Dark Universe - Der Aufbruch von Daniel F. Galouye

Buchvorstellungund Rezension

Dark Universe - Der Aufbruch von Daniel F. Galouye

Originalausgabe erschienen 1961unter dem Titel „Dark Universe“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 320 Seiten.ISBN 3945493846.Übersetzung ins Deutsche von Jan Enseling, zuerst erschienen unter.

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In Kürze:

Ein schrecklicher Atomkrieg hat die wenigen überlebenden Menschen in ein unterirdisches Bunkersystem gescheucht. Durch radioaktive Strahlung werden sie zu Mutanten, die nicht mehr sehen können, sondern statt dessen einen Sinn für infrarote Strahlung entwickelt haben. Das Licht, das in ihren Überlieferungen eine große Rolle spielt, wird von ihnen als etwas Göttliches verehrt. – Die Wissenschaft, die zu ihrem Unglück beitrug, kann ihnen jedoch auch Segen und Heilung bringen. Das Thema des weltweiten Atomkriegs ist so ernst, daß viele Autoren von Zukunftsromanen sich ihm zuwenden – nicht aus Sensationshascherei, sondern aus ernster Sorge und tiefer Einsicht. Jede dieser warnenden Stimmen läßt mehr hoffen, daß es dem Menschen gelingen möge, der Vernunft und der Menschlichkeit zum Siege zu verhelfen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die ohrenbetäubende Dunkelheit der Zukunft“90

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Die menschliche Zivilisation ist in einem Atomkrieg untergegangen. Nur wenige Überlebende konnten in ein Bunkersystem tief unter der Erde flüchten. Dort harren ihre Nachfahren noch immer aus, denn die tödliche Strahlung des atomaren Feuers hat die Oberfläche vergiftet. Die „Ursprungswelt“ ist tabu, weil dort die Teufel „Kobalt“ und „Strontium“ ihr Unwesen treiben. Diese Interpretation verrät, dass eine neue Steinzeit angebrochen ist. Jäger und Sammler sind die Männer und Frauen der „Unteren“ bzw. „Oberen Ebene“ geworden. Heiße Quellen spenden Wärme und lassen die wertvollen „Mannapflanzen“ gedeihen, für den Fleischtopf jagt man Salamander und Blindfische.

Freilich kann es geschehen, dass der Spieß umgedreht wird: Die Radioaktivität hat gigantische Vampir-Fledermäuse entstehen lassen, deren mörderisches Treiben jeden Höhlenbewohner zur Vorsicht mahnt. Dies gilt umso mehr, weil es in dieser seltsamen Welt kein Licht gibt! Es ist schon vor Generationen verschwunden und nur noch eine sagenhafte Erinnerung. Die Menschen sind nicht blind geworden, aber sie haben verlernt, ihre Augen zu benutzen. Stattdessen orientieren sie sich per Gehör: durch Schallwellen, die sie mit Echosteinen erzeugen und virtuos zu deuten wissen.

Niemand kann dies besser als Jared, Sohn des „Obersten Überlebenden“ Evan Fenton, der die Siedlung der Unteren Ebene regiert. Der junge Mann ist intelligent und neugierig, was nicht überall gern gesehen wird. Vor allem der vierschrötige Romel, sein älterer Bruder, macht Jared das Leben schwer. Auch der Vater bedrängt ihn: Der Staatsräson zuliebe soll Jared sich mit Della verbinden, der Nichte von „Rad“ Noris Anselm, der über die Obere Ebene gebietet. Doch Jared sucht lieber das verschwundene Licht. Dabei dringt er sogar in die verbotene Ursprungswelt vor: Seltsame Wesen überfallen ihn, denen er nur knapp entkommt. Aber sie folgen ihm und terrorisieren die Untere Ebene. Jared steht zwischen allen Stühlen. Alte Ängste und Aberglauben überwindend, kommt er dem Rätsel der Fremden auf die Spur und entdeckt eine erschreckende, faszinierende, gänzlich neue und uralte Welt jenseits des dunklen Universums …

Ohne Licht ein Lesegenuss

 …doch bis der Verfasser seine Figuren (buchstäblich) ans Licht führt – dies dürfte für die Leser keine Überraschung sein -, gilt es durch die wahre Düsternis zu wandeln: die der menschlichen Dummheit nämlich, die hier kongenial verkörpert wird durch den vor allem intriganten, dem Status quo verhafteten Romel. Aber Obacht: So einfach gestrickt ist diese Geschichte nicht. Ausgerechnet der geistig so rege Tabubrecher Jared ist es, der noch gegen Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen vermag. Dieser Vergleich trifft hier ins Schwarze, denn Dark Universe ist nicht nur ein fabelhaftes SF-Abenteuer, sondern auch ein kluges Gedankenspiel, das scheinbar Selbstverständliches in Frage stellt.

Über fünf Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken – verfügt der Mensch, doch was geschieht, wenn ihm einer davon abhandenkommt? Hier geht es nicht um das Individuum, das mit Blindheit geschlagen wird. In einer Gemeinschaft, die in der Mehrheit sehend bleibt, ist dies ein Handicap, das durch Hilfe gemeistert werden kann.

In Daniel F. Galouyes dunklem Universum wurde das Sehen kollektiv verlernt. Das Ohr hat das Auge ersetzt. Wie immer erwies sich das Menschentier als überaus anpassungsfähig. Es entstand ein völlig neues Alltagsleben, das Galouye meisterhaft zu schildern vermag, denn er lässt eine Unterwelt Gestalt annehmen, die tatsächlich völlig lichtlos ist. Der Autor geht noch einen Schritt weiter: Er schildert die Ereignisse aus der Perspektive der ‚augenlosen’ Höhlenmenschen. In dieser Geschichte gibt es buchstäblich keinen allessehenden bzw. allwissenden Erzähler.

Die Düsternis des Geistes

Galouye findet Mittel und Wege, eine an sich simple Ausgangssituation so spannend zu entwickeln, dass man ihm eine Handlung verzeiht, die keine besonderen Überraschungen bietet. Dark Universe ist eine „Post-Doomsday“-Story wie viele andere, die in den Jahren des Kalten Krieges erzählt wurden. Der Verfasser trifft dennoch einen Nerv: Jedem Leser fällt es leicht, sich die Fremdheit der Unterwelt zu veranschaulichen. Es genügt, die eigenen Augen zu schließen und sich vorzustellen, man müsste den Alltag in vollständiger Lichtlosigkeit meistern.

Die einfachsten Handlungen müssten neu erprobt und Alternativen dort gefunden werden, wo auf das Licht nicht verzichtet werden kann. Doch wie weit könnte dies gehen? Für Galouye steht fest, dass der Mensch durch die Dunkelheit allein nicht dem Untergang geweiht ist. Er hat sich viele Gedanken gemacht sowie das Geschehen in eine technikfreie Kulisse verlegt: Dass der Mensch die Technik bewahrt aber das Licht verliert, ist in der Tat eine unwahrscheinliche Annahme.

Science Fiction ist bekanntlich kein Wegweiser in die Zukunft. Die meisten geglückten ‚Voraussagen’ erweisen sich nachträglich als Zufälle. Galouye interessiert dieser Aspekt des SF-Genres ohnehin nicht. Er konzentriert sich auf den Menschen. Die Gesellschaft der Höhlenmenschen beschreibt er sehr konventionell: Man bildet „Stämme“, die sich der Führung des Stärksten unterwerfen. Der Alltag ist hart und auch ohne Kobalt, Strontium und die vampirischen Subflatterer gefährlich. Deshalb gibt es eine Vielzahl von Regeln, deren Befolgung streng beachtet wird: Wer aus der Reihe tanzt, bringt theoretisch die Gruppe in Gefahr.

Der tastende Weg zurück ins Licht

Für Galouye birgt diese starre Haltung die eigentliche Gefahr: Das Establishment der Unterwelt ist zufrieden mit dem Erreichten. Doch in solcher Stagnation sieht Galouye den Keim für den zwar nur allmählichen aber endgültigen Untergang der Menschheit. Ohnehin ist der Friede brüchig: Wie einst die Morlocks hausen unter den Schächten die „Zivver“. Diese haben durch die Radioaktivität die Fähigkeiten entwickelt, infrarote Wärmestrahlung zu orten, was der Orientierung in der Dunkelheit dienlich ist. Doch Jareds Leute haben Angst vor den „Zivvern“. Sie treten ihnen feindlich entgegen und können nur hoffen, dass die „Zivver“ nicht eines Tages über sie herfallen.

Jared verkörpert den dornigen Weg des Aufbruchs. Wissen mag Macht sein, aber es zu erwerben, kann mühevoll und sogar gefährlich sein. Damit ist nicht nur die Ablehnung gemeint, die Jared von seinen Stammesgenossen entgegenschlägt. Die Ereignissen scheinen ihnen rechtzugeben: Nachdem Jared in die „Ursprungswelt“ vorgedrungen ist, folgt ihm diese hartnäckig. Wie Goethes Zauberlehrling hat Jared Kräfte geweckt, die er nicht kontrollieren kann. Statt Neues zu erfahren, bringt er das Alte bzw. das Althergebrachte in Gefahr: Die „Ungeheuer“ aus der „Ursprungswelt“ versetzen nicht nur die Stämme der Schächte in Unruhe. Auch die „Zivver“ werden aufgeschreckt und lassen sich nicht mehr in ihren Orkus zurücktreiben.

Für Jared stellt die Situation in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar. Er hat seinen Stamm „verraten“ und dem Gegenspieler Romel in die Hände gespielt. Selbstverständlich verliebt sich Jared im Laufe des Geschehens, und ebenso selbstverständlich gehört die Auserkorene zu den „Zivvern“ – ein Klischee, das hier freilich funktioniert, weil es sich so, wie Galouye die Karten mischt, thematisch anbietet.

Was da aus der „Ursprungswelt“ in die Tiefe hinabsteigt, dürfte dem Leser bald dämmern, wenn das Wortspiel erlaubt ist. Dennoch ist es wiederum spannend zu verfolgen, wie bei Jared nur ganz allmählich der sprichwörtliche Groschen fällt. Die Welt ist größer als Jared dachte, und indem er sich auf sie einlässt, öffnet er eine Grenze für sich und jene, die sich ihm anschließen wollen. Mit diesem Schritt ist Jareds Reifeprozess keineswegs abgeschlossen. Er wird die vor allem geistige Enge des Dark Universe endgültig hinter sich lassen, denn auf ihn wartet nicht nur die „Ursprungswelt“, sondern das echte, unendliche Universum.

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