern und bangen. Satt uns wilde Kommandounternehmen zu offerieren interessiert Willis sich dafür, wie die Menschen damals gelebt, wie sie gefühlt und gehandelt haben. Was trieb sie um, wenn der Bombenhagel über London die Keller und U-Bahnstationen erschütterte, wie reagiert man auf derartig traumatische Geschehnisse, zu welchen teilweise skurrilen, dann wieder verzweifelten Reaktionen führen solche Erlebnisse?

Die Zeitreisegeschichte dient hier nur als Vehikel für das, was Willis wirklich interessiert – die Menschen. Sie stehen im Mittelpunkt der zwar mehr als dramatischen Handlung, die aber dennoch Platz und Raum bietet, sich auf eben jene Charaktere zu konzentrieren. Was fühlen sie, wie entwickeln sie sich angesichts der Geschehnisse, wie verarbeiten sie die Dramen, derer sie ansichtig werden, denen sie selbst ausgesetzt sind – Fragen, die den Plot unauffällig bestimmen.

Nicht umsonst wurde der Doppel-Roman mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet. Die wunderbare Erzählerin Connie Willis schafft es scheinbar mühelos ihre Leser zu faszinieren. Stilistisch wunderbar flüssig und vorzüglich ins Deutsche übertragen wartet so auch im zweiten Teil ein Buch auf den Leser, der mit liebevoll gezeichneten Charakteren das Bild einer vergangenen Zeit wieder auferstehen lässt und hoffentlich eine Willis Renaissance einleitet.

Ihre Meinung zu »Connie Willis: Licht«

W. Ribke zu »Connie Willis: Licht«06.06.2017
Der erste Teil war schon irgendwie anders und für sich flüssig zu lesen und faszinierend. Gute Geschichte und bin schon auf diesen zweiten Teil gespannt.

Es wundert mich nicht, das Frau Willis für diese Geschichte einige gute Preise erhalten hat. Sie schreibt wunderbar emotionslos und baut Spannung auf ihre eigene Art auf. Das normale Leben und Arbeiten wird plötzlich in einem anderen Blickwinkel offenbart und Erwartungen werden erzeugt, die dann doch nicht explosiv, sondern nüchtern offenbart werden.
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