Glühende Dunkelheit von Gail Carriger

Buchvorstellungund Rezension

Glühende Dunkelheit von Gail Carriger

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Soulless“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 416 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Anita Nirschl.

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In Kürze:

Nachdem Miss Alexia Tarabotti in Notwehr einen Vampir getötet hat, steht sie nun dem Alpha-Werwolf Lord Maccon gegenüber – dem Chefermittler der Queen für übernatürliche Angelegenheiten. Als dieser sich weigert, sie in die Ermittlungen einzubeziehen, beschließt Alexia, selbst nachzuforschen, was hinter dem Angriff auf sie steckt. Und plötzlich befindet sie sich nicht nur tief in einer Intrige gegen das Britische Empire – sie sieht auch ihr Herz durch den attraktiven Lord Maccon bedroht …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Weiblich...ledig...glühfähig...sucht Raubtier für gemeinsame Stunden“77

Fantasy-Rezension von Holger Wacker

Auf einer Abendgesellschaft wird Miss Alexia Tarabotti in der Bibliothek von einem Vampir angefallen. Dieses Verhalten ist sehr ungewöhnlich, leben doch Werwölfe und andere übernatürliche Wesen mit den Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft gemeinhin friedlich zusammen. Sie tötet den uncharmanten Zeitgenossen, der über keinerlei Etikette zu verfügen scheint, mit einer Haarnadel. Das Mysterium um diesen Vampir ruft Lord Conall Maccon auf den Plan, den Alpha-Werwolf von London und Leiter des BUR (Bureau of Unnatural Registry). Unterstützt wird er von seinem Beta-Werwolf Professor Randolph Lyall, einem Bekannten Miss Tarabottis. Sie wollen ermitteln, warum der Vampir nicht von Miss Tarabottis Seelenlosigkeit gewusst und sich auf der Gesellschaft so unziemlich verhalten hatte. Miss Tarabotti beteiligt sich an der Aufklärung, auch, weil weitere Halbwesen unnatürliche Abgänge erleiden und sie zur Verdächtigen wird. Die ständige Nähe Miss Tarabottis erregt anfangs Lord Maccons Unwillen, im Verlaufe der Handlung dann ihn selbst als Mann und Werwolf.

Halbwesen in einer Gesellschaftskomödie

In Großbritannien ist die „Comedy of Manners“, das während der Restaurationszeit im 17. Jahrhundert aufgekommene Gesellschaftsstück, ein beliebtes Genre. Die Komödien sind im Allgemeinen in der Oberschicht angesiedelt und nehmen satirisch das prätentiöse Verhalten derer aufs Korn, die sich für gesellschaftlich und moralisch überlegen halten. Witzige bis geistreiche Dialoge und raffinierte Szenarien sind charakteristische Merkmale, gesellschaftliche Sitten und die Geschlechterbeziehungen ebenso Themen, wie die Hochzeit und Ehe. Die Figuren sind weniger Charaktere denn Abziehbilder, wie Heuchler, Narren, eifersüchtige Ehemänner, sich ständig einmischende Eltern, die Kommunikation ist häufig bestimmt durch Missverständnisse. Der wohl berühmteste Autor derartiger Komödien ist Oscar Wilde („The Importance of Being Earnest“).

Das Moment der Gesellschaftskomödie wird wesentlich ausgespielt in der Beziehungsentwicklung zwischen Miss Tarabotti und Lord Maccon. Miss Tarabotti ist eine der „New Women“, wie sie aus den Stücken von George Bernard Shaw bekannt sind, als Gegenentwurf zum viktorianischen Frauenbild.

Nun spielt Frau Carriger, die mit ihrer Heldin diesen Frauentyp direkt in ihrem viktorianischen Setting unterbringt, in einer ganz anderen Liga als die Herren Wilde und Shaw. Aber ihr Roman ist in Form und Inhalt mit dieser Sujet-Zuweisung gut erfasst. Zu den weiteren Akteuren in Carrigers Ermittlungsstück gehören Figuren wie der unabhängige schwule Vampir Lord Akeldama und Miss Tarabottis beste Freundin Ivy, eine junge Frau, die eine Neigung zu äußerst albernen Hüten entwickelt hat. Sie besetzt eine Hosenrolle, ist lesbisch und – zum Glück – Französin.

Dass Frau Carriger es nicht so mit der Logik hat und sich überwiegend an der Oberfläche dessen aufhält, was der Themenkomplex herzugeben in der Lage wäre, dass sie zudem witzig und unterhaltsam ist, das wurde schon in der Rezension zum zweiten Band der Reihe zutreffend angemerkt. Deshalb wird es an dieser Stelle nicht wiederholt. Es sei jedoch hinzugefügt, dass die spritzigen Dialoge und Alexias Gedanken der „Comedy of Manners“ durchaus angemessen sind.

Dem Charakter des Romans entsprechend, beschreibt Carriger bis zur Erschöpfung die Kleidung ihres Personals. Da alle Beteiligten ihrem jeweiligen Dresscode folgen, und der Begriff selbst schon auf das Element der Codierung verweist, mag sich für manche Leser ein sinnvoller Anreiz ergeben, nicht nur zum Zeitvertreib oder zur Erzeugung wie auch immer begründeten interaktiven Lesens, zum tieferen Verständnis der Zeit, der Gepflogenheiten und der Figuren diese Codierungen unter Verwendung einer oder mehrerer Suchmaschinen zu entschlüsseln. Dabei dürften sie auch auf eine englische interaktive Website zum Buch stoßen (http://www.orbitbooks.net/soulless/), die die Möglichkeit bietet, eine „seelenlose viktorianische Anziehpuppe“ mit mehr oder weniger aufregender Unter- und Oberbekleidung zu versehen.

Integration ist kein Thema mehr

„Glühende Dunkelheit“ ist der erste Roman in einer Serie, vielleicht einer Trilogie, die im Original „The Parasol Protectorate“ heißt und in den deutschen Übersetzungen ohne Reihennamen auskommt. Carriger bereitet einen Cocktail aus Urban Fantasy, Romance, Humor und Steampunk. Sie präsentiert den Lesern ein viktorianisches England als Alternativwelt, in der allgemein bekannt ist, dass übernatürliche Wesen existieren, einige von ihnen sind sogar Berühmtheiten und haben eine Fangemeinde.

Die Integration dieser Wesen in die menschliche Gesellschaft ist vollzogen. Sie haben über die Jahrhunderte ihres Wirkens, nach dem zum Teil besser nicht gefragt wird, erheblichen Reichtum angehäuft und gehören gewisser Maßen zum Geldadel. Sie arbeiten zum Teil sogar für die Regierung. Man könnte sagen: sie sind in der Gesellschaft angekommen.

Ein wenig Jane Austen

Miss Alexia Tarabotti ist als „Außernatürliche“ und Halbitalienerin mit ihren 26 Jahren auf dem Heiratsmarkt eher ein Problemfall. Sie ist nicht nur eine Heldin, die nicht gut aussieht. Ein weiteres Plus ist auch ihre Fähigkeit, ihr Betriebssystem eigenständig zu verwenden – eine Ungeheuerlichkeit zur Handlungszeit des Romans.

Da sie keine Seele besitzt, können die Halbwesen ihr auch nichts anhaben. Sobald sie sie berührt, sind ihre Kräfte neutralisiert. Dies führt gelegentlich zu pikanten Szenen zwischen ihr und Lord Maccon.

Die den Titel gebende Dunkelheit der deutschen Fassung des Romans glüht in einem viktorianischen London. Das Glühen verursachen vermutlich die beiden sich ineinander verliebenden Helden. Miss Tarabotti und Lord Maccon sind füreinander bestimmt. Schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen wird dies deutlich. Ein Mysterium des Romans ist, wie sie sich beim Wirken derart intensiver Anziehungskräfte überhaupt noch von einander wegbewegen können. Die sexuelle Spannung zwischen beiden lädt das Papier nachgerade auf. Deshalb bedeutet der Hinweis auf die anstehende Verbindung beider nur einen „Spoiler“ für durch ihre Seelenlosigkeit in der Wahrnehmung beeinträchtigte Leser und Leserinnen.

Vermutlich schneidet ein VW Golf im Vergleich mit einem Maserati schlecht ab. In der belletristischen Golf-Klasse ist Gail Carrigers „Glühende Dunkelheit“ eine sehr amüsante und lesenswerte Fantasygeschichte.

(Holger Wacker, September 2011)

Ihre Meinung zu »Gail Carriger: Glühende Dunkelheit«

tassieteufel zu »Gail Carriger: Glühende Dunkelheit«01.08.2011
Miss Alexia Tarabotti ist auf Grund ihres italienischen Vaters, ihrer dunklen Hautfarbe, weiterer kleiner Makel und wegen ihres resoluten Wesens eine alte Jungfer geworden, als sie sich während eines Balles in die Bibliothek zurück zieht, wird sie dort von einem Vampir angegriffen und tötet diesen in Notwehr. Das ruft Lord Maccon auf den Plan, den Chefermittler der Queen für übernatürliche Angelegenheiten. Lord Maccon ist nicht nur ständig übellaunig und brummig, er ist auch ein Werwolf und er weigert sich, Miss Tarabotti in die Ermittlungen einzubeziehen, doch die resolute Person wäre natürlich nicht sie selbst, wenn sie sich etwas vorschreiben
liesse und so stößt sie schon bald auf eine Verschwörung gegen das Übernatürliche und es kommt zu einer Reihe von Treffen mit Lord Maccon, die nicht folgenlos bleiben.

Gail Carriger ist mit ihrer Mischung aus Histo und Fantasy ein extrem humorvolles und kurzweiliges Buch gelungen, das Lust auf Mehr macht! Die Idee einer viktoriansichen Parallelwelt, in der es Dampfmaschinen, Luftschiffe u. allerlei absonderliche technische Errungenschaften gibt und die zudem auch von Vampiren u. Werwölfen bevölkert wird, fand ich extrem gelungen
zudem mich ja die viktorianische Zeit sowieso immer sehr anspricht. Die von steifen Konventionen geprägte Gesellschaft in Verbindung mit allerlei schrägen Charakteren, sie sich permanent in skurile Situationen bringen, führt zu diversen, sehr unterhaltsamen Szenen, bei denen ich teilweise schallend lachen mußte. Sicher ist der Humor Geschmackssache, nicht jeder wird ihn mögen, aber mir hat diese ungewöhnliche Mischung sehr gut gefallen und ich hoffe, das diese Reihe mal komplett ins Deutsche übersetzt wird.
Man merkt dem Buch an, daß sich die Autorin sehr gut in der viktorianischen Zeit auskennt u. so wird diese Ära mit viel Liebe zum Detail geschildert, ebenso wie die Figuren, die allesamt sehr gut gelungen sind. Die Liebesgeschichte rund um Alexia nimmt natürlich recht viel Raum
ein und normalerweise ist das sonst nicht so mein Fall, aber die äußert unterhaltsame, mit viel Wortwitz und Situationskomik gespickte Erzählweise gleicht das doppelt wieder aus, da kann man schon drüber hinwegsehen, daß die eigentliche Handlung rund um die Verschwörung gegen die Übernatürlichen ein wenig zu kurz kommt.
Ich bin froh,das ich mich von dem sehr irreführenden Buchtitel nicht habe abhalten lassen, das Buch zu kaufen, da wäre mich doch glatt etwas entgangen!

Fazit: Humorvoll, witzig, etwas "bissig" u. mit einer charmanten Heldin kann man hier köstliche Lesestunden verbringen! Sehr gelungene Kombination von Histo und Fantasy, ich hab mich wunderbar amüsiert und freue mich schon auf den 2. Teil der im Juli erscheint.
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