Heldin wider Willen von Elizabeth Moon

Buchvorstellungund Rezension

Heldin wider Willen von Elizabeth Moon

Originalausgabe erschienen 1997unter dem Titel „Once a Hero“,deutsche Ausgabe erstmals 2002, 587 Seiten.ISBN 3-404-24297-1.Übersetzung ins Deutsche von Thomas Schichtel.

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In Kürze:

Eine in Ungnade gefallene Soldatin der Zukunft schiebt Strafdienst auf einem Raumschiff, das von finsteren Piraten geentert wird. Mit einem kleinen Trupp entschlossener Verteidiger nimmt sie den Kampf gegen die grausame Übermacht auf ... – Hier knallen die Blaster so laut wie die zusammengeschlagenen Hacken: Elizabeth Moon liefert eine Weltraum-Oper und ergeht sich in ausführlichen Schilderungen militärischer Riten und turbulenter Gefechte; abgeschmeckt wird das etwas zu sehr verdünnte Gebräu mit Elementen der Seifenoper, was unterm Strich nur die hartgesottenen Fans der „Military SF“ goutieren dürften.

Das meint phantastik-couch.de: „Auf, Soldat, die Pflicht ruft dich über-All!“45

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Hart ist das Leben in den Weiten des von Menschen bewohnten Weltraums, der in dieser fernen Zukunft leider keine Stätte kosmischer Harmonie ist. Jener Sektor, auf den hier unser Augenmerk zu richten ist, wird neofeudal regiert von einer Allianz gleich mehrerer mächtiger Adelsgeschlechter, den „;familias”. Damit dies auch so bleibt – Usurpatoren & Freibeuter lauern überall – hält man sich ein schlagkräftiges Militär. Kühne Kommandanten steuern die gewaltigen Raumkreuzer des “;Regular Space Service” dorthin wo’s brennt, und schneidige Burschen und Mädels in schicken Uniformen leben nur für den Moment der Befehlsausgabe, um sich nach lautstarker „;Sir, jawoll, Sir!”-Bestätigung ekstatisch ins Gefecht zu stürzen.

Eine im Heer der hoffnungsvollen Nachwuchs-Kampfhähne und -hennen ist die junge Lieutenant Esmay Suiza. Mutig ist sie, entschlossen und stolzes Mitglied einer Familie mit langer Militär-Tradition, aber leider geschlagen mit den Erinnerungen an eine gar schlimme Jugend auf dem Hinterwäldler-Planeten Altiplano und – was schwerer wiegt – mit der Gabe des selbstständigen Denkens, die sich in Soldatenkreisen seit jeher als Fluch erweist. Gerade ist es Esmay gelungen, nicht nur eine Meuterei an Bord der stolzen “;Despite” zu vereiteln, sondern sogar mit dem unter ihrer Führung zurückeroberten Schiff in die Raumschlacht zu ziehen und den vielfach überlegenen Feind in die x-te Dimension zu blastern. Eine tolle Leistung, aber so leider nicht im Militär-Protokoll vorgesehen, sodass sich Esmay weder belobigt noch befördert, sondern als Meuterer vors Kriegsgericht gestellt sieht. Denn Befehl ist Befehl, und wo kämen wir denn dahin, wenn ein Soldat sich in der Krise vom gesunden Menschenverstand leiten ließe? Esmay sieht’s ein und ergibt sich gefasst in ihr Schicksal.

Weil sie trotzdem ja irgendwie richtig gehandelt hat, stößt man sie nicht ohne Raumanzug aus einer Schleuse der „;Despite”, sondern versetzt sie nur auf das ölige Reparaturschiff “;Koskiusko” irgendwo am Arsch des Universums. Da die Lex Kirk („;Dramatische Ereignisse spielen sich ungeachtet jeder Logik stets dort ab, wo der Held/die Heldin sich gerade aufhalten.”) auch in Esmays Universum Gültigkeit besitzt, tauchen die Piraten und Terroristen der gefürchteten “;Bluthorde” auf, die besagtes Schiff erst erobern und dann entführen. Die Besatzung beugt sich feige den Schurken, aber ein Grüppchen tapferer Verteidiger hält sich tief in den Eingeweiden der „;Koskiusko” verborgen. Angeführt von Esmay und ihrer neuen Liebe, dem Haudegen Barin Serrano, stemmen sich die mutigen Krieger gegen die teuflische Übermacht, bis schließlich – man glaubt es kaum – …aber das soll an dieser Stelle Überraschung bleiben …

Auch Soldaten dürfen Mensch sein

Soldaten sind seit jeher alltäglich in den SF-Welten der Zukunft. Mal mehr, mal weniger deutlich treten sie auf, wobei sie das gesamte Handlungsspektrum zwischen Gutmensch und Killermaschine abdecken. Wer für das Militärische schwärmt, findet nicht nur im Genre Science Fiction Literatur, die den Kampf und diejenigen, die ihn führen, in den Mittelpunkt stellen und mehr oder weniger deutlich befürworten, verteidigen oder verherrlichen.

Ungeachtet der Häme, in die (auch oder gerade) ein (sich um Objektivität bemühender) Rezensent leicht verfällt, wenn es gilt ein Werk wie “;Heldin wider Willen” zu besprechen, soll ein Wort der Anerkennung am Anfang stehen: Die Verfasserin bemüht sich um eine Darstellung, die nicht ausschließlich in Blut-und-Blaster-Romantik schwelgt. Esmay Suiza ist kein Kampfroboter aus Fleisch und Blut, sondern ein Mensch mit positiven und negativen Charaktereigenschaften. Kadavergehorsam & Drill-Masochismus sind seit den Tagen der „;Starship Troopers” glücklicherweise ziemlich out, was andererseits der pazifistisch eingestellten Kritik auch wieder nicht Recht ist: Der druckerschwarze Feind, den es zu bekämpfen gilt, soll sich gefälligst weiterhin als Schwein gebärden. An dieser Stelle soll auf keinen Fall in die end- und fruchtlose “;Soldaten sind Mörder!”/„;Sind sie nicht!”-Debatte eingestimmt werden. Esmay und ihre Gefährten sind Soldaten – Punkt. Wer mit dieser Ausgangssituation nicht klar kommt, sollte sich die Lektüre von “;Heldin wider Willen” schenken.

Kampf als Bewährungsprobe und Abenteuer

Zweitens: Esmay & Co. wurden von der Unterhaltungs-Industrie rekrutiert: Moons Roman beschäftigt sich nicht „ernsthaft“ mit dem Mikrokosmos Militär, sondern ist primär dem kindlichen Spaß an Remmidemmi und Zerstörung geschuldet. Esmays Universum ist ein Abenteuer-Spielplatz, auf dem sich das Gute stellvertretend für die Leserschaft tüchtig austobt und die Bösen anders als in der frustrierenden Realität endlich einmal auf die Bretter schickt. Die breit ausgewalzten Jugendtraumata und andere Indizien scheinbarer Tiefgründigkeit sind deshalb letztlich nichts als Feigenblätter gegen die Entrüstung der politisch Korrekten; außerdem ist es schick, wenn ein Held eine kleine Macke hat – es lässt ihn oder in unserem Fall sie menschlicher wirken.

Wer dies nicht weiß bzw. zwischen Realität und Fiktion nicht trennen will oder gar zu gern über die Verrohung der Welt, die kühl kalkulierte Befriedigung niederer Instinkte & das nahe Ende der Zivilisation lamentiert, ist ebenfalls fehl am Platze bei unserer „;Heldin wider Willen”. Eng wird es für Elizabeth Moon zumindest in der objektiven Kritik – die “Falken„ mögen da anders denken – allerdings, wenn man nunmehr unter die Lupe nimmt, wie sie sich im Rahmen der selbst gewählten Spielregeln schlägt. Hier fällt Nachsicht allerdings schwer, da die Verfasserin ihrem Publikum ein gar zu schlichtes Garn vorsetzt. Was da über fast 600 Seiten abrollt, ist buchstäblich eine Räuberpistole, wie sie schon in den Pulps der 1930er Jahre ein wenig zu oft abgefeuert wurde. Grundsätzlich ist nichts gegen eine Wiederbelebung des wunderbaren Weltraum-Schwachsinns à la Flash Gordon einzuwenden – die “;Star Wars”-Saga zeigt, wie man’s richtig macht -, doch leider meint Moon es jederzeit bitter ernst mit ihrem Krawall-Epos: Humor ist ein Element, das in der „;Military Science Fiction” ganz und gar nicht geduldet wird.

Gehorsam & Disziplin als Maß aller Dinge

Ebenfalls übel wird es, wo Moon Gefühle ins Spiel kommen lässt – oder das, was sie dafür hält, wobei schriftstellerisches Unvermögen ein gewichtige Rolle spielen mag. Esmays Reise ins Herz der eigenen Finsternis ist besonders im ersten Drittel und noch einmal zum Schluss eine qualvoll in die Länge gezogene Lektion in sentimentalem Edelkitsch und unfreiwilliger Komik, aber echter Ärger kommt auf, wenn Moon Esmays ewigen Clinch mit den Vorgesetzten schildert. Diese gebärden sich als Herrscher über das Universum oder wenigstens jener Bereiche, in denen Rangabzeichen getragen werden, und verteilen zum Besten der Welt und ihrer ruppig geliebten Untergebenen fleißig Arschtritte, für die sie von den auf diese Weise Niedergestreckten um so heftiger respektiert werden. Esmays Befehlshabern unterläuft vielleicht der eine oder andere Fehler, der hier und da ein paar Köpfe rollen lässt, aber sie haben die Autorität und damit letztlich immer recht: Hier hört’s dann doch wohl auf mit des denkenden Lesers Bereitschaft, in Bereiche der SF-Welt zu gehen, wo er oder sie noch nie zuvor gewesen ist.

Die Vorgeschichte muss erraten werden

Nicht verantwortlich kann die Autorin indes für die Verwirrung gemacht werden, die den Leser auf den ersten einhundert Seiten immer wieder befällt. Da rekapituliert Esmay ausführlich dramatische Ereignisse, die sie augenscheinlich gerade überstanden hat. Aus dem Text geht klar hervor, dass besagter Leser eigentlich mehr darüber wissen müsste. Tatsächlich ist “;Heldin wider Willen” schon der vierte Teil eines groß angelegten Zyklus’, der sich locker um den Serrano-Clan rankt. Aus unerfindlichen Gründen startete der Bastei-Lübbe-Verlag also mittendrin; ob’s daran lag, dass unbedingt eine weitere starke Frau à la Honor Harrington in die Riege der verkaufsstarken SF-Helden aufgenommen werden sollte? Diese Rechnung kann nicht aufgehen, wenn die auf diese Weise geköderten Leser quasi ins kalte Wasser geworfen werden – oder fällt es in der MTV-Gegenwart schon nicht mehr ins Gewicht, dass ganze Stränge einer Handlung fehlen?

Möglicherweise liegt es auch daran, dass Moon sich für das Gelingen ihres Werkes nicht auf Kalliope, die Muse der Dichtung, verließ, sondern auf Konfusius, der sich gern vordrängelt …Zu sprung- und lückenhaft ist die Handlung selbst dort, wo sie sich nicht auf die Vorgeschichte stützt. Letztlich ist „Heldin wider Willen“ selbst als Military-SF kein Highlight des Genres.

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