Edgar Allan Poe – ein Portrait

„If in many of my productions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of Germany, but of the soul“
Aus dem Vorwort der „Tales of the Grotesque and Arabesque“.

Kaum ein Autor des 19. Jahrhunderts dürfte die Literatur der Moderne so nachhaltig beeinflusst haben wie Edgar Allan Poe. Er gilt als der Vater der Short Story, sein Detektiv Auguste Dupin – obwohl Protagonist von nur drei Geschichten – „The Mystery of Marie Rogêt„, „The Purloined Letter“ und die wohl populärste „Murders in the Rue Morgue„ – war der erste seiner Art und nahm Einfluss auf ganze Heerscharen von Detektiven, denen deduktive Logik die Hauptwaffe im Kampf gegen das Verbrechen ist. Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe oder Inspector Columbo dürfen ihm und seinem Schöpfer jederzeit ein Denkmal bauen. Von Arthur Conan Doyle stammt nicht umsonst der Ausspruch: „Wenn jeder Autor, der ein Honorar für eine Geschichte erhält, die ihre Entstehung Poe verdankt, den Zehnten für ein Monument des Meisters abgeben müsste, dann ergäbe das eine Pyramide so hoch wie die von Cheops.“

Poes Gedichte sind Vorläufer und ein erster Höhepunkt des Symbolismus, hier, wie in vielen seiner Geschichten nahm er etliches vorweg, was die Psychologie – und insbesondere die Psychoanalyse – gut hundert Jahre später beschäftigen sollte. Sein einziges langes Werk „Arthur Gordon Pym„ beeindruckte nicht nur Jules Verne (der mit der „Eissphinx“ eine Fortsetzung des am Ende offenen Romans schrieb), sondern war auch ein kleiner Markstein in der Geschichte der Science Fiction-Literatur. Seinen Essays wird immer noch Respekt gezollt, u.a. in der Physik, selbst wenn viele Theorien mittlerweile überholt und abstrus scheinen, sorgt der Wagemut und der Versuch sie logisch konsequent zu entwickeln für Anerkennung.

Seine Geschichten lösten das Grauen aus gotischen Gemäuern und führten es dorthin, wo die größten Monstren hausen: ins menschliche Denken und Gefühlsleben. Obsessionen, Ängste, die Beziehung von Macht und Ohnmacht, die Konfrontation mit der eigenen Schuld – Themen, die einen Großteil der Literatur, und nicht nur der phantastischen, der nächsten zwei Jahrhunderte prägen werden. Sein „The Man of the Crowd„ ist immer noch einer der präzisesten Schilderungen urbaner Paranoia, „The Masque of the Red Death“ nicht nur ein spannendes Paradebeispiel existenzialistischen Horrors, sondern auch ein meisterhaftes Spiel mit Erzählperspektive(n). Vom Verschmelzen von Außen- und Innenwelten im „House Of Usher„ und anderen Geschichten ganz zu schweigen. Es ist ein Treppenwitz der Literaturgeschichte, das Poes erfolgreichste Veröffentlichung zu Lebzeiten, ein Schulbuch über Mollusken war, zu dem er Vor- und Nachwort beisteuerte. Doch nicht nur hier scheint ein zynischer Spötter Poes Geschicke gelenkt zu haben, seine ganze Biographie wirkt wie das Klischee des Künstlers, dessen Leben einer Kerze gleicht, die von beiden Seiten brennen muss, um zu wahrer Schaffenskraft aufzulaufen.

Am 19.01.1809 wird Edgar Poe in Boston geboren, als das Kind der fahrenden Schauspieler David und Elizabeth Poe. Ein gutes Jahr später verschwindet sein Vater spurlos, seine Mutter stirbt 1811, vermutlich ohne dass ein Arzt sie je zu Gesicht bekam, an Tuberkulose. Mit drei Jahren ist Poe Vollwaise. Er wird von der Familie des wohlhabenden Kaufmanns John Allan aufgenommen und erzogen, aber nie adoptiert. Ein Umstand, der beim Tode des steinreichen Vaters dazu führte, das Edgar Allan Poe mittellos blieb. An guter Erziehung sollte es ihm nie mangeln, an väterlicher Liebe und Anerkennung schon. Während seine Stiefmutter und -tante ihn liebten, blieb sein Verhältnis zum strengen John Allan distanziert. Seine Jugend verbrachte Edgar in Richmond, Schottland und England. Die fünf Jahre in Europa gehörten – trotz des Besuchs strenger Schulen – vermutlich zu seinen glücklichsten. Nach geschäftlichen Fehlschlägen kehrte die Familie Allan nach Amerika zurück. So weit bekannt, verlebte Edgar eine recht unbeschwerte Jugend, er war ein exzellenter Sportler, was ihm viel Anerkennung seitens seiner Freunde einbrachte. Die schwärmerische Liebe zu einer Freundin seiner Mutter brachte Poe in seinem frühen Gedicht „To Helen“ zum Ausdruck. Durch ein Erbe wurde John Allan vom wohlhabenden zum reichen Mann, Geld, von dem Edgar kaum etwas zu sehen bekam. Als Frances Allan herausfand, dass ihr Mann zwei uneheliche Kinder hatte, und Edgar Allan sich ganz auf ihre Seite schlug, erkaltete die Beziehung zu seinem Stiefvater völlig. Das ist zumindest einer der möglichen Gründe, warum John Allan den Jungen, der zeitlebens seinen Namen trug, so vehement ablehnte. Andere liegen im Dunkel von Allans schroffer Persönlichkeit begraben, die mit der labilen und dunklen Seite Edgars vermutlich heftig kollidierte. Poe immatrikulierte sich an der Uni, bekam aber von John Allan so wenig Geld ausgehändigt, dass er umgehend Schulden machen musste, um sein universitäres Leben finanzieren zu können. Allan ließ sich nicht erweichen, seinem Stiefsohn aus der Misere zu helfen, so dass Poe sich unter dem Namen „Henri le Rennêt„ in Boston verkroch. Dort veröffentlichte er 1827 seine erste Gedichtsammlung Tamerlane and Other Poems unter dem Pseudonym “a Bostonian„. Immer noch in Geldnöten suchte er als Edgar A. Perry schließlich sein Heil in der Armee. Nach der ehrenhaften Entlassung kehrte er nach Richmond zurück, nur um festzustellen, dass seine Ziehmutter Frances Allan nicht mehr lebte und einen Tag vor seiner Ankunft beigesetzt worden war. Als vermutlich letzten Versuch einer Art Annäherung an den Ersatzvater John Allan, bemühte sich Edgar um einen Platz in der Militärakademie Westpoint und wurde angenommen. In der einjährigen Wartezeit bis zum Beginn der Ausbildung reiste er nach Baltimore, um dort nach leiblichen Verwandten zu suchen. Er fand Maria „Muddy“ Clemm, die Schwester seines Vaters, die in ärmlichen Verhältnissen mit ihrer Tochter Virginia bei ihrer Mutter lebte. „Muddy„ sollte ihm den Rest seines Lebens eine wichtige Unterstützung sein, die ihm gerade in schweren Zeiten nicht nur finanziell, sondern auch mit großer Zuneigung über die Runden half. Wenn es je einen uneigennützigen Mäzen gegeben hat, dürfte dies Maria Clemm gewesen sein.

Bevor es ihn endgültig nach Baltimore verschlug, trat Poe seine Ausbildung in Westpoint an. Der militärische Drill dort widerstrebte ihm bald ungemein, und so sorgte er mit Vehemenz für seinen Rausschmiss. 1831 wurde Edgar Allan Poe aus Westpoint wegen „Dienstvernachlässigung und Ungehorsam“ entlassen. Zuerst trieb es ihn nach New York, doch letztlich landete er wieder bei seiner fürsorglichen „Muddy„ in Baltimore. Dort erlebte er die großer Choleraepidemie 1831, die er literarisch mehrfach verarbeitete, u.a. in The Masque Of The Red Death“ und „King Pest„. Die Jahre in Baltimore waren gezeichnet von Armut. Trotzdem – oder gerade deswegen – griff Poe immer häufiger zum Alkohol und auch Laudanum. Er hatte mit dem Trinken in den schweren Tagen seines Studiums begonnen und würde bis zu seinem Tod nur phasenweise vom Alkohol loskommen. In dieser Zeit stellten sich erste kleine literarische Erfolge ein, die sich leider finanziell nicht sonderlich niederschlugen. Der „Philadelphia Saturday Courier“ veröffentlichte „Metzengerstein„ und vier weitere Erzählungen Poes ohne Namensnennung. 1833 gewann er mit „MS. Found In A Bottle“ ein Preisausschreiben des „Baltimore Saturday Visiter„, was ihm immerhin 50 Dollar und die Aufmerksamkeit des damals beliebten Schriftstellers John Pendleton Kennedy einbrachte. Ihm verdankte Poe eine Beschäftigung als Redakteur des „Southern Literary Messenger“ in Richmond, für den er Erzählungen und Rezensionen schrieb. 1835 siedelte er wieder nach Richmond über. Seine Tante und seine Cousine folgten zu Poes großer Erleichterung. Zu diesem Zeitpunkt war John Allan bereits seit einem Jahr tot. Er hatte seinem Ziehsohn, den er nie adoptiert hatte, keinen Cent hinterlassen.

In seiner Zeit beim „Southern Literary„ gelang es Poe, die Auflage um das gut Siebenfache zu steigern. Seine Essays und scharfzüngigen Rezensionen machten ihn weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Seine Kritiken waren oft sarkastisch und vernichtend, aber auch klarsichtig und treffend, was ihm nicht gerade viele Freunde unter Schriftstellerkollegen eintrug. Dass die Geschichte ihm in vielen seiner Urteile recht gab, dürfte kaum ein Trost sein. Reich konnte er nicht dabei werden, obwohl die Anstellung, mit einem Jahressalär von 520 Dollar, für das Auskommen des drei Personen Haushaltes reichte. Thomas Willis White, der Herausgeber des Messengers hätte Poe gerne mehr bezahlt, doch gerieten er und damit das Magazin in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Letztlich ist es müßig darüber zu spekulieren, ob eine bessere Bezahlung Edgar Allan Poe gehalten hätte, denn der hatte sich bereits verabschiedet. Ob seine schweren Depressionen Alkohol- und Drogenexzesse förderten, oder ob das Umgekehrte der Fall war, darf gemutmaßt werden. Poes Zeit in Richmond neigte sich ihrem Ende zu, allerdings mit einem kleinen Paukenschlag: 1836 heiratete er seine 13 Jahre alte Cousine Virginia. Kein gesellschaftlicher Skandal zu dieser Zeit, da derartige Hochzeiten nicht unüblich waren. Über Poes Beziehung zu Virginia Clemm ist viel spekuliert worden. Die meisten Biographen sehen in ihr die ideale Verkörperung des Poeschen Frauenideals: die junge, ätherische Schönheit, früh schon dem Tod geweiht; das Sinnbild der Poesie, das sich in etlichen von Poes Gedichten und Geschichten wiederfinden lässt. Sei es in „The Raven“, „Ligeia„, „Eleonora“ oder in „The Fall Of The House Of Usher„.

Wie sehr hier das Leben die Kunst kopiert, wird Virginias früher Tod 1847 anscheinend belegen. Zunächst stand aber der Umzug nach New York an. Dank seiner gestiegenen Popularität erhoffte sich Poe hier eine besser bezahlte Anstellung bei einem renommierten Magazin. „The New York Review“ schien interessiert sein, doch wie so oft schlugen die Zeitläufe Poe ein Schnippchen. Denn er geriet mitten hinein in den Bankenkrach vom 06. April 1836, der viele kleinere Geldinstitute zahlungsfähig machte und damit auch die zugehörigen Kunden in den Ruin trieb. Was auf dem Zeitschriftenmarkt nicht ohne Konsequenzen blieb. Und so fand sich Edgar Allan Poe in bekannter Rolle wieder: mittellos, ohne gutbezahlten Job, angewiesen auf das Geld, das seine Tante verdiente. In dieser Zeit schrieb er seinen einzigen Roman „The Narrative of Arthur Gordon Pym„, den er 1838 veröffentlichte. Der literarische Durchbruch blieb ihm leider verwehrt. Es dauerte, und brauchte wieder den Umweg über Europa, bevor das Buch als Vorläufer der erfolgreichen Verquickung von phantastischer Literatur und Science Fiction entdeckt und begriffen wurde. Poe war, wie so oft, seiner Zeit voraus. Da New York keine Perspektive bot, verschlug es Poe und seine Lieben nach Philadelphia. Hier arbeitete er bei diversen Zeitschriften und Magazinen und schrieb nebenher Geschichten, die regelmäßig veröffentlicht wurden. „The Goldbug“ brachte ihm immerhin einen Preis von 100 Dollar ein und wurde für die Bühne umgesetzt. Sogar Charles Dickens nahm Notiz von dem jungen amerikanischen Autoren und zeigte sich begeistert. Seine Bemühungen Poe im Empire zu veröffentlichen, blieben Lippenbekenntnisse. Nichts passierte. So endete Poes Zeit in Philadelphia wie so oft: mit Exzessen und einer Flucht in eine vermeintlich bessere Zukunft. Die wieder New York heißen sollte.

1844 stand der Umzug an. „The Purloined Letter„, die letzte der Dupin-Stories entstand hier, ebenso wie „The Raven“, dessen Veröffentlichung (und Rezitation durch den Autor) für ungeheure Resonanz sorgte. Poe fand eine Anstellung beim „Evening Mirror„ und später beim „Broadway Journal“. Dort erhob er Plagiatsvorwürfe gegen die damalige Ikone Henry Wadsworth Longfellow und rechnete schonungslos mit beliebten New Yorker Literaten ab. Die Rezensionen dazu sind auch heute noch ein Quell sarkastischer Freude, damals machten sie Poe aber zum Enfant terrible. Angefeindet als Kritiker und umjubelt als Rezitator, hätte Poe vielleicht die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft gehabt. Aber 1847 starb Virgina 24-jährig. Woraufhin Poe Zuflucht in Alkohol, Laudanum und dem Umzug nach Baltimore suchte. Mit „Hop Frog„ und „The Cask Of Amontilado“ erschienen zwei seine grimmigsten Geschichten, aber auch das Essay „Eureka„ erblickte 1848 das Licht der Welt. Poes komplexe Kosmologie fand hier ihren krönenden und abgründigen Abschluss. Er verliebte sich in Anne Richmond, verlobte sich aber mit Sarah Helen Whitman („Helen“). Die gemeinsame Zeit währte nicht lange, wegen seines übermäßigen Alkoholkonsums trennte sich Whitman von ihm. Ende 1848 versuchte Poe sich mit einer Überdosis Laudanum das Leben zu nehmen. Er überlebte und versuchte sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Was durchaus möglich schien.

1849 hielt er erfolgreich Vorträge über „The Poetic Principle„ u.a. in Norfolk und Richmond. Dort warb er um seine Jugendfreundin Sarah Elmira Royster und schmiedete erneut Heiratspläne. Ob diese Heiratsabsichten beiderseitig waren, ist unklar. Während Poes Freunde und Bekannten überzeugt waren, dass er bald heiraten würde, äußerte sich Royster nach seinem Tod nur vage; sie stritt eine mögliche Hochzeit aber auch nie ab. Mit Elmira Royster nahm Edgar Allan Poe endgültig Abschied vom poetischen Idealbild der Frau an seiner Seite. Royster erscheint auf einem Portrait, das 1855 angefertigt wurde, als wenig attraktive, puritanische Matrone. Doch sie war gebildet, geistig rege und recht vermögend. Alles Punkte, die darauf hinweisen, dass Poe anscheinend nach etwas Sicherheit und Ruhe in seinem Leben strebte. Sein Leben und Wirken schien eine Perspektive zu haben, die um vieles besser war als so oft zuvor. Erfolgreich mit seinen Vorträgen, populär, wenn auch umstritten, als Autor, und für sein Zeitschriftenprojekt „Stylus“ hatte er einen Geldgeber in Aussicht. Als er am 27. September nach New York aufbrach, wies nichts auf seinen baldigen Tod hin. Dass er nie dort ankam, sondern in verwahrlostem Zustand, in ärmlicher Kleidung katatonisch in einem Straßengraben Baltimores aufgefunden wurde, ist das letzte große Rätsel in Poes Biographie. Welche genauen Umstände zu seinem Tod führten, wurde nie eindeutig geklärt. Unklar war bereits, wieso es ihn überhaupt nach Baltimore verschlug. Hatte er versehentlich den falschen Zug bestiegen und war in die Fänge sogenannter „Wahlschlepper„ geraten, die ihn alkoholisierten, damit er für ihren Kandidaten stimmte? Oder hatte er einen Rückfall in tiefe Depression erlitten, der mit einem Besäufnis ins Delirium endete? Weitere Theorien sind, dass er sich durch einen Katzenbiss mit Tollwut infizierte oder den Auswirkungen der Cholera zum Opfer fiel. Gesichert ist nur, dass Edgar Allan Poe am 07. Oktober 1849 im Washington College Hospital in Baltimore starb.

Dass seine literarische Rezeption in Amerika unter einem denkbar schlechten Stern stand, hatte Poe zu einem Großteil selbst verursacht. Warum er ausgerechnet Rufus Wilmot Griswold, einen Mann der ihn zutiefst verachtete, zu seinem literarischen Nachlassverwalter benannte, scheint wie ein letzter zynischer Gag oder ein Akt postumen Masochismus. Griswold brachte zwar eine Werkausgabe heraus, nutzte aber jede Gelegenheit, Poe in Nachrufen und biographischen Anmerkungen mit Kübeln voller Häme zu überschütten. Zwar gab es eine Menge positiver Würdigungen, selbst Longfellow, den Poe zu Lebzeiten vehement angegriffen hatte, betonte seine Wertschätzung: „ein Mann so reich mit Genie begabt!“ Obwohl seine Befürworter nicht wenige waren und weit berühmter als Rufus W. Griswold, setzte sich dessen Bild, vom ärmlichen Taugenichts mit hochtrabenden Ansprüchen, in der amerikanischen Öffentlichkeit fest. Poe schien mit seinen Geschichten, Gedichten, Essays, rüden Rezensionen und vor allem seinem unsteten Lebenswandel, so gar nicht zur frömmelnden „Frontier„-Mentalität einer aufstrebenden Nation zu passen. Die existenzielle Verlorenheit, die sein Leben und sein Werk durchzog, wollte im fortschrittsgläubigen Amerika keinen Fuß fassen.

Anders sah es in Europa aus. Hier weckten Poes Werke weit enthusiastischeres Interesse. An erster Stelle ist natürlich Charles Baudelaire zu nennen, der viel für die Verbreitung von Poes Ruf und Büchern in Frankreich tat, aber auch Fjodor Dostojewskij, Jules Verne, Arthur Conan Doyle und John H. Ingram, der akribisch versuchte, Poes von Griswold geprägtes Bild zu berichtigen, und eine gewissenhaft betreute Werkausgabe herausbrachte, zählen zu seinen Bewunderern. Kein anderer amerikanischer Autor dürfte in Deutschland so vielfältig und komplett übersetzt worden sein wie Edgar Allan Poe. Die von Kuno Schumann und Hans Dieter Müller herausgegebene Gesamtausgabe seiner Werke (übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger, sowie Richard Kruse, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke) ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine auf Vollständigkeit bedachte Werkausgabe aussehen kann. Spuren von Poe finden sich u.a. bei Franz Kafka, Stefan George, Gottfried Benn und Alfred Kubin, dessen einziger Roman „Die andere Seite“ wie eine Hommage wirkt. Der (literarische) Expressionismus wäre ohne Edgar Allan Poe ein anderer gewesen. Von seinem Einfluss auf die gesamte phantastische Literatur – und hier natürlich auch die amerikanische – ganz zu schweigen. Nahezu unglaublich, wenn man bedenkt, dass die horriblen Geschichten und Gedichte nur einen Bruchteil von Poes Werk ausmachen. Womit wir wieder beim Anfang wären. Trotz seines schmalen Umfangs, ist die Wirkung von Poes Poetik eine exorbitante. Auch heute, 160 Jahre nach seinem Tod, bewegt sein Leben und seine Dichtung Literaturwissenschaftler (und Biographen) zur beständigen Neu- und Umbewertung. Mehr kann ein Autor kaum erreichen.

„You are not wrong, who deem,
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.“
A Dream Within a Dream

Edgar Allan Poes Werke:

  • Gedichte:
    • „Tamerlane“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Song“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Imitation“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „A Dream“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „The Lake“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Spirits of the Dead“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Evening Star“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Dreams“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „Stanzas“, Juli 1827, Tamerlane and Other Poems
    • „The Happiest Day“, September 15, 1827, The North American
    • „To Margaret“, circa 1827, Nie publiziert zu Lebzeiten
    • „Alone“, 1829, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „To Isaac Lea“, circa 1829, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „To The River --“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „To --“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „To --“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „Romance“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „Fairy-Land“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „To Science“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „Al Aaraaf“, 1829, Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems
    • „An Acrostic“, 1829, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „Elizabeth“, 1829, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „To Helen“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „A Paean“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „The Sleeper“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „The City in the Sea“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „The Valley of Unrest“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „Israfel“, 1831, Poems by Edgar A. Poe
    • „Enigma“, Februar 2, 1833, Baltimore Saturday Visiter
    • „Fanny“, Mai 18, 1833, Baltimore Saturday Visiter
    • „The Coliseum“, Oktober 26, 1833, Baltimore Saturday Visiter
    • „Serenade“, April 20, 1833, Baltimore Saturday Visiter
    • „To One in Paradise“, Januar 1834, Godey’s Lady's Book
    • „Hymn“, April 1835, Southern Literary Messenger
    • „To Elizabeth“, September 1835, Southern Literary Messenger
    • „May Queen Ode“, circa 1836, Never published in Poe’s lifetime
    • „Spiritual Song“, 1836, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „Latin Hymn“, März 1836, Southern Literary Messenger
    • „Bridal Ballad“, Januar 1837, Southern Literary Messenger
    • „To Zante“, Januar 1837, Southern Literary Messenger
    • „The Haunted Palace“, April 1839, American Museum
    • „Silence-A Sonnet“, Januar 4, 1840, Saturday Courier
    • „Lines on Joe Locke“, Februar 28, 1843, Saturday Museum
    • „The Conqueror Worm“, Januar 1843, Graham’s Magazine
    • „Lenore“, Februar 1843, The Pioneer
    • „A Campaign Song“, 1844, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „Dream-Land“, Juni 1844, Graham’s Magazine
    • „Impromptu. To Kate Carol“, April 26, 1845, Broadway Journal
    • „To F--“, April 1845, Broadway Journal
    • „Eulalie“, Juli 1845, American Review: A Whig Journal
    • „Epigram for Wall Street“, Januar 23, 1845, Evening Mirror
    • „The Raven“, Januar 29, 1845, Evening Mirror
    • „The Divine Right of Kings“, Oktober 1845, Graham’s Magazine
    • „A Valentine“, Februar 21, 1846, Evening Mirror
    • „Beloved Physician“, 1847, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „Deep in Earth“, 1847, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „To M. L. S-- (1847)“, März 13, 1847, The Home Journal
    • „Ulalume“, Dezember 1847, American Whig Review
    • „Lines on Ale“, 1848, Zu Lebzeiten nicht publiziert
    • „To Marie Louise“, März 1848, Columbian Magazine
    • „An Enigma“, März 1848, Union Magazine of Literature and Art
    • „To Helen“, November 1848, Sartain’s Union Magazine
    • „A Dream Within A Dream“, März 31, 1849, Flag of Our Union
    • „Eldorado“, April 21, 1849, Flag of Our Union
    • „For Annie“, April 28, 1849, Flag of Our Union
    • „To My Mother“, Juli 7, 1849, Flag of Our Union
    • „Annabel Lee“, Oktober 9, 1849, New York Daily Tribune
    • „The Bells“, November 1849, Sartain’s Union Magazine
  • Kurzgeschichten:
    • „Metzengerstein“, Januar 14, 1832, Philadelphia Saturday Courier
    • „The Duc De L’Omelette“, März 3, 1832, Philadelphia Saturday Courier
    • „A Tale of Jerusalem“, June 9, 1832, Philadelphia Saturday Courier
    • „Loss of Breath“, November 10, 1832, Philadelphia Saturday Courier
    • „Bon-Bon“, Dezember 1, 1832, Philadelphia Saturday Courier
    • „MS. Found in a Bottle“, Oktober 19, 1833, Baltimore Saturday Visiter
    • „The Assignation“, Januar 1834, Godey’s Lady's Book
    • „Berenice“, März 1835, Southern Literary Messenger
    • „Morella“, April 1835, Southern Literary Messenger
    • „Lionizing“, Mai 1835, Southern Literary Messenger
    • „The Unparalleled Adventure of One Hans Pfaall“, June 1835, Southern Literary Messenger
    • „King Pest“, September 1835, Southern Literary Messenger
    • „Shadow – A Parable“, September 1835, Southern Literary Messenger
    • „Four Beasts in One – The Homo-Cameleopard“, März 1836, Southern Literary Messenger
    • „Mystification“, June 1837, American Monthly Magazine
    • „Silence – A Fable“, 1838, Baltimore Book
    • „Ligeia“, September 1838, Baltimore American Museum
    • „How to Write A Blackwood Article“, November 1838, Baltimore American Museum
    • „A Predicament“, November 1838, Baltimore American Museum
    • „The Devil in the Belfry“, Mai 18, 1839, Saturday Chronicle and Mirror of the Times
    • „The Man That Was Used Up“, August 1839, Burton’s Gentleman's Magazine
    • „The Fall of the House of Usher“, September 1839, Burton’s Gentleman's Magazine
    • „William Wilson“, Oktober 1839, The Gift: A Christmas and New Year’s Present for 1840
    • „The Conversation of Eiros and Charmion“, Dezember 1839, Burton’s Gentleman's Magazine
    • „Why the Little Frenchman Wears His Hand in a Sling“, 1840, Tales of the Grotesque and Arabesque
    • „The Business Man“, Februar 1840, Burton’s Gentleman's Magazine
    • „The Man of the Crowd“, Dezember 1840, Graham’s Magazine
    • „The Murders in the Rue Morgue“, April 1841, Graham’s Magazine
    • „A Descent into the Maelström“, April 1841, Graham’s Magazine
    • „The Island of the Fay“, June 1841, Graham’s Magazine
    • „The Colloquy of Monos and Una“, August 1841, Graham’s Magazine
    • „Never Bet the Devil Your Head“, September 1841, Graham’s Magazine
    • „Eleonora“, Fall 1841, The Gift for 1842
    • „Three Sundays in a Week“, November 27, 1841, Saturday Evening Post
    • „The Oval Portrait“, April 1842, Graham’s Magazine
    • „The Masque of the Red Death“, Mai 1842, Graham’s Magazine
    • „The Landscape Garden“, Oktober 1842, Snowden’s Ladies' Companion
    • „The Mystery of Marie Rogêt“, November 1842, Dezember 1842, Februar 1843
    • „The Pit and the Pendulum“, 1842-1843, The Gift: A Christmas and New Year’s Present
    • „The Tell-Tale Heart“, Januar 1843, The Pioneer
    • „The Gold-Bug“, June 1843, Dollar Newspaper
    • „The Black Cat“, August 19, 1843, United States Saturday Post
    • „Diddling“, Oktober 14, 1843, Philadelphia Saturday Courier
    • „The Spectacles“, März 27, 1844, Dollar Newspaper
    • „A Tale of the Ragged Mountains“, April 1844, Godey’s Lady's Book
    • „The Premature Burial“, Juli 31, 1844, Dollar Newspaper
    • „Mesmeric Revelation“, August 1844, Columbian Magazine
    • „The Oblong Box“, September 1844, Godey’s Lady's Book
    • „The Angel of the Odd“, Oktober 1844, Columbian Magazine
    • „Thou Art the Man“, November 1844, Godey’s Lady's Book
    • „The Literary Life of Thingum Bob, Esq.“, Dezember 1844, Southern Literary Messenger
    • „The Purloined Letter“, 1844-1845, The Gift: A Christmas and New Year’s Present
    • „The Thousand-and-Second Tale of Scheherazade“, Februar 1845, Godey’s Lady's Book
    • „Some Words with a Mummy“, April 1845, American Review: A Whig Journal
    • „The Power of Words“, June 1845, Democratic Review
    • „The Imp of the Perverse“, Juli 1845, Graham’s Magazine
    • „The System of Doctor Tarr and Professor Fether“, November 1845, Graham’s Magazine
    • „The Facts in the Case of M. Valdemar“, Dezember 1845, The American Review
    • „The Sphinx“, Januar 1846, Arthur’s Ladies Magazine
    • „The Cask of Amontillado“, November 1846, Godey’s Lady's Book
    • „The Domain of Arnheim“, März 1847, Columbian Lady’s and Gentleman's Magazine
    • „Mellonta Tauta“, Februar 1849, Flag of Our Union
    • „Hop-Frog“, März 17, 1849, Flag of Our Union
    • „Von Kempelen and His Discovery“, April 14, 1849, Flag of Our Union
    • „X-ing a Paragrab“, Mai 12, 1849, Flag of Our Union
    • „Landor’s Cottage“, June 9, 1849.
  • Essays
    • „Maelzel’s Chess Player“ (April 1836 – Southern Literary Messenger)
    • „The Philosophy of Furniture“ (Mai 1840 – Burton’s Gentleman's Magazine)
    • „A Few Words on Secret Writing“ (Juli 1841 – Graham’s Magazine)
    • „Morning on the Wissahiccon“ (1844 – The Opal)
    • „The Balloon-Hoax“ (April, 1844)
    • „The Philosophy of Composition“ (April 1846 – Graham’s Magazine)
    • „Eureka: A Prose Poem“ (März 1848 – Wiley & Putnam)
    • „The Rationale of Verse“ (Oktober 1848 – Southern Literary Messenger)
    • Eureka: A Prose Poem (1848)
    • „The Poetic Principle“ (Dezember 1848 – Southern Literary Messenger)
  • Roman(e):
    • The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (Juli 1838)
    • The Journal of Julius Rodman (die ersten sechs Fortsetzungen, das Werk blieb unvollständig, Januar – Juni 1840 – Burton’s Gentleman's Magazine)
  • Anderes:
    • The Conchologist’s First Book: or, a system of testaceous malacology. (1839)

Das Portrait verfasste Jochen König