Cthulhu (Festa) von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Cthulhu (Festa) von H. P. Lovecraft

Originalausgabe erschienen 2009, 335 Seiten.ISBN 3865520669.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Diesel und Felix F. Frey.

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Inhalt:

  • Der Übergang des Juan Romero
  • Die Straße
  • Der Alchimist
  • Die lauernde Furcht
  • Er
  • Das Mond-Moor
  • Die Aussage des Randolph Carter
  • Der silberne Schlüssel
  • Durch die Tore des silbernen Schlüssels
  • Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath

Bonusmaterial:

  • H. P. Lovecraft: Wohnsitze und Gedenkstätten Poes
  • H. Warner Munn: H. P. L.: Eine Erinnerung

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Lust am namenlosen Grauen – Neuauflage eines Klassikers, Teil 5“82

Fantasy-Rezension von Jochen König

„Cthulhu“ ist der fünfte Band der auf sechs Bände angelegten H.P.-Lovecraft-Bibliothek des Festa Verlags. In neuer Übersetzung. Dichter am Original und sachte modernisiert will Frank Festa seine Ausgabe von der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp-Verlags (und damit auch der gesammelten Werke der Edition Phantasia, deren Übersetzung überwiegend auf den früheren Suhrkamp-Ausgaben basiert) abgegrenzt wissen.

Die Übersetzungen sind weitgehend gelungen, fügen der teilweise schon ausschweifenden, adjektivlastigen Sprache Lovecrafts nicht noch weitere Umschreibungen hinzu. An wenigen Stellen hat das Lektorat geschlampt („eine Fläche aus zähen Gras“ [...] „ihrer Angst vor den hohen unpassierbaren Gipfeln, hinter deren angeblich Leng lag“ u.ä.), aber das sind Kleinigkeiten. Ob allerdings das mehrfach gebrauchte Adjektiv „spitzig“ wirklich sein musste, kann nur bei innigem Vergleich mit dem Original entschieden werden. Plädieren wir mal nachsichtig im Namen der Kreativität für die Wortschöpfer.

Inhaltlich hat Festas „Cthulhu“ nichts mit dem gleichnamigen Suhrkamp-Band gemein; interessanterweise hat er auch nichts mit „Cthulhu“ zu tun, der große Alte kommt nämlich in keiner Geschichte des Bandes vor, bestenfalls als angstvolle Andeutung am Horizont. Nyarlathotep hingegen hat ein paar eindrucksvolle Auftritte, ihn als Namensvetter des fünften Bandes zu bestimmen, wäre die bessere Wahl gewesen. Aber Festa sieht das nicht so eng, ihm ist wichtig, dass die Bücher eindeutig dem Universum ihres Schöpfers zugeordnet werden können, und da hat „Cthulhu“ natürlich einen exponierten Platz inne.

Was die Zusammenstellung angeht, beschreitet Festa auch dort eigene Wege; individuell bestimmte Ausgewogenheit ist das Kriterium, nach dem die einzelnen Bände zusammen gestellt wurden. „Hätten wir es chronologisch gemacht, wären in den ersten Büchern nur die kürzeren Stories sehr unterschiedlicher Qualität enthalten gewesen, und in den letzten Bänden hätten sich die langen Erzählungen gestaut“, so Frank Festa. Also entschied man sich für eine Mixtur aus kurzen und langen Erzählungen, weswegen es „Cthulhu“ auf zehn Geschichten aus den Jahren 1916 – 1944 bringt, wovon die abschließende „Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ aus der Zeit zwischen 1926 und 1927 mit 140 Seiten die längste ist. In vier Geschichten spielt Randolph Carter, jene Figur – mit autobiographischen Zügen -, die Lovecraft insgesamt siebenmal auftreten ließ, eine tragende Rolle. Besonders bemerkenswert ist „Der Silberne Schlüssel“, der eher einem Essay über Lovecrafts kreative Denkart gleicht, als einer Kurzgeschichte, die herkömmlicher Spannungsdramaturgie gehorcht.

Carter, der den „Schlüssel zum Tor der Träume“ verloren hat, begibt sich auf die Suche danach, findet den silbernen Schlüssel wieder und verschwindet scheinbar endgültig im Reich der Träume. Aber das man niemals so ganz geht, wissen nicht nur Schlagerfans, auch „Durch die Tore des Silbernen Schlüssels“ belegt diese Weisheit.

Im „silbernen Schlüssel“ werden die Antagonismen Lovecrafts klar benannt: auf der einen Seite die materialistisch ausgerichtete reale Welt, mit all ihren profanen Empfindungen, Gerüchen, Ideologien und ihrer rationalen Beschränktheit. Auf der anderen Seite, jenseits des Traumtores, die Welt ohne Grenzen, sowohl der Lust und Erfüllung wie des Schreckens; und vor allem jener Sehnsucht, die so tief brennt, dass kein Cthulhu, kein Nyarlathotep, Yog Sothoth oder ein anderer der großen alten Götter, den wahren Suchenden von seinen Reisen abzuhalten vermögen.

In den Geschichten des vorliegenden Bandes spielen die Suchenden mit ihrem Leben, zumindest aber mit ihrem Verstand. Wer nur einmal kurz vom Weg abkommt, quasi nur von den verbotenen Visionen kostet, wie der Erzähler des „Er“, hat eine Chance, verletzt, aber lebend, zurückzukehren in die reale Welt. Hier, wie auch in der längsten und zentralen Erzählung, der „Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“, schimmert durch, dass Lovecrafts Weltsicht keineswegs ihr Heil in Eskapismus sucht; denn sowohl Carter wie dem namenlosen „Er“-Protagonisten wird klar, dass die wahre Erfüllung anscheinend nur dort zu finden ist, wo die Sehnsucht und die Verlockungen des Auf- und Ausbruchs in fremde Traumwelten ihren Ausgang nahmen. Nicht gleich „Kansas“ schreien; auch wenn der Zauberer von Oz nicht weit ist, bleiben bei Lovecraft Zweifel, ob die Rückkehr in die reale Welt tatsächlich die (Er)lösung ist. Und manchmal überlappen sich beide Welten auch, und der kosmische Schrecken hält Einzug ins mal mehr, mal minder behagliche Heim („Der Alchemist“, „Die lauernde Furcht“, „Das Mond-Moor“).

Dreh- und Angelpunkt des vorliegenden Bandes ist die mit 140 Seiten längste Erzählung „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“, deren Suhrkamp-Äquivalent an anderer Stelle der Phantastik-Couch eine desaströse Kritik erhalten hat. Einer der Kernpunkte der „Kritik“ ist die fehlende „innere Spannung“.

Was „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ tatsächlich nicht besitzt, ist eine Spannungskurve, eine sich steigernde Entwicklung, in der ein oder mehrere Protagonisten sich ständig vergrößernden Schrecken und Wirrnissen gegenüber behaupten müssen, bevor am Ende die finale Schlacht bzw. Erlösung wartet. Davon ist Lovecraft weit entfernt. In seiner Geschichte wird Randolph Carter – und mit ihm der Leser – mitten hinein geworfen in eine wilde Phantasmagorie, die nur einer Struktur gehorcht: der des Traumes. Das hat nahezu surreale Qualitäten und ähnelt tatsächlich eher einem berauschten Flug durch Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, als einer traditionellen Horror-, bzw. Fantasy-Story. „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ ist eine Blaupause, in der Lovecraft so viele Aspekte, Wesenheiten und Abenteuer gepackt hat, dass sie schier zu bersten droht. Gerade in der Skizzenhaftigkeit liegt auch eine Stärke der Erzählung. Sie gibt dem Leser Raum, den Traum weiter zu spinnen, liefert das Fundament von dem eine Entwicklung in zahlreiche Richtungen möglich ist, (man lese nur den Volltreffer des letzten Monats „Pandora im Kongo“, oder höre das sehr empfehlenswerte – aber nicht mehr ganz einfach zu bekommende – Album von Payne’s Gray „Kadath Decoded“ aus dem Jahr 1995, die zeigen, welchen Einfluss Lovecraft und insbesondere „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ bis heute besitzen).

Vor allem aber kristallisiert sich eines der großen Themen Lovecrafts heraus: zu entscheiden, was grauenhafter ist; das Beseeltes sich als tot erweist, oder Unbeseeltes sich plötzlich als sehr lebendig herausstellt. Wobei dies gleich zur nächsten Frage führt: WAS macht Leben eigentlich aus? Lovecraft pointiert diese Gegensätze mit Genuss, in dem er Adjektive, die eigentlich Seinszustände beschreiben, gerne mit anorganischen Gegenständen verbindet („sinnlose Steine“), andererseits lebendigen Wesen die Sinne nimmt (die gesichtslosen „Dunkel-Dürren“).

Das Erschaffen eines eigenen literarischen Universums zeichnet Lovecrafts Literatur bis heute aus. Prägnant ist ebenfalls, dass seine Protagonisten ihre Abenteuer und Forschungen bewusst beginnen, fortführen und erleiden müssen. Alles hat seine Konsequenzen; wer ein Suchender ist, muss damit leben können, dass er etwas findet. Manchmal entpuppt es sich als „namenloser Schrecken“ und der ist gerne tödlich …

Ausgeprägte Charakterzeichnungen sind hingegen Lovecrafts Sache nicht. Seine Figuren müssen mit Andeutungen leben, sie sind bestenfalls Folien, auf denen sich der Leser entfalten kann. Aber Lovecraft hat ja genug Epigonen gefunden, die versucht haben, seine Schöpfungen charakterlich zu vertiefen. Und mit ihrem Scheitern (wie bspw. Graham Masterton in seinem ansonsten spannenden und lesenswerten Roman „Die Opferung“ mit der Figur des mysteriösen „Brown Jenkins“) letztlich belegt haben, worin Lovecrafts große Könnerschaft besteht: das Grauen dem Ungefähren zu entlocken. Lovecrafts originärste Geschichten, wozu „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ eindeutig gehört, sind nicht nur Geschichten, die VOM Grauen erzählen, sondern auch etwas DARÜBER zu erzählen haben.

Und was die „innere Spannung“ angeht: Randolph Carters Flucht, zunächst noch in Begleitung von drei freundlich gesinnten Ghoulen, eine schier endlose Wendeltreppe hinauf, besitzt mehr davon, als manche Romanreihen hochgepuschter Fantasy-Mainstream-Maniacs. Auch und gerade, weil sich am Ende der Stufen herausstellt, dass der verfolgende Schrecken nur ein Bruchteil dessen ist, was noch kommen mag.

Abgeschlossen wird „Cthulhu“ durch Lovecrafts Essay über die „Wohnsitze und Gedenkstätten Poes“, eine kurze und stimmungsvolle Reise durch den Westen der USA. Die wieder vom Versuch kündet, über das Wesen eines Raumes auf seine Bewohner schließen zu können.

H. Warner Munns Erinnerung zeigt H.P. Lovecraft als etwas wunderlichen, aber freundlichen Menschen, der in seiner eigenen Welt lebt, aber durchaus, wenn auch etwas unbeholfen, bestrebt ist, andere daran teilhaben zu lassen. Hier überlagert das Bild des wohlmeinenden Mentoren, dass des menschenscheuen, materialistischen und latent faschistoiden Misanthropen, als der Howard Phillips Lovecraft allzu gerne dargestellt wurde.

Wie auch immer man zu Lovecrafts Biographie steht, ob man seinen teils ausufernden, teils stakkatohaften Stil mag; eins belegt der fünfte Band der gesammelten Werke wieder eindrucksvoll: H.P. Lovecraft ist eine der originellsten Stimmen, die die phantastische Literatur aufzubieten hat. So schlicht seine stilistischen Mittel gelegentlich wirken mögen, so effektiv sind sie auch. Denn sie hämmern ins Bewusstsein, was jeder gute Autor weiß: die wahre Geschichte spielt sich in den Köpfen der Leser ab und nicht auf dem Papier.

Ihre Meinung zu »H. P. Lovecraft: Cthulhu«

matthias frehe zu »H. P. Lovecraft: Cthulhu«01.04.2016
In Dr.Shrewsburys Reise zum Dunkelstern Celaeno in den Plejaden ist für mein Verständnis ziemlich eindeutig eine AKE ausserkörperliche Erfahrung beschrieben. Ich meine vom Klartraum zur AKE ist es kein weiter Weg mehr. Es ist vielleicht möglich auf diesem Weg mehr über verborgene Dimensionen zu erfahren . Diese persönlichen Erfahrungen sind mit Sicherheit höher zu bewerten als alle theoretischen Abhandlungen.
physikfreak123 zu »H. P. Lovecraft: Cthulhu«29.08.2015
Danke für die Beschreibung. Ich hatte in der Vergangenheit Begegnungen mit dem was was wir "Schlafparalyse" nennen, als auch Kontrolle über Träume und das Bewusstsein während dieser. Die Rezension hat mich bewegt mir nun das Buch zu kaufen da ich hoffe hier mehr über die Struktur der "Träumer" zu erfahren, und um folglich auch vorbereitet auf "Reisen" gehen zu können :-) .
sushifer zu »H. P. Lovecraft: Cthulhu«17.07.2010
Sehr treffende Rezension wie ich finde. Freut mich auch sehr, dass darin Kadath Decoded von Payne's Gray Erwähnung findet. Hier wird deutlich, dass der Traumwelt Zyklus doch sehr viel mehr ist, als einfach nur Fantasy/Horror im Stile von Tolkien. Das Album Kadath Decoded kann man übrigens hier bestellen:
locoporos@aol.com
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