Dieter Forte: Das Labyrinth der Welt von Dieter Forte

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013, 264 Seiten.ISBN 3-10-022118-4.

»Dieter Forte: Das Labyrinth der Welt« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Der Autor:

Dieter Forte, 1935 in Düsseldorf geboren, lebt heute in Basel. Seiner hochgerühmten Romantrilogie »Das Haus auf meinen Schultern« folgte der Roman »Auf der anderen Seite der Welt«, mit dem seine »Tetralogie der Erinnerung« abgeschlossen ist. Als Theaterautor gelang ihm mit »Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung« ein Welterfolg, dem weitere Dramen, erfolgreiche Fernsehspiele und preisgekrönte Hörspiele folgten. Dieter Forte erhielt zahlreiche Literaturpreise, zuletzt den Hans-Erich-Nossack-Preis, den Grimmelshausen-Preis und den Niederrheinischen Literaturpreis.

In Kürze:

Dieter Fortes grandioses Buch ist kein Roman, kein Sachbuch und kein Essay, aber vielleicht alles zusammen: Eine poetische Geschichte der Bilder und Bücher, des Lesens und Schreibens, des menschlichen Miteinanders im Lauf der Jahrhunderte. Das alles vor dem Hintergrund der alten europäischen Kulturstadt Basel, in der Dieter Forte seit vier Jahrzehnten lebt – eine Stadt der Künstler und Denker, der Drucker, Kupferstecher und Alchimisten, der Kaufleute und Bankiers, der Wissenschaftler und Narren. Sie kommen aus der Tiefe der Vergangenheit, verweilen vor dem Auge des Lesers, verwickeln ihn in ein Gespräch der großen Fragen und Antworten: Was ist der Mensch? Was macht er mit seiner Zeit – und was die Zeit mit ihm?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Narratorium der Phantasie“94

Mystery-Rezension von Almut Oetjen

„Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht.“ (Wikipedia, Eintrag: Labyrinth)

Erzählungen und Miniaturen

Dieter Fortes Buch ist weder Roman, Sachbuch, noch Essay, eine Zusammenfassung des Inhalts als Plot-Wiedergabe sinnlos. Unter dem Titel steht: „Ein Buch“. Es umfasst knapp 260 Seiten und ist in fünf Kapitel unterteilt: „Das verlorene Paradies“, „Bücher und Bilder“, „Was ist der Mensch?“, „Erzählen wir“, „Und wie weiter?“. Es folgt nicht der Erzähllogik eines traditionellen Romans. Auch wird nicht eine abgeschlossene Geschichte über Fragmentierung des Materials neu organisiert. Forte verweigert sich der Linearität des Konzeptes von „Start-Handlungsentwicklung-Zieleinlauf“.

In diesen Texten sind Strukturzusammenhänge erkennbar, die Sehnsucht der Menschen nach Ordnung und Harmonie, Zahlen, geometrische Grundformen, Folgen von Personen und Ereignissen, Menschen werden gezählt und nach Kriterien sortiert. Aber die Störfälle sind unübersehbar, im Großen seien genannt der Sündenfall, der Metaphysikverlust und der Gottesverlust, einhergehend mit der Erkenntnis, dass weder Mensch noch Welt heilig sind. Der Utilitarismus und die schöpferische oder weniger schöpferische Zerstörung begegnen sich.

Wiederholungen und Varianten von Gedanken stellen Verbindungen von scheinbar Unverbundenem her. Einige Texte sind Miniaturen, manche brechen wie beiläufig ab, zwischen anderen sind Motive wie Seile gespannt. Forte erzeugt Vielfalt im Nebeneinander und der Vereinigung von fiktionalem, vielleicht auch tatsächlichem, historischen Material, von Erinnerungsfetzen und Zitaten, kurzen Dialogen, Sujets der Phantastik, wie Mythologie und Märchen, Fabel und Parabel. Manche seiner Texte lassen sich als Gleichnisse lesen, deren Bildhaftigkeit mit Deutungshinweisen verbunden wird. Aber es wird allein eine Deutung des unmittelbaren Textes unterstützt, nicht des Buchs in seiner Gesamtheit. Forte verrätselt und fordert den Leser und die Leserin unausgesprochen auf, Verbindungslinien und Muster zu erzeugen.

Wie Theseus im Labyrinth des Minotaurus können wir beim Lesen des Buches einen Faden mitlaufen lassen, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, im Buch bildlich ins Leere oder gegen eine Wand zu laufen, um auf dem Weg wieder herauszufinden, den wir genommen haben. Ein Labyrinth gibt keinen Weg vor, bietet aber Verzweigungen und darüber verschiedene Möglichkeiten der Vorwärtsbewegung im Text.

Literatur als Sinngewebe

Wie Spinnen erzeugen Menschen ständig aus Bildern, Worten, Sätzen, Fragmenten und alten Geschichten ein Netz aus Bedeutung und Sinn. Anders als Spinnen versuchen sie dadurch immer nur das Eine: das verlorene Paradies wiederzufinden.

Besonders gefällt mir die phantastische Geschichte über das Bild „Die Welt des Menschen“, in der der Verkauf eines Bildes durch die Stadt Katastrophen erzeugt, bis es zum dreifachen Preis zurückgekauft wird. Wie leicht kann man hier an den politischen Sektor denken, der aus nicht genannten tatsächlichen und aus genannten nicht tatsächlichen Motiven Privatisierungen vornimmt und diese, nachdem die Profiteure eine Sättigung erfahren haben, rückgängig macht, aber nicht, ohne den Bürgern weitere Belastungen zu verursachen.

Oder die Geschichte mit dem Maler, der einen spiralförmig verdrehten Körper hat und in der Kathedrale eine himmlische Kuppel malen soll. Hier ist es ein Leichtes, an die Praxis der öffentlichen Auftragsvergabe zu denken.

Das Buch ist nicht, was jeder, erst recht nicht, was Todorov phantastisch nennt. Es enthält einige Elemente der und Ausflüge in die Phantastik und ist darüber hinaus durchaus anschlussfähig an das Phantastische.

Die Geschichten scheinen alle um die Rückführung des Alltags in den Mythos zu kreisen, erzeugen durch die Anordnung des Materials in Fragmenten und Kapiteln eine Abfolge von Bausteinen für Gleichzeitigkeit, Nebeneinander, es ist alles ein Kommen und Gehen, oder ein Kreisen, immer aber im Leben nichts Neues. Die Überführung der Vergangenheit in die Gegenwart und das Erwarten der Vergangenheit als Zukunft.

Lektüre als Wagnis

Was ist der Sinn des Buchs? Auf Seite 120 gibt Forte eine Vorrede aus einem Buch mit dem Titel „Das Labyrinth der Welt“. Danach enthält das Buch Begebenheiten, durch die man das Leben erkennen und verstehen können soll.

Das Leben besteht aus einer Vielfalt von Geschichten und auf der Suche nach der Wahrheit verirren wir uns. Und eine der Aufgaben des Buchs ist es, Irrsinn in den Sinn zu bringen. Und bisweilen steht das Wissen im Weg, wenn wir Antworten suchen auf existenzielle oder nicht ganz so existenzielle Fragen. Dann kann es angezeigt sein, erst einmal zu vergessen, bevor etwas herausgefunden werden kann.

Wer in das Buch hineinschnuppern möchte, um eine Kaufentscheidung zu treffen, mag „Das weiße Bild“ lesen (S.150-6) über den absurden Lauf des Lebens und ein Bild von der Welt.
Es ist sicher kein Buch für Leser, denen die Vorhersagbarkeit die Quelle des Vergnügens ist. Für manche Leser mag die Lektüre das Wagnis bedeuten, eingespielte Lektüremuster zu durchbrechen. Aber dieses Wagnis ist allemal lohnenswert.

Fazit

Dieter Forte will in seinem Roman offensichtlich die Welt nicht beschreiben, noch weniger will er sie erklären. Sein fragmentarischer Stil verknüpft alle Bausteine miteinander, fügt sie jedoch nicht zu einer inhaltlich zusammenhängenden und geschlossenen Erzählung. Weil es in der Welt keinen großen Zusammenhang (mehr) gibt, nur noch Kurzatmigkeit, erscheinen Fortes Fragmente, seine Geschichte in Geschichten, als die einzig sinnvolle Erzählung der Welt.

(Almut Oetjen, April 2013)

Ihre Meinung zu »Dieter Forte: Das Labyrinth der Welt«

Ihr Kommentar zu Dieter Forte: Das Labyrinth der Welt

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.