Der Fall Charles Dexter Ward von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Der Fall Charles Dexter Ward von H. P. Lovecraft

Originalausgabe erschienen 1943unter dem Titel „The Case of Charles Dexter Ward“,deutsche Ausgabe erstmals 1971, 226 Seiten.ISBN 3518382829.Übersetzung ins Deutsche von Rudolf Hermstein.

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In Kürze:

Der Fall Charles Dexter Ward ist eine Warnung vor den Gefahren historischer Forschung; ein junger Liebhaber der Genealogie und der Geschichte dringt in die Geschichte seiner eigenen Vergangenheit ein und stößt dabei auf einen höchst unguten Vorfahren, Robert Curwen, der sich mit vormenschlichen bösen Mächten eingelassen hat. Seine mit wissenschaftlicher Akribie betriebenen Nachforschungen wecken ein Böses, das längst noch nicht tot ist; sein wiedergängerischer Vorfahr bemächtigt sich des Willens und der äußeren Gestalt seines Urenkels, um seine ruchlosen Beschwörungen und dämonischen Riten in der Gegenwart fortzusetzen- mit den entsetzlichen Folgen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Der Nekromant: Rückkehr aus dem Grab“;70

Horror-Rezension von MM

Hat im 18. Jahrhundert ein Club von Hexenmeistern ein globales Unternehmen zur Plünderung von Gräbern gestartet? Wehe dem jungen Okkultforscher C.W. Ward im 20. Jahrhundert: Er könnte mehr heraufbeschwören, als er bewältigen kann.

Im Rückblick erscheint es dem Beobachter sonderbar, dass aus einem freundlichen Jungen ein Wahnsinniger in der Psychiatrie wurde, und das binnen weniger Jahre. Man hätte nicht gedacht, dass aus ihm ein Erwecker widernatürlicher außerirdischer Mächte werden würde.

Charles Dexter Ward wächst Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn eines wohlhabenden und anständigen Mannes im schönen Hafenstädtchen Providence in Rhode Island auf. Zu gern streunt er durch die verwinkelten Gassen, die sich von seinem Elternhaus auf dem Hügel bis zu den Hafenkais hinabziehen. Das geht so, bis er im vorletzten Jahr seiner Schule ist. Da entdeckt er seine Vorliebe für Ahnenkunde und Geschichtsforschung.

Das Gemälde des Urururgroßvaters

Ward dringt immer weiter in die Vergangenheit seiner Familie ein und stößt 1918 auf ein von den Stadtvätern seit 150 Jahren unterdrücktes Geheimnis. Wards Ururugroßvater ist ein gewisser Joseph Curwen, der im Jahr 1692 aus Salem, Massachusetts, nach den dortigen Hexenprozessen, ins friedliche, liberale Providence floh. Merkwürdig war nur, das Curwen selbst im hohen Alter, also etwa 1770, keinen Tag älter als 30 Jahre aussah. Ward stößt in Curwens altem Stadthaus auf ein verborgenes Gemälde: Curwen sieht fast aufs genauso aus wie Ward aus, bis auf eine kleine Narbe über dem Auge.

Mit der Verpflanzung dieses Gemäldes scheint das Unheil begonnen zu haben, erinnert sich der engste Freund der Familie, Dr. Marinus Willet. Denn Joseph Curwen ist in der Stadtgeschichte mit einer großen Aktion gegen ihn und seine Machenschaften verknüpft: Auf Curwens Bauernhof in der Vorstadt Pawtuxet wurden unheilige Riten abgehalten, Lichter stiegen gen Himmel auf und einmal wurden im nahen Bach Knochen und eine sonderbare Leiche gefunden, vom grässlichen Gestank, der dort herrschte, ganz zu schweigen.

Die Stadtväter sahen sich gezwungen, mit hundert Mann gegen Curwen vorzugehen und sein Nest auszuräuchern. Sie waren so erbost über das, was sie vorfanden, dass sie Curwen auf der Stelle töteten. Es ist bemerkenswert, dass niemand über die Geschehnisse dort redete. Curwens Grabstein wurde unkenntlich gemacht, sein Name getilgt.

Ein Wiedergänger des Geistes

Deshalb versetzt es die Verwaltung ab ca. 1924 in Alarmzustand, als man mehrmals Leute auf dem Friedhof beobachtet, die sich an Grabsteinen zu schaffen machen. Wards Vater und Dr. Willet sind alarmiert, als sich der junge Charles gegen das College entscheidet und sich 1924 lieber nach Europa aufmacht, um dort seine „;Studien“; zu vertiefen. Wie sich später zeigt, besucht er frühere Kollegen des „;Hexenmeisters“; Curwen, die ebenso wenig gealtert sind: einer in Prag und einer in Transsilvanien. Es sind Freunde aus der Salemer Zeit vor den Hexenprozessen. Und sie alle haben ein bestimmtes Interesse: Nekromantie – die Beschwörung von Toten.

Nach seiner Rückkehr richtet sich Charles ein chemisches Labor ein und beginnt sowohl zu experimentieren als auch Anrufungen und Riten zu vollziehen, dass es seinen Mitbewohnern und selbst den Haustieren graust. Er schlägt den gleichen Werdegang ein, den Joseph Curwen seinerzeit gegangen war – und der kann nur ins Verderben führen. Er findet den Sarg und stiehlt Curwens Leiche, doch hat er sich verrechnet: Curwen bemächtigt sich als Wiedergänger des Geistes und der Gestalt seines jungen Nachfahren und geht wieder seinen alten Umtrieben nach.

Als Dr. Willet am Höhepunkt der schauderhaften Vorgänge um den armen Charles dessen „;Bungalow“; untersucht, der auf dem gleichen Grundstück wie vor 150 Jahren Curwens Bauernhof, stößt er auf unfassbare Gräuel, die sich in den untersten Gewölben abgespielt haben müssen: Geisterbeschwörungen und Leichenschändungen – Nekromantie.

Leider beschwört Willet aus Versehen einen alten Feind der Menschen: den Großen Alten namens Yog-Sothoth, den „;Wächter des Tores“;…

Liebevoll geschilderte Schauplätze

Im Gegensatz zu dem Verfahren von Edgar Allan Poe ist H. P. Lovecraft nicht am Innenleben seiner Hauptfigur interessiert. Vielmehr bekommen wir Leser immer nur die Perspektive von Berichterstattern und Zeugen vorgesetzt, die beglaubigen sollen, wie furchtbar das Schicksal des jungen Ward doch sei. Dies dient dazu, die Schrecken, die beschworen werden, auch realistisch wirken zu lassen. Die Zeugen – allen voran Dr. Willet – stellen ihre Vermutungen darüber an, was Ward zur Nekromantie bewogen haben mag.

Alle liebevoll geschilderten Schauplätze wie die Stadt Providence, Wards Elternhaus, aber besonders das frühere Stadthaus Curwens und sein abgelegener Bauernhof (eine bevorzugte „;location“; aller Cthulhu-Autoren) belegen, wie realistisch der Werdegang des jungen Ward ist. Denn dies ist die Historie, in der er aufwächst – eine redigierte Historie, wie er selbst herausfindet, in der der schwarze Fleck des J. Curwen fast vollkommen getilgt worden ist. Doch eben nur fast. Aus kleinen Hinweisen erschließt sich Ward wie ein Detektiv à la Poe die Vorgeschichte seines eigenen Geschlechts und somit auch seiner Heimatstadt (die für Amerika allgemein steht).

Wahnsinn – auch in HPLs Familie

Doktor Willet ist überzeugt, dass bis zu diesem Punkt Ward völlig zurechnungsfähig gewesen sei. Doch an welchem Punkt begann Wards Wahnsinn? In diesem Punkt gehen die Meinungen von Dr. Willet und den Irrenärzten aus Providence und Boston stark auseinander.

Lovecraft ist auch hierfür Experte: Sein Vater kam 1892 in die Psychiatrie und starb dort, als Howard gerade mal sieben Jahre alt war. Man kann sich vielleicht seinen Schrecken ausmalen, als auch seine Mutter begann, geistige Verwirrung und Psychosen an den Tag zu legen. Sie starb 1921 in der gleichen Nervenheilanstalt wie HPLs Vater. (HPL konnte seine Freiheit mit seiner Frau Sonia Greene, einer New Yorker Schauspielerin, nicht genießen: Seine beiden Tanten Annie und Edna wachten nun ebenso streng über ihn wie vormals seine Mutter.)

An welchem Punkt kann man noch von chemischen Experimenten sprechen und wann von Okkultismus? Lovecraft war ein Experte in Sachen Geheimlehren, Okkultismus, Hexenglaube usw. Er hatte als Wunderkind schon mit sechs Jahren begonnen, die ersten Geschichten zu schreiben und verschlang Bücher geradezu: Die Bibliothek seines Vaters umfasste an die 2000 Bände. Ständig tauchen in seinen Geschichten Bibliotheken und Museen als Hort des Wissens – auch verbotenen Wissens – auf. Auf dieser Grundlage beschäftigte er sich, wie sein Held Ward, mit der Geschichte seiner Heimatstadt und der Umgebung, insbesondere Salems – und aufgrund der dortigen Hexenprozesse natürlich mit Hexenwahn usw… So weist Curwen beispielsweise ein schwarzes Hexenmal auf. Es dient dazu, ihn von Ward zu unterscheiden, der lediglich ein Muttermal hat.

Entgleisung, Verdrängung

Wie konnte es zu Wards Persönlichkeitsverdrängung durch Curwen kommen? Im Roman wird es durch eine mittelalterliche Geheimlehre eines gewissen Borellus erklärt. Doch in modernen Begriffen formuliert, könnte man vom übermächtigen Einfluss der Vergangenheit auf die gegenwärtige seelische und geistige Entwicklung des einsamen aufwachsenden, rückgratlosen jungen Ward sprechen. Der Einfluss der Mutter ist völlig ausgeschaltet – sie wird sogar aus Sicherheitsgründen nach Atlantic City in die Kur geschickt. Bleiben also nur standhafte Männer wie Dr. Willet, um Wards Entgleisung zu protokollieren und schließlich zu stoppen.

Was mir leider nicht ganz klar wurde, ist der finstere Drang, der Ward dazu bringt, Curwen auszubuddeln, dessen Forschungen weiterzutreiben, ihn zurück ins Leben zu bringen und so den eigenen Untergang heraufzubeschwören. Einmal verdrängt, ist Ward eine Sache der Vergangenheit. Ich kann es mir nur damit erklären, dass Ward von Curwen Hilfe erwartete, als er Nekromantie und Dämonenbeschwörung ausüben wollte – in dem frevlerischen Bemühen, immer mehr Wissen von den Toten zu erlangen. Ward ging also einen faustischen Pakt mit seinem Vorfahren ein und verlor.

Der Romanaufbau: Spannung bis zur letzten Seite

Hätte Lovecraft seinen gelungenen „;magischen“; Roman wie einen „;normalen“; Entwicklungsroman von Goethe („;Wilhelm Meister“;), Gottfried Keller („;Der grüne Heinrich“;) oder Thomas Mann („;Buddenbrooks“;) aufgebaut, so wäre das Thema in Langeweile untergegangen. Lovecraft geht ganz anders vor: Er beginnt mit dem Ende.

Ward ist aus der Irrenanstalt ausgebrochen, heißt es, man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Doch wie konnte es dazu kommen usw. Nun beginnt mit dem zweiten kapitel nicht Wards Geschichte, sondern die von Joseph Curwen, ebenfalls wieder berichtet nach Zeugenaussagen und Briefen, wie sie später Ward zur Verfügung standen (weshalb HPL sie später nicht zu wiederholen braucht).

Bis zur Seite 78 steigert sich das Curwen-Geschehen zu seinem tödlichen Finale. Als dann endlich der im Prolog erwähnte junge Held auf die Bühne tritt, ahnt der Leser schon den düsteren Schatten der Vergangenheit, der über Wards Haupt schwebt. „;Unordnung und frühes Leid“; (Thomas Mann) bleiben denn auch nicht aus. Und so steigert sich auch diese Hälfte der Romanhandlung zu ihrem Finale.

Auftritt Dr. Willet: Er spürt dem Geheimnis unter dem Grundstück in Pawtuxet nach – und fällt von einem Grauen in den nächsten Schrecken – bis endlich ein oder sogar zwei Finali mehr nötig werden. Wie auch in „;Schatten über Innsmouth“; erzeugen die späten Wendungen des Plots eine weitere, kaum für möglich gehaltene Steigerung des Grauens. Allerdings kommt für Kenner von „;Innsmouth“; und „;Dunwich Horror“; dieses Ende nicht sonderlich überraschend.

Aber für Spannung ist immerhin gesorgt. Und der obligate Schreck fährt dem Leser denn auch noch in der letzten Zeile in die Glieder. Anklänge an Wildes „;Bildnis des Dorian Gray“; sind sicher kein Zufall – als Anglophiler kannte HPL sämtliche wichtigen englischen Autoren seiner Zeit.

HPLs Sprache

Wie gesagt, war HPL ein Hobby-Gelehrter mit einem umfangreichen und stellenweise tiefgreifenden Wissen. Die daraus bezogenen Ideen und Ansichten fanden Eingang in seine Werke. Insbeondere okkultistisches Wissen aber ist uns heute nicht mehr geläufig – außer bei eingefleischten New-Wave-Anhängern. Das Wissen färbt auch auf HPLs Sprache ab. Während 99 Prozent aller Sätze ohne weiteres zu verstehen sind, so tauchen doch auch Begriffe wie Atavismus und Avatar auf, die wohl erklärungsbedürftig sind.

HPL hingen Ideen wie kultureller Dekadenz und „;genetischer“; (Genetik gab’s erst in den 1950ern) Degeneration an. Während sich dieses verbreitete Gedankengut in Europa in faschistischen (Hitler, Mussolini) und totalitären (Stalin) Bewegungen äußerte, die mitunter dem Rassenwahn anhingen (Hitler), so blieb es seitens Lovecrafts bei Wortäußerungen, die allerdings auch gedruckt wurden. Lovecraft kannte Oswald Spenglers einflussreiches Buch „;Der Untergang des Abendlandes“;. (Die „;Enyclopedia of Fantasy“; beschreibt HPLs Rassismus und Antisemitismus in gnadenloser Ungeschminktheit: S. 596.)

Ein „;Atavismus“; stellt „;das Wiederauftreten von Merkmalen der Vorfahren“; dar, „;die den unmittelbar vorhergehenden Generationen fehlen (bei Pflanzen, Tieren und Menschen)“; (Duden). Es kann sich in der zweiten Bedeutung des Wortes um „;ein entwicklungsgeschichtlich als überholt geltendes, unvermittelt wieder auftretendes körperliches oder geistig-seelisches Merkmal“; handeln. In einer Ideologie, die sich dem Fortschritt der menschlichen Entwicklung verschrieben hat, stellt der Atavismus einen Rückschritt dar und somit sehr negativ zu bewerten. Atavistisch wird mit primitiv und degeneriert gleichgesetzt.

Ein „;Avatar“; hingegen ist etwas Mythologisches. In den vedischen Mythen der Hindu-Religion bezeichnen Avatars die verschiedenen Verkörperungen der Gottheiten. Später haben Kommentatoren den Begriff verallgemeinert: Avatar ist jegliche zeitweilige Verkörperung einer Gottheit. Verschiedene mythische Figuren können also die gleiche Wurzel haben: die Ur- oder Kernform. Zahlreiche Fantasyromane arbeiten mit diesem Motiv, und sogar in der Science Fiction ist „;Das Avatar“; nicht unbekannt: So heißt einer von Poul Andersons Romanen.

Während also der Roman meistens ohne weiteres zu verstehen ist, erschließt das Nachschlagen solcher Fremdwörter die Ideen hinter so manchem vordergründigen Geschehen.

Nur für Freunde des gepflegten okkulten Grauens

Die „;Encyclopedia of Fantasy“; erwähnt diesen Roman überhaupt nicht, und das vielleicht mit Fug und Recht. 1928 fertiggestellt, bezeichnet er ein frühes Stadium in HPLs Entwicklung des Cthulhu-Mythos. Der Dämon erscheint hier erst am Schluss, und die ganze Zeit meint der Leser, es gehe nur um Nekromantie, Totenbeschwörung. Wie diese im einzelnen vor sich geht, wird ebenfalls nicht geschildert, sondern nur angedeutet: mit „;essentiellen Salzen“;, die nur „;Hexenmeister“; wie Curwen & Co. herstellen können. Daher hält sich der Horroranteil stark in Grenzen, und Horrorfans kommen kaum auf ihre Kosten. (Es sei denn, die Vorstellung, ein globales Unternehmen zur Plünderung von Gräbern zwecks Leichenbefragung verursache kalte Schauder.)

Die Freunde des gepflegten okkulten Grauens hingegen schon eher. Der Roman beschreibt den zweifachen Einbruch des okkulten Wahnsinns in eine friedliche Gemeinschaft, der Bürgerschaft von Providence, Rhode Island – einmal 1770/71, dann wieder ab 1927/28. Diese Schilderung erfordert eine sorgfältige Darstellung von Umfeld, Historie und Akteuren. Darin liegt die eigentliche Leistung des Romans. Und unschwer können wir in Charles Dexter Ward Züge des jungen Lovecraft wiedererkennen. Ich jedenfalls fand den Roman interessant genug, ihn in wenigen Tagen zu lesen.

Noch ein Tipp zum Titelbild: Wer ganz genau hinsieht, findet in der Grabinschrift einen Schreibfehler. Im Namen „;Yog-Sothoth“; fehlt ein „;h“;.

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