Der Ausgestossene von Graham Masterton

Buchvorstellungund Rezension

Der Ausgestossene von Graham Masterton

Originalausgabe erschienen 1983unter dem Titel „The Pariah“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 432 Seiten.ISBN 3935822782.Übersetzung ins Deutsche von Michael Plogmann.

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In Kürze:

In einem Schiffswrack vor der neu-englischen Küste wartet ein uralter Dämon auf den Tag seiner Freiheit. Als dieser gekommen ist, steigen die Toten aus ihren Gräbern. Sie wollen die Lebenden zwingen, besagten Dämon endgültig von der Kette zu lassen. Es beginnt ein mörderisches Duell, das über Fortbestand oder Untergang unserer Welt entscheidet… – Angenehm altmodischer, d. h. ideenreicher, zwar auf den vordergründigen Schrecken, aber sorgfältig recherchierter und atmosphärischer, dabei teilweise sehr drastischer Grusel-Thriller, dessen spannende Geschichte unter diversen unnötigen Längen sowie unfreiwillig komischen Sexszenen leidet.

Das meint phantastik-couch.de: „;Ein böser Geist schmachtet im alten Schiff“;70

Horror-Rezension von Michael Drewniok

John Trenton trauert: Vor einem Monat kam seine junge Gattin bei einem Autounfall ums Leben. Der Antiquitätenhändler bleibt allein zurück im Quaker Lane Cottage, gelegen auf der neu-englischen Halbinsel Granitehead des US-Staats Massachusetts.

Trenton muss psychologisch betreut werden. Er glaubt daher an eine Halluzination, als sich des Nachts etwas zu manifestieren beginnt, das man für den Geist seiner Ehefrau halten könnte. Allerdings muss er feststellen, dass seine Nachbarn und Freunde ihm dies ein wenig zu eifrig einreden wollen. Eigene Recherchen ergeben Merkwürdiges: Granitehead stand Ende des 17. Jahrhunderts mit im Brennpunkt der berüchtigten Hexenprozesse von Salem. Esau Haskett, ein ebenso reicher wie undurchsichtiger Reeder und Händler, der dem Satanismus anhing, konnte sich 1692 nach Granitehead in Sicherheit bringen.

Er kam nicht allein: An Bord der David Dark wurde ein unheimlicher Passagier, der aztekische Dämon Mictantecutli, transportiert. Das Schiff erreichte seinen Hafen freilich nicht, sondern versank; Haskett tilgte alle Spuren seiner Existenz. Seine Zeitgenossen und ihre Nachfahren folgten seinem Beispiel. Trotzdem ist es in Granitehead seither nie wieder geheuer gewesen. Gespenster gehören hier zum Alltag. Das ist unerfreulich, zumal besagte Geister den Lebenden gern körperlichen Schaden zufügen.

Der zunächst ungläubige Trenton lässt sich überzeugen. Schließlich ist er Zeuge, als der verstorbene Gatte seiner Nachbarin diese auf höchst unschöne Weise zu Tode bringt. Außerdem findet Trenton einen Verbündeten. Der junge Historiker Edward Wardwell beschäftigt sich schon lange mit der Suche nach Graniteheads heimlicher Geschichte. Sein größter Triumph steht unmittelbar bevor: die Entdeckung der David Dark, der sogleich die Bergung folgen soll – Wardwell dürstet danach, die ominöse Ladung zu untersuchen. Dieser Wunsch wird ihm erfüllt, aber leider öffnet sich dadurch das Tor zur Hölle, und der seit drei Jahrhunderten in seinem nassen Gefängnis schmachtende Mictantecutli, den selbst seine Dämonenkollegen für so bösartig und niederträchtig halten, dass sie ihn aus ihren Reihen ausgestoßen haben, legt erwartungsgemäß keine Dankbarkeit an den Tag…

Masterton-Geister: geil & handgreiflich

Festas Start in eine neue Taschenbuch-Reihe beginnt erfreulich preisgünstig und mit einem (leichten) Donnerschlag. Graham Masterton gehört sicherlich nicht zur ersten Garnitur der zeitgenössischen Phantastiker, aber sein Handwerk versteht er und legt ein Gruselgarn von altem Schrot und Korn vor. Das liegt auch daran, dass „;Der Ausgestoßene“; ein ziemlich angestaubter Roman ist, der bereits 1983 erschien. (Wieso wird das eigentlich nicht im Impressum erwähnt, wie es sich gehört?) Seither setzte er zwar ein wenig Patina an, die nach einigem Reiben indessen um so gruseliger glänzt.

Schon die Ausgangssituation verspricht viel; sie ist wiederum nicht originell, aber bewährt: Eine vom kalten, meist tobenden Meer umgebene Insel, bewohnt von einer überschaubaren Menschengruppe, vom Festland und von jeder Rettung in entscheidender Krise abgeschnitten, belagert von garstigen Spukgestalten, die schaurig-schön verwittert (und geil – eine typische Masterton-Ergänzung) des Nachts aus ihren Gräbern kriechen.

Fabelhaft gelingt es Masterton, das Grauen von Granitehead in einer teils realen, teils fiktiven Vergangenheit zu verankern. Die Hexenprozesse von Salem sind unrühmlich in die US-amerikanische Geschichte eingegangen. Masterton geht davon aus, dass hinter den Ereignissen von 1692 tatsächlich teuflische Mächte stecken. Politisch korrekt ist das sicher nicht, aber es funktioniert, weil Masterton genau weiß, wie er die historischen Quellen zu verwirbeln hat.

Die von der Literaturkritik so geliebte, weil das phantastische Element angeblich adelnde „;Hintergründigkeit“; der Handlung bleibt außen vor. Hier wird handfest gespukt, das volle Mondlicht fällt quasi auf unsere ausgesprochen hässlich anzuschauenden Gespenster, die auf gute, alte „;Buh!“;-Weise erschrecken sollen.

Wie so oft findet Masterton in diesem Punkt allerdings das rechte Maß nicht. Wie präzise schildert man das Übernatürliche? Dies ist ein alter Streitpunkt in der Phantastik. Selbstverständlich wirkt es am nachhaltigsten, wenn sich der Besuch von drüben dem Leser quasi nur aus dem Augenwinkel nähert. Solche Zurückhaltung ist Mastertons Sache nicht, zumal zu fragen ist, ob er über das dafür erforderliche Talent verfügt.

Er stellt sich trotzdem unverdrossen der Herausforderung, Mictantecutli, sein Geisterpack und ihr gar schauerliches Spuken und Morden in geradezu filmreifen Bildern zu beschwören. Das funktioniert in der Regel gut; leider übertreibt es Masterton dann besonders in der zweiten Hälfte. Das Gruseln schlägt nun immer wieder in Grinsen um, wenn sich Mictantecutli, der angeblich übermächtige, unsterbliche Herr über die Gefilde der Toten, wie ein Butzemann aus einem B-Movie aufführt. Seine Grässlichkeiten sind kindisch, aber noch schlimmer sind die Phrasen, mit denen er uns foltert, wenn er die Realisierung eindimensionaler Träume voll Terror und Gewalt androht: Sogar Dämonen können ganz schöne Spießer sein… Da ist es zu begrüßen, dass Mictantecutli nur als Gast in seiner eigenen Geschichte auftaucht.

Zum Horror dieser Preisklasse gehört Sex. Auch hier geht es plakativ und ungewöhnlich deutlich zur Sache. Masterton arbeitet schließlich sein drei Jahrzehnten für allerlei Herrenmagazine. Auf diesem Niveau bewegen sich denn auch seine (glücklicherweise raren) lüsternen Einschübe: hochnotpeinliche Rammel-Fantasien aus einer Zeit, als „;Schweinereien“; noch rotohrig unter der Ladentheke gehandelt wurden.

Dass Masterton nach gelungenem Auftakt das Finale in den Sand setzt, ist kein Problem, das nur dieses Werk betrifft. Liest man seine anderen Romane – eine kleine Auswahl ist durchaus auch hierzulande antiquarisch greifbar -, geht auch denen notorisch die Luft aus. So bestätigt Masterton ein letztes Mal, dass er auch dann, wenn ihn der Ehrgeiz packt und er episch wird, kein wirklich „;guter“; Autor ist. Gelingt es, die Enttäuschung darüber zu zügeln und sich in Spektakellaune zu versetzen, liest sich „;Der Ausgestoßene“; dennoch flott und vergnüglich, auch wenn sich die Geschichte wie die Gespenster von Granitehead als recht flüchtig erweist und im Hirn wenig haften bleibt, sobald das Ende erreicht ist.

Köpfe rollen ohne Leser-Grollen

Dem Urteil über die Handlung entsprechend fällt die Bewertung des Romanpersonals aus. Graham Masterton ist ganz sicher kein Stephen King. Soll heißen: Wo der von der Kritik so gern geschmähte Kollege aus Maine mit sicherer Hand Durchschnittsfiguren in ein echtes literarisches Leben ruft, greift Masterton vor allem auf Klischeebausteine zurück.

John Trenton ist ein vom Schicksal arg gebeutelter Charakter. Trotzdem bleibt er uns Lesern herzlich gleichgültig bzw. wirkt sogar bald unsympathisch. Masterton misslingt es, Trenton zur Identifikationsfigur zu formen. Wenn der gute Mann so sehr seiner gerade tragisch verstorbenen Gattin hinterher trauert, wieso hüpft er mit der deutlich jüngeren (und knackigen) Ginny ins Bett? Und warum riskiert er trotzdem Kopf, Kragen und die Freiheit der Welt, um sie mit Mictantecutlis Hilfe aus dem Jenseits zurückzuholen? Zumal sich Jane als Geist nicht gerade von ihrer liebenswerten Seite gezeigt hat…

Ähnlich flau wirken die übrigen Bewohner von Granitehead. Sie sind Schauspieler nach Mastertons Gnaden, und sie sind wirklich nicht gut. Erstaunlich, wie redselig diese Bürger in Sachen Geisterspuk plötzlich werden, nachdem sie dreihundert Jahre eisern den Mund gehalten haben. Insgesamt decken sie das Spektrum zwischen hinterwäldlerisch tumb und bieder ab und dienen Masterton hauptsächlich als Dämonenfutter. Obwohl sie hübsch hässlich zu Tode kommen, tun sie einem niemals leid. Dies schließt fatalerweise auch diejenigen Figuren ein, die uns der Verfasser eigentlich ans Herz legen möchte.

So bleibt unterm Strich ein angenehm altmodischer, d. h. ideenreicher, zwar auf den vordergründigen Schrecken beschränkter, aber sorgfältig recherchierter und atmosphärischer, dabei teilweise sehr drastischer Grusel-Thriller, dessen spannende Geschichte etwas unter diversen unnötigen Längen sowie unfreiwillig komischen Splatter- und Sexszenen leidet: garantiert kein Höhepunkt des Genres, aber eine lesenswerte Lektüre.

Ihre Meinung zu »Graham Masterton: Der Ausgestossene«

Konrad Wolfram zu »Graham Masterton: Der Ausgestossene«01.01.2011
An "DIE OPFERUNG" reicht "DER AUSGESTOSSENE" von Graham Masterton nicht heran. Einige wohlige Schauer mag dieser Roman aber durchaus bereiten, trotz das der Dämon selbst eher 08/15 mäßig beseitigt werden kann. In diesem Punkt liegt die größte schwäche des Romans. Lesenswert ist der Roman aber in jedem Fall!
Alexi1000 zu »Graham Masterton: Der Ausgestossene«26.09.2010
Das war mein erster Roman von Masterton, und hat mir wirklich sehr viel Spaß gebracht!
Es wird (für Masterton üblich) sehr viel aus dem Lovecraft' schen Universum zitiert, aber der Roman baut wirklich gut Spannung auf, die Geschichte und Charaktere sind interessant, und es ist streckenweise wirklich "angenehm" gruselig.
Eine schöne Veröffentlichung von Festa, das Cover verwirrt zwar etwas, stellt aber auch eine Hommage an Lovecraft dar...

wirklich gute 80°.
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