Irre Seelen von Graham Masterton

Buchvorstellungund Rezension

Irre Seelen von Graham Masterton

Originalausgabe erschienen 1989unter dem Titel „Walkers“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 448 Seiten.ISBN 3865521649.Übersetzung ins Deutsche von Sandra Schindler.

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In Kürze:

Die alte aufgegebene Irrenanstalt im Wald ist nicht verlassen. Oh nein. In den Wänden wimmelt es vor …vor Wahnsinn?
Jack Reed stößt im Wald von Wisconsin auf ein verlassenes Gebäude, das einst eine bekannte Heilanstalt war. Vor fast 60 Jahren wurde sie aus düsteren Gründen aufgegeben.
Jack will das alte Haus sanieren, um dort ein Ferienhotel zu eröffnen. Doch es beherbergt gefährliche Geheimnisse: 135 geisteskranke Patienten verschwanden mithilfe von Druiden-Magie »in die Wände« – und dort leben sie noch immer.
Nun hält sie nichts mehr auf …Angeführt von dem bösartigen Quintus kidnappen sie Jacks kleinen Sohn und fordern die Rückkehr des Priesters, der sie damals einfing …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Mörderische Griffe aus harten Wänden“80

Horror-Rezension von Michael Drewniok

John Reed ist unzufrieden. In der Ehe mit Maggie kriselt es, und die Arbeit langweilt ihn. Nur der neunjährige Sohn Randy und die propere Sekretärin Karen sorgen für familiäre bzw. sündige Gefühle. Seinen eigentlichen Lebenstraum hat Reed verdrängt aber nicht vergessen: Gern würde er auf dem Land einen Country Club führen.

Als er während einer Geschäftsreise im US-Staat Wisconsin auf „The Oaks“ stößt, ist es um ihn geschehen. Das weitläufige Gebäude steht leer und ist heruntergekommen aber gut erhalten. In seiner Begeisterung übersieht Reed, dass sämtliche Türen und Fenster aufwendig gesichert sind: „The Oaks“ diente einst nicht nur als Sanatorium. Hier waren geistesgestörte Mörder der besonders abscheulichen und unheilbaren Art eingesperrt. Der Arzt Elmer Estergomy wollte sie heilen. Stattdessen verschwanden sämtliche 137 Insassen in einer Nacht des Jahres 1926 spurlos.

Tot sind sie nicht, wie Reed feststellen muss. Als er Randy und Karen zu einer Besichtigung einlädt, schnappt die Falle zu: Unter der Leitung des charismatischen und in der schwarzen Magie bewanderten Gewaltkriminellen Quintus Miller sind die Gefangenen von The Oaks über unsichtbare Energielinien ins Jenseits entwischt. Doch zu ihrem Pech hatte Anstaltspfarrer Bell Wind von diesem Plan bekommen. Ihm war es gelungen, einen Bannkreis um „The Oaks“ zu legen. Seit 1926 stecken die Insassen als „Erdgänger“ in den Fußböden und Wänden des Hauses fest. Mit steigendem Grimm warten sie auf die Chance zu entkommen.

Nun haben sie Randy als Geisel. Verzweifelt versucht Vater John mit den Geistern zu verhandeln. Sie fordern die Aufhebung des Banns. Obwohl er weiß, dass er 137 verrückte und mordlüsterne Kreaturen auf die Welt loslassen würde, will Reed dem Folge leisten, um seinen Sohn zu befreien. Ohnehin denkt Quintus Miller nicht daran, die Reeds ziehen zu lassen. John muss sich etwas einfallen lassen. Er will seinen Gegner mit den eigenen Waffen schlagen und zieht einen abenteuerlustigen Religionswissenschaftler zu Rate, der zumindest theoretisch weiß, wie man die „Erdgänger“ endgültig ins Jenseits befördert. Doch Miller ist auf der Hut, und so geht der gewagte Plan nicht auf …

Träume werden manchmal (leider) wahr

Der Ausbruch aus dem als Sackgasse empfundenen Alltagsleben ist riskant. Je nach Intention des darstellenden Künstlers geht es entweder – und nach diversen dramaturgisch wirkungsvollen Rückschlägen – gut aus, oder es misslingt spektakulär, was ebenfalls als unterhaltsam empfunden wird, solange man selbst nicht betroffen ist.

Hier ist es also John Reed, der es satt hat, Auspufftöpfe en gros zu verkaufen, obwohl es ihn wohlhabend genug gemacht hat, eine wahrlich gewaltige Veränderung ins Auge zu fassen: Er sieht seinen Lebenstraum ausgerechnet in der Eröffnung eines „Upper-Class“-Hotels auf dem Land. Schon jetzt wird klar, dass Autor Graham Masterton seine Geschichte gern unkompliziert hält (um es neutral auszudrücken): Irgendwie muss seine Hauptfigur nach und an „The Oaks“ kommen. Sehr bald ist von Reeds seltsamen Plan ohnehin keine Rede mehr.

Solche losen Enden lässt Masterton der Handlung oft hinterher flattern. Dies korrespondiert mit seiner Angewohnheit, ausführlich eingeführte Figuren abrupt grässliche Tode sterben zu lassen. Der positiv gestimmte Leser könnte ihn für das daraus resultierende Moment der Unsicherheit rühmen: Jede/r kann jederzeit über die Klinge springen. Allerdings verliert sich dieser Effekt, wenn er wie in diesem Fall ständig zum Einsatz kommt.

Grusel und Rasanz

Masterton ist ein schneller Autor. Mit der jeweils entwickelten Idee ist er offenbar rasch fertig und verliert die Lust an einer tiefgründigen Umsetzung. In seinen kürzeren Werken wird dies weniger deutlich. „Irre Seelen“ ist recht seitenstark geraten und zerfällt in zwei Teile, die nur bedingt miteinander korrespondieren.

Die erste Romanhälfte gefällt außerordentlich. Masterton hat eine gute Idee und nimmt sich die Zeit, seinen Spuk effektvoll zu offenbaren. Irre Seelen entstand 1989, also vor „Grave Encounters“ u. a. Horrorfilmen, was den Ort des Geschehens – eine leer stehende Irrenanstalt – weniger abgegriffen wirken lässt. „The Oaks“ ist eine erfreulich klassische Spuk-Stätte, die Masterton wirkungsvoll in Szene zu setzen weiß. Parallel zum sich allmählich manifestierenden Schrecken wird die Geschichte von „The Oaks“ und seiner bizarren Bewohner enthüllt.

Selbstverständlich saßen in dieser Anstalt nur Dämonen in Menschengestalt ein, die keinerlei Mitleid verdienen. Ihr Anführer ist ein wahrer Teufel, der nicht nur wahnsinnig, sondern auch genial ist. Ohne sich klugerweise mit Einzelheiten aufzuhalten, lässt Masterton diesen Quintus Miller durch intensives Selbststudium in der Anstaltsbibliothek zum modernen Druiden aufsteigen und einen magischen Weg in die Freiheit finden.

Verkehrsnetz in Dimension X

Da die Geschichte in Nordamerika spielt, hätte Autor Masterton sich auch indianischer Riten bedienen können; in seiner „Manitou“-Serie hat er genau dies getan. Doch als Brite bringt er dieses Mal keltische Druiden ins Spiel. Die haben zwar in Amerika überhaupt nichts verloren, gelten aber als Hüter uralten und vergessenen Wissens, was offenbar die Kenntnis transdimensionalen Reisens einschließt.

Erdmagnetismus und Leylinien deuten geheimnisvolle Urkräfte an, von denen auch der esoterikferne Leser vermutlich schon hat läuten hören. Recht geschickt greift Masterton gewisse historische und pseudowissenschaftliche Elemente auf und bastelt daraus einen Mythos, der seiner Geschichte ein stabiles Fundament verleiht. Ein Stück außerhalb der Realität ist es somit möglich, körperlich durch Wände und durch den Erdboden zu wandern sowie über Steine, Holz oder Metall zur Schaffung eines Körpers zu befehlen.

Wie ein Haifisch – den Vergleich bietet Masterton selbst an – können unsere Geister deshalb unter der Erde ihre Opfer umkreisen, bis sie endlich nach ihnen schnappen. Dies endet stets hässlich, was dem Verfasser so gut gefällt, dass er eine ganze Reihe entsprechender Splatter-Szenen kreiert, die außerdem das Buch auf Länge bringen.

Den Fäden fast verloren

Die zweite Romanhälfte lässt sich daher weniger gut an. Wenn die Geister aus dem Haus – hier „The Oaks“ – sind, verbreiten sie sich mordlustig über bzw. unter Wisconsin, während Reed nach einem Gegenritual sucht und vor seiner Ehefrau flüchtet. Die Handlung wird fahrig und zerfällt in Horror-Stückchen, die blutig aber stimmungslos Mord an Mord knüpfen.

Wider Erwarten fasst Masterton wieder Tritt, als er das Geschehen nach „The Oaks“ zurückführt. Dafür findet er sogar eine plausible Erklärung. In dem alten Gemäuer geht es in einem großen Finale hoch her. Noch einmal erreicht der Bodycount ungeahnte Höhen. Selbst die Logik droht sich ihm zuzugesellen. (Wieso stapelt Quintus die zerfetzten Leichen seiner Opfer auf dem Dachboden? Will er noch einmal nachzählen, wie viele Pechvögel er durch die Wände gezogen hat?)

Überraschenderweise verzichtet der Verfasser auf ein Happy-End. Er lässt die Geschichte zudem offen aufgehen: Womöglich sind einige Geister entkommen. Ein fleißiger Mann wie Graham Masterton sorgt für die Zukunft vor: Vielleicht verlangt die Leserschaft nach einer Fortsetzung …

Köpfe rollen der Charakterzeichnung voraus

Masterton ist kein Meister der Figurenzeichnung. Mit John Reed gibt er sich Mühe, doch ansonsten beschränkt er sich darauf, seine Handlungswelt mit Schablonen zu bevölkern. Akademiker sind selbstverständlich schlecht angezogen und rauchen Pfeife, Polizisten notorisch misstrauisch. Maggie ist ein egoistischer, auf den Träumen des Gatten herum trampelnder Besen. Noch schlimmer ist Karen, die treue und geile Sekretärin, die Masterton anscheinend nach dem Vorbild eines der von ihm verfassten Sex-Leitfäden geformt hat.

Man darf froh sein, dass diesen Klischee-Gestalten in der Regel kein langes Leben beschieden ist. Masterton verschleißt sie in erstaunlicher Geschwindigkeit. Tempo ist generell wichtig, um die simple Machart seines Garns zu verschleiern. Nichtsdestotrotz gehört Irre Seelen zu den besseren Werken dieses Verfassers und bietet solide Grusel-Unterhaltung.

Ihre Meinung zu »Graham Masterton: Irre Seelen«

wendelin zu »Graham Masterton: Irre Seelen«13.07.2013
Jack Reed, ein durch und durch pragmatischer amerikanischer Geschäftsmann, entdeckt durch Zufall ein völlig verwahrlostes Gebäude mitten im Wald von Wisconsin. Ganz in den Bann des alten Hauses geraten, beschließt er, sich einen Traum zu erfüllen. Er möchte es erwerben und zu einem luxuriösen Landhotel umbauen. Auch merkwürdige Geräusche in der Wand und schaurige Statuen mit geschlossenen Augen, können ihn nicht von diesem Vorhaben abbringen. Doch dann verschwindet sein 9 jähriger Sohn spurlos und Jack entdeckt, dass in den Wänden des ehemaligen Irrenhauses für Schwerverbrecher etwas unvorstellbar Grauenhaftes lebt.

Graham Masterton ist zweifellos ein Meister des guten englischen Gruselromans und er schafft es von der ersten Zeile an, eine dichte und spannungsgeladene Atmosphäre zu schaffen. Im Kopf entstehen schaurige Bilder und die eigene Fantasie läuft auf Hochtouren. Leider verlässt er dieses altbewährte Konzept im weiteren Verlauf der Geschichte. Es wird zusehends detailreicher und vor allem sehr blutig. Der subtile Horror gleitet in actionreiche Splatter-Orgien ab und verliert dadurch viel von seinem morbiden Charme. Zudem hat die Story im Mittelteil auch einige Längen.

Der Titel „Irre Seelen“ ist irreführend. Im Original heißt das Buch „Walkers“ und das trifft es wesentlich besser. Geht es hier doch hauptsächlich um uralte keltische Rituale, die es den Druiden erlaubten, in die Erde einzutauchen und durch sie hindurch zu gehen.

Die Charaktere sind dem Engländer Masterson eher scherenschnittartig geraten. So, wie sich ein Europäer den Durchschnittsamerikaner eben vorstellt. Es hat mich allerdings nicht weiter gestört, Übertreibung macht ja bekanntlich auch anschaulich.

Fazit: Stellenweise sehr fesselnder Horror mit einigen Schwächen.
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