Mission. Spiel auf Zeit von Douglas Preston & Lincoln Child

Buchvorstellungund Rezension

Mission. Spiel auf Zeit von Douglas Preston & Lincoln Child

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Gideon\\\'s Sword“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 448 Seiten.ISBN 3-426-19903-3.Übersetzung ins Deutsche von Michael Benthack.

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In Kürze:

Er ist brillant. Er kennt keine Angst. Und er ist eine tickende Zeitbombe: Der geniale Stratege und Gelegenheitsgauner Gideon Crew hat ein Aneurysma im Gehirn, das ihn jederzeit töten kann. Doch gerade das macht ihn zum idealen Agenten für eine Geheimorganisation, die immer dann zu ermitteln beginnt, wenn ein Fall für die US-Behörden zu brenzlig wird – denn Gideon hat nichts zu verlieren und setzt sich bereitwillig auch der größten Gefahr aus. Sein erster Auftrag: Er soll herausfinden, was ein chinesischer Wissenschaftler soeben ins Land geschmuggelt hat. Ist der Mann ein Überläufer – oder plant er den Bau einer Superwaffe, um Amerika anzugreifen? Bei seinen Ermittlungen merkt Gideon schnell, dass noch jemand anderer hinter dem Wissenschaftler und seinem Geheimnis her ist – und bereit, über Leichen zu gehen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Superhirn kurz vor dem Verfallsdatum auf geheimer Mission“35

Mystery-Rezension von Tom Orgel

Gideon Crew ist ein Mann mit einer Mission. Sein Vater, brillanter Wissenschaftler, wurde einst von Militärs gelinkt und um Ruf und Ansehen gebracht. Seitdem kennt Gideon nur ein Ziel: Rache für seinen Vater und die Wiederherstellung seines Rufes. Als er dieses Ziel endlich erreicht, erregt er mit der extrem cleveren Ausführung seiner Rache die Aufmerksamkeit der Effective Engineering Solutions Inc. und ihres mindestens ebenso genialen Betreibers Eli Glinn. Glinn ist ja schon aus den Pendergast-Romanen bekannt und bietet damit den für Preston/Child üblichen Brückenschlag zum restlichen Geschichtenuniversum der beiden Autoren.

Jedenfalls – Glinn braucht gerade dringend einen ganz speziellen Spezialagenten, um einen chinesischen Überläufer zu finden und dessen ultrafuturistisches Geheimnis an sich zu bringen. Selbstverständlich ganz patriotisch und uneigennützig. Crew kommt ihnen da gerade recht – nicht nur, weil er überaus genial ist. Sondern auch, da Glinn auf Röntgenbildern Gideons ein fieses, fieses Aneurysma in dessen Hirn entdeckt hat, das garantiert, dass der junge Mann nicht mehr länger als ein Jahr zu leben hat. Ein Mann also, der sich um seine Zukunft keine Sorgen mehr machen muss. Weil er keine mehr hat. Perfekt für eine Suizidmission.

Unsympathischer Tausendsassa in Pendergasts Fußstapfen

Das Erfolgsautorenduo Douglas Preston und Lincoln ist vor allem bekannt für seine „Agent Pendergast“-Serie, eine Reihe von Mystery-Thrillern, die in der Regel mit einem scheinbar übersinnlichen Kriminalfall beginnen und sich schließlich (mit einer Ausnahme) streng logisch und im Rahmen des Genres realistisch auflösen.

Agent Pendergast ist dabei ein verschrobener, superreicher Supergenius aus den Südstaaten, bewandert in Kampfkünsten, Investigationstechniken, Sprachen, Psychologie, Naturwissenschaften, Waffengebrauch und mit einer FBI-Sonderlizenz ausgerüstet, die ihm mehr oder weniger erlaubt, zu machen, was er will. Außerdem verfügt er noch über die Unterstützung seines persönlichen Watson, Leutnant Vincent D’Agosta, so dass er am ehesten mit einem modernen Sherlock Holmes (minus die Drogen) zu vergleichen ist. Das Wichtigste aber: Pendergast ist sympathisch, exzentrisch und mit einem halbwegs glaubwürdigen Hintergrund ausgestattet, so dass man Preston/Child die Übertreibung abnimmt und Pendergast gern auf seinen Untersuchungen begleitet. Ein Erfolgsrezept.

Nicht so Gideon Crew. Irgend jemand ist auf die Idee gekommen, besagtes Pendergast-Rezept zu nehmen und noch einen oben drauf zu setzen. Zwar ist „Mission“ ein völlig unmystischer Thriller, der lediglich einen Touch Science Fiction enthält, aber dafür ist er der mit Abstand am meisten zusammenphantasierte der Preston/Child-Thriller.

Sagte ich gerade „einen draufzusetzen“? Das ist falsch. Irgendjemand hat alle Regler bis Anschlag aufgedreht und den Verstärker bis zur Rückkopplung getrieben:

Crew wurde ein IQ an der Grenze zur 200 spendiert, natürlich ist er gut aussehend und aus unerfindlichen Gründen hatte er neben seinen alles bestimmenden Racheplänen noch Zeit, am MIT einen Doktor (den Zeitfenstern und seinem Charakter nach allerdings wohl eher einen Guttenberg) zu machen, in Los Alamos in der Sprengstoffforschung zu arbeiten, ein Superschütze zu werden, der sich mit fast jeder Waffe auskennt, in seiner Freizeit als Kunstdieb und Einbrecher zu arbeiten, mit Sicherheitstechnik bestens vertraut zu sein, eine Ausbildung zum Bühnenmagier zu machen, ein perfekter Verkleidungskünstler mit vollen Kenntnissen der Maskenbildnerei zu sein, am Wochenende vollendet Fliegenfischen oder mit Freunden ins Museum zu gehen, spezialisierter Musikkenner der Blues- und Jazzszene zu sein, sich aktiv und passiv für Gourmetküche zu interessieren und sich, ganz männlich, gern die Rübe wegzusaufen. Davon, dass er ein perfekter Lügner und Dokumentenfälscher ist und natürlich ein nicht allzu schlechter Amateurathlet, wollen wir vorerst schweigen. Und das alles mit Anfang/Mitte Dreißig. Yay. Das Beste an ihm ist jedoch, dass er auch noch völlig unsympathisch ist, die Frauen jedoch auf ihn fliegen. Natürlich.

Story, Figuren und Handwerk: schwach

Wie gesagt: Wenn die Mischung stimmt, kann man auch einem Tausendsassa wie Pendergast verzeihen. Crew hingegen funktioniert überhaupt nicht. Zu viel, zu doll, zu übermenschlich und zu unsympathisch. Da hilft dem armen Kerl auch das Aneurysma im Hirn nichts: Man kann ihn einfach nicht mögen, kein Mitgefühl für ihn entwickeln. Er ist einfach zu sehr borniertes A …also zu unglaubwürdig.

Beispielsweise lügt und betrügt er sich durch die ganze Geschichte. Mit blitzschnellen Reaktionen, unfehlbar und in einer Dreistigkeit, dass einfach alle anderen Charaktere daneben wie Deppen dastehen. Die Charaktere wie du und ich. Das funktioniert nicht. Das sollte in einer solchen Geschichte, der Story zuliebe, vielleicht zwei oder auch dreimal klappen, um den Helden aus einer brenzligen Situation zu bringen. Aber irgendwann sollte mal jemand auf die windigen Ausreden und die Unverfrorenheit des Kerls nicht hereinfallen und sich seine Frechheiten einfach nicht gefallen lassen. Das wäre glaubwürdig. Die zwanzigste halbseidene Ausrede gegenüber an und für sich intelligenten Menschen (die hier aber allesamt wie Trottel reagieren) ist es nicht. Niemand mag uncharmante Klugscheißer (bei charmanten Klugscheißern wie einem Tony Stark ist das etwas anderes). Vor allem auch der Leser nicht.

Crew pöbelt, nölt, beleidigt und schummelt sich durch eine holperige, unglaubwürdige Geschichte, vertraut nichts und niemandem – außer Leuten, die er nicht kennt und denen zu vertrauen er eigentlich nicht den geringsten Grund hat. Und wo Logik nicht mehr weiter hilft, kommen blödsinnige Zufälle und Geistesblitze ins Spiel, um die Geschichte an den Haaren weiter zu ziehen. Bis hin zum unglaubwürdigen Ende.

Noch mal: Dass der Kerl eine schwache Ader im Hirn hat, die innerhalb des nächsten Jahres explodieren und ihn umbringen wird (oder vielleicht auch nicht) ist keine Einschränkung für die Geschichte selbst – womit der Typ im Gegensatz zur Story wirklich gar keine Schwächen hat. Außer vielleicht, dass er über keine Freunde verfügt. Wobei er an anderer Stelle diese nicht existenten Freunde bei häufigeren gemeinsamen Museumsdiskussionen mit seiner Klugscheißerei über Alarmanlagen genervt hat. Irgend etwas stimmt da nicht? Steht aber so im Roman.

Dazu kommen neben erzählerischen Schwächen auch noch Mängel, die ich wohl eher der Übersetzung anlasten muss. So gibt es Stellen über unseren Superhelden wie „Er wetzte zum Hintereingang...“. Das passt nicht. Es mag im Englischen vielleicht „scurried“ heißen (ich weiß es nicht, ich habe das Original nicht vorliegen) – aber ein James Bond „wetzt“ auch nicht. Das ist eine dämliche Fortbewegungsart. Er huscht vielleicht. Derartiges kommt leider oft vor.

Die Ghostwriter-Theorie

Ich bin bekennender Preston/Child-Fan. Ihren Einzelromanen, die die Herren nicht zusammen verfasst haben, trete ich mit Vorsicht gegenüber, da ich finde, dass sie nur zusammen zu Höchstform auflaufen, aber ich weiß, dass ich eine gewisse schriftstellerisch-handwerkliche Qualität erwarten kann, wenn ich einen Roman in die Hand nehme, auf denen Preston/Child steht.

Hier aber haben wir einen unausgegorenen, unausgewogenen und handwerklich mangelhaften Roman, der eher wie zweitklassige Fan-Fiction eines überenthusiastischen Superagenten-Fans wirkt. Storyline, Charakterzeichnung, Glaubwürdigkeit und Erzählstil – es wimmelt nur so von Schwächen, die ich den alten Profis Preston/Child einfach nicht abnehme.

Und unter diesem Aspekt schließe ich mich der Theorie an, dass „Mission“ überhaupt nicht von Preston und Child stammt, sondern dass hier jemand anderes unter ihrem Namen verkauft werden soll. Vielleicht ihr Agent, dem das Buch so „exzellent“ gewidmet ist? Keine Ahnung. Noch ein Gideon-Crew-Roman muss auf keinen Fall sein. Dann lieber realistische Fantasy.

Ihre Meinung zu »Douglas Preston & Lincoln Child: Mission. Spiel auf Zeit«

Ingo Engel zu »Douglas Preston & Lincoln Child: Mission. Spiel auf Zeit«05.10.2012
Im Prinzip stimme ich Herrn Orgel in allen Punkten zu. Allerdings in etwas abgeschwächter Form.

Es ist in der Tat kein Genuss so wie bei einem Pendergast Roman dem Protagonisten bei seinen Tricks zu verfolgen.

Es ist allerdings auch nicht ganz so furchtbar wie es hier dargestellt wurde.

Vielleicht erwartet man aufgrund des Szenarios einfach ein bisschen mehr Eloquenz von den Charakteren weil man das aus anderen Romanen des Duos so gewohnt ist.

Von mir 65°
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