Fantasy, Community und das Internet

Warum blüht Fantasy ausgerechnet in einem Zeitalter rasant wachsender technischer Möglichkeit auf? Diese Frage findet man in der einen oder anderen Form ab und zu in Feuilleton-Artikeln zum Genre. Meistens wird dort von Technikmüdigkeit gesprochen, Überforderung und der Sehnsucht nach konservativen Werten. Fantasywelten wären ein Gegenentwurf zum techniküberfrachteten Alltag. Und an dieser Stelle kommt dann meist das Stichwort „Eskapismus“ ins Spiel. Auf dieses Unwort soll hier allerdings gar nicht weiter eingegangen werden.

Stattdessen möchte ich hier etwas erwähnen, das nicht so ganz zu dieser Feuilleton-Theorie passt. Zum einen sind da die nicht von der Hand zu weisenden großen Überschneidungen in der Leserschaft des „anti-technischen“ Genres Fantasy und der doch eindeutig technisch orientierten Science Fiction. Nicht umsonst werden beide Genres oft in einem Atemzug genannt.

Und dann gibt es da das Internet – definitiv ein Produkt des technischen Fortschritts, das dazu angetan ist, viele Leute zu überfordern. Eine einfache Googlesuche zeigt, dass es ausgerechnet dort zur Fantasy mehr Communities gibt als zu manch anderem Genre.

Communityfördernde Genres

Es gibt Genres, die die Communitybildung in großem Ausmaß anregen und solche, die das nur sehr begrenzt tun. Fantasy lässt sich zu ersteren zählen, Liebesromane zum Beispiel zu letzteren. Was nicht heißen soll, dass es im Internet (oder außerhalb davon) keine Communities zu Liebesromanen gibt. Es gibt zu diesem Genre allerdings tatsächlich weniger als z.B. zu Fantasy, Science Fiction oder auch Krimi bzw. Thriller. Dabei verkaufen sich Liebesromane momentan alles andere als schlecht. Woran liegt das also?

Andrea Bottlinger

Andrea Bottlinger hat Buchwissenschaft, Ägyptologie und Komparatistik studiert und ihre Magisterarbeit über den Fantasy-Boom im deutschen Buchmarkt geschrieben. Inzwischen arbeitet sie daran, sich eine Existenz als freie Lektorin und Autorin aufzubauen.

Autorenhomepage von Andrea Bottlinger

Communities entstehen, wenn mehrere Menschen das Bedürfnis verspüren, sich über etwas auszutauschen. Fantasyromane bieten hierzu mit ihren teilweise sehr detailliert ausgearbeiteten Weltenentwürfen viele Ansatzpunkte. Nicht zu übertreffen ist in dieser Hinsicht natürlich der „Herr der Ringe“. Um auch noch den letzten Winkel von Mittelerde zu kennen, muss ein treuer Tolkien-Fan einiges an Zeit aufwenden. Noch einmal mehr, wenn er sein Wissen von der Geografie und Kultur auf die Historie ausweiten will. Und noch einmal mehr, möchte er auch die diversen Sprachen und Schriftsysteme beherrschen.

Um Informationen zu allen diesen Themen auszutauschen und zu sammeln, und um über das gesammelte Wissen zu diskutieren, werden heutzutage Foren und Wikis gegründet. Doch das ist noch nicht alles. Ebenso wie Fantasywelten viele Ansatzpunkte für Diskussionen bieten, so bieten sie auch Ansatzpunkte, um selbst kreativ zu werden. Rollenspiele werden veranstaltet und Fanficton geschrieben.

Größere Reichweite

Früher fanden Diskussionen in Fanzines statt, auch Fanfiction wurde dort veröffentlicht. Doch natürlich ließen sich mit diesen von Fans für Fans hergestellten Heften, die oft am Kopierer vervielfältigt und auf diese Art verbreitet wurden, nicht unbedingt viele Menschen erreichen. Mit dem Aufkommen des Internets verlagerten sich Diskussionen und die Veröffentlichung von Fanfiction dorthin, was die Reichweite mit einem Schlag deutlich erhöhte.

Heutzutage ist es sehr leicht, eine Community zu finden, die den eigenen Interessen entspricht, man muss nur den passenden Begriff in eine Suchmaschine eingeben. Menschen, denen es früher schwer gefallen wäre, Gleichgesinnte zu finden, können dies nun mit ein paar Mausklicks tun. So ist es möglich, dass eine in einer Community ausgesprochene Buchempfehlung eine große Menge Menschen erreicht. Das macht die Verbreitung neuer Werke innerhalb des Genres einfacher. So einfach sogar, dass ein Artikel im Börsenblatt des deutschen Buchhandels aus dem Jahr 2001 den Erfolg der „Harry Potter“-Romane zu einem Teil auf das Internet zurückführt. Dort ist die Rede von „PC-zu-PC-Propaganda“. Durch Empfehlungen in Foren, Fanwebsites zu einem Buch, usw. werden anderen Internetnutzer auf das entsprechende Werk aufmerksam.

Möchte man die eingangs gestellte Frage also beantworten, sollte man daher vielleicht in exakt die entgegengesetzte Richtung denken als die verschiedenen Feuilletonschreiber. Um es stark vereinfacht zu sagen: Nicht die Sehnsucht nach einer weniger technisierten Welt treibt immer mehr Leser in die Arme der Fantasy, sondern neue technische Möglichkeiten machen eine größere Verbreitung des Genres möglich.