Die Opferung von Graham Masterton

Buchvorstellungund Rezension

Die Opferung von Graham Masterton

Originalausgabe erschienen 1992unter dem Titel „Prey“,deutsche Ausgabe erstmals 2005, 379 Seiten.ISBN 3935822995.Übersetzung ins Deutsche von Ralph Sander.

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In Kürze:

David Williams hat den Auftrag angenommen eine verrufene Villa aus dem 19. Jahrhundert zu renovieren. Zusammen mit seinem kleinen Sohn Danny zieht er in das alte Gemäuer, doch bereits in der ersten Nacht werden sie von unheimlichen Geräuschen geweckt – etwas Großes und Ruheloses bewegt sich oben auf dem Dachboden.
Damit beginnt der Albtraum aber erst: Existiert das Haus tatsächlich, oder ist es nur eine Spiegelung aus der Vergangenheit oder der Zukunft? Und sind es wirklich Geister, die das Haus heimsuchen? David ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert, aber die Wahrheit ist weitaus grausiger als er sie sich je vorzustellen vermochte.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Auf den Spuren von H.P. Lovecraft“78

Horror-Rezension von Jochen König

Als David Williams sich darauf einlässt, die Villa namens „;Fortyfoot House“ auf der Isle Of Wight zu renovieren, hat er keine Ahnung, dass er sich auf einen Ausflug in die Hölle begibt. Gemeinsam mit seinem Sohn Danny bezieht er das ehemalige Waisenhaus, das nicht nur beunruhigend wirkt, weil es einen eigenen Friedhof besitzt, auf dem übermäßig viele Kinder begraben sind. Bald mehren sich die Anzeichen, das Unheimliches zugange ist. Seltsame Geräusche auf dem Dachboden, Bilder an den Wänden, deren Inhalte sich verändern, halluzinierende Begegnungen mit längst Verstorbenen, und ein beängstigendes Wesen, das Vater, Sohn und der vagabundierenden und gerne aufgenommenen Studentin Lisa bedrohlich nahe kommt. Die Bevölkerung des Ortes weiß Bescheid um die Gerüchte, die sich um das Fortyfoot House ranken, um seinen grauenhaften Bewohner Brown Jenkin, jene unselige Kreatur, halb Ratte halb Mensch, Sendbote einer höllischen Xanthippe namens Keziah Jones, die ihrerseits dafür sorgen soll, dass die „;großen Alten“ ihren Weg zurück auf das Antlitz der Erde finden. Dafür benötigen sie Kinder als Opfer. Viele Kinder. Doch David Williams macht sich auf, den beiden und ihren Handlangern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und wenn es nötig sein sollte, die Zeit zu manipulieren. Denn das Fortyfoot House ist eine Schnittstelle zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hier verschmelzen Zeitebenen und alles scheint möglich. Hoffnung ebenso wie das endlose Grauen.

Mit der „;Opferung“ begibt sich Graham Masterton auf die Spuren H.P. Lovecrafts. Sowohl das Mischwesen Brown Jenkin wie die Hexe Keziah Jones sind Figuren aus „;Dreams In a Witch House“, einer der eindrucksvollsten Kurzgeschichten Lovecrafts. Wo Lovecraft es bei Andeutungen belässt, die nicht nur dem Medium Short Story geschuldet sind, malt Masterton seine Geschichte breit aus. Immerhin heißt es einen knapp 400-seitigen Roman zu füllen. Masterton wird nie ein großartiger Stilist werden – obwohl er vermutlich dazu in der Lage wäre, wenn er sich beim Verfassen seiner Bücher genug Zeit lassen würde – baut er von Beginn an Spannung auf, hält das Level bis zum Ende aufrecht und steigert es teilweise sogar. Was mit unheimlichen Geräuschen und ängstlichen Hetzjagden nach einem schattenhaften Eindringling startet, wird für Williams zu einer Herausforderung, die sein Weltbild in Frage stellt und in der Zeit und Raum keine festen Einheiten sind. Auf der Suche nach der finsteren Geschichte des Fortyfoot Houses, nach einer Lösung für die seltsamen Vorfälle, begibt sich Williams auf eine Reise in das Dunkel eines zerstörerischen Geistes. Denn am Ende seiner Exkursionen durch die Zeit warten Wesenheiten, die ihren Platz auf der Erde wieder einnehmen wollen, sobald die Bedingungen dafür geschaffen sind.

Hier muss sich der Leser entscheiden, ob er die alten Götter, die sich nicht entfalten können, weil die Erdatmosphäre zu sauber ist, als unfreiwilligen Gag abhakt, oder das Ganze als visionären Ausblick auf die Ausläufer einer globalen Klimakatastrophe betrachtet. Deutlich wird allerdings, dass das Erzeugen des „;kosmischen Grauens“, das Lovecraft so gut beherrschte, nicht Mastertons Ding ist. Lovecraft riss nur kleine Löcher in die wabernden Schatten, die seine unheilvollen Gottheiten verhüllten, ihm genügten kurze, oft stakkatohafte Anspielungen, die das namenlose Grauen effektiver beschworen, als ausführliche Darstellungen es getan hätten. Brown Jenkin Gestalt und Motivation zu geben, nimmt ihm viel von seinem nicht fassbaren Schrecken; es macht ihn zum Pendant eines herkömmlichen Serienkillers mit außerordentlichen Fähigkeiten – nichtsdestotrotz gefährlich. Graham Masterton bewegt sich dort auf sicherem Gebiet, wo nachvollziehbare Phobien an Gewicht gewinnen, wo ein vorsichtiger Gang auf den Speicher zur existentiellen Bedrohung wird. Masterton, Grobmotoriker, der er sonst ist, hat ein feines Gespür für das Erzeugen von dunklen Stimmungen, und das spult er gekonnt ab. Logische Entwicklungen interessieren ihn wenig, seine Figuren sind erschaffen worden, um dem Horror entgegen zu treten. Warum sonst sollte der liebende Vater seinen Sohn nicht aus jenem Bereich entfernen, in dem augenscheinlich Dutzende von anderen Kindern gewaltsam ums Leben gekommen sind?

Leicht problematisch wird auch das Thema der Zeitreise abgehandelt. Denn nie wird klar, warum Williams und seine Helfer genau an jenen Zeit-Punkten eintreffen, die relevant für den Fortgang der Geschichte sind. Und wenn die Zeitreisen bewusst gesteuert werden können, was sich zumindest andeutet, wieso ist noch niemand zu einem Datum gereist, ehe die gestaltsuchende Hexe ihr erstes Opfer findet? Fragen über Fragen, die keine befriedigende Antworte finden werden. Doch diesmal ist es gar nicht so relevant. Denn ohne Umschweife: „;Die Opferung“ ist eines von Mastertons besten Büchern. Eine wundervoll altmodische Geschichte, die mehr ihrer atmosphärischen Schilderung des schleichenden Grauens verdankt, als dem Schielen nach in Eingeweiden suhlenden Splatterorgien. Leider lässt sich Masterton an wenigen Stellen auf das überflüssige Wühlen im Gekröse ein, ebenso wie er ein paar gynäkologische Turnübungen auswalzt, in denen er seiner Vergangenheit als Autor von Sexheften huldigt. Das zieht den Roman zwar nicht tief hinunter, aber zwingend nötig ist es auch nicht. So beschwört „;Die Opferung“ nicht das große Grauen, die gänsehauterzeugende Vision einer kompletten Machtübernahme durch Cthulhu, Yog Sothoth und ihr Gefolge, aber als Buch über den nachvollziehbaren „;kleinen“ Horror, funktioniert es ausgezeichnet. Wenn jemals der beste Roman für angehende und ausgebildete Dachboden-Phobiker prämiert werden sollte, „;Die Opferung“ hätte gute Chancen auf den ersten Platz.

Ihre Meinung zu »Graham Masterton: Die Opferung«

Alexi1000 zu »Graham Masterton: Die Opferung«07.07.2009
Dieser Roman ist eindeutig eine Hommage an Lovecraft, die allerdings so weit geht sogar Figuren wie Brown Jenkin (die Ratte mit dem menschlichen Gesicht) zu adaptieren.
Masterton schafft aber eine schöne "unheimliche" Atmosphäre, die sich langsam und stetig steigert.
Einzig das "Zeitreise"-Element in der Handlung hat mich etwas gestört.
Ansonsten für mich der beste Masterton, den ich bis jetzt gelesen habe.

Fazit: ein ganz netter "Grusler" für zwischendurch, ich vergebe 80°.
SordisPretiosa zu »Graham Masterton: Die Opferung«16.04.2009
Es hat sehr lange gedauert, bis in dem Buch etwas geschah, was ich wirklich als "Horror" bezeichnen würde, aber dann - zugegeben - gab es ein paar fein-eklige Highlights.

Trotzdem war es mir an manchen Stellen einfach zu lang gezogen und irgendwie... zu einseitig.
Auch den Fakt, sich Brown Jenkin von Lovecraft auzuleihen, fand ich anfangs recht interessant, dann aber eher uninnovativ.

Hätte also besser sein können, aber die Horror-Höhepunkte und ein fast schon apokalyptisches letztes Fünftel des Buches machen das wieder ein wenig wett.
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