Liebe Leserinnen und Leser,

nun sind wir im klassischen Familienurlaubsmonat August angekommen, eine Zeit in der allgemein wenig passiert. Für die Daheimgebliebenen gibt es immerhin die Olympiade in London, aber auch im Phantastik-Büchermarkt kann von „Saure Gurkenzeit“ nicht die Rede sein. In diesem Monat hatten wir mal wieder die Qual der Wahl, welches Buch denn nun das Buch des Monats oder einer der Top-Titel werden sollte.

Die Wahl zum Buch des Monats fiel dann doch sehr eindeutig auf Chris Becketts "Messias Maschine„, ein Buch, wie man es nur selten findet. Vor allem deswegen, weil es in einem futuristischem Setting auch um ein brandaktuelles Thema geht: Religion und Gesellschaft. Simon Becketts utopischer Gegenentwurf zu einer fanatisch religiös geprägten Gesellschaft nennt er Illyria und ist eine Enklave der Rationalität. Hier lebt George, der den Kontakt zu Frauen scheut und sich statt dessen in den hochentwickelten Liebesroboter Lucy verliebt. Zwischen Utopia, Mensch-Maschine Lovestory und virtueller Realität, Themen die schon manches SF-Buch behandelt hat, finden wir in “Messias Maschine„ Gedanken darüber, was den Menschen ausmacht und warum eine einseitig nach Intellekt oder Emotion ausgerichtete Gesellschaftsform zum Scheitern verurteilt ist. Das alles packt Beckett in eine rasant schnelle Erzählung und kreiert somit eine Kombination aus guter SF Unterhaltung und geistiger Horizonterweiterung.

Apropos Bücher wie man sie nur selten findet, unser Buch des Monats Mai “Die Moldau im Schrank" von Nina Maria Marewski gehört ganz sicher auch dazu. Und niemand war verblüffter darüber, dass die Parallelweltgeschichte um Helena und Mitja so viele Leserherzen gewann und als phantastisches Debüt mit dem Seraph Preis ausgezeichnet wurde, als die Autorin selbst. Lesen Sie in einem ungewöhnlich persönlichen Interview, was sie dazu bewogen hat, ihre Hauptfiguren in das Leben ihrer alternativen Ichs zu schicken.

Darauf haben viele Leser gewartet, Autor und Musiker Chris Wooding setzt seine Reihe um das Piratenluftschiff Ketty Jay fort. Dem Auftakt "Piratenmond„ folgt nun die “Schwarze Jagd„, in der es wieder ordentlich zur Sache geht. Die Stimmung in der Crew könnte kaum schlechter sein, als endlich ein lukrativer Auftrag winkt. Doch der der Job birgt tödliche Gefahren. Chris Wooding schreibt in der Ketty Jay Reihe Fantasyromane, mit einem Hauch von SF und mit enger Verwandtschaft zum Steampunk. Seine Charaktere sind alles andere als klassische Helden, das macht sie gerade so interessant. Ein faszinierender Lesespaß für alle, die rasante Phantastik abseits der üblichen Genre-Raster lieben.

Bereits 1993 schrieb Whitley Strieber “Die Heimsuchung„, ein Horror-Roman der nun vom Festa-Verlag in Deutschland veröffentlicht wird. Der Autor entfesselt in der Kleinstadt Oscola eine von Menschen erschaffene Hölle, die eigentlich ohne Dämonen aus Raum und Zeit auskäme – und dennoch von ihnen bereichert wird. In der Erde hat sich eine unheilvolle Macht aus der Vergangenheit festgesetzt, die nun an die Oberfläche dringt – richtig, der Cthulhu-Mythos lässt grüßen. Allein das es Strieber gelingt, auf Lovecraft’schen Pfaden zu wandeln, ohne diese zu imitieren, macht “Die Heimsuchung„ lesenswert. Der Autor ergänzt diese Art des Grauens um ein Motiv, das über das bloße Böse hinaus geht.

Ein beliebtes Thema in Alternativweltromanen ist der Krieg. Die Frage nach dem “was wäre gewesen wenn„ entlockt kriegsentscheidenden historischen Entwicklungen faszinierende Geschichten. Eine solche erzählt Moritz Römstein in “Der Golem Faktor„ und greift hier mutig ein heikles Thema auf: Die Judenvernichtung im dritten Reich. Eine Wiederbeseelungsmaschine soll die ermordeten Juden zu Golem-Kriegern machen, eine willkommenen Bereicherung der 1943 schwächelnden deutschen Truppen.
Römstein wartet in “Der Golem Faktor„ mit insgesamt drei derart abstruser Ideen auf und findet so abseits ausgetretener Pfade einen außergewöhnlichen Erzählstoff, der bestens unterhält.

Keine Phantastik-Couch Monatsausgabe kommt momentan ohne Steampunk aus, was ein Glück für Phantastik-Fans ist. Denn die dampfbetriebenen Alternativwelten faszinieren, wie dieser Mix aus Steampunk und Mystery “Das Herz von Veridon„ von Tim Akers zeigt. Der Zeppelin als Schauplatz des Geschehens um den geschassten Piloten und Unterwelt- Verbindungsmann Jacob Burn und ein Artefakt, ist schon der einzige gemeinsame Nenner zu anderen Werken des Subgenres. Vielmehr machen wiedererweckte Tote, eine düstere Stadt und ein mysteriöser Kampf zweier Religionen Lust auf mehr aus Akers Welt.

Wer Lust auf mehr “Game of Thrones„ hat und in der Nähe von Stutgart wohnt, nutzte vom 5. – 8. Juli die Gelegenheit, auf dem Fantastikfestival “Dragon Days„ einige der Macher der gefeierten TV-Serie zu treffen. In Lesungen und Diskussionsrunden konnte man sich mit dem Stoff der imposanten Fantasy-Serie “Das Lied von Eis und Feuer„ von George R. R. Martin vertraut machen. Sowie spannenden Hintergrundgeschichten lauschen, die der deutsche Schauspieler und Darsteller des Mörders Jaqen H’ghar, Tom Wlaschiha und ein Visual Effects Producer der bildgewaltigen HBO Serie zu erzählen hatten. Mit dabei, die Phantastik-Couch Redakteurin Sanja Döttling, lesen Sie hier ihren interessanten Artikel “In Stuttgart werden Drachen flügge".

Erlauben Sie mir noch den Hinweis auf die Wahl zum Deutschen Phantastik Preis 2012, dessen Hauptrunde noch bis zum 31. diesen Monats stattfindet. In vielen Kategorien rund um das Thema Phantastik können Sie für ihren Favoriten abstimmen, auch für die beste Internetseite. Die Phantastik-Couch würde sich sehr freuen, Ihre Stimme zu bekommen.

Einen phantastischen August wünscht Ihnen

Eva Bergschneider