Der Fluch von Guy Gavriel Kay

Buchvorstellung

Der Fluch von Guy Gavriel Kay

Originalausgabe erschienen 1990unter dem Titel „Tigana“,deutsche Ausgabe erstmals 1995, 542 Seiten.ISBN 3-453-08009-2.Übersetzung ins Deutsche von Irene Holicki.

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Ihre Meinung zu »Guy Gavriel Kay: Der Fluch«

Bankiewa zu »Guy Gavriel Kay: Der Fluch«01.12.2009
Eins gleich vorweg: man darf nicht glauben, mit „Der Fluch“ ein in sich abgeschlossenes Buch vor sich zu haben. Es ist eher so, dass hier ein langes (aber nie zu langes) Werk in der Mitte durchgehackt wurde. Erst der zweite Teil von Tigana, „Der Hofnarr“, erzählt die Geschichte um den Fürsten Alessan und die Einwohner von Tigana, die unter einem schrecklichen Fluch zu leiden haben, zuende.

Inhaltlich ist das Buch nicht sehr komplex, oder, positiv ausgedrückt: Es hat eine starke Grundidee. Eine in sich mehr oder weniger geschlossene Welt (eine große Halbinsel, genannt die „Hand“), ist von zwei Besatzungsmächten eingenommen worden. Zum einen, weil die Fürsten der einzelnen Provinzen sich untereinander uneins und deshalb schwach waren. Zum andern, weil die Besatzer angeführt werden von zwei mächtigen Männern – Magiern. Und einer dieser Magier hat den titelgebenden Fluch ausgesprochen, der den Namen einer der Provinzen aus dem Gedächtnis fast aller Menschen auf der „Hand“ gelöscht hat: Tigana gibt es nicht mehr, nur noch in der Erinnerung der ehemaligen Bewohner. Sie können das Wort, den Namen ihrer unterjochten Heimatprovinz, noch aussprechen und hören. Das ist eine besonders perfide Qual, derart von der restlichen Welt vergessen zu sein. Diesen Fluch aufzuheben, und Tigana seinen Namen zurück zu geben – das ist das Ziel unserer Helden. Das ist simple Geschichte.

Aber wie Kay das erzählt ist unfassbar gut. Die Welt, die er baut, ist gleichzeitig nah und fern, bekannt und fremd. Es ist eine Art fantastisches Norditalien, vielleicht eine magische Toskana, die unsere Helden kreuz und quer durchwandern. Es gibt Burgen und Paläste, Häfen und Tavernen, Seeleute und Söldner, Sänger und Spielleute. Aber es gibt auch Hexer. Es gibt zwei Monde und es gibt wertvollen, blauen Wein. Und über allem thront die Triade, der Dreierbund der Götter dieser surrealen Welt.

Die Figuren stehen in komplexen Liebes-, Hass- oder Verwandtschaftsverhältnissen zueinander. Manchmal auch alles auf einmal. Hier ist aber auch garnichts eindimensional. Es gibt starke Frauen, die letztendlich doch scheitern, schwache Männer, die ihre Ängste überwinden – mit anderen Worten: keine Chargen, sondern Menschen. Kay erklärt nichts. Er lenkt den Fokus mal auf diese, mal auf jene Figur. Er konfrontiert den Leser mit nicht auf Anhieb zu durchschauenden politischen, historischen, klerikalen Verwicklungen. Und Kay wiederholt nicht. Ab und zu macht er Abstecher in die Vergangenheit der ein oder anderen Figur, manchmal verweilt er lange im Innenleben eines Charakters, dann springt er weiter. Und führt, durchaus ruppig, eine neue Figur, ein neues Leben, eine neue Schlinge in der Handlung ein. Das ist ziemlich kühn, aber das erstaunlichste ist, dass am Ende alles aufgeht. Das Finale ist groß. Die Reise, die der Leser mit den Figuren gemacht hat, hat sich gelohnt.

Kay schreibt keine Zwischendurch-All-Age-Fantasy, sondern Literatur für Erwachsene. Man muss sich an den Kopf fassen, dass dieses Buch nicht nur derart unsensibel zerhackt wurde, sondern offensichtlich auf Deutsch nicht mehr verlegt wird. Also, entweder antiquarisch kaufen oder irgendeinen Verlag erpressen. Lesen sollte man das auf jeden Fall.
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