Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann

Buchvorstellungund Rezension

Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann

Originalausgabe erschienen 1817, 112 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

»Aber die gräßlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen erregen können, als eben dieser Coppelius. Denke Dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln,. großer, starker über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne.«

Das meint Phantastik-Couch.de: „Prototyp und Klassiker einer unheimlichen Geschichte“92

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

In einem Brief an den Bruder seiner Verlobten berichtet der Student Nathanael von einer unangenehmen Begegnung mit einem Menschen, der ihn an eine Figur aus seiner Kindheit erinnert. Der aufdringliche Wetterglashändler Coppola wollte ihm kürzlich an seiner Tür seine billige Ware aufschwatzen, doch der Student konnte ihn abwimmeln. Nathanael glaubt nämlich gerade in dem unsympathischen Optiker den Wiedergänger eines Advokaten namens Coppelius erkannt zu haben, der früher mit Nathanaels Vater zusammen alchimistische Experimente durchführte. Jener Coppelius ist in Nathanaels Erinnerung die Verkörperung des Bösen und Schlechten, die mit der Figur des Sandmannes aus den Ammenmärchen seiner Mutter verschmilzt und die Nathanael bald alle kindliche Lebensfreude verdarb. Der Junge fühlte sich damals auf unerklärliche Weise diesem ´Puppenspieler’ Coppelius ausgeliefert und selbst heute spürt er, dass der Sandmann weiterhin eine starke Figur seiner Einbildungskraft darstellt. Denn Nathanael macht den dämonischen Coppelius nicht zuletzt für den Tod seines Vaters verantwortlich, der damals bei einem missglückten Experiment in seinem Studierzimmer ums Leben kam. Nach dem Unfall aber verschwand Coppelius urplötzlich aus Nathanaels Leben, bis er in Form seines Doppelgängers, dem Optiker Coppola, wieder ins Bewusstsein des Studenten rückt.

Nathanael hat seinen Brief irrtümlicherweise an Clara, seine Verlobte, adressiert, statt an ihren Bruder Lothar. Clara hat das Schreiben trotzdem gelesen, obwohl es nicht für sie bestimmt war. Und sie antwortet ihrem Verlobten auch gleich selber darauf. Sie ist der Meinung, dass Coppelius lediglich ein Dämon aus Nathanaels Kindheit sei, der noch immer in seinem Inneren rumore. Der Sandmann sei nur ein Phantom seines früheren Ichs und habe bestimmt nichts mit dem Wetterglashändler Coppola zu tun. Die erwähnte Ähnlichkeit der beiden sei nichts als Zufall. Ausserdem habe Nathanaels Vater den tödlichen Unfall wahrscheinlich selber durch Fahrlässigkeit herbeigeführt. Claras vernünftige Argumentation steht ganz im Gegensatz zu Nathanaels Sichtweise.

Ein zeitloses Motiv

Und auch der Leser ist sich über die wahre Natur des mysteriösen Sandmanns noch nicht im Klaren. Ist dieser bloss ein Produkt einer übersteigerten Fantasie im Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis (Tod des Vaters)? Oder ist Coppelius tatsächlich ein Dämon, der dem Studenten langsam den Boden der Realität unter den Füssen wegzieht? Und was ist hierbei die Rolle Nathanaels? Kann er sich aus dem Griff des Wahnsinns, der ihn langsam umfasst, befreien? Geht die dunkle Saat auf, die der Sandmann schon in Nathanaels Kindheit ausgestreut hatte?

E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ enthält eine Reihe von Motiven und Gegensätzen, die nicht nur damalige Interessen und der neu erwachte Geschmack der Romantiker am Unheimlichen spiegelten. Selbst heute noch dienen dieselben Inhalte der unheimlichen Fantastik als essentielle Bauteile: Man denke an den Optiker Coppola, den der Protagonist für einen Wiedergänger einer Schreckgestalt aus seiner Kindheit hält. Ein zeitloses Motiv, das seither bestimmt schon ein Dutzend Variationen erfahren hat. Oder der legendäre Sandmann selber, der an gewissen Stellen als eine Art Puppenspieler dargestellt wird, der sein Spielzeug steuert wie er will und dem man sich fügen muss. Das wirft die Frage auf, wie weit ein Mensch sein Leben selber bestimmen kann und wie viel von ´äusseren’ Faktoren (Gesellschaft, Familie, Schicksal?) abhängt. Ein weiteres Faszinosum ist sicherlich die Alchemie, die in der vorliegenden Erzählung als Teufelshandwerk und sinnentleertes Überbleibsel des Mittelalters dargestellt wird, welche im Widerspruch zur modernen Wissenschaft steht.

Der Sandmann bildet den Auftakt zum ersten Teil von Hoffmanns „Nachtstücke“ aus dem Jahr 1817. Die Erzählung ist eine frühe Schauergeschichte der Romantik, die bis heute ihre düstere Faszination auf Autoren und Künstler aller Art ausübt und die als Prototyp und Klassiker einer unheimlichen Geschichte gelten darf. Der Sandmann wirkt durch den überschwänglichen Stil Hoffmanns stellenweise etwas überladen und altbacken, aber dennoch entbehrt die Erzählung nicht einer gewissen Ironie, die das ganze ´empfindsame’ Szenario stets wieder ein wenig auflockert.

Die vorliegende Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags folgt zeichengenau der Erstausgabe und wirkt dadurch ziemlich authentisch und antiquiert. Im Glossar kann man dafür nachlesen, was beispielsweise ein „Revenant“ ist oder ein „Peipendreher“ oder ein Zirkel von „Theeisten“. Vielleicht bekommt man da Lust, selber einmal, im Kreis seiner Freunde, bei einem gemütlichen Kaminfeuer, etwas vorzuquinkeliren, einfach ein wenig zu conversiren oder sich gegenseitig solche nostalgischen Gespenstergeschichten wie „Der Sandmann“ vorzulesen.

Ihre Meinung zu »E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann«

Henriette H. zu »E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann«12.01.2016
Ganz klar: oft kopiert, doch nie erreicht! Diese Geschichte ist an Unheimlichkeit nicht zu überbieten, ich habe sie zum ersten Mal im Alter von 10 Jahren gelesen und hatte danach wochenlang Alpträume.
Keine Horrorgeschichte hat mich je wieder so beeindruckt, nicht die schleimigen Monster in Lovecrafts Grüften, nicht die Unholde bei Edgar Allan Poe oder anderen Autoren dieses Genres.
In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass E.T.A.Hoffmann auch die meiner Meinung nach beste Kriminalerzählung aller Zeiten geschrieben hat: "Das Fräulein von Scude'ry".
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