Lost Island. Expedition in den Tod von Douglas Preston & Lincoln Child

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Lost Island“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 416 Seiten.ISBN 3-426-51497-4.Übersetzung ins Deutsche von Michael Benthack.

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In Kürze:

Agent Gideon Crew erhält den Auftrag, aus einer Ausstellung in New York eine bestimmte Seite aus einer berühmten frühmittelalterlichen Handschrift zu stehlen. Ein gefundenes Fressen für den begnadeten Kunstdieb – der Coup gelingt. Auf dem Pergament schimmert eine alte Seekarte hindurch. Sie kündet von einer Reise, die vor Jahrtausenden in der Ägäis begann und zu einer Karibikinsel führte. Dort gab es offenbar eine Heilpflanze, die Kranke gesund macht und das Leben verlängert. Klar, dass dies ein Milliardengeschäft wäre. Gideon bricht zu einer hochgefährlichen Expedition auf, um die Insel ausfindig zu machen, und er wird den Verdacht nicht los, dass die alte Karte womöglich die Irrfahrten des Odysseus abbilden könnte …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Routine-Abenteuer auf der Zyklopen-Insel“70

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Gideon Crew ist ein ehemaliger Meisterdieb, der manches berühmte Kunstwerk entwenden konnte, ohne jemals erwischt zu werden. Diesen Job hat er an den Nagel gehängt, als Ärzte in seinem Hirn ein inoperables Aneurysma feststellten, das jederzeit platzen kann und ihn töten wird.

Da er bis dahin Rechnungen zu bezahlen hat, arbeitet Crew für Eli Glinn, den geheimnisumwitterten, milliardenschweren Gründer und Kopf der Firma „Effective Enginering Solutions“ (EES), die auf die Lösung technischer Großprobleme spezialisiert ist. Darüber hinaus sponsert Glinn Projekte, von denen das Gesetz oder die Medien aus guten Gründen ausgeschlossen bleiben. Aktuell soll Crew eine bestimmte Seite aus dem irischen „Book of Kells“ stehlen.

Der um das Jahr 800 entstandene Prachtband wird just in New York ausgestellt. Trotz modernster Sicherheitsmaßnahmen schafft es Crew, die gewünschte Seite zu entwenden. Unter der farbenfrohen Illustrierung verbirgt sich eine Landkarte, die den Weg zu einer vergessenen Insel namens Phorkys weist. Hier soll der griechische Held Odysseus einst auf eine Pflanze gestoßen sein, die jede Krankheit oder Verletzung zu heilen vermag.

Die Spur führt in die Karibik, weshalb sich Crew gemeinsam mit der EES-Söldnerin Amy an Bord einer Yacht dorthin aufmacht, um die absichtlich irreführenden Hinweise auf der Karte vor Ort zu überprüfen. Was anfänglich wie eine Vergnügungsreise aussieht und auch als solche getarnt war, entwickelt sich dank konkurrierender Schatzjäger und eines Tropensturms zu einem lebensgefährlichen Abenteuer. Unverdrossen schlagen sich Crew und Amy durch und erreichen Phorkys, wo sie zwar die Wunderpflanze finden, aber auch auf deren Wächter stoßen, der für Besucher außer seinem Speer gar nichts übrig hat …

Abenteuer der trivial-unterhaltsamen Art

Seit sie 1994 mit Das Relikt – Museum der Angst ihren zu Recht erfolgreichen und wirklich spannenden Debütroman vorlegten, haben Douglas Preston & Lincoln Child ihr Plot-Muster nicht mehr geändert. Sie setzen mit einem gern nur bedingt historisch belegten Ereignis oder einem mystiknahen Rätsel ein, dem bis an die Zähne mit Hightech gerüstete Forscher der Gegenwart auf die Spur kommen wollen.

Da offizielle Expeditionen genehmigungspflichtig sind und bürokratisch ausgiebig belegt werden müssen, scheiden sie als Transportriemen der Handlung aus: Eine Suche ist wesentlich spannender, wenn sie heimlich erfolgt, da auf diese Weise die Schar sich tatkräftig bzw. gewalttätig einmischender Zaungäste wächst. Außerdem ist ein finanziell unabhängiger Expeditionsleiter nützlich, weil er schnelle Entscheidungen treffen kann, statt sich mit Kollegen, Arbeitskreisen oder Regierungsstellen kurzschließen zu müssen.

Nie weit entfernt lauert schließlich die kriminelle Konkurrenz, die aus trüben Quellen Wind von dem zu lüftenden Geheimnis bekommt und sich den redlich Suchenden an die Fersen heftet. Sobald diese das Rätsel gelöst haben und die Früchte ihrer Mühen ernten wollen, springen die Schurken aus dem Gebüsch. Alles scheint verloren, es folgt mindestens eine heldenhafte Attacke gegen die lumpige Übermacht, flankiert von einer tüchtigen Schießerei und abgeschlossen durch ein dramatisches Finale, das in der Regel nicht nur die Strolche, sondern auch besagtes Rätsel erneut und endgültig vom Erdboden tilgt.

Doppelt getretener Quark

Auf die beschriebene Weise haben Preston & Child Abenteuergarne in zweistelliger Zahl gesponnen. Dass sie dabei viel Quark erzeugt und diesen nicht nur immer breiter getreten, sondern zusätzlich verwässert haben, scheint dem Erfolg ihrer Werke nicht wirklich zu schaden. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihre jährlich fortgesetzte Reihe um den FBI-Agenten Pendergast 2011 durch eine weitere Serie ergänzten? Zwar kann es Gideon Crew an Beliebtheit mit Aloysius Pendergast nicht aufnehmen. Nichtsdestotrotz findet auch er sein Publikum, denn Preston & Child lassen Crew in Lost Island bereits zum dritten Mal auftreten.

Die Frage nach dem Grund für die enorme Produktivität des Duos kann der Leser von Lost Island schon vor der Lektüre der Seite 100 beantworten. Auch die Pendergast-Thriller sind keine Paradebeispiele für ausgefeilte Plots; reines Handwerk dominiert. Für die Gideon-Crew-Abenteuer werfen Preston & Child das Fließband an. Die Story ist beklagenswert simpel; sie kann zumindest ein latent anspruchsvolles Publikum nur ködern, weil das zugrunde gelegte Mysterium zwar krude ist aber Interesse weckt: Odysseus ist der wahre Entdecker Amerikas, die „Odyssee“ ein literarisch verbrämter Reisebericht, den irische Mönche des Mittelalters wiederentdeckten und die Route schlau verschlüsselten, um ein Ziel zu schützen, das zwar nicht den legendären Jungbrunnen, aber etwas ebenso Wertvolles birgt.

Damit ist der Handlungsbogen vorgegeben. Gideon Crew und seine Begleiterin, die Quoten-Frau Amy (stark, labil, selbstverständlich hübsch), werden ihm Station für Station folgen. Um dies zu bemänteln, denken sich Preston & Child diverse Zwischenfälle aus. Hier zeigt sich die Fadenscheinigkeit spätestens mit dem Auftritt eines mörderischen Schatzsucher-Ehepaars, das unsere Helden mit einer Art Kanonenboot verfolgt – eine Episode, die nie in die eigentliche Handlung einfügt, sondern einzig dem Zweck dient, Seiten zu schinden.

Noch eine geheimnisvolle Insel

Später fallen Gideon und Amy unter „Lost-Race“-Einheimische, die man in politisch weniger korrekten Zeiten „Wilde“ nennen durfte. An ihrem Daseinszweck hat das nichts geändert: Damals wie heute müssen sie scharfe Opfermesser schwingen und sich mit faulen Helden-Tricks manipulieren lassen, um Spannung durch Gefahr zu generieren.

Irgendwann gelangen Gideon und Amy auf die Insel Phorkys. Was dort umgeht, wissen wir Leser leider schon, weil es uns durch ein spielverderbendes Cover enthüllt wurde: Nicht King Kong, sondern Polyphems letzter Zyklopen-Enkel führt ein einsames, dank der Wunderwurzel unsterbliches Leben! Der Vergleich mit dem König der Affeninsel liegt auch deshalb nahe, weil sich unser einsamer Zyklop umgehend in Amy verliebt. Sie verwandelt sich prompt und klischeehaft in die Schöne, die sich auf die Seite des Biestes schlägt: Der wahre Feind der zwar nicht harmlosen aber „unschuldigen“ Natur ist wieder einmal die Zivilisation. Eli Glinn, der unternehmungslustige Konzern-König, mausert sich zum Zerstörer der Zyklopen-Idylle, bevor ihn Preston & Child ebenso ansatzlos wie logikfrei zum geläuterten Weltenretter zurückmutieren lassen.

Während die Story einem B-Movie ähnlich trotz ihrer Längen und Brüche insgesamt zügig und unterhaltsam fortschreitet, sorgen die Figurenzeichnungen für kollektives Leserhaarsträuben. Individualität wird nicht entwickelt, sondern stumpf aufgeprägt. Um Gideon Crew einen Platz im Herzen seiner Leser zu sichern, verpassen ihm Preston & Child eine angeblich jederzeit lebensbedrohliche Schwachstelle im Hirn. Diese stört aber nicht, wenn Crew himmelhohe Klippen erklimmt, dabei Amy mitherschleppt, schiffbrüchig im Ozean treibt und zwischendurch immer wieder verdroschen wird. Sicherlich wird die brüchige Arterie halten, solange die Crew-Serie rentabel bleibt.

Die hat nicht nur ihre Fortsetzung gefunden, sondern wurde mit dem übrigen Preston-&- Child-Universum verknüpft, in dem sich Figuren aus unterschiedlichen Romanen öfter begegnen: Das Publikum liebt solche Crossovers. Eli Glinn erlitt seine schweren Verletzungen 2000 in Ice Ship – Tödliche Fracht. Die neuerliche Konfrontation mit dem damals geborgenen und wieder verlorenen Meteoriten bereitete das Duo in Lost Island vor, bevor Glinn an der Seite von Crew in „Beyond the Ice Limit“ 2016 in die Antarktis zurückkehrte: Wahres Talent entwickeln Lincoln & Child primär in der ökonomischen Optimierung jener Bausteine, aus denen sie ihre Bestseller zusammenfügen.

Ihre Meinung zu »Douglas Preston & Lincoln Child: Lost Island. Expedition in den Tod«

P4den zu »Douglas Preston & Lincoln Child: Lost Island. Expedition in den Tod«24.03.2016
Besser als in o.g. Rezension von M. Drewniok hätte ich es wohl kaum ausdrücken können. Und trotzdem ist es wieder dieser Hauch Mystery, der den Leser bei der Stange hält. Aber im Gegensatz anderer haarsträubender Vorgänger, die schon ins Comichafte überzeichenet waren (z.B.: Superman Pendergast gegen Nazis in Südamerika und gegen seinen übermächtigen, arroganten (dadurch dummen) Sohn Alban, bla bla...) hält sich die Dramaturgie wacker.
Ein Werk, das trotzdem irgendwie zu unterhalten weiß.
Ich würde mir jedoch wünschen, dass das mysteriöse Rätsel auch mal irgendwie das Finale übersteht und die Geschichte nicht jedesmal "resettet" wird. Das erscheint mir irgenwie zu einfach. Aber wohl auch zu schwierig in einem bestehenden P & C Universum...
Fazit: Für mich lange nicht der schlechteste P & C
und deswegen vergebe ich gut gemeinte 75°
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