Das schleichende Chaos von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Das schleichende Chaos von H. P. Lovecraft

Originalausgabe erschienen 2006, 284 Seiten.ISBN 3865520561.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Diesel.

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In Kürze:

Zwölf Horrorgeschichten zeigen vor allem den jungen, noch sehr einer literarischen Pseudo-Klassik verhafteten Genre-Großmeister H. P. Lovecraft (1890-1937), der mit den Jahren an Erfahrung und Erzählkraft gewinnt und den Schrecken zunehmend in einer – freilich kunstvoll verfremdeten – Realität ansiedelt. In neuer Übersetzung und Aufmachung bleibt Lovecraft auch im 21. Jahrhundert Pflichtlektüre für alle Freunde des Phantastischen.

Das meint phantastik-couch.de: „Hinter sehr instabilen Grenzen lauert das Grauen“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Der Baum (";The Tree”, 1921), S. 7-12: Im klassischen Griechenland muss ein neidischer Bildhauer erleben, dass der Mord an einem Konkurrenten nicht ungesühnt bleibt, weil dieser Umgang mit den Göttern pflegte …

  • Hypnos (";Hypnos”, 1923), S. 13-22: Neugier kann tödlich enden, wenn sie jemandem gilt, der jenseits von Zeit und Raum lebt und sich nicht mehr abschütteln lässt, wird er auf dich aufmerksam …

  • Iranons Suche (";The Quest of Iranon”, 1935), S. 23-32: Viele Jahre verbringt ein Sänger auf der Suche nach seiner verlorenen Heimatstadt, bis ihm der Zufall eine bittere Lebenslüge offenbart …

  • Polaris (";Polaris”, 1920), S. 33-38: Das Licht eines Sterns führt den Träumer zurück in ein früheres Lebens, als die Menschen einer versunkenen Hochkultur Krieg gegen dämonische Gegner führten …

  • In der Gruft (";In the Vault”, 1920), S. 39-50: Ein hartgesottener Totengräber muss lernen, dass es Zeitgenossen gibt, die sogar nach dem Tod ihnen angetanes Unrecht rächen …

  • Das Bild im Haus (";The Picture in the House”, 1919), S. 51-62: Reisen bilden – oder sie führen dich in das Haus eines hungrigen Irren, der gerade nach einem neuen Opfer Ausschau hält …

  • Jäger der Finsternis (";The Haunter of the Dark”, 1936), S. 63-94: In der Turmspitze einer verfluchten Kirche lauert das Böse, bis ein allzu neugieriger Forscher es aus seinem Schlupfwinkel lockt …

  • Das Verderben, das über Sarnath kam (";The Doom that Came to Sarnath”, 1920), S. 95-104 : Diese düste Geschichte erzählt von Menschen aus einer der Forschung unbekannten Vorzeit, die nach ihrem grausamen Krieg gegen schneckenhafte Nachbarn zu früh triumphieren …

  • Die anderen Götter (";The Other Gods”, 1933), S. 105-112: Ein kluger aber allzu eingebildeter Mann spioniert den Göttern hinterher, die diesen Frevel auf gänzlich ungeahnte Weise zu strafen wissen …

  • Die Musik des Erich Zann (";The Music of Erich Zann”, 1922), S. 113-124: Der alte Mann weiß eine Melodie zu spielen, die nicht die Toten, sondern nur zu lebendige Kreaturen aus einer fremden Dimension weckt und in unsere Welt bringt …

  • Träume im Hexenhaus (";The Dreams in the Witch House”, 1933), S. 125-174: Eine vor Jahrhunderten hingerichtete Hexe kann sich auf ihr physikalisches Wissen und teuflische Hilfe verlassen, als sie zurückkehrt und ihr grausiges Zauberwerk fortsetzt …

  • Der Schatten aus der Zeit (";The Shadows Out of Time”, 1936), S. 175-265: Ein Wissenschaftler wird von bizarren Visionen einer Reise in die ferne Vergangenheit der Erde geplagt, die sich als nur zu real herausstellen …

  • Dorothy C. Walter: Drei Stunden mit H. P. Lovecraft (S. 266-279)

  • R. H. Barlow: Notizen zu Lovecraft (S. 280-285)

Einige Hinweise zur Einordnung dieser Geschichten

Elf kurze Geschichten und ein Kurzroman machen die literarische Entwicklung nachvollziehbar, die Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) zu einem der wichtigsten Autoren der modernen Phantastik werden ließ. Der Weg war lang und reich an Sackgassen, denn Lovecraft betrat die Szene nicht als der Großmeister, der heute gefeiert und verehrt wird.

Um diese Sammlung diverser Lovecraft Geschichten besser einordnen zu können, bedarf es einiger Hintergrundinformationen, die dieser Buchausgabe leider fehlen. Dies stört sicherlich nicht den reinen „;Konsumenten”, weil die präsentierten Geschichten für sich stehen und glänzend unterhalten können. Doch selbst dem Laien wird auffallen, dass der Lovecraft-Horror “;anders” ist. Der Mann nahm seinen Job sehr Ernst, obwohl er dies stets herunterspielte. Angst war für Lovecraft ein Phänomen, das ihn Zeit seines Lebens beschäftigte. Er arbeitete hart daran sie zu beschwören bzw. in Worte zu fassen. Dem ordnete Lovecraft die Handlung konsequent unter. „;Action” wird mancher Leser vermissen. Sie interessierte Lovecraft ebenso wenig wie eine sorgfältige Figurenzeichnung. Seltsam unpersönlich wirken seine Protagonisten; sie können kaum Sympathien erwecken, denn sie lassen außer Neugier und Furcht keine tieferen Emotionen erkennen. So lässt ihr meist schauerliches Ende den Leser eher kalt.

Die Storys des jungen Lovecraft wirken in dieser Hinsicht besonders unzugänglich. “;Der Baum”, „;Iranons Suche”, “;Polaris”, „;Das Verderben, das über Sarnath kam” sowie “;Die anderen Götter” spielen in imaginären Traumwelten, die man als literarische Interpretationen historischer Realitäten bezeichnen könnte. Lovecraft sah sich als Fremdling in einer Gegenwart, deren Alltag ihn überforderte. Er träumte sich in vergangene, angeblich „;bessere” Zeiten zurück. “;Der Baum” stammt aus einer Phase, in der er das klassische Griechenland favorisierte; später dominierte seine Liebe zur neuenglischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.

„;Iranons Suche”, “;Polaris” und „;Das Verderben, das über Sarnath kam” und “;Die anderen Götter” zeugen von Lovecrafts Drang, wie Clark Ashton Smith, Lord Dunsany, Arthur Machen und andere zeitgenössische Autoren eigene (Traum-) Welten zu erschaffen. Diese Storys stehen der Fantasy nahe, wobei sich ihre Verfasser von den Geschichten aus 1001 Nacht, den europäischen Sagen und den Legenden der Antike „;inspirieren” ließen. Lovecraft leistet auch hier Beachtliches, doch ist ihm die Form mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, was seine phantastischen “;Kunstmärchen” recht manieriert und altmodisch wirken lässt.

Das Chaos beginnt sich anzuschleichen

„;Polaris”, “;Das Verderben, das über Sarnath kam” und „;Die anderen Götter” zeigen allerdings einen Lovecraft, der bereits über sein grandioses Konzept eines Universums nachdenkt, das zwar auf der Basis von Naturgesetzen, doch unter Beteiligung unfassbar fremder Wesenheiten – aus Menschensicht bösartiger “;Götter” – entstand und existiert. Bis zu seinem Tod verfeinerte er seine alternative Weltchronik, die als „;Cthulhu-Mythos” legendär wurde.

In “;Die Musik des Erich Zann” treten diese Geschöpfe in der Gegenwart (des 20. Jahrhunderts) auf. Erst dieser Schritt lässt sie „;real” werden, denn sie wüten nun in einer Welt, die dem Leser vertraut ist. Meisterhaft setzt Lovecraft immer wieder in Szene, wie neugierige Forscher auf die rudimentären Spuren dieser “;Götter” stoßen und mehr in Erfahrung bringen, als sie verkraften können. Kommen sie mit dem Leben davon, verlieren sie im Augenblick der Wahrheit – der Begegnung mit dem „;schleichenden Chaos” – Bewusstsein und Gedächtnis; oft finden sie einen grässlichen Tod, doch auf jeden Fall bleibt das Rätsel gewahrt. “;Jäger der Finsternis” ist eine Story des „;reifen” Lovecraft, der hier mit sämtlichen Elemente seiner Kosmologie arbeitet.

In “;Träume im Hexenhaus”, eine der besten und berühmtesten Lovecraft-Storys, scheint der Verfasser zunächst klassische Gestalten des Horrorgenres zu beleben: die böse Hexe, ihren „;Helfer-Dämonen”, den Teufel. Doch Lovecraft geht gleich mehrere Schritte weiter. In den 1930er Jahren hat er den “;reinen” Horror längst zu seiner ganz persönlichen Version der Science Fiction entwickelt. Der naturwissenschaftlich und astronomisch außerordentlich interessierte Schriftsteller verfolgte die zeitgenössischen Forschungen aufmerksam. Die Relativitätstheorie Einsteins – die er in „;Der Schatten aus der Zeit” explizit anspricht – schien sein Bild einer Mehrdimensionalität der Welt zu stützen, in deren “;Falten” Lovekraft das Unsagbare nistet ließ. Die Hexe Kezia Mason entfloh ihrer Zelle nicht per Zauberspruch, sondern aufgrund physikalischer Kenntnisse: Sie schuf sich ein „;Portal”, das Lovecraft so eindeutig beschreibt, dass es der der heutige Leser sofort als Wurmloch erkennt. Wer hätte das in einer simplen Gruselstory erwartet?

Lovecraft ist jedoch selten simpel. Auch in “;Der Schatten aus der Zeit” zeigt er sich auf der Höhe seines Könnens. Seinen Götter-Kosmos hat er fest im Griff, so dass er daran gehen kann, diverse Fassetten zu beleuchten. In einem seiner seltenen Kurzromane entfaltet er kein Panorama der „;unbekannten” Erdgeschichte, sondern beschränkt sich wie üblich auf Andeutungen: Anders als viele seiner Epigonen beging Lovecraft nie den Fehler, allzu viel zu “;erklären”, zu verraten und dadurch zu entzaubern. Freilich lüftet er den Schleier zumindest hier ein wenig höher als sonst und schwelgt in der Schilderung einer Zivilisation, die unsere Erde vor 150 Millionen Jahren bewohnte. Hier droht Lovecraft profan zu werden, denn seine Tentakelschnecken wirken trotz einer wahren Flut von Adjektiven, die ihre Fremdheit herausstellen sollen, eigentlich nicht sehr fürchterlich. Erst im zweiten Teil seines Romans findet Lovecraft zur alten Größe zurück, als er seinen Protagonisten nicht nur die Stadt der Urzeitwesen finden lässt, sondern ihn auch mit einem Schrecken konfrontiert, der stets schattenhaft bleibt und daher wirklich schauerlich wirkt.

Lovecraft kann lustig sein

Dann ist da noch „;In der Gruft”, eine Geschichte, die aus dem Rahmen dessen fällt, was man von Lovecraft erwarten zu können glaubt. Hier präsentiert er einen ganz einfachen, wunderbar klar konstruierten Plot, der handfestes Grauen mit einem unerhörten Gespür für knochentrockenen, rabenschwarzen Witz verbindet. George Birch ist eine bemerkenswerte Figur, die noch heute Maßstäbe setzt in jenem Bereich der Komik, der Leichenbestatter, Pathologen oder Unfallärzte in den Mittelpunkt stellt. “;In der Gruft” lässt ein wunderbares Timing erkennen. Lovecraft holt alles aus dem absurden Geschehen heraus. Es ist schade, dass er sich diesen Sinn für Humor später nicht mehr gestattet hat.

Neben den zwölf Geschichten findet der Leser dieses Buches noch zwei biografische Skizzen zu H. P. Lovecraft. 1937 war dieser von der Literaturszene unbeachtet gestorben. Nur zehn Jahre später wurde Lovecraft „;entdeckt”. Damit verbunden war die Neugier auf Fakten aus seinem Leben. Lovecraft hatte sehr zurückgezogen gelebt. Gesellschaftlichen Kontakt hielt er schriftlich; er gehört zu den fleißigsten Briefschreibern aller Zeiten. Wenige Menschen kannten ihn persönlich. Sie wurden zu begehrten Zeitzeugen, als es später darum ging Lovecrafts Leben zu rekonstruieren.

Allerdings stellt man sich die Frage, ob die hier abgedruckten Texte von Dorothy C. Walter und R. H. Barlow eine gute Wahl waren. Beide haben objektiv wenig zu sagen, liefern nur Mosaiksteine, die der Leser ohne biografisches Wissen in Sachen Lovecraft ratlos in den Händen dreht. Der Sonderling-Aspekt wird bis zur Karikatur betont, doch Lovecraft war kein Freak. Sein ungewöhnliches Leben und sein einmaliges Werk wurden schon 1975 von Lyon Sprague de Camp (1907-2000) kongenial dargestellt und gewürdigt. Dieses monumentale Werk erschien ebenfalls im Festa-Verlag – es ist eine ungemein informative und spannende Lektüre!

Lovecraft lebt – auch in Deutschland

Lovecrafts literarisches Werk wurde in Deutschland schon seit den späten 1960er Jahren und recht vollständig im Suhrkamp-Verlag herausgebracht. Die eingedeutschten Texte mögen vor allem den jüngeren Lesern geschraubt und altertümlich erscheinen, was mit ein Grund für Herausgeber Frank Festa war, Lovecrafts Erzählungen und Novellen neu übersetzen zu lassen. Sie lesen sich nun flüssiger, ohne an Wirkung verloren zu haben. Ob die Neuübersetzung notwendig war, ist eine Frage, die sich jede/r Leser/in selbst beantworten muss und kann, denn die Suhrkamp-Ausgaben sind glücklicherweise weiterhin erhältlich. Unabhängig davon gehören “;Das schleichende Chaos” und die übrigen Bände dieser lobenswerten Edition in den Bücherschrank jedes Phantastik-Fans!

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