Himmelsschatten von David S. Goyer & Michael Cassutt

Buchvorstellungund Rezension

Himmelsschatten von David S. Goyer & Michael Cassutt

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Heaven's Shadow“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 639 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Ingrid Herrmann-Nytko.

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In Kürze:

Cape Canaveral in naher Zukunft: Mit der bemannten Mission zu einem Himmelskörper, der sich der Erde immer weiter annähert, wird ein neues Kapitel in der menschlichen Raumfahrt aufgeschlagen. Denn gleichzeitig zur Rakete der NASA startet auch ein Raumschiff der indischchinesischen Raumfahrtbehörde, und es beginnt ein erbittertes Wettrennen, welche Nation den Asteroiden zuerst erreicht. Doch draußen im All erwartet beide Sonden eine böse Überraschung …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Dieser Himmel wirft einen matten Schatten“30

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Im August des Jahres 2019 kehren die USA in den Weltraum zurück: Was eigentlich als Mondfahrt geplant war, wird zum Planetenbruchstück „Keanu“ umgeleitet, das – von weit außerhalb des Sonnensystems kommend – diesem einen Besuch abstattet. Bevor „Keanu“ wieder den Weiten des Alls verschwindet, will man ihn erforschen. Die „Destiny 7“ wurde unter dem Kommando von Zack Stewart auch deshalb an den Start gebracht, um der ´Konkurrenz´ eins auszuwischen: Ein russisch-indisch-brasilianisches Konsortium hat das Raumschiff „Brahma“ in den Raum geschossen. Auf keinen Fall werden die USA Taj Radhakrishnan und seinen drei Kollegen das Feld allein überlassen!

Sowohl der „Destiny“ als auch der „Brahma“ gelingt die Landung auf dem 100 km durchmessenden Himmelskörper, der sich vor Ort als außerirdisches Raumschiff entpuppt. Die insgesamt sieben Raumfahrer schließen sich zwecks Untersuchung zusammen, während auf der Erde Hektik ausbricht: Für die USA gilt immer noch eine 1948 erlassene Militärdoktrin, nach der außerirdische Intelligenzen als potenzielle Feinde zu betrachten sind.

„Keanu“ hat inzwischen ein Todesopfer gefordert: Im Inneren fanden die Forscher eine lebensfreundliche Zone, in der allerdings die insektenähnlichen „Wächter“ ihr Unwesen treiben, von denen einer den Piloten „Pogo“ Downey in Stücke reißt. Wenig später ist Pogo wieder da: „Keanus“ Erbauer verfügen über eine Technik, die es ermöglicht, Tote ins Leben zurückkehren zu lassen. Stewart hat inzwischen seine verstorbene Gattin Megan wiedergetroffen.

Doch sind die „Revenants“, wie man sie nennt, überhaupt Menschen? Welche Überraschungen brütet „Keanu“ noch aus? Kreuzt er zufällig die Erdumlaufbahn? Was planen seine weiterhin unbekannten Erbauer ...?

Tanz auf dem Quark

Bekanntlich können auch kleine Dinge gewaltige Schatten werfen, wenn die Sonne tief genug steht. Ersetzen wir die „kleinen Dinge“ durch den hier zu besprechenden Roman und die Sonne durch die von der Werbung geschürte Erwartungshaltung, passt das Bild perfekt in seinen Rahmen. Dabei stellt dieses ziegelsteindicke Buch, dass als Tüpfelchen auf dem I den grandiosen Titel „Himmelsschatten“ trägt, dennoch nur die Ouvertüre eines gewaltigen Epos´ dar, das sich über zwei mindestens ebenso seitenstarke Bände fortsetzen wird – allerdings ohne diesen Rezensenten, der nach der Lektüre deutlich missmutiger als Marcel Proust über die Spuren der verlorenen (Lebens-) Zeit sinniert.

Da haben wir also eine Geschichte, die sich im Original über 400 Seiten wälzt – der Umfang wird in der deutschen Übersetzung auf deutlich mehr als 600 dürftig bedruckte Seiten aufgebläht – und doch nur Einleitung bleibt. Schlimmer als eine Geschichte ohne Pointe ist eine langweilige Geschichte, die man zu allem Überfluss bereits kennt. Unter diesen drei Hieben geht „Himmelsschatten“ zu Boden. Dies geschieht nicht erst, wenn man das Buch gelesen zuklappt, sondern bereits nach dem ersten Viertel, wenn man bemerkt, dass die Autoren uns nicht wirklich etwas zu sagen haben und außerdem mit einer Dreistigkeit Seiten schinden, die einfach ärgert.

Noch das unwichtigste Detail wird lang und breit erläutert und erklärt, was sicher notwendig ist, da die Handlung von „Himmelsschatten“ so dürftig bleibt, dass sie kaum eine Kurzgeschichte tragen könnte. Was Peter Jackson mit dem „Hobbit“ schafft, können wir schon lange, dachten sich Goyer & Cassutt offensichtlich. Sie vergaßen dabei, dass Schaumschlägerei im Film einfacher fällt, wenn dort eindrucksvolle Bilder die Zuschauer ablenken.

An die Zukunft denken!

In diesem Zusammenhang lässt eine Information tief blicken. Für „Himmelsschatten“ wurden die Filmrechte bereits verkauft. Goyer, der bisher ohnehin hauptsächlich für Film und Fernsehen schreibt, arbeitet an einem Drehbuch für das Studio Warner Brothers. Wenn daraus nichts wird, könnte er den Stoff zu einer TV-Serie umschneidern, die man bereits deutlich vor dem inneren Augen ablaufen sieht: Hin und wieder gibt es teure Spezialeffekte, zwischendurch Fernseh-Füllstoffe: Klischee-Figuren haken Klischee-Probleme ab, zanken und vertragen sich, feiern „familiy values“ und andere Werte.

Solche Erklärungen sucht man auf der verzweifelten Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso Käse jener Stink-Stufe, die „Himmelsschatten“ erreicht, als Meilenstein der Unterhaltungsliteratur verkauft werden kann. Träge säumen öde Ereignisse, die nicht nur in der Science Fiction schon viel zu oft ausgemolken wurden, den Platt-Plot. Überraschungen fallen aus, für Zeitvertreib sorgt höchstens ein privates Quiz, bei dem sich der Leser die Frage stellt, wo er bereits besser gesehen oder gelesen hat, was er gerade ertragen muss.

Tempo sollen kurze Kapitel sowie der regelmäßige Sprung zwischen den Ereignissen auf „Keanu“ und auf der Erde suggerieren. Doch die einen sind einschläfernd, die anderen lassen ob ihrer abgedroschenen Gefühlsduseleien den leserlichen Blutdruck in die Höhe schnellen.

Was ist flacher als ein Blatt Papier?

Goyer & Canutt lassen in der Figurenzeichnung kein Fettnäpfchen aus. Da haben wir den gefühlvollen aber willensstarken US-Helden, der nicht nur mit dem kindischen Spitznamen „Zack“ geschlagen ist, sondern darüber hinaus den charismatischen, verständnisvollen Raumschiff-Kapitän, den sich in Sehnsucht an die tragisch verstorbene Gattin verzehrenden Witwer, den halbherzig neu verliebten Mann UND den überforderten Vater einer heftig pubertierenden Tochter geben muss.

Letztere sorgt auf der Erde für jenen Trubel, den im US-Fernsehen pubertierende Töchter üblicherweise anrichten. Selbstverständlich hasst Rachel die Schwiegermutter in spe, ist dem Vater entfremdet, mit dem Handy verwachsen, verstößt manisch selbst gegen unwichtige Regeln und ist auch sonst die reinste Nervensäge.

Die tote Gefährtin/Mutter taucht später wiederbelebt in „Keanus“ Bauch auf, wo sie und Zack damit beschäftigt sind, zwei Jahre getrenntes Liebes- und Familienleben aufzuarbeiten. Manchmal gibt Megan Erinnerungsschnipsel an ihr Geisterdasein frei, die geheimnisvoll wirken und die Ankunft der „Konstrukteure“ vorbereiten sollen, die „Keanu“ konstruierten und bauten. Bereits diese dürren Infos lassen den Rest der heißen Luft aus der Blase, die eigentlich drei Bände „Heaven’s Shadow“ in die oberen Ränge der Bestsellerlisten tragen soll.

Quirlen, quirlen, quirlen!

Niemand interessiert sich für die Stewartschen Familienproblemchen. Niemand interessiert sich für sämtliche anderen Figuren, die ebenfalls mit einer denkbar stumpfen Schere aus jenem Papierbogen geschnitten wurden, der ihre Charaktertiefen definiert. Wer will wissen, dass Astronautin Yvonne Hall mit ihrem Über-Vater hadert, der ´zufällig´ ein hohes Tier im NASA-Control-Center ist? Dennoch malträtieren uns Goyer & Canutt mit endlosen Passagen einschlägiger Erinnerungen, Identitätskrisen und Gewissensnöte, die rein gar nichts zur Handlung beitragen, die währenddessen faul auf der Stelle dümpelt.

Manchmal reicht es nicht einmal für Routine. An einer Stelle wird der ebenfalls wiederbelebte Astronaut „Pogo“ Downey – was finden US-Amerikaner bloß an dümmlichen Spitznamen? – urplötzlich verrückt. Selbst die rudimentäre Zeichnung des noch lebenden Pogo gibt dafür keinen Grund. Der war bisher der grobe, fröhliche, für lahme Witze zuständige Sidekick. Nun mutiert er zum Mörder und Saboteur, weil Goyer & Cassutt nichts Besseres einfällt, um die Raumfahrer möglichst dramatisch auf „Keanu“ stranden zu lassen.

Unbeholfen versucht sich das Autorenduo zu schlechter Letzt an der Kritik irdischer Verhältnisse, bleibt dabei jedoch stets an der Oberfläche: Die daraus resultierende Bedeutsamkeiten sind reine Behauptung, weil es der Leser (und spätere Zuschauer) erwartet, dass Wissenschaftler liebenswerte Idealisten und Politiker machtgeile Schurken sind und Militärs den Finger ständig am Abzug haben.

Auf diese Weise wird „Himmelsschatten“ zu einem Instant-Bestseller aufgeschäumt. Wer die Originalität fürchtet aber Versatzstücke schätzt, wird diesen Roman lieben. Auch der Umfang muss nicht schrecken: „Himmelsschatten“ ist so strukturiert, dass man notfalls nur den ersten und letzten Absatz eines (und nicht einmal jedes) Kapitels lesen muss, ohne den Anschluss an die Handlung zu verlieren. Wer auch an Unterhaltungslektüre höhere Erwartungen stellt, sollte den „Himmelsschatten“ auf der Suche nach sonnigeren Lektüre-Gefilden schleunigst und ohne den Gedanken an eine Rückkehr verlassen.

(Dr. Michael Drewniok, Dezember 2012)

Ihre Meinung zu »David S. Goyer & Michael Cassutt: Himmelsschatten«

Charley_Chase zu »David S. Goyer & Michael Cassutt: Himmelsschatten«09.08.2013
Endlich mal wieder ein richtig schöner Science-Fiction-Schmöker im klassischen Stil - ohne böse Aliens und Weltraumkriege.
Natürlich kommt dem Science-Fiction-Fan die Inhaltsangabe bekannt vor. Goyer und Cassutt verpacken die alte Geschichte aber derart gut und spannend, dass es mir egal ist, dass schon Arthur C. Clarke und Greg Bear Ähnliches geschrieben haben.
Zudem ist ja nur die Prämisse "alt" (Menschen erforschen einen Asteroiden, der sich als uraltes Raumschiff entpuppt) - was die Autoren daraus machen, ist etwas ganz Neues.
Nachdem Astronauten auf dem vermeintlichen Asteroiden gelandet sind, gerät die Sache ausser Kontrolle. Die Ereignisse werden aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert, jenen der Astronauten, der NASA und der Angehörigen. Dabei sind die Figuren gut gezeichnet - man kann richtig mitfiebern. Die Handlung wird mit immer neuen Einfällen spannend vorangetrieben.
Nach mehreren Rückschlägen und Katastrophen wird dem Leser klar, dass für die Crew um Astronaut Zack Stewart eine Rückkehr zur Erde nicht möglich sein wird. Was dann?
Das Buch hält am Schluss eine überraschende Wendung partat - die gleichzeitig auf eine Fortsetzung drängt.
Himmelsschatten ist der erste Teil einer Trilogie, der zweite Teil soll im November erscheinen.
Ich konnte den Wälzer nicht mehr aus der Hand legen. Literarisch ist er keineswegs - aber spannend und höchst interessant. Ein richtiger Schmöker, dessen Lektüre so richtig Spass macht! Sehr zu empfehlen.
Michael Mulder zu »David S. Goyer & Michael Cassutt: Himmelsschatten«19.03.2013
Es ist schon wahr, dass das Konzept "Landung auf Asteroiden, der sich als Artefakt herausstellt" nicht neu ist (Clarkes Rama-Zyklus, "Himmelssturz" von Alastair Reynolds). Ich muß jedoch sagen: mir hat das Buch einfach Spaß gemacht. Man merkt den Autoren an, dass sie Filmdrehbücher schreiben und Produzenten in Hollywood sind. Mir gefallen die vielen kleinen Einschübe und Hinweise auf "Armageddon", "Star Trek", "Apollo 13", Clarkes "2001" (Jupiter und darüber hinaus). Eine Verfilmung des Stoffes würde mich freuen. Zudem finde ich die Idee, dass Aliens sämtliche im all ausgesandten Daten, somit auch solche von Verstorbenen, scannen und weiterverarbeiten können, interessant. Bin gespannt, was die Reisenden auf dem Himmelsobjekt erleben werden und freue mich bereits auf die Teile 2 und 3.
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