Drood von Dan Simmons

Buchvorstellungund Rezension

Drood von Dan Simmons

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Drood“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 800 Seiten.ISBN 3-453-26598-X.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Mader.

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In Kürze:

London im Juni 1865: Bei einem dramatischen Eisenbahnunglück finden etliche Menschen den Tod. Unter den Überlebenden ist der bedeutendste Schriftsteller seiner Zeit, Charles Dickens. Doch nach diesem Ereignis ist Dickens nicht mehr derselbe: Wie besessen macht er sich auf die Suche nach einem mysteriösen Mann namens Drood. Aber wer oder was ist Drood wirklich? Und kann es sein, dass Charles Dickens in seinen letzten Lebensjahren zum kaltblütigen Mörder wird?

Mit „Drood“ lässt Bestsellerautor Dan Simmons eine der faszinierendsten Epochen der Geschichte lebendig werden: die Zeit des viktorianischen Londons mit seinen gasbeleuchteten Straßen, seinen düsteren Spelunken, seiner Faszination für alles Spirituelle. Dies ist die Zeit von Charles Dickens, der bis heute als einer der größten englischen Schriftsteller überhaupt gilt und uns mit Meisterwerken wie „David Copperfield“ oder „Oliver Twist“ unvergessliche Lesestunden beschert hat. Aber Dickens hat noch eine andere, dunkle Seite, die zum Vorschein kommt, als er am 9. Juni 1865 ein Eisenbahnunglück nur mit knapper Not überlebt. Seit diesem Tag ist er kaum wiederzuerkennen: Immer öfter taucht er in die Londoner Unterwelt ab, besessen von einem Mann mit dem merkwürdigen Namen Drood. Diesem Mann ist er bei dem Eisenbahnunglück begegnet, und es scheint Dickens, als ob Drood kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern der Tod selbst …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der grüne Neid nimmt tödliche Gestalt an“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Im Sommer des Jahres 1865 überlebt Charles Dickens, der nicht nur in seiner englischen Heimat berühmteste Schriftsteller seiner Zeit, ein schreckliches Eisenbahnunglück. Während er den zahlreichen Verletzten zu helfen versucht, entdeckt er eine bizarre Gestalt, die sich an den Opfern zu schaffen macht: Dies ist Dickens´ erste Begegnung mit dem mysteriösen Drood, der ihn in den nächsten fünf Jahren – den letzten seines Lebens – immer wieder peinigen wird.

Nur seinen engsten Vertrauten zieht Dickens ins Vertrauen. Der kränkliche und opiumsüchtige Wilkie Collins, ebenfalls ein erfolgreicher Autor, mag an die Existenz von Drood lange nicht glauben, bis ihn ein ehemaliger Polizist eines Besseren belehrt. Inspector Field ist in Ungnade gefallen, nachdem Drood praktisch unter seinen Augen einen Edelmann ermordete. Besessen verfolgt Field den Schurken seit Jahren, um sich zu rehabilitieren und Drood stoppen zu können, der unter dem Pflaster von London ein Reich des Schreckens etabliert hat: In ehemaligen Steinbrüchen und Grabgewölben hausen die Ausgestoßenen und Verdammten der großen Stadt, die zum Sklaven eines Mannes wurden, der als intimer Kenner altägyptischer Riten sogar den Toten befehlen kann.

Als Collins seinem Freund Dickens helfen will, gerät er ebenfalls in Droods Gewalt. Verzweifelt versucht Collins zu entkommen, doch Drood und seine Schergen lauern überall. Systematisch werden jene ermordet, die ihnen in die Quere kommen. Nur Dickens eilt von Erfolg zu Erfolg, was in Collins die Frage aufkommen lässt, ob ihn sein Freund womöglich verraten und an Drood verkauft hat. Als Dickens ahnt, dass Collins ihn verdächtigt, beginnen beide Männer ein heimliches Katz-und-Maus-Spiel, das nur einer überleben wird – oder keiner, falls Drood es so will …

Ein Autor zwischen allen Stühlen?

Wie bespricht man einen so umfangreichen und mit Handlung nicht geizenden Roman? Schon die leserübliche Eingangsfrage lässt sich kaum beantworten: Welchem Genre lässt sich „Drood“ zuordnen? Dan Simmons entzieht sich ihr mit bemerkenswerter Energie. Er will – immerhin das wird bald deutlich – primär eine unterhaltsame Geschichte erzählen. Die Kategorisierung überlässt er denen, die ohne Schubladen nicht leben (oder lesen) können. Der Versuch wird dennoch unternommen: „Drood“ ist Historien-Roman, (doppelte) Autoren-Biografie, Liebesgeschichte, Horror, Krimi und Abenteuer, wobei die Grenzen verschwimmen und die Genre-Anteile sich in ständig wechselnder Intensität mischen. (Man könnte das alles auch unter dem hilfreichen Nonsense-Begriff „Belletristik“ subsumieren ...)

Die Unberechenbarkeit der daraus resultierenden Geschichte irritiert. Einerseits ist das vom Verfasser, der sein Publikum in die Irre führen möchte, durchaus gewollt, andererseits ist es aber auch die unschöne Folge einer Story, die sich offensichtlich selbstständig gemacht hat. Deutlich wird jedenfalls, was Simmons nicht schreiben wollte: eine weitere Gruselgeschichte in viktorianischer Kulisse, in der Drood das geniale Scheusal gibt, das letztlich doch sein Schicksal ereilt. Folgerichtig bleibt die Identität von Drood ebenso unklar wie das Ende von Dickens´ letztem Roman, was in weiterer Konsequenz eine der zahlreichen literarischen Spielereien ist, die Simmons sich und seinen Lesern gönnt.

Eindeutig lässt „Drood“ einen roten Faden vermissen. Knapp 1000 Seiten ist dieses Buch stark; die Geschichte benötigt so viel Papier objektiv nicht. Darin spiegelt Simmons freilich die zeitgenössische Literaturwelt wider: Dickens und Collins schrieben in einer Zeit ohne die Attraktionen und Ablenkungen des 21. Jahrhunderts. Jene Menschen, die sich Freizeit leisten konnten, lasen – konzentriert und ausgiebig. 1000 Seiten „Drood“ hätten 1865 kein Aufsehen erregte; Romane waren oft zwei- oder dreibändig. Mäandrierende Handlungen waren kein Manko, sondern wurden in den Lektüre- und Verständnisprozess integriert.

Ein Drood als Schnittmenge zweier ´Freundschaften´

Das hat sich geändert. Auf den Punkt soll ein Autor heute kommen. In dieser Hinsicht wird „Drood“ vielfach zur harten Geduldsprobe. Viel hat sich Simmons vorgenommen – zu viel womöglich, denn Vielschichtigkeit ist kein literarisches Qualitätsmerkmal, wenn nur der Verfasser weiß, worauf er eigentlich hinauswill. Falls „Drood“ primär die Geschichte einer von Neid und Konkurrenzdenken überlagerten Freundschaft ist, deren Scheitern sich in der Manifestation eines Dämons namens Drood ausdrückt, geht dies in der Unzahl der Handlungsstränge unter.

Benötigt „Drood“ überhaupt ein phantastisches Element? Diese Frage stellte sich schon, als Simmons sein monumentales Epos „Terror“ (2007) mit einem Polar-Monster anreicherte, obwohl die Geschichte auch ohne den so erzeugten Horror glänzend funktionierte. Offenbar möchte sich Simmons ein Hintertürchen offenhalten und jene Leser nicht verlieren, die ihn als Verfasser ausgezeichneter Science und Weird Fiction kennen und schätzen. Unerquicklicherweise wirken die damit einhergehenden Effekte in „Drood“ aufgesetzt.

Dabei ist die Geschichte der ´Freundschaft´ zwischen Charles Dickens und Wilkie Collins spannend wie ein Krimi. Simmons hat ausgiebig recherchiert und zwei Männer zu nicht nur literarischem Leben erweckt. Stimmen alle Details? Das ist nebensächlich, denn viel wichtiger ist die Geschichte, die Simmons daraus formt. Sowohl Dickens als auch Collins sind Getriebene und Besessene, die schon vor dem Erscheinen Droods einander belauern. Collins, der Jüngere, will den charismatischen Älteren aus dem Olymp vertreiben, um selbst seine Stelle einzunehmen. Er hungert nicht nur nach Ruhm, sondern ersehnt auch den gesellschaftlichen Aufstieg, wie er Dickens gelang.

Der ist sich seiner Gipfelstellung nicht nur bewusst, sondern auch keinesfalls bereit, sie zu räumen. Dickens durchschaut Collins, denn er ist nicht nur der bessere Autor, sondern durchaus durchtrieben. Wie man sich in der Öffentlichkeit ins rechte Licht setzt, versteht er besser als Collins. Dass er Dickens niemals das Wasser reichen konnte und was er als Freund ungeachtet dessen an ihm hatte, begreift Collins viel zu spät.

Wie Kater umkreisen der Alte und der Junge sich. Viktorianische Höflichkeit betont die Härte ihres Duells noch, das über unzählige Runden geht, unfaire Methoden wie den Einsatz von Hypnose einschließt und die Kontrahenten körperlich wie geistig zermürbt. Ganz selten fallen die Masken, und purer Hass bricht sich Bahn. Angesichts dieser realen Unbarmherzigkeit wirkt Drood wie ein Geisterbahn-Bösewicht.

Gleichzeitig spornen sich Dickens und Collins zu literarischen Höchstleistungen an. So erzählt „Drood“ auch von der Geburt des modernen Kriminalromans, der beiden Autoren wichtige Entwicklungsimpulse verdankt. Wie die Psyche das menschliche Handeln bestimmt, spielte Collins noch vorsichtig aber schon überzeugend in „The Moonstone“ (1868; dt. „Der Monddiamant“) durch. Dickens griff dies 1870 in seinem letzten Roman (s. u.) auf. „Drood“ wiederum macht (in Romanform) deutlich, wie sich die beiden Männer in die gefährlichen Untiefen der menschlichen Seele vortasten – und dort verlieren.

Die Vergangenheit nimmt Gestalt an

„Drood“ ist ein Roman, dessen Verfasser sehr viele Seiten dem Versuch widmet, seinen Lesern die Welt des 19. Jahrhunderts näherzubringen. Das geschieht zwar auf Kosten einer stringenten Story, aber Simmons handelt generell richtig. Obwohl die viktorianische Ära von Dickens & Collins kaum 150 Jahre zurückliegt, käme sich ein Mensch der Gegenwart im London der Jahre 1865 bis 1870 wie ein Außerirdischer vor.

Die Erkenntnis dessen, was diese Fremdartigkeit ausmacht, ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Simmons´ nicht nur inhaltlich seltsamen Geschichte. Im 21. Jahrhundert ist die allgegenwärtige Präsenz mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen alltäglich geworden. Deshalb ist es beispielsweise schwierig nachzuempfinden, wie berühmt Charles Dickens wirklich war – nicht nur ein genialer Erzähler, sondern auch begnadet im Vortrag seiner Werke; ein Superstar seiner Zeit, der sein Publikum ohne Verstärker oder digitale Effekte, sondern nur mit der Kraft seiner Stimme zu fesseln und hysterische Ausbrüche zu erzeugen vermochte.

Wie dies gelingen konnte, vermag Dan Simmons überzeugend deutlich zu machen. ´Sein´ Charles Dickens ist kein fehlerfreier aber ein faszinierender Mann und in seinem Metier der unnachahmliche Meister. Deshalb bedeutete sein Tod am 9. Juni 1870 einen doppelten Verlust: das Ende eines nicht von Verlagen und Medien gehypten, sondern von seinen Lesern gekürten Bestsellerautoren, der sein letztes Werk unvollendet lassen musste.

Ein Geheimnis fasziniert die lesende Welt

Am 1. April 1870 erschien die erste Lieferung des Romans „The Mystery of Edwin Drood“, der wie seinerzeit üblich zunächst in Fortsetzungen erschien. Für den März 1871 war der zwölfte und letzte Teil angekündigt. Da „The Mystery ...“ eine Kriminalgeschichte erzählte, würde dieses Finale gleichzeitig die Auflösung eines Mordfalles bieten, dessen Autor alle seine beträchtlichen Register zog, um die Spannung zu schüren. Doch Dickens, der noch schrieb, während „The Mystery ...“ bereits erschien und den Lieferungen dabei nie weit voraus war, starb über den Fahnen des sechsten Teils, der im September 1870 postum erschien. Notizen bezüglich des Ausgangs der Geschichte hinterließ Dickens nicht.

Womöglich wurde „The Mystery ...“ gerade auf diese tragische Weise unsterblich: Dickens musste nie unter Beweis stellen, ob die Auflösung seinem Rätsel genügte. Stattdessen hinterließ er ein an offenen Fragen und Rätseln reiches Fragment, an dessen Interpretation, Entschlüsselung oder Vollendung sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, aber auch und erst recht unzählige Hobby-Kriminologen versuchten.

Simmons verknüpft das Drood-Rätsel geschickt mit einem Unglück, dem Charles Dickens am 9. Juni 1865 nur knapp mit dem Leben entkam: Er saß in dem Zug, der nahe Staplehurst in der englischen Grafschaft Kent auf einem Eisenbahnviadukt entgleiste. Zehn Fahrgäste starben, vierzig wurden zum Teil schwer verletzt. Dickens wurde von den Bildern dieses Unglücks verfolgt. Für „Drood“ knüpfte Simmons hier an. In diesem Zusammenhang war es außerdem hilfreich, dass Dickens mysterygerecht auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Unfall starb.

Solche realen Ereignisse werden vom Verfasser entweder aufgegriffen, aber auch chiffriert und verfremdet. Zusammen mit unzähligen Anspielungen, die den Roman zur Freude literaturhistorischer „nitpicker“ durchziehen, machen sie „Drood“ zum Selbstbedienungsladen, in dem jeder Leser finden kann, was ihm gefällt. Das ist die positive Deutung, denn „Drood“ ist auch ein mit Überraschungen allzu prall gefüllter Koffer, dessen Inhalt dem Leser beim Öffnen um die Ohren fliegt. Der Rezensent kann und mag hier kein abschließendes Urteil treffen, sondern beschränkt sich auf die (persönliche) Feststellung, dass sich selten ein Buch mit 1000 Seiten auch ohne roten Faden so flüssig und spannend lesen ließ wie „Drood“.

Ihre Meinung zu »Dan Simmons: Drood«

Martin Jäger-Degenhard zu »Dan Simmons: Drood«23.07.2012
Das "Mäandern" der Werkes ist nicht sein Hauptproblem, ebenso wenig die Länge. Beides knüpft an den Stil großer Romane des 19. Jahrhunderts an. Anregend gar der Versuch, stilistisch an große Romane der Zeit anzuknüpfen. Originell die Idee, den Ich-Erzähler zunehmend sich in Opiumwirren verirren zu lassen. Zunehmend dämmert dem Leser, dass dem Erzähler und dem Erzählten nicht zu trauen ist.
Dennoch fand ich die Lektüre zunehmend mühsam. Eine gute Übung, sich mal wieder auf größere Texte einzulassen in Zeiten zunehmender Kurztexte aber warum dann nicht wieder zum Vorbild greifen: Mein nächster Roman wird ein Dickens oder Collins, denn "Oliver Twist" war bei weitem spannender und anregender als "Drood".
Insofern kann Simmons Roman als Appetitanreger bestehen.
tedesca zu »Dan Simmons: Drood«05.07.2011
Wer sich hier einen Horrorroman im alten Stil von Dan Simmons erwartet, wird enttäuscht sein, denn er hält mit "Drood" im Grunde eine Biografie der beiden Autoren Wilkie Collins und Charles Dickens in der Hand. Natürlich konnte Simmons es nicht lassen, etliche ausgesprochen gruselige Elemente einzufügen, und wer würde sich dafür besser eignen als die geheimnisvolle Figur aus Dickens' unvollendetem Roman "Das Geheimnis des Edwin Drood"?

Der Ich-Erzähler Wilkie Collins beschreibt minutiös sein gespaltenes Verhältnis zum "Unnachahmlichen", wie sich Dickens gerne selbst bezeichnet hat. Tiefe Freundschaft und Bewunderung prägen diese Beziehung, aber auch Neid und Eifersucht auf die Anerkennung und den Erfolg von Dickens, an den Collins nie anknüpfen konnte.

Historische Fakten, literarische Details und Fantasie prägen diesen Roman. Simmons führt uns auf den Spuren des geheimnisvollen Mr. Drood in die finstersten Ecken von London, in Opiumhöhlen, mystische Tempel und unterirdische Städte. Getrieben von seiner Sucht nach der Droge erliegt Collins den unterschiedlichstenn Wahnvorstellungen und verbeisst sich immer mehr in das Geheimnis, das Dickens seiner Meinung nach vor ihm verbirgt. Drood wird für ihn zu einer fixen Vorstellung, genauso wie die grausige Figur auf der Hintertreppe seines Hauses oder "der zweite Wilkie", sein imaginärer Doppelgänger, der mit der Zeit immer realer wird.

Für Liebhaber englischer Literatur ist dieses Buch ein echtes Schmankerl. Ich würde allerdings allen empfehlen, vorher Collins' "The Woman in White" (Die Frau in Weiß) und "The Moonstone" (Der Monddiamant) zu lesen (beide hab ich hier schon vorgestellt), weil Simmons sich immer wieder auf diese Werke bezieht und auch ihre Auflösung kommentiert. Ganz abgesehen davon, dass Collins als der Urvater des Krimis angesehen werden kann und sich wunder bar liest!

"Drood" gibt es als Hörbuch gekürzt auf CD oder ungekürzt - und das würde ich in diesem Fall auf jeden Fall empfehlen - exklusiv bei audible.de. Detlef Bierstedt liest unglaublich gut, sodass einem das Zuhören keine Sekunde langweilig wird.

Ein 100%iger Lese- und Hörbuchtipp für alle Fans der beiden Autoren, die sich an ein paar durchaus passenden Horrorelementen nicht stören.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Shrike zu »Dan Simmons: Drood«17.01.2011
Zum Inhalt: Bei einem schrecklichen Eisenbahnunglück im Sommer 1865 gehören Charles Dickens und seine Geliebte zu den wenigen Überlebenden. Als Dickens den Verletzten zur Hilfe eilt, begegnet er einem seltsamen, entstellten Fremden: Drood. Doch so plötzlich wie diese mysteriöse Gestalt aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Wer ist dieser Drood wirklich? Diese Frage nimmt Dickens völlig gefangen und wird zu seiner Obsession: Er muss diesen Drood finden. Gemeinsam mit seinem Kollegen Wilkie Collins macht er sich auf Spurensuche, die die beiden in die Unterwelt führt -- in Opiumhöhlen, Slums, Katakomben und die Kanalisation des viktorianischen Londons.
Drood lebt insbesondere von den Charakterisierungen von Wilkie Collins und Charles Dickens, hier begegnen uns Charaktere von solcher Lebendigkeit, dass dies alleine schon die Lektüre lohnt. Ähnliches gilt für die dichte und dicke Atmosphäre des Romans.
Das beste an „Drood“ aber ist, dass der Leser bis zu den letzten 100 Seiten nicht so genau weiß, worauf Dan Simmons eigentlich hinaus will. Ist dies ein übersinnlicher Thriller? Eine Drogen-Geschichte? Überhaupt ein Thriller oder „nur“ ein historischer Roman um zwei Autoren? Ständig schlägt die Geschichte Haken oder wandert in Bereiche, die man so gerade nicht erwartet hätte.
Irgendwann nähert man sich dann dem Jahr 1870 und kommt bei Charles Dickens’ letztem Roman an, „The Mystery of Edwin Drood“ , einem Krimi um einen Mord (wahrscheinlich), den der Autor wegen seines Todes nicht mehr beenden konnte und da er keine Unterlagen hinterließ, dessen Lösung offen ist.
Das viktorianische Ambiente wird von Simmons durch Collins detailliert beschrieben, hier wurde offensichtlich viel Recherche betrieben und es ist natürlich auch spannend und bietet durchaus einen Kick, dass man an vielen Stellen nicht ganz genau weiß, ob man gerade recherchierte Fakten oder von Simmons Erdachtes liest.
Ein Buch zur reinen, aber guten Unterhaltung, es wirkt weniger nachhaltig als erhoft... Es bleibt wohl etwas von der Atmosphäre.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Frank Weiß zu »Dan Simmons: Drood«16.01.2010
Ich meine, wer "Drood" als Thriller versteht, der geht dem Autor auf den Leim. M.E. geht es um die künstlerische Auseinandersetzung von zwei sehr unterschiedlichen Autoren. Die zentrale Frage heißt,
einmal vereinfacht ausgedrückt, Plot oder Stil? Auf der einen Seite ist da Charles Dickens mit einer überbordenden Phantasie mit Hauptplots und Nebenplots, von meisterlichen Stimmungsbildern eingerahmt, mit teilweise märchenhaften Elementen,
unvergeßlichen Charakteren, von denen viele in die englische Sprache eingegangen sind, auf der anderen steht Wilkie Collins, der mit strengerLogik
e i n e n Handlungsstrang in seinen Romanen verfolgt. Der Höhepunkt des Romans befindet sich M.E. an der Stelle, wo Charles Dickens Wilkie Collins nachweisen will, dass die Auflösung des Rätsels im "Moonstone" einige Ungereimtheiten aufweise. Alle anderen Elemente wie Scarabäus, unterirdische ägyptische Tempel usw. ist "Fantasy" , wie er sich nur im Kopfe des armen Wilkie abspielt (und natürlich in den Köpfen der Leser, die diese Gattung mögen).
Im Roman geht Collins dem Irrtum nach, dass Dickens ihm mit "The Mistery of Edwin Drood" auf dem Felde der von Collins mitbegründeten neuen Literaturgattung, die sich später "Kriminalliteratur"
nennen sollte, Konkurrenz machen wolle.
Wilkie Collins wird von Dan Simmons als
zweitrangiger Künstler betrachtet, wie es auch die gängige Literaturwissenschaft tut. Es sei ein Verhältnis wie zwischen Mozart und Salieri, hat er sich in einem Interview geäußert .
Damit ist aber m.E. Wilkie großes Unrecht seitens des Autors widerfahren. Natürlich erreicht er nicht die Höhe von Charles Dickens (Dan Simmons übrigens auch nicht), aber ich empfehle zur Lektüre "Die Frau in Weiß", "Heart and Science" oder noch viele andere Romane von Collins, die nicht nur ausgezeichnete Charakterschilderungen vorzuweisen haben, sondern meist die Frauen als handelnde Personen (wo hat man so etwas schon in viktorianischen Romanen) vorzeigt, tiefe Einblicke in das damalige englische Gesellschaftssystem gewährt und einiges mehr.
"Drood" ist natürlich ein tolles Buch und Simmons ein großer Schriftsteller, nur eben nicht so groß wie Charles Dickens und Wilkie Collins.
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Pazuzu zu »Dan Simmons: Drood«09.08.2009
Simmons liefert eine hervorragende Skizze des viktorianischen England, wobei ihm seine Erfahrungen im Schreiben düsterer Fantasy hilfreich gewesen sein dürften.
Besonders an Simmons Buch gefällt mir der Umgang mit dem Erzähler und der Erzählperspektive. Erzähler ist Wilkie Collins. Dessen Perspektive wird überschattet durch seinen Neid, oder auch Hass, auf den erfolgreicheren Kollegen. Vor allem sein sein exzessiver Konsum von Laudanum macht ihn zu einem äußerst unzuverlässigen Erzähler.
Zu Beginn wissen wir nichts über Collins’ geistigen Zustand, können aber vorsichtig Spekulationen anstellen. Vor einem wichtigen Termin besorgt er sich schnell noch Laudanum und nimmt zwei „Drinks“. Collins wiederholtes Bestehen auf seiner geistigen Gesundheit, von dem er erst spät Abstand nimmt, steht in Übereinstimmung mit seinem der viktorianischen Norm entsprechenden Verhalten. Deshalb auch ist es schwierig, ihn als unzuverlässig zu bestimmen, und wir haben über weite Strecken des Romans nur geringe Neigung, seine Abweichungen, so den Laudanumkonsum, als Hinweise zu interpretieren.
Da die erzählte Zeit sich über fünf Jahre erstreckt und vor der Erzählzeit liegt, Collins rückblickend erzählt, steuert er unsere Wahrnehmung seines geistigen Zustandes.
Wir stecken schon sehr weit in der Geschichte drin, als Collins die Möglichkeit einräumt, es könne sich alles auch anders zugetragen haben. Manche Leser, die es lieber geradeheraus haben, könnten hier irritiert sein und das Buch beiseite legen wollen.
Drood kombiniert eine unterhaltsame fiktionale Dickens-Biografie mit einer gruseligen Geschichte über einen Serienmörder. Für einige Leser dürfte es der erste Kontakt mit Dickens als Privatperson sein. Ihnen sei zur Beruhigung gesagt, dass Simmons gute Recherchearbeit geleistet hat. Die englische Fassung lässt sich ausgezeichnet lesen.
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