Kethani von Eric Brown

Buchvorstellungund Rezension

Kethani von Eric Brown

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „Kethani“,, 304 Seiten.ISBN 184416473X.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „;Science Fiction, die keine ist?“77

Science-Fiction-Rezension von Marcel Buelles

Das winterliche West Yorkshire liegt unter einer Schneedecke, und als Khalid Azzam an diesem Abend nach Hause fährt, ahnt er noch nicht, dass er Augenzeuge des wichtigsten Ereignisses in der Geschichte werden wird. Aus dem Nichts erscheint ein fünfhundert Meter hoher Obelisk und landet in einem hellen Blitz mitten auf einem Feld. Er besteht aus einem Material, das zugleich wie Eis, Glas und Aluminium wirkt, und offensichtlich nicht menschlicher Natur sein kann. Am Tag danach erfährt die Menschheit, dass ein außerirdisches Volk namens Kéthani auf die Erde gekommen ist, und 110.000 dieser Obelisken geschickt hat, die für die Annahme eines Geschenks an die Menschen notwendig sind: Die Unsterblichkeit.

„Kéthani“ ist ein Buch, das in vielerlei Hinsicht nicht dem ersten Eindruck entspricht. Die Titelgestaltung lässt einen klassischen Science-Fiction Roman erwarten, der sich mit Außerirdischen und ihrem Besuch auf der Erde beschäftigt. Nichts dergleichen ist der Fall. Zu keinem Zeitpunkt im Verlauf der Geschichte ist es einem Menschen möglich mit Sicherheit zu behaupten, er hätte einen der Kéthani gesehen. Ihre überlegene Technologie, ihr Wissensvorsprung werden nur im Vorübergehen angesprochen. Das Buch handelt von einer Gruppe von Freunden, die sich jeden Dienstag Abend in einem malerischen Pub im kleinen Örtchen Oxenworth treffen, und wie sich ihr Leben und das aller Menschen im Lauf von über zwanzig Jahren durch das Geschenk der Kéthani verändert.

Ein weiteres Missverständnis ist der Begriff des „Romans“ für das letzte Werk Eric Browns. Seit 1997 hat er mehrere Kurzgeschichten um die Kéthani verfasst, die letzte stammt aus dem Jahr 2007. Für die Herausgabe dieses Buchs schrieb er noch das eine oder andere neue Kapitel, einige verbindende Texte, um die Sammlung loser Elemente mit einem festen Rahmen zu versehen. Im Grunde handelt es sich aber um eine Kurzgeschichtensammlung, die auf Romanlänge ausgedehnt wurde. Wie Brown in einem Interview erwähnte, liegt seine Stärke in der Kurzgeschichte, nicht im Roman, und wenn bei der Lektüre der Eindruck entstehen sollte, dass das eine oder andere Kapitel nicht flüssig ins andere überleitet, sich in Stil und Präsentation unterscheidet, dann ist das kein Zufall.

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul

Das Geschenk der Kéthani ist auf den ersten Blick eine einfache Angelegenheit. Wer die Unsterblichkeit will, lässt sich am Hals ein Implantat einsetzen, das beim Tod des Trägers die Kéthani informiert. Nano-Bots sichern das Bewusstsein und bereiten den Körper auf den Regenerationsprozess vor. Die Leichen werden abgeholt, über die Obelisken auf ein Raumschiff im Orbit geschickt, das die Menschen auf den Heimatplaneten der Außerirdischen bringt. Dort werden sie wiedergeboren und erhalten Unterricht, der ihnen Wissen der Kéthani vermittelt, um sie auf die Aufgabe vorzubereiten, ins Weltall hinauszugehen und anderen Spezies in ihrer Entwicklung zu helfen. Nach sechs Monaten kehren sie aber zuerst auf die Erde zurück, jünger und gesünder. Es steht den Menschen frei, bei Freunden und Familien zu bleiben oder ins Universum hinauszugehen, um als Botschafter der Kéthani zu arbeiten.

Den Kéthani und ihrem Geschenk schlägt zu Anfang viel Misstrauen entgegen, denn gerade religiöse Gruppen weigern sich zu glauben, dass das außerirdische Volk nur mit guten Absichten auf die Erde gekommen ist. Es bricht gewaltsamer Widerstand aus, der aber nach wenigen Jahren sein Ende findet, weil die Wiedergeborenen nach ihrer Rückkehr von ihren positiven Erfahrungen mit den Kéthani berichten. Sie sind dieselben Menschen, aber äußerlich und innerlich haben sie sich erheblich verändert. Als Konsequenz des Unterrichts gehören Gewalt und Kriminalität der Vergangenheit an, dank der Versorgung durch die Kéthani gibt es keine Armut und keinen Hunger mehr. Mit den Jahren wächst das Vertrauen, doch einige wenige haben immer noch Angst vor den Außerirdischen und der Unsterblichkeit.

Viele Köpfe denken mehr als einer

Brown wählt eine multiperspektivische Darstellungsweise, die den Verlauf der Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln beschreibt. Alle Mitglieder der Gruppe, die sich wöchentlich im kulturellen Zentrum Oxenworths trifft, dem Pub, tragen eine Facette zur Erzählung bei. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen ermöglichen es dem Autor, kontroverse Frage zu stellen. Welche Bedeutung hat Religion noch in einer praktisch endlosen Welt, wenn sie auf dem 'Leben danach’ basiert? Wie kann die Menschheit es ethisch vertreten, rituelle Selbstmorde zu begehen, nur um schneller die Unsterblichkeit zu erlangen und dem langweilig gewordenen Leben auf der Erde zu entkommen?

In den gut dreihundert Seiten stecken über zwanzig Jahre Erfahrungen menschlicher Natur. Der Verlust geliebter Menschen; Liebe, die nicht erwidert wird; das Gefühl von Schuld, das Leben eines Anderen verpfuscht zu haben; die Angst vor dem Tod; die Hoffnung auf ein neues Leben ohne Fehl und Tadel. Lehrer, Akademiker, Schriftsteller oder Arzt, sie alle tragen mit ihrer eigenen Sichtweise dazu bei, die Veränderungen zu dokumentieren, die das Geschenk der Kéthani bei den Menschen verursachen. Insgesamt ein gut lesbarer Text, den nur kleine Brüche oder Fehler behindern.

Ende gut, alles gut?

Im letzten Kapitel schafft es Brown mit einem katastrophalen Rückblick im Jahr 1.000 nach Ankunft der Kéthani (AK) ein neo-romantisches Klischéebild vom Glück der Menschen im Weltall zu zeichnen, das dem Roman fast das Genick bricht. Über dreihundert Seiten lang hat er die alltäglichen Probleme des menschlichen Daseins beschrieben, glaubwürdige Charaktere geschaffen, nur um dann am Ende nach einem kollektiven Gruppenselbstmord das unkritische Happy-End im Universum zu verkünden. „Es brauchte eine außerirdische Spezies, um uns wirkliche Menschlichkeit zu lehren“ ist der Slogan von „Kéthani“, und das fasst es auch gut zusammen. Was aber Menschlichkeit ist, was wir im Weltall wirklich tun, ob die Kéthani nicht doch andere Absichten hatten als ursprünglich angedeutet, das wirkt dann doch wie ein Kaugummibild im Stile von „Starship Troopers meets Rückkehr der Jedi-Ritter“, solange wir nur lange genug an die Macht glauben. Oder die Kéthani. Oder

Wer sich von der Umschlaggestaltung beim Buchkauf beeinflussen lässt, der wird bei „Kéthani“ sofort zugreifen, denn sie ist außergewöhnlich gut gelungen. Wer sich aber eher von Inhalt oder Anspruch überzeugen lässt, dem soll gesagt sein, dass den Leser am Ende das unangenehme Gefühl beschleicht, dass wir als Menschen weit hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben, dass wir nur aufgerüttelt werden müssten, um soviel besser zu sein, als wir es im Moment sind. Vielleicht ist es die Angst, dass unser Leben am Ende doch nur eine sinnlose Existenz ohne Sinn und Verstand ist. Da es nicht besonders viele Bücher gibt, die derart zum Nachdenken anregen, sollte man sich vielleicht deswegen dieses Buch leisten.

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