Der kosmische Schrecken von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Der kosmische Schrecken von H. P. Lovecraft

deutsche Ausgabe erstmals 2005, 316 Seiten.ISBN 3935822685.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Diesel und Frank Festa.

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In Kürze:

Sechs der besten Geschichten vom Altmeister des Horrors in völlig neuer Übersetzung. Zusätzlich enthalten sind Lovecrafts Notizen zu „;Der Schatten über Innsmouth“; und eine verworfene Fassung dieser unheimlichen Novelle, sowie ein ausführliches Nachwort zur deren Entstehungsgeschichte, geschrieben von den amerikanischen Fantastikexperten S. T. Joshi und David E. Schulz.

Das meint phantastik-Couch.de: „;Storyband für Bibliophile und Wissenschaftler“;80

Horror-Rezension von Michael Matzer

Der Band 17 der „;Bibliothek des Schreckens“; enthält eine Reihe der bekanntesten und besten Erzählungen des Horrormeisters aus Providence, darunter „;Die Ratten im Gemäuer“; und „;Das Ding auf der Schwelle“;. Was mir noch wichtiger erscheint: Es gibt endlich S.T. Joshis und David E. Schultz’ erhellenden Aufsatz über die Horrornovelle „;Der Schatten über Innsmouth“; endlich auch in deutscher Übersetzung nachzulesen. Er war zuvor auf dem Hörbuch von LPL-Records bzw. Lübbe Audio verfügbar.

Handlung von „;Die Ratten im Gemäuer“; (1924)

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De La Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert nach Virginia auswandern musste.

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter. Sie stammen angeblich von den Römern des 2. Jahrhunderts, und hier wurden abscheuliche Riten für die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele abgehalten und für den dunklen Gott Atys, der ebenfalls aus Kleinasien stammte. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher Zeit, und wer weiß, was damals geopfert im Tempel wurde.

Nach einer Woche hört De la Poer das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „;Archeologen“;, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe. Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterdische Stadt aus uralter zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten, angeführt von Nyarlathotep, einem der Großen Alten…

Wie „;Schatten über Innsmouth“; ist „;Ratten“; eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann.

Handlung von „;Das Ding auf der Schwelle“; (1937)

„;Es ist wahr, dass ich meinem besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und dennoch hoffe ich mit dieser Aussage zu beweisen, dass nicht ich sein Mörder bin. Zunächst wird man mich einen Wahnsinnigen nennen – wahnsinniger noch als der Mann, den ich in seiner Zelle in der Heilanstalt von Arkham niedergeschossen habe.“;

Also spricht Daniel Upton, der Berichterstatter des grausigen Unglücks, das seinem Jugendfreund Edward Pickman Derby zugestoßen ist. Dieser Dichter des Absonderlichen und Student des Okkulten weist, wie etwa auch Charles Dexter Ward, autobiografische Züge auf. Auch er wurde verhätschelt und in eine seltsame Familie geboren. Er trieb sich lieber mit den Bohémiens und Säufern von der verrufenen Miskatonic Uni in Arkham herum, statt einem ordentlichen Beruf nachzugehen.

Jedenfalls solange, bis er mit 38 die Frau seines Lebens (oder seines Todes?) traf und heiratete: Asenath White ist die Tochter des alten Hexenmeisters Ephraim White aus dem verrufenen Innsmouth, wo man um 1850 einen Pakt mit seltsamen Wesen aus dem Meer geschlossen hatte (vgl. dazu unbedingt „;Der Schatten über Innsmouth“;). Daniel Upton erinnert sich an White als „;wölfisch“; und „;gestorben im Wahnsinn“;. Asenath, gerade mal 23 Jahre alt, scheint dessen Kräfte geerbt zu haben. Insbesondere als Hypnotiseurin leistet sie Ungewöhnliches, nämlich den Austausch der Persönlichkeit des Hypnotisierten, so dass dieser sich selbst durch Asenaths Augen sehen kann.

In Ed Derby hat sie ihr ideales Opfer gefunden…

Handlung von „;Dagon“; (1917/23)

„;Dagon“; ist der Prototyp zu dem viel besser erzählten „;Der Ruf des Cthulhu“;. Ein entkommener Kriegsgefangener des 1. Weltkrieg strandet nach Irrfahrt auf einer ungastlichen Insel im Südpazifik. Der Strand besteht aus einem schwarzen, toten, schleimigen und ekligen Sumpf, auf dem nichts lebt. Er schleppt sich vier Tage lang (ohne Wasser!) zu einem Hügel hoch, der sich als Vulkankrater entpuppt. Ist dies der Eingang zur Unterwelt, fragt er sich. Sein Blick fällt auf einen weißen Monolithen auf der gegenüberliegenden Felswand. Er ist bedeckt mit Sinnbildern, Flachreliefs und Schriftzeichen: Zu sehen sind humanoide Fischwesen, die aber so groß wie Wale sind.

Eines dieser Wesen taucht aus dem Kratersee auf, um den Monolithen, einen Altar, zu verehren. Der Gestrandete wird wahnsinnig. Er findet heraus, dass es bei den Philistern der Antike einen Fischgott namens Dagon gab und fragt sich, wann Dagons Geschlecht die im Großen Krieg untergehende Welt übernehmen werde. Da ertönt ein Klopfen an der Tür, eine schuppige Hand zeigt sich. Der Erzähler springt aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung. (Zu Dagon siehe auch den Kurzroman „;Der Schatten über Innsmouth“;.)

Handlung von „;Der Flüsterer im Dunkeln“; (1931)

Man schreibt das Jahr 1927, als große Hochwasser die Flüsse des bergigen US-Bundesstaates Vermont anschwellen lassen. Dabei werden merkwürdige Kadaver angeschwemmt, die vage an Krebse mit Schwingen erinnern. Die Zeitungen sind voll von Spekulationen, doch der Ich-Erzähler Albert Wilmarth, seines Zeichens Uni-Dozent in Arkham, will sich diesen Spinnereien nicht anschließen. Dennoch zählt er gewissenhaft all die einheimischen Legenden sowohl der Kolonisten wie auch der Indianer auf. Demnach haben sich in den unzugänglichen Bergen Außerirdische niedergelassen, um nach Metall zu schürfen, dass sie sonst nirgendwo bekommen.

Im April 1928 erhält Wilmarth den ersten Brief von Henry Wentworth Akeley, einem geachteten Privatgelehrten aus uralter angesehener Familie. Er bestätigt, dass diese Berichte und Legenden einen Funken Wahrheit enthielten. In einem zweiten Brief schickt er Dokumente wie etwa Fotos sowie einen schwarzen Stein mit einer unbekannten Inschrift mit. Der Höhepunkt ist jedoch ein Tondokument, das eines der Phänomene dokumentiert, die in jener Gegend am Dark Mountain wahrzunehmen waren: eine menschliche Stimme und eine summende, nichtmenschliche Stimme preisen ein Wesen namens Shub-Niggurath, der „;Schwarze Ziege aus den Wäldern mit den tausend Jungen“;.

Wilmarth läuft ein kalter Schauder den Rücken hinunter und ein namenloses Grauen erfasst sein Herz. Soll er den Phänomenen auf den Grund gehen? Der immer ausgedehnter werdende Briefwechsel mit Akeley drängt ihn dazu, sich in größte Lebensgefahr zu begeben. In den Bergen um den Dark Mountain wartet man bereits auf sein Erscheinen, und es wird denn auch durch Akeleys seltsamen letzten Brief ausgelöst.

Akeley äußert sich darin voller Verständnis und keineswegs mehr grauenerfüllt gegenüber den Außerirdischen, verrät sogar einige ihrer Geheimnisse: Sie hätte eine  Basis auf dem Planeten Yuggoth errichtet, der jenseits des Neptun seine Kreisbahn ziehe und von irdischen Astronomen erst in Kürze entdeckt werde. Akeley drängt Wilmarth, schnellstens zu kommen und dabei keinesfalls sämtliche Beweisstücke zu vergessen. Diese würden noch gebraucht.

Um Akeleys Haus herrscht eine Grabesstille, doch der Mann selbst lebt noch, wenn auch unter einem asthmatischen Fieber leidend. Mit wachsender Verwunderung lauscht Wilmarth dem halb gesummten Monolog Akeleys (s.u.), während eine seltsame Vibration sein Gehirn erfüllt. Dann schlägt die Verwunderung in wachsendes Grauen um.

Handlung von „;Der Außenseiter“; (1926)

Der Story ist ein Motto von John Keats, einem englischen Dichter der Romantik, vorangestellt. – Ein unbekannter Ich-Erzähler berichtet uns, dass er sein bisheriges Leben tief unter der Erde in den Gewölben eines uralten Schlosses, ohne Kontakt mit der Außenwelt, verbracht hat.

„;Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde, außer dass das Schloss unvorstellbar alt und unvorstellbar grauenvoll war, voll dunkler Gänge und hohen Decken, an denen man nichts als Spinnweben und Schatten zu entdecken vermochte. Die Steinmauern der verfallenden Korridore schienen immerzu von scheußlicher Feuchtigkeit überzogen zu sein, und überall herrschte ein widerwärtiger Geruch – wie von den aufgehäuften Leichen toter Generationen. Niemals war es hell, so dass ich zuweilen Kerzen anzündete und sie zum Trost anstarrte; draußen schien nie die Sonne, denn die schrecklichen Bäume wuchsen bis weit über den höchsten zugänglichen Turm hinaus. Zwar gab es einen schwarzen Turm, der über die Bäume hinaus ins Unbekannte ragte, doch er war zum Teil verfallen und konnte nur durch eine kaum zu bewerkstelligende Kletterpartie, Stein für Stein die bloße Wand empor, erklommen werden.“; (vorliegende Übersetzung von Diesel/Festa)

Schließlich beschließt der Außenseiter doch, seine Behausung zu verlassen und den finsteren Turm zu ersteigen. Er gelangt auf den festen Erdboden und befindet sich auf einem verlassenen Friedhof. Nach einer nächtlichen Wanderung erreicht er ein anderes Schloss, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Aus den offenen, erleuchteten Fenstern dringt ihm der fröhliche Lärm eines Festes entgegen.

Die pötzliche Erscheinung des Fremden versetzt die Festgesellschaft in panischen Schrecken, und sie ergreift in wilder Hast die Flucht. In einem Rahmen erblickt der Fremde ein dunkles Ungeheuer, das wie ein Kadaver aussieht, und erschrickt. Er taumelt und berührt das Monster an seiner Klaue, denn er hat noch nie in seinem Leben einen Spiegel gesehen…

Handlung von „;Schatten über Innsmouth“; (1931/36)

Der Kurzroman aus dem Cthulhu-Mythos, der 1931 entstand, erklärt, wie es zu dem massiven Einsatz von Regierungstruppen 1927/28 in dem kleinen und fiktiven Küstenstädtchen Innsmouth kommen konnte. Der Ich-Erzähler ist der gerade volljährig (21 Jahre) gewordene Amateurhistoriker Olmstead.

Er will nach der Schule seine Mutter an der Küste besuchen, verfügt aber nur geringe Geldmittel. Daher beschließt er, die kürzeste Busstrecke zu fahren, um ebenso zeitig wie billig voranzukommen. Um von der Miskatonic University über Newburyport nach Arkham zu gelangen, muss er über Innsmouth fahren.

Er hört warnende Gerüchte und Geschichten über Innsmouth und recherchiert in der Bibliothek. Aber erst der Besuch des Museums von Newburyport überzeugt ihn, dass an den Innsmouth-Bewohner etwas recht Merkwürdiges ist. Dort ist eine Tiara oder Priesterkrone ausgestellt, auf der Fischwesen in ein unbekanntes Metall eingraviert sind. Die Innsmouth beherrschende Familie der Marshs wolle diese Krone zurückhaben, seit sie über 50 Jahren von einem Seemann versetzt wurde, erzählt die Museumsführerin. Olmstead läuft ein Schauder über den Rücken.

Der Busfahrer ist eine selt- und schweigsame Gestalt: mit einem watschelnden Gang, vorstehenden Augen, einer Hautkrankheit und sonderbaren Falten an den Halsseiten. Und Joe Sargents Hände sind nicht rosa, sondern blaugrau. Sein Geruch ist abstoßend. In Innsmouth selbst, das am Fluss Manuxett liegt, fährt man an der Kirche des Dagon vorbei, in der der Priester eine Tiara trägt.

Olmstead steigt im einzigen Hotel ab, dem Gilman-House, denn der nächste Bus fährt erst am Abend nach Arkham. Ein Lebensmittelhändler, der aus Arkham stammt, zeichnet ihm eine Straßenkarte, warnt ihn aber vor dem Armenviertel, wo in vielen Häusern, obwohl sie verschlossen sind, merkwürdige Geräusche erklingen. Zum Glück ist weder Walpurgisnacht (30.4.) noch Halloween (31.10.), an denen für die Leute aus Innsmouth hohe (heidnische!) Festtage sind. Als Historiker ist seine Neugier geweckt.

In den Straßen sind weder Katzen noch Hunde zu sehen, die wenigen Kinder sehen affenartig aus, die Kirchen sind leer und verfallen, vom Hafen weht ständig Fischgeruch herüber, denn die Fischgründe sind außergewöhnlich reich, und fremde Fischer werden ferngehalten. Am Horizont ist das sogenannte Teufelsriff zu sehen, in dem eine Höhle fremde Kreaturen beherbergen soll, die aus der Tiefe hinter dem Riff stammen.

Genau das bestätigt ihm auch der fast neunzig Jahre alte Säufer Zadok Allen (Kerzel, s.u.), den Olmstead mit Whisky zum Reden bringt. Dessen unglaubliche Story: Der alte Obed Marsh habe ca. 1840 die Südsee befahren, wo er die Kanaken besuchte, die dem Fischgott Dagon bzw. Cthulhu Menschen opferten, um dafür reichen Fischfang und Gold zu erhalten. Marsh sei mit den Göttern einen Pakt eingegangen und habe den Kult nach Innsmouth gebracht. Das Amphibienvolk habe sich mit der Zeit mit den ihm geopferten Menschen vermischt und die Rasse mit dem Innsmouth-Look hervorgebracht.

Zuerst würden diese Menschen ganz normal aussehen, aber nach einer Weile zu einem Wesen mit Fisch- und Froschmerkmalen mutieren. Denn in dieser Form sei es potenziell unsterblich. Einmal habe Zadok Allen diesen Kult verraten und die Menschenopfer seien ausgeblieben. Doch 1846 sei dann nicht etwa die Pest ausgebrochen, sondern die Rache des Fischvolks über Innsmouth gekommen. Seitdem halte er, Allen, die Klappe. Aber er habe den dritten Eid auf Cthulhu nie geschworen, beteuert er und verschwindet.

Allerdings hat man ihn mit Allen gesehen. Als es Abend wird, steht kein Bus für ihn bereit, obwohl das Vehikel gerade Passagiere aus Newburyport transportiert hat. Man gibt ihm ein anderes Zimmer. In der Nacht versuchen Unbekannte, in sein Zimmer einzudringen, doch ahnungsvoll hat er Vorkehrungen dafür getroffen…

Anmerkungen zu „;Schatten über Innsmouth“;

„;Schatten über Innsmouth“; wurde offenbar hart mit drei Versuchen erkämpft, und als es dann Ende 1931 fertig war, ließ es sich nicht verkaufen. Zu Lovecrafts Lebzeiten kam 1936 nur eine Miniauflage von 200 Exemplaren zustande: seine einzige Buchpublikation überhaupt. Erst 1941 erschien es gekürzt in einem Magazin.

Das Vorbild für Innsmouth lieferte eine verwinkelte Hafenstadt in Rhode Island oder Massachusetts, die HPL gerne durchstreifte, möglicherweise Gloucester. Vorbilder für Zadok Allen gab es ebenfalls. HPL stieß laut einem Briefbericht auf eine alte Frau, im Jahr 1796 geboren worden war. Zudem gab es einen Mann namens Hoag, der im Jahr 1927 im Alter von 96 Jahren starb und der einen Bericht über die echte Beschießung von Fort William Henry im Jahr 1757 liefern konnte, welche im „;Letzten Mohikaner“; verewigt wurde.

HPLs Abscheu vor Rassenvermischung kommt allenthalben zum Durchbruch, und selbst fremde Sprachen sind ihm auf neurotische Weise verhasst – zumindest seinem Alter Ego Olmstead. Dies erweist sich jedoch nach weiteren drei Jahren als purer Selbsthass: Olmstead wird selbst einer der verhassten Kreaturen vom Teufelsriff, die Cthulhu oder Dagon gehorchen.

Der Schatten, der so vielfältig über Innsmouth wahrgenommen wird, verwandelt sich nun plötzlich in den „;Schatten der Wunder“;, die auf Olmstead in der Unterseestadt Yante-lei warten. Aus der Distanz des Horrors hat sich nun eine Vereinigung ergeben: außen ist innen, das Andere ist zum Ich geworden. Was für Olmstead höchste Verzückung ist, gerät dem unbeteiligten Beobachter zu maximalem Grauen und Abscheu – ein Meisterstück an Gefühlssteuerung.

Bei diesen Angaben stütze ich mich auf S.T. Joshis entsprechenden Essay in seiner HPL-Monografie, der nun endlich auch in deutscher Übersetzung verfügbar ist. In dem vorliegenden Band ist er ab Seite 271 ( bis S. 295) nachzulesen. Schön, dass auch die Bibliografie enthalten ist, denn so können Forscher die Angaben nachprüfen und selbst an diese Werke anknüpfen.

Notizen zu „;Schatten über Innsmouth“;

HPL hat sich beim Entwurf des Kurzromans detaillierte Notizen gemacht. Dazu gehört ein Handlungsgerüst sowie eine grafisch dargestellte und auch listenförmig gestaltete Genealogie. Des weiteren findet sich die Liste von Gegenständen, die Olmstead Aufschluss über seine grauenhafte Abkunft erteilen.

Verworfene Fassung von „;Schatten über Innsmouth“;

Hierbei handelt es sich natürlich nicht um eine alternative Fassung des Kurzromans. Vielmehr sind hier diverse verworfene Abschnitte zusammengetragen. Der wichtigste Abschnitt ist der Monolog eines Kartenverkäufers in Newburyport, wo Olmstead den Bus nach Innsmouth nehmen will / muss. Monologe sind nie – außer im Drama – ein gutes Mittel der Dramaturgie in der Prosa (es sei denn, man heißt James Joyce und schreibt ein ganzes Kapitel als Monolog, wie im „;Ulysses“;). Es wirkt einfach unrealistisch.

Mein Eindruck

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung des von ihm glühend verehrten Edgar Allan Poes, wonach eine „;short story“; in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet („;unity of effect“;) sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – teilweise verbürgte, meist aber gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys „;Necroscope“; oder Hohlbeins „;Hexer von Salem“; wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Schatten über Innsmouth

Der Kurzroman „;Schatten über Innsmouth“; ist ein Meisterstück des stimmungsvollen Grauens, wie sie HPL von Anfang beabsichtigte. Um diese Wirkung zu erzielen, brauchte er aber auch drei Anläufe. Da sich Beklemmung, Grauen und Wahnsinn nicht aus Aktion, sondern vielmehr aus Befindlichkeit ergeben, ist der Held der Story stets Bedrohter und Opfer, fremd in einer seltsamen Welt, die plötzlich anderen Regeln gehorcht. Genau diese Befindlichkeit ist die des Autors zeitlebens gewesen. Daher erzählt HPL, wenn er von Olmsteads Expedition ins Herz der Finsternis berichtet, zugleich auch von sich selbst – der Welt möglicherweise zur Warnung.

Die Story selbst braucht ungewöhnlich lange, bis sie in Fahrt kommt, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Bezeichnenderweise gibt es keinerlei Handgreiflichkeiten. Der Horror ist stets pure Einbildung und Empfindung im Kopf des Betrachters und Gejagten, des Historikers Olmstead. Die Story besitzt eine schöne Pointe, die uns den Anfang in einem ganz anderen, nämlich ironischen Lichte lesen / hören lässt.

Das Ding auf der Schwelle

Edward Derby ist der dekadente Sprössling, der sich dem verderblichen Einfluss schwarzer Magie zuwendet und so an Asenath White bzw. ihren Vater Ephraim, den unsterblichen Hexenmeister, gerät. Der Letzte der de la Poer stößt, wie der Protagonist in „;Innsmouth“;, unversehens auf die schrecklichen Wurzeln seiner eigenen Familie, allerdings natürlich nicht in der Neuen, sondern in der Alten Welt, in England. Immer wieder wird bei Lovecraft das Grauen importiert: von anderen Weltgegenden, aber wichtiger noch – aus der alten Zeit. Denn in grauer Vorzeit, so HPLs Privatmythos, herrschten die Großen Alten auf der Erde, bevor sie vertrieben wurden. Daher bleiben von ihnen nur Spuren ihres Einflusses. Und wer lange genug nach seinen eigenen Wurzeln sucht, wird auf diese Wurzeln stoßen. Das „;kosmische Grauen“; verschlingt den unseligen Sucher.

Ähnlich passiert dies auch Edward Derby, aber auf ganz andere Weise. Denn die verhängnisvollen Wurzeln verbergen sich in seiner Gattin Asenath, die wiederum von ihrem Vater besessen ist. Dieser wiederum ist ein Diener der Großen Alten, denen er die Unsterblichkeit per Seelenübertragung durch Körpertausch verdankt. Für den armen Ed kommt jede Hilfe, die ihm sein entsetzter Freund, unser Reporter vor Ort, gewähren könnte, häufig zu spät. Mit zwei Ausnahmen: Als Ed aus den Bergen und Wäldern Maines taumelt, fährt Dan ihn nach Hause, wobei Ed ihm die (vermutete) Wahrheit erzählt – bis zu einem gewissen Punkt, an dem Asenaths Geist ihn wieder übernimmt, sozusagen per Fernsteuerung. Die andere Ausnahme ist natürlich der Gnadenschuss für Edward Derby, das heißt: für seinen Körper.

Der Außenseiter

Bei keinem Leser wird die grausige Story „;Der Außenseiter“; ihre Wirkung verfehlen. Allein schon der Moment der Erkenntnis für den Fremden ist einfach purer Horror. Anfang und Stil der Geschichte erinnern an Edgar Allan Poe, bei dem ebenfalls Figuren und Erzähler vorkommen, die aus einem „;uralten und dekadenten Geschlechte“; stammen. Sehr wirkungsvoll ist natürlich der Kunstgriff, die Geschichte aus der Perspektive des Phantoms – anscheinend ein auferstandener Leichnam oder ein Ghoul – zu erzählen.

Der Flüsterer im Dunkeln

Der Übergang von der Horrorstory zur Science-Fiction-Erzählung ist – wie in „;Die Farbe aus dem All“; – fließend. Wie schon oben erwähnt, handelt sich bei den Monstren auf Akeleys Grundstück und in den Bergen ringsum tatsächlich um Außerirdische. Sie haben, so erfährt Wilmarth aus dem letzten merkwürdigen Brief Akeleys, eine Basis auf dem Planeten Pluto errichtet, den sie Yuggoth nennen.

Und sie haben eine Technik entwickelt, um das Gehirn vom restlichen Körper abzutrennen und auf Reisen schicken zu können. Tatsächlich begegnet Wilmarth in Akeleys Haus einem dieser mobilen Gehirne, das mittels dreier Schaltungen zu sprechen, zu sehen und zu riechen in der Lage ist. Akeleys offeriert Wilmarth, sein Gehirn auf diese Weise zu mobilisieren und zu unbekannten, immens weit entfernten Welten mitzunehmen. Wilmarth fasst dies als Drohung auf.

Die Story ist so ungemein geschickt erzählt, dass die Pointe erst ganz am Schluss gesetzt wird, so dass sie den Leser mit voller Wucht trifft. Allerdings ist die Erzählweise nicht kunstvoll genug, um den Leser daran zu hindern, nicht schon frühzeitig die richtigen Schlüsse ziehen zu lassen. Der Schluss kommt also für den gewieften Leser nicht allzu überraschend.

Zur Übersetzung

Der erste deutsche Übersetzer Lovecrafts war H.C. Artmann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch sie ist heute obsolet. Ein Vergleich mit Andreas Diesel Übersetzung etwa von „;Cthulhus Ruf“; zeigt, dass Artmanns Fassung unvollständig, altertümelnd (absichtlich?) und stellenweise sogar verfälschend ist. Für moderne Leser, die ohne Vorbereitung darauf stoßen, ist sie stellenweise wohl unverständlich.

Zum Glück liegen mit Festas und Diesels Fassungen mittlerweile praktisch alle Lovecraft-Erzählungen in lesbarer, moderner Diktion vor. So kann es gelingen, dass die unzähligen Adjektive wie unheilvoll, grausig, finster, düster, modrig usw. usf. nicht völlig veraltet daherkommen, sondern halbwegs modern. Nun stellt sich dem Leser zumindest kein Sprachproblem mehr entgegen. Der Inhalt ist natürlich etwas anderes.

Rechtschreibung, Druckfehler

Zu meinem Leidwesen stieß ich bei der Lektüre des Buches wiederholt und nicht allzu selten auf falsch geschriebene Wörter. Dabei fiel mir auf, dass der Korrektor, falls es ihn gab, den Dativ nicht vom Akkusativ unterscheiden kann. Daher finden sich mal ein -em, mal ein -en als Endung, wo der jeweils andere Kasus hätte benutzt werden müssen. Aber auch fehlende Buchstaben mitten im Wort gereichen den Herausgebern dieses Bandes nicht gerade zur Ehre.

Unterm Strich

Der Band versammelt ausgezeichnete Erzählungen und zwei Kurzromane (Flüsterer, Innsmouth) in einer gültigen, modernen Übersetzung. Das Zusatzmaterial zu „;Schatten über Innsmouth“; ist für den Sammler besonders wertvoll, weil das Originalmaterial nicht besonders leicht zu beschaffen ist (die Quelle wird genannt). Wer den Essay über „;Innsmouth“; alleine im Original haben will, wird Pech haben, denn es gibt ihn wohl nur im Buch von S. T. Joshi zu kaufen. Es findet sich kein Hinweis, dass der Aufsatz in den zitierten „;Lovecraft Studies“; veröffentlicht worden wäre. Diese könnte man eventuell über Universitätsbibliotheken finden.

Von den erheblichen Mangel an einwandfreier Rechtschreibung mal abgesehen, bietet dieser Band daher herausragendes Material und sollte ein Muss für den Lovecraft-Sammler sein. Allerdings könnte der hohe Preis abschreckend wirken. Wer nur die Story an sich will, aber keinen wissenschaftlichen Schnickschnack, der halte sich an die einigermaßen preiswerten Suhrkamp-Taschenbücher.

Ihre Meinung zu »H. P. Lovecraft: Der kosmische Schrecken«

Susannah zu »H. P. Lovecraft: Der kosmische Schrecken«11.08.2011
Inhaltlich dürfte es zu H.P. Lovecrafts Werken wenig zu sagen geben - wer ihn kennt und verehrt, kennt sie alle. Wer sie noch nicht kennt, für den ist jedes Wort der Beschreibung eigentlich schon eine Vorwegnahme der Spannung, der Intensität, die Lovecrafts Romane ausmacht.

Lovecraft ist weit mehr als ein Horror-Autor. Lovecraft ist der Vater all dessen, was wir heute unter dem Namen Horror bekommen. Und wen verwundert es, das Original besticht noch heute durch Qualität. Neben der Eigenart, als Ich-Erzähler zu schreiben, ist es vor allem das Gespür für Details, das Lovecrafts Horror von der Masse abhebt. Wenn seine Charaktere durch das düstere Innsmouth streifen, ist mein geneigt, die Figuren anzuflehen, die STadt zu verlassen. Das Grauen, das Lovecraft schafft, braucht kein Blut, keine Gedärme, keine zehnköpfigen Bestien oder messerschwingende Mörder. Lovecraft bemüht eine viel subtilere Art des Horrors, die mich persönlich viel tiefer berührt und ängstigt.

Und umso schöner ist es, noch heute Lovecrafts Spuren zu begegnen. Wer in den älteren Werken von King von einer kleinen STadt in New England liest, in der ein zunächst noch namenloses Grauen, genannt "Es", sein Unwesen treibt, wird sich unweigerlich an Lovecraft erinnern fühlen. Es ist der bösartige, weil nicht beschriebene und nicht zu greifende Horror. Und vielleicht ist das die große Kunst Lovecrafts. Den wahren Horror mit wenigen Worten zu beschreiben - und ihn umso mächtiger wirken zu lassen.

Ich freue mich auf die weiteren fünf Bände, die der FESTA-Verlag liebevoll zusammengestellt hat.
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