Generation A von Douglas Coupland

Buchvorstellungund Rezension

Generation A von Douglas Coupland

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Generation A“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 330 Seiten.ISBN 3-608-50110-X.Übersetzung ins Deutsche von Clara Drechsler und Harald Hellmann.

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In Kürze:

Die Bienen sind ausgestorben. Bis eines Tages an unterschiedlichen Orten der Welt fünf Menschen gestochen werden. Monatelang werden sie in Quarantäne gehalten und von Männern in schlecht sitzenden Anzügen verhört. Nach der Freilassung in eine internetgetriebene Welt erleben sie ihre fünfzehn Minuten Ruhm. Als ein dubioser Wissenschaftler sie überredet, ihm zu Testzwecken auf eine abgelegene Insel zu folgen, kommen sie einander überraschend näher. Mit souveränem Humor führt Douglas Coupland durch die Untiefen und Abgründe dieser bizarren Welt. Die der unseren verdammt ähnlich sieht …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Freunde der pharmakologischen Lebensgestaltung und das Ende der Welt“89

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

In sehr naher Zukunft. Mit wachsender Umweltbelastung und dem Medikament Solon, das den Menschen Glücksseligkeit verhieß, nahm die Katastrophe ihren Anfang: die Menschen wurden zu medikamentenabhängigen Einzelgängern, Bienen gelten als ausgestorben. Als dennoch fünf Personen zur gleichen Zeit an fünf verschiedenen Orten von Bienen gestochen werden, werden die Gestochenen unter Quarantäne gestellt und untersucht. Was macht diese Gruppe so besonders? Warum wurden die fünf Personen zur gleichen Zeit (von einer als ausgestorben geltenden Art) gestochen? Dies herauszufinden, ist der Auftrag einer Forschergruppe. Die fünf werden populär, Hoffnungsträger einer Welt am Abgrund. Nachdem an ihnen über einen Monat Untersuchungen durchgeführt wurden, kommen sie kurzzeitig in Freiheit. Doch bald schon werden sie wieder eingesammelt und an einen Ort verbracht, an dem sie einem der Wissenschaftler, der an den physiologischen Wirkungen des Erzählens von Geschichten interessiert scheint, erneut als Untersuchungsobjekte dienen.

Fünf Knoten im globalen Netz

In der ersten Hälfte des Romans stellt Coupland seine Figuren vor und beschreibt, wie und unter welchen Umständen sie gestochen wurden, was mit ihnen in der Quarantänesituation geschieht, und wie sie den Monat in Freiheit verbringen. Jeder Abschnitt dieses Teils wird mit dem Namen dessen überschrieben, aus dessen Perspektive erzählt wird. Die fünf Erzähler sind dieser Welt nicht mehr zugehörig. Allein schon deshalb, weil sie zur gleichen Zeit von Individuen einer als ausgestorben geltenden Tierart gestochen wurden. Zack Lammle, der Farmer aus Mahaska County, Iowa, mäht seine Felder nackt und versieht sie mit obszönen Zeichen. Er sammelt obsessiv Informationen über die vier Mitgefangenen. Samantha Tolliver, genannt Sam, aus Wanganui, Neuseeland, charakterisiert er als scharfen Feger und Julien Picard aus Paris, Frankreich, als Gaming-Center-Ratte – dessen Spielneigung geschuldet. Harj Vetharanayan aus Trincomalee, Sri Lanka, ist für Zack ein sanftmütiger 9/11-Flugzeugentführer mit einem Herz aus Gold. Harj, der für ein US-Unternehmen im Call Center eines Billiglohn-Landes arbeitet, bietet nebenher als Werner aus Kassel, Deutschland, Designerstille an. Diana Beaton aus Ontario, Kanada, ist Zahnhygienikerin, die ihr Umfeld beständig auf Einsatzmöglichkeiten untersucht.

Die fünf Erzähler charakterisiert Coupland über individuelle Eigenschaften, in denen sie sich unterscheiden. Dadurch werden sie für die Leser interessanter. Für die Bienen hingegen waren sie interessant durch Gemeinsamkeiten. Diese versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, weil sie sich davon einen Beitrag zur Rettung der Welt erhoffen. Trotz ihrer verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründe lässt Coupland die fünf Erzähler alle mit der gleichen Stimme sprechen.

Im Labor und auf der Insel

Die nebulöse internationale Organisation, der die Fünf ausgesetzt sind, ist unheimlich. Ein „weltweites Eingreifteam“ beraubt sie auf unterschiedliche Weise – bis hin zu einem gewalttätigen Einsatz mit „Kollateralschaden“ – ihrer Freiheit und entführt sie an einen ihnen unbekannten Ort. Dort werden sie zu Untersuchungsobjekten degradiert. Sie dürfen keine Fragen stellen, die mit ihrer Entführung zusammenhängen. Informationen, die man ihnen gibt, sind auf ein Minimum reduziert. Der Leiter des zu Beginn unverständlichen Vorhabens ist der Franzose Serge Duclos, ein Alphawissenschaftler, der sich in der ersten Phase der Untersuchung nur mit Julien befasst.

In der zweiten Hälfte des Romans befinden sich die Erzähler mit Serge Duclos auf Haida Gwaii, einer abgelegenen Insel vor der kanadischen Westküste. Liebhaber von Literatur treffen nun auf einen Roman, der vom Erzählen erzählt. Die Charaktere sinnieren darüber, was es mit der Stimme auf sich haben könnte, die Menschen in ihrem Kopf hören, wenn sie lesen. Diese zweite Hälfte ist eine moderne Fassung von Boccaccios Dekameron und entspricht so einem von Coupland ausdrücklich formulierten Bedürfnis. Die Fünf erzählen einander auf Serges Wunsch hin selbst ausgedachte Kurzgeschichten. Serge verfolgt damit ein klar beschriebenes Ziel. Am Ende kommt er als unfreiwilliger sechster Erzähler hinzu, der mit seiner mehrfach unterbrochenen Kurzgeschichte Aufklärung betreibt.

Generation A ist die Generation am Anfang von etwas Neuem

Die Menschheit ist am Ende, Coupland wartet mit so ziemlich allem an Negativentwicklungen auf, was Politik, deren Zeithorizont heute so kurz und ad hoc ist, dass ein Wahlzyklus bereits wie die lange Frist erscheinen muss, zu unüberlegten Spontanhandlungen hinzureißen droht: der blaue Planet und seine Rohstoffe befinden sich vor der Ziellinie, die als Nulllinie beschreibbar ist, die globalisierte menschliche Gesellschaft orientiert sich an einem Handbuch, das eine Synthese aus Orwell und Huxley ist.

„Du verstehst einfach nicht, was Macht bedeutet. Warum ich es tue? Warum ich es tue? Weil ich es kann.“

„Generation A“ ist offensichtlich ein Roman mit Agenda. Eine komplexe Kulturkritik wird fragmentarisch formuliert, über einen großen Erzählbogen, der in verknüpften Bruchstücken von den Fünf vorgetragen wird, und, in der zweiten Hälfte, einer Sammlung von Kurzgeschichten nebst Diskussion durch die Erzählenden.

Was Coupland erzählt, ist durchaus für Hollywood geeignet, obwohl der Autor vor Jahren bereits mit seinem Buch „Miss Wyoming“ am Glanz Hollywoods gekratzt hat. Die Story wird in kurzen Einstellungen, sehr bildhaft, spannend und unter Betonung von Action erzählt. Sie ist bisweilen sehr komisch und gelegentlich brutal, besonders, wenn die dystopischen Momente die Handlung bestimmen, so, wenn die weltweite Eingreiftruppe, die an keine Rechtsvorschriften gebunden scheint, aktiv wird. In einem Drehbuch ließen sich Veränderungen vornehmen wie: Zack und Sam werden ein Liebespaar. Derlei gibt es nämlich in Couplands Buch nicht, wofür ihm zu danken wäre. Mitunter wartet der Autor mit einem zuviel an Redundanz auf, dafür ist der Informationsgehalt in anderen Momenten recht knapp.

Ein Franzose isst seltsame Dinge

Das Klischee der französischen Küche ist bekannt. Wissenschaftler Serge Duclos will dieser Küche noch ein unsägliches Gericht hinzufügen, weshalb er den menschlichen Bienenstich auf der Insel versammelt. Manche Personen in „Generation A“ haben eine Vorstellung von der Rettung der Welt, die ihr Beweggrund ist – bis hin zu menschenverachtenden Handlungen. Serge hingegen ist dieses Ziel zu banal, höchstens ein Abfallprodukt seines tatsächlichen Forschungsanliegens. Aber beides passt ins Programm dieses in zweifacher Weise grenzüberschreitenden Alphawissenschaftlers. Oder anders formuliert: am Ende wird es noch ziemlich grässlich.

Coupland lässt uns die Realität seines Romans so wahrnehmen, wie wir unsere physische Realität erleben: bruchstückartig. Manchmal erhalten wir wichtige Informationen nicht im offensichtlichen Erzählzusammenhang, sondern an anderer Stelle, gerne auch von einer anderen Person.

Wer weiß, dass Geschichten einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, sie aber nicht zwingend so präsentiert bekommen muss, lässt sich mit „Generation A“ auf ein reizvolles Leseerlebnis ein.

Ihre Meinung zu »Douglas Coupland: Generation A«

Debbie zu »Douglas Coupland: Generation A«29.05.2015
Nach Douglas Coupland sieht unser Leben in naher Zukunft nicht gerade rosig aus. Die Bienen sind ausgestorben und die persönliche Kommunikation ebenfalls. Doch dann werden fünf Menschen von Bienen gestochen und Hoffnung flammt auf. Die Fünf werden isoliert, untersucht, beobachtet und schließlich mit einem seltsamen Wissenschaftler auf eine abgelegene Insel verfrachtet.

Der erste Teil des Buches ist für die Haupthandlung zuständig und jeder der Gestochenen erzählt abwechselnd über sein Leben. Verschiedener könnten deren Leben nicht sein; das und Couplands Wortwitz machen jedes Kapitel aufregend und witzig. Die Idee dieser Zukunftsvision ist wirklich intressant. Man merkt, dass er auf etwas Ernstes hinweißen will, mehr als nur auf Umweltschutz, doch das ist oft schwer herauszulesen. Die Handlung beginnt wirklich fesselnd und sie hatte mein Intresse - doch damit war es etwa bei der Mitte des Buches vorbei.
Die fünf Gestochenen geraten mit einem skurilen Wissenschaftler auf eine Insel und müssen sich aus wenig nachvollziehbaren Gründen Geschichten vortragen. Diese sind witzig und machen Lust auf wilde Interpretationen. Ich habe fast alle gern gelesen, auch wenn es oft an der Einzigartigkeit fehlte und mir alle nie mehr als ein Schmunzeln entlockten. Allerdings habe ich immer gedacht, so, jetzt geht es aber mit der eigentlichen Geschichte weiter! Doch nur auf den letzten paar Seiten kommt schnell noch die Auflösung.

Trotzdem fand das Buch insgesamt recht schön zu lesen, aber wirklich gereizt hat mich die Handlung nur am Anfang. Oft meinte man Coupland etwas zwischen den Zeilen flüstern, doch was die große Gesellschaftskritik sein soll (und ob es sie überhaupt gibt) kann ich nicht greifen.
Insgesamt ist es bestimmt kein Fehler dieses Buch zu lesen, denn es macht Spaß, auch wenn es seine Ecken und Kanten hat.
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