In Stuttgart werden Drachen flügge

Das Literaturfestival „Dragon Days“ zog Fans der phantastischen Literatur in das Literaturhaus nach Stuttgart. Am Samstagabend las Schauspieler Tom Wlaschiha aus George R.R. Martins Epos „Das Lied von Eis und Feuer“ vor. Er verkörpert in der HBO-Verfilmung der Reihe den Charakter Jaqen H’ghar. Außerdem anwesend: Der deutsche Agent des Autors, Werner Fuchs, die Verlegerin Catherine Beck sowie der Visual Effect Supervisor Juri Stanossek.

„In Buchläden sollte es keine Phantastik-Abteilung geben, sondern eher eine Nicht-Phantastik-Abteilung für alles andere – in Anlehnung an ein Nicht-Schwimmerbecken und der Schonkost-Abteilung im Supermarkt“, sagte Denis Scheck, der vielen aus der Literatursendung „Druckfrisch“ in der ARD bekannt ist. Er führte als Moderator durch das Programm der Dragon Days und outete sich als großer Fantasy-Fan.

Obwohl der erste Band von „Das Lied von Eis und Feuer“ schon 1996 erschien, kennen viele vor allem die HBO-Verfilmung unter dem Titel „Game of Thrones“, deren Ausstrahlung seit letztem Jahr läuft. „Jeder Versuch einer Zusammenfassung gleicht dem Sketch von Loriot, der Ansage des achten Teils der 16-teiligen britischen Fernsehserie“, bringt Scheck am Anfang den großen Umfang des Werkes auf den Punkt – und verzichtet aus offensichtlichen Gründen auf einen Versuch. Selbst Autor George Martin war von dem großen Umfang überrascht, verrät Verlegerin Catherine Beck: „Das Werk zeichnet sich durch seine große Komplexität und seine große Form aus.“ Werner Fuchs ergänzt: „Er hat das Fantasy-Genre, das durch seine naive Weltsicht geprägt war, revolutioniert; selbst “Der Herr der Ringe„ war nur eine komplexe Geschichte für Kinder. Martins größte Leistung ist, dass er die Fantasy erwachsen gemacht hat.“

In „Das Lied von Eis und Feuer“ ist die Welt der Held, nicht etwa eine der zahlreichen Charaktere. Die Umgebung und Geschichte ist authentisch und lebensnah. Die beste Fantasy entsteht in der Realität: allein schon die Küstenlinie von Westeros erinnert stark an die Großbritanniens. Der Autor George R. R. Martin ist ein versierter Historiker. „Er betreibt selbst Quellenstudien“, sagt Fuchs, „das ist vielleicht der Grund, warum er so langsam schreibt.“ Die Reihe ist vor allem von europäischer Kulturgeschichte geprägt. „Es gibt ganz klare Parallelen zu dem Rosenkrieg, den italienischen Intrigen der oberen Städte und dem französischen Rittertum – das alles zusammengenommen ergibt die große Authentizität“, erklärt Fuchs.

George R.R. Martin ist an diesem Abend nicht anwesend; was den anderen Teilnehmern die Möglichkeit gibt, ganz frei über den Autor zu erzählen. Was er denn für ein Mann sei, möchte Scheck wissen. Werner Fuchs, der Martin schon lange kennt, beschreibt ihn eindrücklich: „Er ist eine Barockfigur. Ein übrig gebliebener Hippie.“ Auf einer Deutschlandrundreise hörte er am liebsten die Psychedelic Rockband Grateful Death.

Tom Wlaschiha liest einen Auszug aus einer Szene mit Jaqen H’ghar, dem zwielichtigen Mörder, den er in der zweiten Staffel der Serie verkörpert. Obwohl er kein Science-Fiction und Fantasy-Fan ist, war er doch beeindruckt und erzählt von den Dreharbeiten: „Da kommt man an’s Set und es stehen dort hundert Mann in Rüstung, viele zu Pferd. Es wurden sogar ganze Schiffe für den Dreh nachgebaut. Es ist einfach eine komplett andere Welt.“ Dann steigt er auf das Rednerpult. „Ich hoffe, Sie haben sich für die nächsten Tage nichts vorgenommen“, witzelt er, bevor er die Lesung beginnt. In der Szene ist Arya Stark gerade auf der Burg Harrenhal, sie verhandelt ihren Deal mit Jaqen. Aber das mit der Inhaltsangabe ist, wie gesagt, kompliziert.

Der deutsche Schauspieler Tom Wlaschiha war sicher, die Rolle als Jaqen nicht zu bekommen. „Ich habe den Text zugeschickt bekommen und dachte: Oh Gott, was ist das denn?“ Professionell war allerdings das Casting: „Ich habe die Nachbarin geholt, die hat das Smartphone gehalten, und ich habe den Text eingesprochen. Ich hab das Video weggeschickt und es dann sofort vergessen.“ Trotzdem bekam er die Rolle. Einen „eastern accent“ sollte Jaqen haben – und er bemühte sich redlich, diesen zu erfinden. „Ich wollte ihn nicht in den 40er Jahren ansiedeln“, sagt Tom in Anspielung auf die vielen Nazi-Rollen, die oftmals die einzigen sind, die Deutsche in ausländischen Produktionen verkörpern dürfen. Nach der ersten Leseprobe nahm ihn dann der Produzent zur Seite. „Er sagte, ich solle einfach normal sprechen – nicht mit einem hinzugefügten Akzent.“

Schon als Buchserie beeindruckend, verleiht der amerikanische Sender HBO dem „Lied von Eis und Feuer“ gerade ein eindrucksvolles visuelles Denkmal. Was kaum einer weiß: Die visuellen Effekte werden ab der zweiten Staffel in Stuttgart von der Firma pixomondo produziert. Sie war unter anderem auch für Special Effects in Hollywoodfilmen wie „Sucker Punch“ und „Super 8“ verantwortlich. In „ A Game of Thrones“ gestalteten sie die gruselige Schattenfigur, die Drachen und die fantastischen Umgebungen. Das beim Fernsehen alles etwas schneller läuft, als bei Martins Schreibprozess, erfuhren auch Juri Stanossek und die anderen Visual-Effect Verantwortlichen. „Als die erste Folge ausgestrahlt wurde, bastelten wir noch an Folge Vier.“

Der Perfektionismus, den sowohl HBO als auch pixomondo an den Tag legen, ist trotz des Zeitdrucks sichtbar:„Unseren Entwurf für die Schattenfigur fand HBO gut“, sagt Juri Stanossek, „aber noch nicht gut genug.“ Entspannte 78 Versionen später war die Schattenkreatur fertig.

Doch natürlich sind die Drachen die eigentlichen Stars der zweiten Staffel. Dabei greifen die Visual-Effect Mitarbeiter oft auf die Natur zurück. „Sven musste eines Tages zum Metzger laufen und ein ganzes Hühnchen holen. Dann haben wir es auseinander genommen, begutachtet, gewogen -es wurde übrigens nicht mehr gegessen.“ Gegrillt wurde hinterher trotzdem: „Auch da wurde Research betrieben: Wir mussten wissen, wie es aussieht, wenn die Drachen etwas verbrennen“, sagt Stanossek. Die schwäbische Wertarbeit sieht man den fertigen Drachen an – sie fügen sich nahtlos in die wundervolle, detailgetreue Gestaltung der Serie ein.

„Das Lied von Eis und Feuer“ – ein Epos, das als Buch und TV-Serie Fans gefunden hat. Ein anhaltender Applaus beendete einen fantastischen Abend.

(Sanja Döttling, August 2012)

Fotos:
Das Drachenbild mit freundlicher Genehmigung von pixomondo,
alle weiteren von Sanja Döttling