Der Unheimliche aus dem All von Fredric Brown

Buchvorstellungund Rezension

Der Unheimliche aus dem All von Fredric Brown

Originalausgabe erschienen 1961unter dem Titel „The Mind Thing“,deutsche Ausgabe erstmals 1965, 158 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Wulf H. Bergner.

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In Kürze:

Der Parasit kannte weder Gnade noch Mitleid. Sie hatten ihn auf einem unbekannten Planeten abgesetzt, 73 Lichtjahre von seiner Heimat entfernt. Die Welt, auf der sie ihn aussetzten, wurde von ihren Bewohnern „Erde“ genannt. Wenn er auf einer fremden Welt überleben wollte, dann müsste er töten, töten und nochmals töten – bis er den Menschen fand, dessen Wissen und Fähigkeiten ihm die Heimkehr zu den Sternen ermöglichen konnten …Die Geschichte einer unheimlichen Invasion.

Das meint phantastik-couch.de: „Eine klassische, hochklassige Invasion aus dem All“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Der „Parasit” – geboren auf einem Planeten irgendwo zwischen hier und dem Sternbild Andromeda – macht seinem “Namen” alle (Un-)Ehre. Er kann seinen Geist vom Körper befreien und sich in einem Wirtshirn einnisten, das er dann unterwirft und steuert. Da er weder Mitleid noch Rücksicht oder andere Gefühle kennt, ist er äußerst gefährlich für die meisten Bürger des bewohnten Alls. Allerdings nicht deshalb haben ihn seine Artgenossen auf einen abgelegenen Planeten abgeschoben, sondern weil er es sogar nach ihren Maßstäben zu toll getrieben hat.

Aber der Parasit ist ein hartnäckiger Zeitgenosse. Zu überleben und zurückzukehren ist sein Ziel. Schnell orientiert er sich in seinem Exil. Der Planet „Erde” ist reich an Lebensformen aller Art, die dem unheimlichen Besucher keinen Widerstand leisten können. Das gilt auch für die höchstentwickelte Spezies, “Mensch” genannt. Diese Menschen bestimmt der Parasit rasch zu seinen Wirten. Er gedenkt von Hirn zu Hirn zu springen, bis er eines gefunden hat, dessen Besitzer ihn wieder zurück in seine kosmischen Jagdgründe schicken kann. Dort will er dann seine Artgenossen über die Erde informieren; die Gesetze auf seinem Heimatplaneten sind so, dass man ihn darob mit offenen Tentakeln empfangen und sich anschließend umgehend zur Invasion rüsten wird.

An sich ein guter Plan, gäbe es da nicht einen Haken: Hat der Parasit einmal ein Opfer übernommen, kann er sich von diesem nur wieder lösen, wenn es stirbt …Da dem egoistischen Fremdling dies herzlich gleichgültig ist, steigt die Todesrate in jenem Winkel des US-Staates Wisconsin, in das es ihn verschlug, rapide an. In Bartlesville sind die Bürger freilich nicht besonders helle; gut für den Parasiten, der selbst nicht gerade subtil vorgeht und beim Sprung von Hirn zu Hirn eine breite Spur verendeter Tiere und selbstgemordeter Menschen hinterlässt. Als es einen urlaubsreifen Satelliten-Wissenschaftler in diese abgelegene Gegend verschlägt, wird es jedoch eng für den Parasiten. Dr. Staunton erkennt ein Muster in den mysteriösen Vorfällen in und um Bartlesville. Er kreist den Parasiten ein, bis dieser seine Deckung fallen lässt und zum Gegenangriff übergeht …

Das Grauen kommt nüchtern umso schlimmer daher

Wieder eine dieser kleinen, aber feinen Geschichten, die aus unerfindlichen Gründen von der Kritik gewogen und für zu leicht befunden wurden. Natürlich hat Fredric Brown Größeres geleistet als diese an sich recht schlicht gehaltene Story einer heimlichen Invasion aus dem All. Als Vollprofi ist ihm mit „Der Unheimliche aus dem All” nichtsdestotrotz ein zeitresistenter Science Fiction-Thriller gelungen, der sich auch heute noch spannend liest.

Eigentlich gilt Brown als Klassiker des Kriminalromans. Das schlägt sich im vorliegenden Werk durchaus nieder: Der Bodycount ist für einen SF-Roman erstaunlich hoch. Eine lange Reihe manchmal recht blutiger Selbstmorde werden sachlich, aber detailliert geschildert. Frauen und Kinder bleiben davon nicht ausgenommen – Brown scheint sich um das Wohlwollen zumindest der politisch korrekten Kritiker keine Sorgen gemacht zu haben.

Wobei Fredric Brown sowieso ein recht unkonventioneller Autor sein konnte. Er zählt mit Recht zu den raren SF-Schriftstellern, die über echten Humor verfügen und diesen in ihr Werk einfließen lassen können. Man sollte meinen, es gäbe wenig zu lachen in einem grimmigen Werk wie “Der Unheimliche ...”, aber dem ist gar nicht so. Brown schiebt seinen Lesern quasi nebenbei einige bittere Pillen unter. Sein Bild vom traulichen Bartlesville wirkt bei näherer Betrachtung recht sarkastisch. Das ehrbare Landvolk, besonders in der Unterhaltungsliteratur gern als Salz des Bodens verklärt, entpuppt sich hier als verschrobener, mürrischer, geistig unterbelichteter Haufen, was damit zusammenhängen mag, dass für Hochzeiter das Durchschnittsalter in Bartlesville bei 16 Jahren liegt …Der Sheriff hebt gern einen und schert sich dabei wenig um die Dienstzeiten. Sein erstes menschliches Opfer schnappt sich der Parasit, als dieses nach verbotenem Sex im Wald im postkoitalen Schlummer liegt. Wird ihm die Rückkehr auf die Heimatwelt gelingen, werden seine Mitparasiten ihn, den sie zuvor verjagten, umgehend zum Anführer ihres Invasionsheeres zur Erde ernennen …Milde Bosheiten wie diese verstreut Brown geschickt über den gesamten Text.

„Der Unheimliche aus dem All” mutet wie eine schnellere, böse Variation des Hal Clement-Klassikers “Needle” (1949/50; dt. „Die Nadelsuche”) an. Auch hier kommt ein Außerirdischer auf die Erde, der sich des Menschen als Wirt bedient – dies freilich als Symbiont, der mit seinem Gastgeber zusammenarbeitet, statt ihn zu knechten. Clements “Jäger” ist der „freundliche ET”, der einen kriminellen Artgenossen dingfest machen soll. Von dessen Untaten erfahren wir wenig. Was er auf Erden getrieben haben könnte, führt uns nun Fredric Brown vor Augen. Wieder einmal bestätigt sich, dass der Bösewicht in jeder Geschichte fast automatisch der interessantere Charakter ist …

Das Finale kennen erfahrene Leser ebenfalls. Brown “entlieh” es einem weiteren Klassiker: Jack Finneys „The Body Snatchers” (1954; dt. “Unsichtbare Parasiten” bzw. "Invasion der Körperfresser”). Schläft Doc Staunton ein, wird ihn der Parasit übernehmen. Wie er sich aus dieser Klemme windet, ist etwas enttäuschend. Hier setzt Brown offensichtlich jenes Quäntchen Moral ein, das er sich bisher hatte verkneifen können, ohne dass man es vermisst hätte. Am günstigen Gesamteindruck ändert dies glücklicherweise kaum etwas.

Kein Kampf zwischen Geistesriesen

Der Parasit ist ein geistig recht einfach gestrickter Geselle. Das wundert nicht, denn sein Denken und Handeln kreist allein um sein Überleben. Brown destilliert daraus einen überzeugenden Charakter, der Furcht erregend und fremd, aber nicht unbedingt abstoßend wirkt.

Trotz seiner überirdischen Fähigkeiten ist der Parasit kein Superwesen. Tatsächlich passt er gut zu den Bewohnern von Bartlesville. Er begeht unnötige Fehler, aus denen er selten lernt. Darüber ärgert er sich selbst, was ihn aber nicht zur Besserung treibt. Der Parasit ist mehr Instinkt als Intellekt, und genau das führt schließlich sein Ende herbei.

Doc Staunton ist – neben der fabelhaften Miss Talley – die einzige Menschenfigur, deren Intelligenzquotient die Raumtemperatur deutlich übersteigt. Wie er dem Parasiten auf die Schliche kommt, wirkt dennoch etwas aus der Luft gegriffen. Brown geht nicht weiter darauf ein sondern treibt seine Geschichte mit Tempo über diese und andere Schwachstellen hinweg. Ansonsten ist Staunton wacker und redlich und erfüllt insofern seine Aufgabe als Kontrahent des Parasiten. Mehr hat er auch nicht zu leisten. Es reicht, um den Lesespaß an diesem kleinen aber feinen und zu Unrecht in Vergessenheit geratenen SF-Thriller abzurunden.

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