Davids großes Heer

Ein Streifzug durch die deutsche SF/F-Kleinverlagsszene

Es ist schwer, den genauen Zeitpunkt festzulegen, an dem die deutsche Kleinverlagsszene im phantastischen Bereich richtig signifikant geworden ist. Natürlich hat es schon immer kleine Genreverlage gegeben, die den Versuch unternahmen, sich eine eigene inhaltliche Nische zu schaffen – denken wir etwas an den Corian-Verlag, der heute nur noch Loseblattsammlungen verlegt, oder an den ID-Verlag, der in den 80ern für Anthologien deutschsprachiger SF und das „;Deutsche SF Magazin“; bekannt gewesen ist. Zwei wesentliche Gründe sind für den Aufschwung deutscher Kleinverlage verantwortlich zu machen: Eine geniale, wenngleich nahe liegende herausgeberische Idee sowie eine technische Innovation. Beide Gründe spielen im zeitlichen Ablauf keine parallele Rolle: Erst war die Idee, dann die Innovation.

Aus alt mach neu

In den 80er Jahren erfuhr ein Teil des deutschen SF-Marktes einen massiven Zusammenbruch, der über Jahrzehnte den Ausstoß vor allem deutschsprachiger SF und Fantasy dominiert hatte: Der Heftroman. Das große Seriensterben, das vor allem bis Mitte der 80er Jahre einsetzte, hat dem Heftromansektor einen Schlag versetzt, von dem er sich bis heute nicht mehr erholt hat. Für Jahre mussten Fans der Fortsetzung sich entweder mit den wenigen noch überlebenden Serien arrangieren oder sich in Antiquariaten und auf Flohmärkten mit dem nun offenbar auf immer limitierten Lesestoff ihrer Wahl eindecken. Dann aber begann Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre eine Zahl von neuen, kleinen Verlagen mit einem – zumindest anfangs – durchaus profitablen Geschäft: Nämlich der Neuherausgabe alter Heftromanserien in Buchform, und, damit verbunden, dem Versprechen, diese bei Erfolg auch gleich fortzusetzen, zum Teil mit den Originalautoren aus der Heftroman-Ära. Zwei Verlage müssen hier insbesonders als Vorreiter erwähnt werden: Der Bernt-Verlag, der bis heute vor allem und fast ausschließlich für seine Betreuung der alten SF-Serie „;Ren Dhark“; bekannt ist, sowie der Blitz-Verlag, der gleich mehrere Serien, darunter neben „;Raumschiff Promet“; auch eine Reihe der Grusel-Klassiker, in sein Programm aufnahm. Mittlerweile ist in die Nachdruckverlage weitere Konkurrenz dazu gestoßen; was die Bandbreite der Produkte angeht, dürften der Mohlberg- und der Zaubermond-Verlag derzeit das größte Angebot vorweisen. Der ökonomische Erfolg dieser Vorgehensweise führte dazu, dass die verlegerischen Aktivitäten von Kleinverlagen mehr in den Blickpunkt des Interesses rückten. Eine Welle von Verlagsgründungen folgte, wobei nicht alle versuchten, sich durch die Reproduktion alter Klassiker ein Profil zu verschaffen, und auch die Verlage, die damit begonnen hatten, vergrößerten ihr Programm recht bald, wenngleich mit wechselndem Erfolg. Dennoch: Eine aktive und immer vielfältiger auftretende Kleinverlagsszene war geboren.

Die technische Revolution: Das digitale Druckverfahren

Es war dann gegen Ende der 90er Jahre, als eine zweite Revolution, die natürlich über die SF/F-Kleinverlagsszene weit hinausging, mit einer technischen Innovation die Spielregeln der Verlagstätigkeit neu schrieb. Die Rede ist von der Einführung digitaler Druckverfahren, eine Welle, in Deutschland erstmals ausgelöst durch das „;Book-on-Demand“;-Verfahren des Grossisten Libri, der damit ein Diensleistungsangebot machte, das dem traditionellen DKZ-Betrieb das Fürchten lehren musste. Qualitativ hochwertige Bücher herzustellen, und das in sehr geringer Auflage, war nunmehr nicht mehr eine Domäne von Liebhabern, die dafür bereit waren, hochpreisige Einzelanfertigungen herstellen zu lassen. Neue digitale Druckstraßen, die von der Produktion bis zur Bindung alles in einem anboten, schossen in der ganzen Republik aus dem Boden. Das neue Druckverfahren hatte viele wesentliche Vorteile, die sich aufmerksamen Kleinverlegern unmittelbar erschlossen: Man konnte auf großartige Lagerhaltung verzichten, da auch Kleinstauflagen wirtschaftlich sinnvoll gedruckt werden konnten. Die Anfangsinvestitionen in ein neues Buch schrumpften auf ein vertretbares und weitaus besser zu kalkulierendes Maß zusammen, da ein Andruck hoher Startauflagen sich als überflüssig erwies. Die Druckzeiten reduzierten sich ebenfalls signifikant, wenn es einem gelang, von Anfang an korrekte Druckdaten abzuliefern, die von den Druckerei nur noch durch ihre Maschinen gejagt werden mussten. Und: Die dabei entstehenden Bücher entsprachen von Druckqualität und Bindung im Regelfalle den Ansprüchen, die man auch an Paperbacks oder Taschenbücher aus den Offsetdruckstraßen legen würde. Die neue Technologie führte dazu, dass auch solche, die bisher nur den stillen Wunsch einer Verlagsgründung gehegt hatten, davor jedoch aus vornehmlich finanziellen Erwägungen heraus zurück geschreckt waren, nun diesen Traum Wirklichkeit werden lassen konnten. Mit der technischen Innovation war die Infrastruktur für eine weitere Welle an Verlagsgründungen geschaffen, und gegründet wurde nicht zu knapp.

The good, the bad and the ugly

Das Wachstum der deutschen Kleinverlagsszene ist generell eine positive Entwicklung: Es hat das Angebot erweitert und einer Reihe von professionell gemachten, interessanten und sehr lesbaren Romanen zur Veröffentlichung verholfen, Romane, die ansonsten wahrscheinlich gar nicht oder nur in Fanzines erschienen wären. Die Kleinverlage als der Tummelplatz des Nachwuchs und der neuen Talente wurde gleichzeitig zum Revival für manche der Autoren aus den Goldenen 70ern, die nicht nur ihre alten Romane nachgedruckt sahen, sondern auch plötzlich um neue Manuskripte gebeten wurden. Selbst profilierte und angesehene deutsche SF-Autoren, die noch Anfang der 80er Jahre bei der kurzlebigen „;neuen deutschen SF“; bei den großen Taschenbuchverlagen reüssierten, waren sich keinesfalls zu schade, lieber in einem Kleinverlag zu veröffentlichen, als gar keines ihrer Manuskripte an den Mann zu bringen – vor allem zu jenen Zeiten, als die großen Taschenbuchverlage sich noch sehr zurückhaltend bei der Publikation deutschsprachiger Autorinnen und Autoren zeigten. Und manche Kleinverlage begannen langsam zu wachsen und machten den großen Taschenbuchkonkurrenten auf ganz anderem Gebiet eine Domäne streitig, die ihnen bisher vorbehalten zu sein schien: In der Publikation von aus dem Ausland übersetzter SF-, Fantasy- und Horrorwerke. Also alles eitel Sonnenschein? Leider nicht.

Innerhalb der letzten Jahre ist es jedoch zu einer Expansion anderer Art gekommen, die manche mit einem gewissen Stirnrunzeln betrachten. Es ist die Expansion der Programme, nicht zuletzt auf dem Seriensektor, die eine doch relativ begrenzte Käuferschicht mit zunehmend mehr und nicht notwendigerweise günstigen Angeboten bombardiert. Das ist jedoch egal, denn die erwähnte technische Innovation hatte eine ungeahnte Konsequenz. Die Frage, wer das alles derzeit kaufen soll, stellt sich so nämlich nicht mehr: Das digitale Druckverfahren, in dem die meisten dieser vielen neuen Bücher hergestellt werden, erlaubt Kleinstauflagen. Das hat zur negativen Konsequenz, dass selbst Romane oder gar Serien, die erkennbar schlecht sind und sich dauerhaft schlecht verkaufen, aus vielen weitgehend unverständlichen Gründen künstlich am Leben erhalten werden können. Die Rentabilitäts-Schmerzgrenze für Verleger sinkt zunehmend auf Tiefen, die man sich zu den seligen Zeiten, als Offset das Maß der Dinge war und zu geringe Auflagen schlicht unrentabel waren, nicht hätte vorstellen können. Der Ausstoß sieht dann beachtlich aus, doch fragt man sich, wieviel davon Sein und wieviel davon Schein ist.

Natürlich kann man diese negativ erscheinende Analyse wieder positiv wenden. Die ansteigende Vielfalt bietet vielen Neulingen eine Chance, sich schriftstellerisch auszuprobieren, die es sonst vielleicht schwerer gehabt hätten. Ideenvielfalt ist ebenfalls leichter realisierbar, da die Grenze des Scheiterns so niedrig ist, dass Verleger vermehrt und eher zu Risiken bereit sind, da diese nun kalkulierbar erscheinen. Das Problem liegt darin, dass der Mechanismus abhanden gekommen ist, der die Spreu vom Weizen trennt – und das wiederum führt dazu, dass für den unbedarften Konsumenten die Tatsache allein, dass eine Serie über die ersten Ausgaben hinaus gekommen ist, kein Hinweis mehr auf einen gewissen Qualitätsstandard mehr bietet, da selbst Serien (oder Zyklen oder Einzelromane) mit Zwergauflagen weiter erscheinen. Das heißt auch, dass viele Autoren nicht mehr die Sorgfalt an den Tag legen müssen wie vorher, um veröffentlicht zu werden. Der Markt bestraft sie für Schlamperei nicht mehr, da die Verleger den Marktdruck nicht mehr spüren, zumindest so lange, wie sie von ihrem Gewerbe nicht vollberuflich leben wollen (was nur die Creme de la creme wirklich schafft). Die Hoffnung darauf, dass der Markt eines Tages „gesundimplodieren“ werde, und dann nur die übrig bleiben, die einigermaßen gescheite Produkte abliefern, ist daher müßig und unrealistisch. Wenn ein Produkt für den Produzenten zu einem relativen Spottpreis angeboten werden kann und selbst Kleinstauflagen keine oder nur geringe Verluste einfahren, beginnen Marktmechanismen immer weniger zu greifen.

Kleinverlage: Die besseren Fanzines?

Viele Kleinverleger füllen heute die Nische, die früher Fanzines innehatten. Das wäre auch nicht so schlimm, wenn es nicht einen wesentlichen Unterschied gäbe: Die Publikationsform im gebundenen Buch mit Farbcover und ISBN postuliert einen gewissen Anspruch, ein Anspruch, den Fanzines – im Regelfalle – nicht für sich reklamiert haben. Und so werden Autoren als Autoren publiziert, für die diese Bezeichnung zumindest schmeichelhaft sein dürfte. Menschen, die oft über nicht genug Selbstachtung oder Einsicht verfügen, um auch solche Verlage zu vermeiden, die nur als windig bezeichnet werden können, da sie in der Illusion leben, eine Veröffentlichung um jeden Preis werde ihre „;schriftstellerische Karriere“; befördern. Menschen, die von keinem Lektor und keinem Redakteur mehr gesagt bekommen, was für einen Mist sie schreiben, und vom Verleger schon gar nicht, sei es aus Unkenntnis, Ignoranz oder weil man sich damit einen Bewunderer vergraulen würde. Leute, die selbst dann, wenn ihnen wiederholt aus durchaus berufenem Munde mitgeteilt wird, dass sie Mist schreiben, dies als persönlichen Angriff werten oder schlicht dermaßen von sich überzeugt sind, dass sie nicht zu akzeptieren in der Lage sind, dass sie etwas an sich ändern müssen und sie möglicherweise kein verkanntes Genie sind.

Früher landeten sie in Fanzines und das tat niemandem weh. Nur jene mit einem Funken Talent oder hart erarbeitetem guten Handwerk schafften es, „;richtige“; Romane zu veröffentlichen. Die ganz Fanatischen rannten zu einem DKZ-Verlag und ließen sich ihre Selbstüberschätzung einiges kosten. Heute gibt es Verleger, die sie veröffentlichen und sich kaum um Qualität scheren – und diese Autoren dabei in ihrem unrealistischen Selbstbild nur noch bestärken. Diese Art von Autoren tragen dazu bei, dass die Schmerzgrenze für ein „;Daumen runter!“; noch weiter ins Bodenlose gesunken ist, als es für eine kompetitive Kleinverlagsszene gut sein kann.

Blick in die Landschaft: Rahmenbedingungen

Bei allen berechtigten Zweifeln ist es dennoch eine interessante, ja faszinierende Reise voller manchmal überraschender Facetten, wenn man einmal durch die deutsche Kleinverlagsszene spaziert. Das Profil eines Kleinverlages ist es, das die größte Relevanz für die Bekanntheit hat. Bekanntheit ist hier ein relativ zu verstehender Begriff. Das größte Problem eines jeden Kleinverlages ist und bleibt der Vertrieb – weniger, weil sie die eigenen Bücher nicht bei den Grossisten unterbringen könnten, sondern mehr, weil es oft nur sehr begrenzt gelingt, das Publikum über die bloße Existenz des eigenen Programmes in Kenntnis zu setzen. Da nützt auch die beste Website nichts, wenn selbst Genre-Interessenten höchstens zufällig darauf treffen. Jenseits des letztlich begrenzten Mikrokosmos der engeren Szene ist es oft schwer, potentielle Käuferschichten zu erreichen. Die beliebte Frage nach der verkauften Auflage ist daher so pauschal gar nicht zu beantworten – die Bandbreite zwischen den sehr kleinen Kleinverlagen und jenen, die ein gewisses Maß an Größe und Professionalität erreicht haben, ist das eine, die Bandbreite selbst innerhalb eines umfangreichen Gesamtprogrammes das andere. So kann die Auflage sich im Zweifelsfalle überall zwischen 20 und 2000 Exemplaren bewegen. Die Attraktivität eines Programmes hängt interessanterweise auch im Kleinverlagsbereich durchaus nicht selten von den Namen der Autorinnen und Autoren ab. Dies ist wichtig zu verstehen, wenn man sich gleichzeitig vor Augen hält, dass Kleinverlage oft die ersten Ansprechpartner von hoffnungsvollen Neuautoren sind. Dies gilt umso stärker für den Bereich der Kurzgeschichten, in dem die Kleinverlage vor allem für die Science Fiction mittlerweile ein virtuelles Monopol für sich reklamieren können. Während in den USA Themen- und Jahresanthologien bei den großen Verlagshäusern allenthalben aus dem Boden schießen, bleibt hier die Kurzgeschichte die Liebhaberdomäne engagierter Kleinverleger. Der massive Anstieg im Ausstoß von Kleinverlagsanthologien in den letzten Jahren hat aber nicht nur positive Aspekte, da die Masse an Publikationen und manchmal naiven Ausschreibungen mit oft nur unzureichend qualifizierten Herausgebern bei der Auswahl schon hin und wieder den Eindruck bemühter Beliebigkeit hervor ruft. Die Hoffnungen, die manche Neuautoren mit einer im Regelfalle unbezahlten Storyveröffentlichung in einer solchen Sammlung verbinden, sind oft genug ebenfalls realitätsfern. Der Startschuss für eine schriftstellerische Karriere ist damit jedenfalls in den seltensten Fällen verbunden.

Blick in die Landschaft 2: Highlights

Die nun folgende Darstellung soll dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Das Magazin „;Phase X“; führt regelmäßig Leserbefragungen zu den Programmen deutscher Phantastik-Verlage durch und bemüht sich, eine möglichst vollständige Liste aller einschlägigen Häuser vor zuhalten. Die Mehrzahl der Verlage auf dieser sehr informativen Liste, die online einsehbar ist, fällt in die Kategorie jener Häuser, um die in es in diesem Beitrag gehen soll, dort kann man sich also umfassend über die Quantität informieren. Je nach Zählweise kommt man so auf eine Gesamtheit um die 50 Kleinverlage, die sich zu einem nicht unerheblichen Anteil ihres Programmes mit phantastischen Veröffentlichungen beschäftigen.

Wo fängt man also an, wenn man in diese Vielfalt einführen möchte? Drei Kriterien drängen sich für eine Kategorisierung auf: Die Breite des Programmes, die Spezifika des verlegerischen Profils sowie die Dauerhaftigkeit des Bestehens. Letzteres ist vor allem wichtig angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Verlage sog. Wohnzimmerverlage sind, ohne großartige personelle oder sonstige Infrastruktur, konzentriert auf das Engagement oft nur einer einzelnen Person, und wenn es gut ist einer solchen, die man anerkennend als Verlegerpersönlichkeit beschreiben kann. Oft genug finden sich diese Personen auch im Namen des Verlages wieder, etwa beim Festa-Verlag, dem Spezialverlag für Horror-Literatur von Frank Festa (der über das Niveau des Wohnzimmerverlages schon länger heraus gewachsen ist), oder beim Mohlberg-Verlag des Kölner Verlegers Heinz Mohlberg, der sich vor allem auf Nachdrucke und Fortsetzungen von Genre-Serien der 50er, 60er und 70er Jahre spezialisiert hat. An diesen beiden Beispielen lässt sich belegen, wie die Rolle von Verlegerpersönlichkeiten gleichzeitig zu einer scharfen und unverwechselbaren Profilierung führt, so dass recht deutlich ist, dass die Person das Programm symbolisiert.

In die programmatische Breite sind nur relativ wenige Verlage gegangen. Mit Breite ist hierbei das Bemühen beschrieben, nicht nur mehrere Genres gleichzeitig abzudecken, sondern auch die publizistischen Darreichungsformen zu variieren. Verlage wie Atlantis, die Edition Phantasia, Wurdack oder Blitz haben sich im Verlaufe ihrer Verlagsgeschichte darum bemüht, ihr Angebot zu verbreitern, wobei auch immer wieder konzeptionelle Wechsel in der Verlagspolitik erkennbar sind: Atlantis etwa fing als Verlag mit dem Schwerpunkt auf Fortsetzungsserien an und entdeckte erst im Verlaufe der Zeit den Reiz von Romanen und Zyklen in einer Allgemeinen Reihe, die heute sicher das wichtigste Standbein ist. Die Edition Phantasia, angetreten als Verlag für hochpreisige und edel aufgemachte Liebhaberausgaben, begann unlängst mit einem Paperbackprogramm mit der Zielrichtung auf ein breiteres Publikum. Einer der Verlage mit dem breitesten Angebot ist sicher der Berliner Shayol-Verlag, der neben Belletristik auch in nicht unbeträchtlichem Maße Sekundärliteratur im Programm hat. Nischen besetzen weiterhin Spezialverlage wie die Edition Andreas Irle, die sich auf die Neuherausgabe des Lebenswerk von Jack Vance in hochpreisigen Lieberhaberausgaben konzentriert hat.

Eine signifikante Entwicklung der letzten Jahre war sicher der Aufschwung von Horror- und Fantasyverlagen. Letzteres ist sicher vor allem auf die guten Verkaufszahlen zurück zu führen, mit denen die Fantasy – und hier auch deutschsprachige – die Science Fiction schon lange abgehängt hat, eine Tendenz, die in den USA bereits sehr mehr als einem Jahrzehnt zu erkennen ist. Mit Verlagen wie „;Otherworld“;, gegründet vom österreichischen Übersetzer Michael Krug oder dem Arcanum Fantasy Verlag, mit dem sehr erfolgreichen Feder & Schwert-Verlag und weiteren Genrehäusern ist auch die Bandbreite an Übersetzungen größer geworden, da die etablierten Großverlage schon lange nicht mehr die Flut an vor allem amerikanischen Neuerscheinungen verarbeiten können, die alljährlich publiziert wird. Auch im Horror-Bereich wird dies deutlich, hier aber weniger aufgrund einer besonders großen Populärität des Genres, sondern eher deswegen, weil  die Horror-Welle etwas abgeebbt zu sein scheint und das Interesse großer Verlage an aktueller ausländischer Literatur ebenfalls abgenommen hat. Neue Kleinverlage wie „;Eloy Edictions“; versuchen nun, in diese Lücke zu stoßen und stehen damit in direkter Konkurrenz zu alten „;Platzhirschen“; wie dem bereits erwähnten Festa-Verlag.

Kleinverlage – quo vadis?

Keine Gesamtdarstellung wäre vollständig ohne einen abschließenden Ausblick. Dieser ist sehr schwer zu bewerkstelligen, da die Regeln und Rahmenbedingungen des Kleinverlagswesens sich einer objektiven Analyse oft genug entziehen. Wo Marktkräfte aufgrund der Einführung der neuen Drucktechnologien nicht mehr oder nur noch sehr schwach wirken, können aufgrund aufkommender oder abflauender „;Wellen“; nur noch sehr begrenzt Aussagen gemacht werden – auch für Kleinauflagen werden sich im Zweifelsfalle immer ein paar hartnäckige Käufer finden. Letztlich stehen und fallen die allermeisten deutschen Kleinverlage mit dem Verleger – hat dieser keine Lust, kein Geld oder keine Kraft mehr, um sein Geschäft fortzusetzen, endet die verlegerische Aktivität. Derzeit dürften die wenigsten dieser Verlage eine Nachfolgeregelung vorbereitet haben, was unter Umständen zu abrupten Abbrüchen gerade bei Serien und Reihen führen kann. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Verlagsübergang hat jüngst Zaubermond mit der Übernahme durch den langjährigen Cheflektor Dennis Ehrhardt von Gründer Thomas Born gezeigt. Letztlich werden nur die Kleinverlage eine stabile und auf Dauer ausgerichtete wirtschaftliche Existenz etablieren können, die auch auf der unternehmerischen Seite ihre personelle Situation verbreitern und Mechanismen schaffen, um den Ausfall Einzelner abzufedern bzw. Verlagsübergänge vorzubereiten und zu organisieren. Dazu ist jedoch nach Einschätzung des Verfassers dieser Zeilen derzeit kaum einer der Kleinverlage imstande. Dies hat zur Konsequenz, dass der Welle an Verlagsgründungen auch eine Welle an Verlagsauflösungen folgen kann, und dies jenseits betriebswirtschaftlicher Überlegungen. Die Volatilität der Kleinverlagsszene wird auch in künftigen Jahren ein beherrschendes Faktum bleiben und sowohl für angenehme wie auch enttäuschende Überraschungen sorgen.
Dirk van den Boom