Wir waren außer uns vor Glück von David Marusek

Buchvorstellungund Rezension

Wir waren außer uns vor Glück von David Marusek

Originalausgabe erschienen 2011, 223 Seiten.ISBN 3942396033.

»Wir waren außer uns vor Glück« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Eine Zukunft, in der ein Teil der Menschheit länger lebt, als wir uns das überhaupt vorstellen können; eine Zukunft, in der Kinder zu Objekten der Begierde einer ganzen Nation geworden sind; eine Zukunft, in der Nanotechnologie das Leben maßlos bequem, aber auch maßlos gefährlich gemacht hat …

Inhalt:

  • Wir waren außer uns vor Glück
    We Were Out of Our Minds with Joy
  • Kraut und Kohl, oder: Wie wir Amerika gesundschrumpften
    Cabbages and Kale or: How We Downsized North America
  • Das Hochzeitsalbum
    The Wedding Album
  • Ein Junge in Cathyland
    A Boy in Cathyland
  • Wie wir uns kennenlernten
    Getting to Know You

Das meint Phantastik-Couch.de: „Neubestimmung des tätigen Lebens“94

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

David Marusek veröffentlicht seit rund zwanzig Jahren Erzählungen. Er arbeitet sehr langsam und schreibt deshalb wenig. Seine Hauszeitschrift ist „Asimov’s Science Fiction“, einige seiner Erzählungen wurden in Anthologien zweitveröffentlicht. Unter dem Titel „Getting to Know You“ wurden 2007 zehn seiner Erzählungen als Buch herausgegeben.

Der Großteil seines Werkes ist bislang nicht in deutscher Übersetzung zugänglich. Gerade haben die Herausgeber Hannes Riffel und Karlheinz Schlögl für den Berliner Verlag Golkonda fünf Erzählungen aus „Getting to Know You“ ausgewählt, die eine enge Verbindung zu Maruseks erstem Roman aufweisen, dem 2005 erschienenen „Counting Heads“.

Marusek hat den Erzählungsband mit einer Vorbemerkung und die einzelnen Geschichten mit Kommentaren versehen. Die Kommentare geben vor allem einen Einblick in seine Schreibpraxis. Zwar kann jede dieser Geschichten unabhängig gelesen und verstanden werden. Aber indem man sie als Einheit liest, erhalten sie mehr Tiefe und geben einen besseren Einblick in die Welt, die Marusek in ihnen aufbaut und in seinem Romandebüt erweitert.

Maruseks Geschichten sind voller guter Einfälle, mit denen er seine reizvolle Zukunftswelt auslotet. Die fünf Erzählungen behandeln verschiedene Aspekte dieser Welt zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichem Personal.

Die Welt und das Leben als Simulation

Die Erzählung (Novelle), die der deutschen Ausgabe den Titel gibt und den Band einleitet, „Wir waren außer uns vor Glück“, spielt in den USA des ausgehenden 21. Jahrhunderts und besteht formal aus drei Kapiteln, inhaltlich aus zwei Teilen. Der erste Teil gibt die Romanze zwischen zwei sehr unterschiedlichen und sehr reichen Individuen wieder. Sam Harger ist Designer, Eleanor Starke eine Geschäftsfrau mit politischen Ambitionen, die irgendwann Gouverneurin wird. Die Menschen in dieser Zeit verfügen über Verfahren, die es ihnen ermöglichen, sich fortlaufend zu verjüngen, allerdings mit abnehmender Intensität – auch sie sind sterblich, wenngleich ihr Tod sehr weit in der Zukunft liegen kann. Verstoßen sie gegen Gesetze oder werden aus anderen Gründen zu unliebsamen Personen, können sie entweder liquidiert oder versengt werden, was bedeutet, dass sie schnell altern und bei Erreichen einer Altersgrenze sterben. Menschen nehmen nur noch Termine körperlich wahr, wenn sie dafür einen besonderen Anlass haben. Ansonsten entsenden sie Hologramme, die auch Echtzeit-Holos sein können. Mitunter ist es auf einer Party so voll, dass die Hologramme sich überlagern und Störungen erzeugen.

Im zweiten Teil wird das luxuriöse Leben dieser Elitefamilie dann auseinander genommen, beginnend mit einer Polizeidrohne, die Sam als gesuchten Terroristen identifiziert. Er wird innerhalb sehr kurzer Zeit vom Privilegierten zum Außenseiter, obwohl sich zeigt, dass er kein Terrorist ist, ändert sich nichts an seiner Lage. Der starke Kontrast, der durch die beiden Teile erzeugt wird, das Vorher und Nachher in einem Leben, das durch Mächtige vernichtet wird, ohne dass der fälschlich Beschuldigte öffentlich entlastet oder in seine ursprüngliche Lage zurückversetzt würde, macht die Wirksamkeit des Textes aus. Das Original wurde 1995 veröffentlicht. Deutsche Leser erinnern sich vielleicht eine handvoll Jahre zurück, an den Fall des Khaled al-Masri. Mit dieser Erinnerung liest sich „Wir waren außer uns vor Glück“ noch einmal so eindrücklich. Die Erzählung liefert – auch – das Porträt zweier Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und um ihre Beziehung kämpfen.

In „Kraut und Kohl“ schickt der Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika Abzüge seiner selbst als Stellvertreter zu Veranstaltungen und Interviewterminen. Auf diese Weise erzielt er einen wesentlich höheren Grad der Ausbreitung und Durchdringung in der Gesellschaft, als es ihm persönlich je möglich wäre. Als im Senat ein Gesetz zum Fortpflanzungsverbot diskutiert wird, läuft mit seinem Stellvertreter etwas schief, der bigotte und radikale Ansichten äußert, die seinem Original im gemäßigten politischen Klima schaden. Die Untersuchung des Stellvertreters führt auf einen Defekt. Aber der Vizepräsident beginnt zu zweifeln, ob sich seine Ansichten zu bestimmten Problemen nicht geändert haben könnten, ohne dass ihm dies bewusst geworden wäre.

In „Das Hochzeitsalbum“ wird auf dem Höhepunkt des Tagesglücks eine Simulation des Brautpaares erstellt. Simulationen anderer Momente kommen im Lauf der Zeit dazu. In Abständen werden diese Simulationen aktiviert, um die Erinnerungen an ein schönes Erlebnis zu genießen. Mit jeder Aktivierung erhält die reale Version der Hochzeit mehr Risse. Das künstliche Paar Ben und Anne hat ähnliche Schwierigkeiten wie die Leser, sich in dieser bizarren Welt zurechtzufinden, und wird gerade dadurch sehr sympathisch. Die digitalen Ben und Anne erleben mit, wie sich ihre physischen Vorbilder verändern. Anne leidet unter Depressionen, Ben zieht sich von ihr zurück, da er ihren Schmerz nicht länger erträgt. Eine digitale Erinnerung, Anne, beobachtet die Auflösung ihrer physischen Vorlage. Oder handelt es sich um eine andere digitale Anne?

„Ein Junge in Cathyland“ verwendet eine Szene aus „Das Hochzeitsalbum“ für eine eigene Geschichte, in der eine Amerikanerin und ein Russe die Hauptfiguren sind. Ein wenig liest sich die Geschichte wie ein Fragment. „Wie wir uns kennenlernten“ beschäftigt sich intensiver mit den „personalisierten Gürtelbutlern“, einem markanten und wiederkehrenden Motiv in Maruseks Geschichten. Diese netten Maschinen haben Zugriff auf das Gehirn ihrer Nutzer, auf die Nachfolge des Internet, treffen Entscheidungen und nehmen ihren Trägern das lästige Nachdenken über die Dinge des täglichen Lebens ab.

Entgrenzung nach oben, Beschränkung nach unten

In Maruseks Zukunftswelt haben die Menschen eine extreme Lebenserwartung, ermöglicht durch Langlebigkeitsbehandlungen (von legalen Möglichkeiten bis hin zu noch illegalen Nanoverjüngungen). Die Problematik der Überbevölkerung wird dadurch tendenziell verstärkt. Deshalb ist die Vermehrung wie auch die Zuweisung von Kindern streng kontrolliert. Generell gilt ein Fortpflanzungsverbot, illegale Zeugung führt zur Konfiszierung des Fötus, der bearbeitet und als „Chassis“ vorgehalten wird, bis ein Paar die Erlaubnis erhält, ein Kind zu haben. Die DNS des Chassis wird mit der rekombinierten DNS der Eltern überschrieben, so dass daraus genetisch deren Kind wird.

Die Biotechnologie, die Segnungen der modernen Medizin, haben die Welt nicht wirklich zu einem besseren Ort gemacht. Ein solcher ist sie nur für die Eliten geworden. Dadurch wird sie für die Masse der Menschen zu einem unvorstellbaren Alptraum.

Einer der besten Autoren zeitgenössischer Science Fiction

In der Einführung zu seiner Erzählungssammlung sagt David Marusek: „Kurzgeschichten sind ein großartiges Medium, um sein Handwerk zu perfektionieren oder neue Dinge auszuprobieren.“ Für jemanden, der bald zwanzig Jahre Kurzgeschichten schreibt, bevor er sich an seinen ersten Roman macht, ein seltsames Statement.

Wer bereits mit Marusek vertraut ist und die eine oder andere seiner Erzählungen gelesen hat, erhält mit diesem Band nicht nur die Möglichkeit, sie in einer deutschen Übersetzung zu lesen, sondern eine vertiefende Perspektive auf Maruseks Erzählwelt zu erlangen. Wer noch nie etwas von Marusek gelesen hat, findet hier einen hervorragenden Ausgangspunkt, um einen der besten zeitgenössischen SF-Autoren kennenzulernen. Marusek schreibt aufregende und politisch relevante SF. Manche Leser mögen sich wundern über das hyper-gesunde Selbstbewusstsein Maruseks, das sich in der Vorbemerkung und den Kommentaren äußert. Aber die meisten seiner Erzählungen können ohne Übertreibung als Kleinode der SF bezeichnet werden.

(Almut Oetjen, Oktober 2011)

Ihre Meinung zu »David Marusek: Wir waren außer uns vor Glück«

candyman zu »David Marusek: Wir waren außer uns vor Glück«03.06.2012
David Maruseks "Wir waren ausser uns vor Glück" ist sicherlich ein Geheimtipp der SF, zumindest in Deutschland. Die Handvoll Novellen in diesem Band umkreisen alle denselben Themenkomplex, im besonderen geht es um medizinische/biologische Errungenschaften, bspw. die Unsterblichkeit des Menschen oder künstliche Intelligenzen (sogenannte Butler), die dem Individuum zur Seite stehen und wichtige oder ungeliebte Aufgaben im Alltag übernehmen. Die Stories spielen alle etwa 10 - 200 Jahre in der Zukunft und jede einzelne der Geschichten dokumentiert einen einzelnen Schritt auf diesem Weg in die (perfekte?) Zukunft.
Dass den Protagonisten dabei immer wieder ihre eigene Menschlichkeit ein Hindernis sein muss, scheint offensichtlich, denn Maruseks Zukunft ist wirklich bis ins Detail verplant und verbaut. Auf den ersten Blick ist es beinahe eine schöne Zukunftsvision, der Mensch ist immun gegen Krankheiten und muss nicht mehr sterben. Die Technik ermöglicht es, jede unangenehme oder schwere Arbeit zu vermeiden, alles unangenehme im Leben kann irgendwie ausgeblendet werden. Und doch muss natürlich ein Preis bezahlt werden für diese Utopie: Im Laufe der Jahrhunderte haben nur die Reichen oder Gewieften "überlebt", die armen Schichten oder Lebensuntauglichen, die sich die teuren Nano-Verjüngungskuren nicht leisten konnten, starben aus. Und: Fortpflanzung ist somit unnötig und wird nur in seltenen Fällen von der Regierung 'erlaubt'.
Marusek widmet sich ausführlich seinen Figuren, ihren Gedanken und guten Dialogen. Seine Schreibe ist wirklich überdurchschnittlig gut im SF-Bereich, wenn auch für meinen Geschmack die eine oder andere Novelle sich etwas in die Länge zieht. Gerade die Titelerzählung erschien mir gemessen an der tatsächlichen Handlung viel zu lange. Gelungen ist hingegen die Story "Das Hochzeitsalbum", worin ein Hochzeitstag mit all seinen zum Teil kitschigen Assoziationen zu einem recht absurden und bildhaften Ausflug in die ferne Zukunft wird. Die Simulacra-Thematik darin ist sicherlich nicht neu, aber meines Erachtens in dieser Geschichte besonders gelungen umgesetzt. Es geht um die Frage, ab wann ein Programm/eine Simulation (Simulacra) eine genügend komplexe Intelligenz entwickelt hat, um als eigenständige Lebensform zu gelten. Oder anders: ab wann wird die Simulation zum Menschen...
Fazit: sehr gelungene, etwas ausführlicher geschriebene SF-Novellen mit frischen Bildern, die für angenehmen Gehirnkitzel sorgen.
[Bewertung=90]
Ihr Kommentar zu Wir waren außer uns vor Glück

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.