Liebe Leserinnen und Leser,

„Der Mai ist gekommen“ trällert der Volksmund und in diesem Jahr hat er einen Hauch von Sommer mitgebracht. Genießen Sie die Gegenwart und überlassen Sie den Wandel der Zeit den Phantastik-Schriftstellern. „Andere Zeiten – andere Welten“ könnte man als Motto über die Top-Titel der Mai-Ausgabe der Phantastik-Couch schreiben.

Niemals war das Mittelalter so finster, wie zu Zeiten der Pest in der Mitte des 14 Jahrhunderts. Dort hat Jesse Bullington seine "Traurige Geschichte der Brüder Grossbart„ angesiedelt. Und als wäre diese Zeit mit der Seuche nicht schon gestraft genug, muss hier die Welt die Gebrüder Hegel und Manfried ertragen. Eine Spur des Todes ziehen sie hinter sich her, durch Südeuropa bis nach Ägypten. An den Fluch einer Hexe glauben sie nicht und doch ziehen sie das Böse magisch an. Ein Historienabenteuer? – Nicht nur. Die den Brüdern begegnenden Ungeheuer und Dämonen sind real, was dem Zeitgeist entspricht und den Aberglauben zur Realität erhebt. Zu unserem “Buch des Monats„ wurde dieser so andersartige wie unterhaltsame Fantasy-Roman gekürt, der auch noch mit einer besonderen sprachlichen Coleur aufwartet.

Generation A„ von Douglas Coupland ist sehr viel mehr als eine Weiterverarbeitung des Kultromans “Generation X„. Fünf Protagonisten aus einer ökologisch umgekippten Welt in naher Zukunft, die ihr Heil in Sedativen sucht, werden von Bienen gestochen, die eigentlich längst ausgestorben sind. “Warum wurden gerade diese fünf gestochen?„ ist die Frage, die Wissenschaftler umtreibt und der Grund, warum die Fünf letztendlich verbannt werden. “Generation A„ kommt surreal daher und erzählt Anfang, Mitte und Ende der Geschichte – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Ist Endzeitvision, Satire und Gesellschaftskritik zugleich, an der sich die Geister scheiden mögen.

Lilach Mer war mit ihrem Debüt “Der siebte Schwan„ eine der Gewinnerinnen des Heyne Wettbewerbs “Schreiben Sie einen magischen Bestseller„. Wieder eine andere Zeit, die von 1913, und eine Märchenwelt in Schleswig-Holstein. Die 14 jährige Mina tanzt heimlich zur Musik einer Spieluhr, die die Fotografie zweier Jungen in sich birgt. Als das Mädchen fortgebracht werden soll, macht sie sich auf die Suche nach ihren Brüdern. Die Autorin erzählt märchenhafte Fantasy, die nichts Kindliches hat, sich niemals kitschig, sondern spannend liest und mit einer musikalischen Grundnote präsentiert wird.

Die letzte Arche„ von Stephen Baxter setzt den Ökothriller “Die letzte Flut„ fort. Eine “langsame Apokalypse„, eine, in der die Menschheit das Ende bewusst kommen sieht, wird hier beschrieben. Von 2025 bis 2081 und schließlich Lichtjahre ins Weltall folgen wir der Arche 1 in eine ungewisse Zukunft.

Nach Noir-Thrillern und den Vampirromanen mit dem Kult-Detektiv Joe Pitt präsentiert nun Charlie Huston seine Form einer langsamen Apokalypse (unzutreffenderweise oft auch als “sanft„ bezeichnet). “Die Plage" spielt in der Gegenwart und ein Phänomen unserer Zeit stösst die Welt in einen dystopischen Abgrund, in den der Autor seine Leser unvorbereitet hinein wirft. Ein typischer Huston eben, mit splatterartigen Fragmenten und so intensiven Bildern gezeichnet, dass es keiner epischen Beschreibung bedarf, um wahrhaftig und beklemmend zu wirken.

Auch im Mai kommen wieder Autoren zu Wort und erzählen aus ihrer Gegenwart und Zukunft.

Verena Wolf traf Victoria Holmes, den Kopf des Autoren-Trios Erin Hunter und versuchte für das Autorenportrait einen Blick hinter die Fassade eines Profis zu erhaschen. Die englische Autorin der "Warrior Cats„ stellte auf ihrer Lesereise in Deutschland die zweite Staffel der Erfolgserie vor.
Frei von der Leber weg erzählte uns dagegen Thilo Corzilius im Interview, wie er seinen Debütroman “Ravinia„ in Rekordzeit an den Leser brachte.

Wir hoffen, wir können Ihnen den “Wonnemonat" mit spannender Lektüre versüßen, auch wenn sie bisweilen eine zartbittere Note hat.

Einen schönen Mai wünscht Ihnen

Eva Bergschneider